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„Kennſt du es wieder?“ „Nein“, erwiderte er,„aber ich brauche dich nur anzu⸗ ſehen, um zu errathen, daß du uns Franzens Haus zeigſt.“ „Das iſt aber eigenthümlich“, fuhr Frau Dherbecourt fort,„die Thür und der Fenſterladen ſind halb zugemacht, wie zur Zeit, als ich bei ſeiner Wiege arbeitete.“
„Er wird ohne Zweifel wieder eingeſchlafen ſein“, be⸗ merkte Herr Dherbecourt ſcherzhaft;„aber wenn er ſeit der Zeit nicht wieder aufgewacht iſt, muß man zugeben, daß er das, was ich ihn habe verſäumen laſſen, wieder eingeholt hat.“
Frau Dherbecvurt hatte wieder den Arm ihres Gatten verlaſſen) um ſchneller vor dem Hauſe dieſes Franz anzu⸗ kommen, der ſeit einem Augenblick allein der Gegenſtand der ganzen Unterhaltung war. Wir ſahen ſie vorſichtig den Schlagladen öffnen, dann vor Erſtaunen zurückprallen, und bald uns ein Zeichen mit der Hand machen, vorwärts zu gehen, aber ſchweigend. Und als wir unſererſeits als Neu⸗ gierige vor den Fenſterladen geſtellt wurden, zeigte ſie uns im Innern ein hübſches kleines Mädchen von ungefähr zwölf Jahren, welches neben einer Wiege ſtrickte, in der ein dickes Kind ſchlief, während auf der Erde eine Henne mit ihren Küchlein bis zu ihren bloßen Füßen pickte.
„Es iſt Franz“, ſagte uns Frau Dherbecourt leiſe,„ich kenne ihn wieder.“
So leiſe ſie auch geſprochen hatte, hörte ſie doch eine
Bäuerin, die vorüberging und erwiderte:
„Gewiß iſt es Franz, Madame, ſo wie die, die ihn be⸗ wacht, Madelon iſt.“
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Für den Augenblick glaubten wir uns mitten in ein Märchen verſetzt, und vor der heutigen Madelon betrachtete ſich die ehemalige Madelon einen Augenblick, wie um ſich zu verſichern, ob ſie wirklich ſie ſelbſt wäre.
„Ich will Ihnen ſagen“, fuhr die Bäuerin fort, ihr wirklicher Name iſt Artemiſia, aber zur Erinnerung an ein Kind, welches hier erzogen worden iſt, und das beſte und artigſte Kind war, das man ſehen konnte, wird, wenn ein gutes Mädchen bei uns iſt, ſie möge heißen wie ſie wolle, dieſelbe Madelon genannt.“
mehr beherrſchen konnte, wollte, auf ſeine Frau zeigend aus⸗ rufen: Hier iſt die wirkliche Madelon! Aber mit einer Geberde bat dieſe ihn, zu ſchweigen, und da die kleine Wärterin des andern Franz, die uns endlich bemerkt hatte, uns ſchüchtern durch ein Zeichen mit der Hand und den Augen, ihre Furcht gezeigt hatte, daß unſere Gegenwart den Schlummer des Kindes ſtören könne, verließen wir die Stelle, indem wir uns vornahmen, zurückzukehren, wenn wir nicht mehr Gefahr liefen, den Schläfer zu wecken.
Wir ſind zurückgekehrt, Frau Dherbecourt hat ihren Franz wiedergeſehen, der der Großvater des andern iſt. Herr Dherbe⸗ court hat in den Händen des Pfarrers die zur Gründung einer Freiſtelle im Findelhauſe nöthige Summe zurückgeluſſen; dieſelbe wird unter das Patronat der heiligen Magdalena geſtellt werden. Es iſt nicht mehr die Rede davon, daß ich eine Landſchaſt malen ſoll, aber ich werde Madelon's Portrait machen.— D.
H..
Feuil
Ein Correſpondent des„Evening Journal“ von Chicago ſchreibt aus Waſhington an dieſes Blatt, daß es ihm nach vieler Mühe und manchen Gängen endlich gelungen, das Zimmer zu ſehen, in dem Präſident Lincoln ſeinen letzten Seufzer aushauchte.
Dieſes Zimmer befindet ſich im erſten Stockwerke eines unſchein⸗ baren Hauſe, welches einem deutſchen Schneider, Peterſon, gehört, und hat die Ausſicht auf das Theater„Ford“.
Das Mobiliar iſt einfach, aber ausreichend, und bietet nichts Bemerkenswerthes; die Pietät hat es in demſelben Zuſtande bewahrt, als es ſich bei dem Tode Lincoln's befand; ſo wird auch das Kiſſen,
auf welchem ſein Kopf ruhte und welches deutliche Blutſpuren trägt,
als Reliquie aufbewahrt.
Peterſon erhielt im erſten Jahre Tauſende von Beſuchen, welche die Stätte des Todeskampfes des Märtyrers in Augenſchein nehmen wollten, und es machte ihm lange Zeit eine gewiſſe Genugthuung, dieſe gerechten Wünſche zu erfüllen; als aber dieſe Wallfahrten immer ſtärker wurden, fühlte er ſich eines Tages, in Anbetracht der un⸗ aufhörlichen Mühen und Gefälligkeiten, veranlaßt, ohne Erbarmen die Thür zu verſchließen.
Auch nicht das anhaltendſte Klingeln bewegt Peterſon ſeit jener Zeit, zu öffnen, und bemerkt der Correſpondent des„Evening Jour⸗ nal“, welcher ſeinen Eintritt lediglich ganz hervorragenden Verwen⸗ dungen zu danken hat, daß das Gouvernement dieſes Haus als ein hiſtoriſches Andenken, zum freien Eintritte ſür das Publikum, ankaufen müßte.
In ſolchem Falle käme, ſeiner Anſicht nach, dem jetzigen Be⸗ ſitzer eine rechtmäßige Entſchädigung für die im erſten Jahre ge⸗ habten fortwährenden Störungen und Zeitverluſte zu— eine, wenn auch erklärliche, doch immerhin rückſichtloſe Annahme!.
Wie alt iſt die Lotterie?
Als das Daſein der Lotterie, dieſes Inſtituts, welches Millionen von Thalern in Umlauf bringt, in Deutſchland neulich durch die Zeitverhältniſſe bedroht ward, ſagte ein Frankfurter Lotteriecollecteur zu einem ſeiner entmuthigten Collegen, der die künftige Exiſtenz der Lotterie überhaupt in Frage ſtellte:
„Da die Lotterie ſchon zu Zeiten der alten römiſchen Kaiſer,
leton.
Ordnung der Dinge in Deutſchland wieder aufleben.“
„Meinen Sie, wie war ſie denn damals eingerichtet?“
„Der Kaiſer ließ Holzſtäbchen ſchnitzen und auf denſelben die Geſchenke verzeichnen, die bei den olhmpiſchen Spielen unter das Volk vertheilt werden ſollen. Gewöhnlich bildete die Lotterie den Schluß der Vorſtellungen, die Stäbchen wurden unter die Menge ge⸗ worfen und der Glückliche, der ein ſolches erhaſchte, erhielt den dar⸗ auf verzeichneten Gewinn. Nero und Titus ſchenkten nicht nur Geld⸗ ſummen, ſondern auch Kleidungsſtücke, Schmuckſachen, Laſtthiere und Sklaven. Der Kaiſer Heliogabalus hatte auch in ſeiner nähern Um⸗ gebung ein ſolches Lotterieſpiel eingeführt und es amüſirte ihn, die Gegenſtände ſo bunt als möglich durcheinander zu miſchen und deren Namen auf Muſcheln zu verzeichnen.“
„Auf Muſcheln?“
„Ja, denn die Muſcheln ſpielten damals eine große Rolle. Doch hören Sie weiter. Während der Eine zehn Strauße, einige Kameele oder hundert Goldſtücke empfing, erhielt ein Anderer einige Strauß⸗ federn oder ein Ei oder ein Pfund Blei. Achſ oder Stier wünſchte, erhielt kaum ein Stück Rindfleiſch für eine einzige Mahlzeit hinreichend, und wer dagegen die Göttin Fortuna vielleicht blos um ein beſcheidenes Gewand anflehte, empfing einen ganzen Ballen koſtbarer Stoffe.“
„So gab es alſo damals ſchon Hauptgewinne und Nieten?“
„Ja wohl. Den Kaiſer ergötzten natürlich die Ausbrüche der Freude ebenſo ſehr wie die Aeußerungen der bitterſten Ent⸗ täuſchung.“ 2
„Noch mehr aber erfreute dieſe Art Spiel gewiß das Volk und der ſonſt grauſame Kaiſer verdankte dieſer ſchlauen Einrichtung zum großen Theil ſeine längere Regierung.
Kleine Poſt der Bedaction.
Kalopodophila.— Wir haben Ihren reizenden Brief Herrn Pr. W. zur Beant⸗ wortung nach Paris geſandt. 5
Fräulein Martha S. in Crossen.— Zwar ſehr ſinnig und innig, aber doch nicht verwendbar.
Frau v. B. in München.— Freundlichen Gruß und herzlichen Dank.
Der Hausfrennd erſcheint in Bänden von je 16 Heften à
mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.
6 großen Bogen mit ſchönen Original-Illuſtrationen, mit einem Preis pro Heft 5 Sgr.
Herr Dherbecourt, der ſo ergriffen war, daß er ſich nicht
wenn auch in anderer Form beſtand, ſo wird ſie auch mit der neuen
Wer ſich einen Ochſen
Verlag der Hausfreund⸗Expedition(E. Graetz) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
Häupt⸗Crpedition und Druck
bei F. A. Brockhhaus in Leipzig.
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