Jahrgang 
1867
Seite
755
Einzelbild herunterladen

MRan=

755

erreicht. Blitz folgte auf Blitz und über den Himmel rollte der Donnerwagen in unabläſſigem Gepolter und ohrbetäuben⸗ dem Gebrüll. Es war ein Unwetter wie ſeit lange nicht. Aengſtlich blickte Doris und drängte ſich unwillkürlich näher an Theobald heran. Dieſer aber ſchaute hinaus, als fühle er ſich in dieſem Aufruhr der Elemente unendlich wohl, als ſei es ein Feſt, über das man ſich freuen müſſe. Er riß den Hut vom Kopf und ließ den Regen die freie Stirn be⸗ ſpülen. Die ganze Geſtalt hob ſich und richtete ſich auf aus der geknickten Haltung, die ſie ſonſt hatte. Das Antlitz lachte wie über ein ſtilles inneres Glück und die Augen ſtrahlten in freudevollem Glanze. Und doch ſagte er kein Wort; faſt ſchiens, als habe nur das Ungewitter ihn in dieſe Begeiſterung

verſetzt.

Da durchzuckte ein neuer Blitzſchlag den Himmel, aber diesmal ſenkrecht herab. Krachend fuhr er durch einen der Bäume, die den kleinen Platz einfaßten und riß ihn ausein⸗ ander, daß die Splitter in Mannslänge und darüber weithin umherſtoben. Einer der ſtärkſten ſchlug klatſchend an den Felſen, unter dem Jene Schutz geſucht hatten, unmittelbar über ihnen und ſtürzte dann herab vor ihre Füße.

Entſetzt fuhr Doris zuſammen und umklammerte Thev⸗ bald, das Antlitz an ſeine Schulter bergend. Er umſchlang ſie mit beiden Armen und hielt ſie, die faſt beſinnungslos ſchien. O, wie durchſchauerte es ihn wonnig, als ſich die zarte Geſtalt wie Schutz ſuchend gegen den losgelaſſenen Grimm der Naturmächte an ihn anſchmiegte. Faſt trotzig ſchaute er hinaus, als ſcheue er den Kampf nicht, und als wolle er den unſichtbaren Gegner durch die Macht ſeines Blickes allein ver⸗ ſcheuchen. Niemand ſollte ihm den Schatz wieder entreißen, den er jetzt in ſeinen Armen hielt und den er immer da halten wollte. Feſt drückte er ſie an ſich. Das Haupt beugte ſich herab und die Lippen ſuchten das weiche, üppige Haar. Sie merkte es nicht, wie er es wieder und wieder küßte. Aber ihn erfüllten dieſe Küſſe mit einem niegefühlten Wonne⸗ rauſch. Er hob ihr Köpfchen in die Höhe und preßte auch auf die Stirne die glühenden Lippen, daß ſie es erſchreckt wieder ſenkte und das Antlitz tiefer an ſeine Bruſt barg. Aber er wollte ſie gewinnen.

Doris! flüſterte er,entziehe dich mir nicht. Du darfſt es nicht, denn ich habe dich erworben mit tauſend Seelenſchmerzen, mit tauſend Kämpfen, die mein ganzes Sein erſchütterten. Du mußt mir gehören, denn du gehörſt zu mir. Dein Werk bin ich, wie du mich jetzt ſiehſt. Ohne dich wäre ich zeitlebens in der Nacht fortgewandert, die mich ſo lange umdüſtert. Du biſt der Stern, der dieſe Nacht er⸗ hellte, daß ich mich ſelbſt wieder fand, und entſchwindeſt du mir wieder, dann umgibt mich die Finſterniß um ſo dichter. Denn ich habe das Licht wiedergeſchaut, in deſſen Glanz ich einſtens wandelte, und habe erkannt, daß ich ohne dies Licht meinen Weg hinfort nicht finden werde. Halte dies Licht auch ferner, Doris, wie ein menſchenfreundlicher Engel. Mit dir ſinkt es ja wieder hinab. Drum bleibe, Doris, bleibe und gehöre mir an! Thu' ein Werk der Barmherzigkeit!

Doch Doris ſchwieg. Nur heftiges Schluchzen war die Antwort. Aber ſie entzog ſich ihm nicht.

Und ſieh, es verſteht dich keiner wie ich, fuhr er flehend fort.Ich bin ja nicht der trockene Pedant, als der ich erſchien. Du haſt es ja ſelbſt geſagt; du haſt mich ver⸗ ſtanden trotz der verbergenden Hülle, wie ich auch dich ver⸗ ſtehe. Ich kenne deinen Werth und will ihn würdigen wie es Niemand vermöchte. O, ſchau auf, nur einmal, und laß deine Augen mir ſagen, daß du mich erhörſt, daß es dir einſt möglich ſein wird, mich wieder zu lieben.

Faſt mit Gewalt drückte er ſie von ſich und beugte ſich berab, um ihr Auge zu ſuchen. Und ſie ſchlug die Augen auf, die in Thränen ſchimmerten, nur einen Moment, aber er war lang genug, um Theobald ſein ganzes Glück, um das er ſo flehentlich bat, nach dem er ſich ſo unendlich ſehnte, zu verkünden. Wieder drückte er ſie an ſich, als ſolle ſie mit ihm verwachſen, und ſeine Seele jubelte laut auf.

Ich habe dich, ich halte dich! rief er,und nichts

ſoll dich mir wieder entreißen. Wir ſind eins, es mußte ſo kommen. Das Geſchick hat uns zuſammengeführt, weil wir zuſammen gehören.

Der Kampf am Himmel hatte lange hin und her ge⸗ ſchwankt. Jetzt ſchien die Entſcheidung zu nahen. In wildem Ungeſtüm drängten und ſtürzten die Wolkenmaſſen weſtwärts. Ferner und ferner hallte der Donner; die Blitze waren nur noch ein ſchwaches Leuchten. Die Wolkendecke lichtete ſich und wurde heller. Ein kecker Sonnenſtrahl drängte ſich zuerſt hin⸗ durch und ſchaute blitzend umher nach der Verwüſtung, die das Wetter auf der Erde angerichtet hatte. Andere folgten, ſich durch die Oeffnung nachzwängend. Eilend zogen die Wolkenſchaaren, dem neuen Gegner weichend, der Hauptmacht nach, und bald glänzte der Himmel wieder in alter blauer Klarheit über die aufathmende Erde hin.

Doris wand ſich langſam los aus ſeinen Armen, die ſie nur widerſtrebend ließen. Aengſtlich ſchaute er auf ſie hin.

Doris, rief er flehentlich,zürnen Sie mir? Ant⸗ worten Sie!

Sie ſchüttelte nur leiſe den Kopf, und dankerfüllt preßte er ihre Hand.

Laſſen Sie uns gehen, ſagte ſie leiſe.Das Unwetter iſt ja vorüber. Zu Hauſe werden ſie in Angſt um uns ſein⸗ Auch fröſtelt es mich etwas, und das Gehen wird mir gut thun.

Sie ſchauderte zuſammen. Die Näſſe, dann der Schreck hatten ſie angegriffen.

Sie verließen die Höhlung unter dem Felſen und traten den Heimweg an. Doris nahm Theobald's Arm wieder und ſtützte ſich feſt auf denſelben.

Von den Blättern fielen die dicken Tropfen herab auf die unter ihnen Hinwandelnden. Doris' Füßchen, die nur leicht bekleidet waren, ſanken tief ein in das Moos, das an manchen Stellen ganz von Waſſer überdeckt war. Theobald ſah das und ſagte:

Sie holen ſich den Tod, wenn Sie weiter gehen durch dieſen Sumpf. Ich will Sie tragen, wenigſtens bis an den Weg.

Und ohne ihre Einwilligung abzuwarten, faßte er ſie und hob ſie empor. O, er war ſtark; hatte er in der Jugend die Stählung und Kräftigung ſeiner Glieder ſich doch ſehr ange⸗ legen ſein laſſen; das kam ihm jetzt trefflich zu ſtatten. Und nun dieſe ſüße Laſt! Wie ein Kind trug er ſie und ſchritt rüſtig durch den Wald vorwärts. Sie hatte die Arme, vor Froſt zitternd, um ſeinen Hals geſchlungen und ihre Wange ſtreifte die ſeine. Es war nicht weit bis an den Weg; aber ehe ſie ihn noch erreicht hatten, ſchlugen menſchliche Laute an ihre Ohren. Holbein's Stimme ſchallte durch den Wald, den Namen ſeiner Tochter rufend.

Hallo! Hier! rief Theobald, und alsbald waren ſie von Holbein und einigen Knechten umringt.

Haben wir euch, ihr Landſtreicher! rief Holbein.Das nenne ich einen Schrecken einjagen, als ich hörte, ihr ſeiet bei dem Wetter draußen. Doch halt, die Sache ſcheint nicht zum Scherzen. Du biſt ja ganz blaß, mein Kind, und zitterſt. Haben Sie Unglück gehabt, Doctor?

Theobald hatte Doris vorſichtig niedetgelaſſen.

Unglück? fragte er.Noch weiß ich's kaum. Fragen Sie ſie ſelbſt, ob ſie die letzte Stunde zu ihren glücklichen zählen will!

Holbein ſchaute ob dieſer Antwort verwundert auf ſeine Tochter. Aber dieſe ſtand einen Augenblick nachdenkend, dann fiel ſie ihrem Vater um den Hals und ſagte unter Thränen:

Zürne mir nicht, mein Vater! Es war die glück⸗ lichſte meines Lebens!

Holbein gerieth noch mehr in Erſtaunen. Da aber trat Theobald herzu, nahm ſanft Doris' Hand von ihres Vaters Schulter und drückte einen Kuß darauf.

Jetzt ging Holbein ein Licht auf.

Pfeift der Wind daher? rief er.Ei, das Wetter über Sie, Doctor! Solche Poſſen mit dem Kinde zu treiben!

Keine Poſſen!entgegnete Theobald.Sie wiſſen ja, ich treibe keine ſolche. Ernſt iſt es, ſo wahr ich hier ſtehe.

95*