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Wiſſenſchaft und Ihre Bücher mein Kind vernachläſſigen.
„Hab' ich's doch gedacht!“ rief Holbein in komiſchem Zorn.„Das nenne ich mit dem Feuer ſpielen.— Na, wir wer⸗ den ja ſehen.— Vor allen müſſen wir machen, daß wir nach Haufe kommen, damit Doris ſich erholt.— Holla, ihr Leute, reißt ein paar Zweige ab, daß es ſo etwas wie eine Trage gibt, und dann die Tücher her, daß ſie warm wird.“
Bald ging's dem Schloſſe zu. Doris, auf die Trage geſetzt und ſorgfältig eingehüllt, wurde von den Knechten ge⸗ tragen. Holbein und Theobald folgten, um ihren beider⸗ ſeitigen Liebling ſtets im Auge zu haben. Es war kaum zu unterſcheiden, weſſen Auge mit mehr Beſorgniß, mit mehr Zärtlichkeit auf dem kranken Kinde haftete.
„Hören Sie!“ begann Holbein nach einer Weile.„Mir will das noch nicht zu Kopfe. Sie ſind zwar, was Ihre Stellung betrifft, ein Mann, der jedem Vater willkommen ſein kann.— Aber ich fürchte, Sie werden bald über Ihre
Und das kann ſie nicht vertragen. Sie iſt verwöhnt; ſie braucht Liebe zu ihrem Leben wie die Pflanze Licht.“
„Fürchten Sie nichts!“ entgegnete Theobald raſch.„Ich bin geheilt. Es war nur eine Verblendung, die mich die letzten Jahre über befangen hielt. Ich habe des Lebens friſchen Hauch wieder geathmet und erkannt, daß nur in ihm der Körper nicht minder wie der Geiſt wahrhaft gedeihen kann. Doris aber iſt das belebende Element, das dieſem Hauch erſt die Kraft gab, auf mich einzuwirken. Ohne ſie wäre alles nur ein flüchtiger Rauſch, den ich aber freilich zeit⸗ lebens nicht vergeſſen würde.“
„Nun, wenn Sie ſo reden, wenn Sie ſelbſt eingeſtehen, daß ſie krank geweſen ſind, dann bin ich beruhigt, Hier, nehmen Sie meine Hand, Sie ſind mir als Sohn willkommen.— Nur zwei Bedingungen habe ich noch.“
Fragend ſah ihn Theobald an.
„Erſtens müſſen Sie morgen mit mir in die Stadt zum Schneider wandern, zweitens die ganze Ferienzeit hier bleiben, und ſich willenlos meinen Anordnungen fügen, damit wir die Cur vollenden können.“
„Mit tauſend Freuden!“ rief Theobald. meinen Wünſchen zuvor.“
„Sie kommen
Es war etwa acht Tage darnach, als der Dr. Brandt in H. einen Brief von Theobald erhielt. Hatte ihn der Poſtſtempel ſchon in Verwunderung geſetzt, ſo that dies noch
daß ſich Theobald feierlichſt mit Fräulein Dorothea Holbein, Tochter des Herrn Pächters Holbein auf dem Falkenſtein, ver⸗ lobt habe..
Er gerieth in nicht geringe Unruhe, denn er glaubte nicht anders, als daß irgend ein alter Blauſtrumpf ſeinen Freund weggekapert habe. Da er ſo wie ſo eine kleine Erholungsreiſe in Abſicht gehabt hatte, ſo packte er einige Tage nach Empfang des Briefes ſeine Sachen zuſammen und reiſte direct nach dem Falkenſtein, um Theobald womöglich noch zu retten.
Es war ebenfalls ein Vormittag, als er den Weg nach dem Schloſſe einſchlug. Im Städtchen hatte er Erkundigungen eingezogen über des Pächters Familie, dieſe hatten ihn jedoch keineswegs beruhigt. Denn daß Theobald das Herz der ſchönen, achtzehnjährigen Tochter erobert haben ſollte, das hielt er für unmöglich. Auf dem Falkenſtein angekommen, traf er den Pächter gleich im Hofe. Kaum hatte er ſeinen Namen genannt, als ihm der Pächter voll Freundſchaft die Hand reichte und ſagte:
„Kommen Sie alſo? Nun, wir haben es nicht anders erwartet. Als gewiſſenhafter Arzt mußten Sie doch ſehen, in was für Hände Ihr Patient gerathen; geheilt iſt er, Herr Doctor! Vollkommen, denn— er iſt verliebt bis über die Ohren!“
„So iſt es alſo doch möglich, was ich kaum für möglich gehalten hätte, daß der Eisklumpen geſchmolzen iſt?“
„Wollen Sie ſich überzeugen, dann kommen Sie!“
Er führte ihn durch den Hof, durch eine Halle, bis ſich eine Thür öffnete, hinter der ein weiter Garten lag. Hier blieben ſie ſtehen, halb verſteckt, und ſchauten in den Garten.
Nicht weit von der Thür ſtand ein großer Birnbaum, deſſen Zweige ſich heftig bewegten und eine Menge der reifen Früchte herab warfen. Ein junges Mädchen, die reizendſte Erſcheinung, die Brandt je geſehen zu haben glaubte, war unten beſchäftigt, das herabgefallene Obſt zuſammen zu leſen.
„Das iſt meine Tochter!“ flüſterte Holbein.
„Die Braut? Alle Wetter! Und Theobald?“
„Dort oben!“ und er zeigte nach dem Birnbaum hinauf.
Und richtig, da oben ſaß Theobald, der Privatdocent, der Gelehrte, der Pedant— und ſchüttelte aus Leibeskräften Birnen.
Es dauerte eine Weile, ehe Brandt an die Wahrheit dieſes Schauſpiels glauben konnte. Wiederholt ſchüttelte er den Kopf, ſah wieder hinauf und ſagte endlich:
„Geheilt iſt er; jetzt glaube ich's.— Was nicht alles
mehr der Inhalt, der aus der einfachen Mittheilung beſtand,
einem Paar hübſcher Mädchenaugen möglich iſt!“
Die Flucht eines Rönigs.
(Aus den Papieren eines Schiffskapitäns.) (Schluß.)
Alle Vorſichtsmaßregeln des Königs zur Wahrung ſeines Incognitos hatten ſich fruchtlos gezeigt, denn drei Tage nach ſeiner Ankunft jn Vescovato kannte Jedermann das Geheim⸗ niß. Die Leute liefen auf den Straßen zuſammen und überall hörte man Vivatrufe. Von allen Punkten der Inſel kamen Offiziere und Veteranen herbei, die ſchon unter ſeiner Fahne gedient hatten, und bald hatte Murat einen Hof um ſich. Ja wenn er ſich nicht weigerte, Verwirrung in ein Land zu bringen, welches ihm Gaſtfreundſchaft bot, konnte er ſich Cor⸗ ſicas bemächtigen.
Murat beſaß eine erhabene Seele. Wie viel Andere hätten mit dieſer Großmuth gehandelt? Denn da Corſica eine unüberwindliche Poſition iſt und die Corſen ſeiner Sache ebenſo ergeben wie tapfer waren, konnte Murat hier die Ge⸗ legenheit abwarten, um ſein Königreich wieder zu erobern.
Einige Generale beſuchten ihn. Franceschetti und ſeine Collegen erzählten ihm von Neapel und weckten in ihm den verhängnißvollen Gedanken, dorthin zurückzukehren.
Murat hatte aus Aegypten einen Neger Namens Othellv
mitgebracht, der ihm ſehr ergeben war und ihn niemals verlaſſen hatte. Seitdem der König aus Toulon gegangen, wußte er nichts mehr von ihm, aber ein Zufall führte ihn nach Corſica zurück. Natürlich eilte er ſogleich herbei, als er von dem Aufenthalt ſeines Herrn in Vescovato erfuhr, und dieſer Menſch wurde mit Briefen für die Neapolitaner, auf welche der König rechnen zu können glaubte, nach Neapel geſchickt. 6
DOthello gelangte unangefochten an ſein Ziel und wohnte dort bei ſeinem Schwiegervater, welchem er den Zweck ſeiner Miſſion nicht verbergen zu dürfen glaubte. Aber dieſer Mann
neuen Kampfes, das Geheimniß der Polizei.
In derſelben Nacht noch hielt die Polizei eine Haus⸗ ſuchung bei Othello, und am Morgen wurden alle Perſonen, an welche die Briefe gerichtet waren, verhaftet und zum Präfect der Stadt geführt. Hier wurde ihnen ein Schreiben vorgelegt, das mit Zuſtimmung des bourboniſchen Kriegs⸗
miniſters angefertigt war. Dies Schreiben enthielt eine Ant⸗
verrieth, erſchreckt durch die wahrſcheinlichen Folgen eines
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