Jahrgang 
1 (1850)
Seite
205-206
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mir angefacht. Ach, mein John, es wird mir doch ſchwer werden, die hieſige Miſere zu beſchreiben, wenn ich die zweibeinigen Ber⸗ liner Thiere alle ſo kennen lerne.—„Oh, verzeihen Sie!““— ſo redet mich ein junger Mann mit eben keimendem Schnauzbart, aber dem düſtern Blick eines Marat an, der die Hand in der Bruſttaſche, den Kopf vor, in brütendem Nachdenken durch die Straßen ſtürzt und ſoeben von hinten mich faſt über⸗ gerannt hätte.—„Bitte!“ iſt meine kurze Antwort.—„Ah bitten, entſchuldigen Sie,““ fuhr der finſtre junge Mann fort,„aber es giebt für mich nichts Schmählicheres als das Bitten, natürlich sans comparaison.“— „Und für mich,“ ſprach ich ziemlich übellaunig, „als das Verzeihen, natürlich sans comparai- son.“—„Verzeihen!“ rief der junge Marat und ich ſah, wie ſich ſeine Hand auf der Bruſt krampfte;„Sie haben Recht, Sie ſind mein Mann— auch ich verfluche das Ver⸗ zeihen, ſeitdem“— er ſah ſich ſcheu um und da er den Konſtabler gewahrte, der noch immer in unſerer Nähe ſtand, brach er ſchnell ab und murmelte nur:„Wir gehen zuſammen den Linden zu!?““— Obgleich, wie ich Dir ſchon ſagte, für heute genügend unterhalten, durfte ich doch, als der Dir zugeſchworne Hiſtoriograph Berlins, die Einladung nicht ausſchlagen und ſolgte dem haſtigen Schritte des jungen Marat.—„Sie ſind fremd?““ ſtößt er plötzlich heraus.—„Ich bin ein Fremder.“—„O Sie Glückſeliger! ich—

ich bin leider ein Berliner.““—„Leider?“ ich ſollte meinen, die große Geſchichte der letzten Zeit“— John, es war, als ob ich

den Berliner Marat elektriſirt hätte, er blieb plötzlich ſtehn, legte mit der, den Berlinern ſo eignen, liebenswürdigen Unverſchämtheit ſeine beiden Hände auf meine Schulter und mich ſchwärmeriſch anſchauend, ſprach er: „Mann, Sie ſind groß! Sie verdienten es wahrlich, ein Berliner zu ſein, denn wenn mir auch augenblicklicher Mißmuth jenes„Lei⸗ der“ in den Mund legte, es war eigentlich nichts weiter, als eins der auf unſerm Pflaſter

ſo pilzwächſig emporſchießenden Mißverſtänd⸗ niſſe und ſollte heißen: wir ſind groß, gewaltig und hehr ſteht unſre Errungenſchaft da, die uns keine§§ 105 und 110, kein Wrangel und Hinkeldey, kein Badener Exe⸗ eutionsrichter nehmen kann, die Errungen⸗ ſchaft der Geſchichte!“—„Die Ge⸗ ſchichte, allerdings“— ſtammelte ich in end⸗ loſer Verlegenheit, denn da jener mich fragend anſtarrte, mußte ich doch Etwas ſagen und wußte nicht was.„Die Geſchichte iſt und bleibt unſre Errungenſchaft,“ fuhr der junge Enthuſiaſt fort,„ob ſie uns auch jetzt oktroyiren und knechten, ob auch unſer Volk nie mehr die Segnungen der Freiheit genieße, was kümmert uns das? Die Geſchichte wird noch nach Jahrtauſenden erzählen, wir hatten etwas errungen!“ Lieber John, dieſer junge Enthuſiaſt war mir mehr zuwider als der Bergphiliſter und die mantelträgeriſche Schneiderſeele. Ich hätte ihn gern Abſeiten gelaſſen, aber wir waren ſchon bis zur Schloß⸗ brücke und ich mußte demnach mit ihm weiter gehen.„Sie tragen keine Kokarde!?“ ſagte ich, um ihn etwas zur Gegenwart zurückzu⸗ führen.—„Kokarde,“ hohnlächelte er; „Kokarde, was iſt eine Kokarde, ein Fetzen Zeug,— ich verachte ſolche Abzeichen, ich habe meine Kokarde in mir; ſchwarz ſind meine Gedanken, roth iſt mein Blut, golden ſind die Träume der Vergangenheit.“— „Sie haben in jener berühmten März⸗Nacht“ „Leider auf dem Poſtwagen geſeſſen, da ich eine nothwendige Geſchäftsreiſe vorhatte, aber die Geſchichte Mann, ſpricht nicht von dem Einzelnen, ſie ſpricht von den Berlinern über⸗ haupt, ich bin Berliner, alſo iſt dieſe Geſchichte auch meine Errungenſchaft.“— „Und wenn es nochmals“—„„Losgehen ſollte? wollen Sie ſagen, ach, Sie müſſen ſehr fremd in Berlin ſein, wenn Sie noch nicht gewahrt haben, daß dieſe Philiſterſeelen, die zufrieden ſind, die Rauch⸗ und Kokardenfreiheit errun⸗ gen zu haben, nie mehr losgehen werden,— nie mehr!“ ſprach er triumphirend,„und ich freue mich der Gewißheit dieſes