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habe ihn für ſchlechter gehalten.
Er lächelte und bot ſeiner Frau den Arm.
„Verzeihe“, ſagte ſie mit einer abſchlägigen Geberde.
Und auf den ſteilen Pfad zeigend, den eine doppelte Hecke von Stechginſter, Rainweide und wilder Rebe einfaßte, ſügte ſie wie bittend hinzu:
„Erlaube mir, zu verſuchen, ob ich noch ohne Stütze bis zum Ende dieſes Steiges gehen kann, wohin ich ſo ſchnell mit bloßen Füßen gelangte, als ich weder Frau Dherbecourt, noch Madeleine, ſondern einfach Madelon war.
Ich begriff bei dieſen Worten, daß für ſie unſere Reiſe eine Rückkehr in die Vergangenheit war, in das Land, wohin ſie der Cultus der Erinnerungen zurückrief.
Und während ſie auf dem Pfad zu ſteigen anfing, ſagte mir ihr Gatte, ſich an mich wendend:
„Da es ſehr gewiß iſt, daß ich meine Frau nicht zwei
Kal dieſer halsbrechenden Fahrt ausſetzen werde, und da Sie ohne Zweifel eben ſo wenig wie ich den Wunſch, hierhin zurückzukehren haben, ſo bitte ich Sie, ſogleich die nöthigen Sachen, um die fragliche Landſchaft zu ſtizziren, mit zu nehmen.“
Ich zog aus einer der Wagentaſchen mein Album, und einige Bleiſtifte, während Herr Dherbecourt ſeinein Kutſcher eine in der Nähe gelegene Meierei bezeichnete, wo er Früh⸗ ſtück für ſich und Hafer für die Pferde bekommen würde.
„Sie können ſich zwei Stunden ausruhen“, ſagte er zum Schluß,„dann kommen Sie hierher zurück, um uns zu er⸗ warten.“
Frau Dherbecourt war uns nicht viel voraus, als wir den Pfad aufwärts zu ſteigen begannen; nicht daß ihr das Gehen beſchwerlich wurde, aber ſie ging unaufhörlich von einer Hecke zur andern, oder blieb auch wohl mitten im Wege ſtehen, mit den Augen darnach ſuchend, was kein Erwachſener wiederfindet, die Spur ihrer Kinderſchritte.
Sie ſelbſt geſtand uns, daß ſie eine unmögliche Ent⸗ deckung ſuchte.
„Lachen Sie über mich“, ſagte ſie mit reizender, unge⸗ zwungener Offenherzigkeit,„ich lache ſelbſt darüber, aber den⸗ noch bin ich gewiß, einen Kieſel wiedererkannt zu haben, der mich früher am Fuße verletzt hat. Meine Erinnerungen ſind überall um mich herum, von einem Ende des Pfades zum andern, ich ſinde ſie in dem klaren Bache wieder, der dem Abhange folgt, in dem Wirrwarr von Grün und Blumen der zweifachen Hecken, ich ſehe ſie ſelbſt durch die Staubwolke flimmern, welche der Wind in dieſem Augenblick erhebt, um ſie in einem Sonnenſtrahl vergolden zu laſſen.“
So ſprach ſie, und fing wieder an, uns voraus zu gehen
bis zur Biegung des Weges, wo ſie ſtehen blieb, um uns zu
erwarten. „Ihre Frau muß eine ſehr glückliche Kindheit hier ge⸗ habt haben, da ſie ihre Heimat bis zu dieſem Grade liebt“, ſagte ich zu Herrn Dherbecourt. „So glücklich, wie man ſie bei Fremden haben kann“, antwortete er mir;„Madeleine iſt hier nicht geboren und hat hier niemals einen Verwandten gehabt. Ihr Vater, ein Offizier im Geniecorps, wurde in Rußland gefangen genommen, zu der Zeit, als ſie auf die Welt kam. Die junge Mutter, die ihren Gatten anbetete, ſetzte voraus, daß es ihr möglich ſein würde, ihn wieder zu finden, und wenn ſie ihn auch nicht zurückbringen könnte, doch über ſein Schickſal Gewißheit zu erlangen und dann zu ihrer Tochter zurückzukehren. Nach⸗ dem ſie Madeleine der Amme, die ſie zwölf Jahr erzogen hat, anvertraut hatte, verließ ſie Frankreich, aber in Dres⸗ den angekommen, wurde ſie dort krank und ſtarb. Unſer Vetter(ich ſpreche von dem Kriegsgefangenen, der Vater Madeleinens und meine Mutter waren verwandt) wurde nur vom Tode ſeiner Frau benachrichtigt, er blieb lange in Un⸗ wiſſenheit über die Geburt ſeiner Tochter. Er hatte nützliche
Bekanntſchaften in Rußland gemacht, ſeine beſonderen Studien
machten ihn zu einer koſtbaren Hülfe bei einem induſtriellen Unternehmen. Da er nach dem Frieden glaubte, daß nichts ihn nach Frankreich zurückriefe, nahm er die vortheilhafte
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„Findeſt du?“ fragte ſie mit natürlichem Tone.„Ich
Stelle an, die ihm angeboten wurde; ich bin ſein Nachfolger in der Tulaer Fabrik geweſen. Familienintereſſen, die Noth⸗ wendigkeit einer Unterſchrift, hatten ihn zu jener Zeit mit meinen Reltern in Verbindung gebracht und zwar zum erſten Male; ſpäter entdeckte ihm ein Brief meiner Mutter Made⸗ leinens Daſein. Es war gar kein beſonderer Zufall in dem Umſtand, der ihn uns entdeckte. Bei dem Tode der Frau, die unſere junge Cvuſine erzogen hatte, beauftragte der Pfarrer des Dorfes einen Freund, den er in Paris hatte, Schritte zu thun, einen Verwandten des unfreiwillig verlaſſenen Kindes zu entdecken. Mit dem Geburtsſchein Madeleinens ausge⸗ ſtattet, fing er ſeine Nachforſchungen an, die ihn von Aus⸗ kunft zu Auskunft zu uns führten.“
Hier wurde Herr Dherbecourt durch einen Freudenſchrei ſeiner Frau unterbrochen, die auf dem Gipfel des Fußſteiges angelangt war.
„Da iſt der Kirchthurm, der Kirchthurm.“
Wir beſchleunigten unſern Schritt, um ſie auf dieſer Höhe einzuholen, von wo aus man nicht allein den Kirchthurm, ſondern ſämmtliche Strohdächer des Dorfs überblickte.
„Kind“, ſagte Herr Dherbecourt zu ſeiner Frau, da er Thränen in ihrem Augen ſah.
„Ja wohl bin ich ein Kind“, antwortete ſie,„weil ich weine, ohne zu wiſſen warum. Stellen Sie ſich vor, daß kein Band der Liebe mich hierher zurückrief, ich fühle mich nur durch mich, um meiner ſelbſt willen hierher zurückgezogen. Man muß wohl glauben, daß etwas von unſerm Selbſt in jedem Orte, wo wir gelebt haben, zurückbleibt, wenn wir ihn verlaſſen, denn ich kann nicht ſagen, was ich bei dem bloßen Anblick des Thurms von mir wiedergefunden habe, aber es fehlte mir gewiß etwas, um ganz ich ſelbſt zu ſein.“
„Sie erwarten gewiß einigen Perſonen zu begegnen, die Sie während der zwölf Jahre, die Sie bei ihrer Amme
zubrachten, gekannt haben“ ſagte ich.
Sie ſah ihren Gatten an, der lachend erwiderte:
„Ja, ich habe geplaudert, wir haben unterwegs von dir geſprochen.“
„Von Denen, die ich gekannt habe, ſind viele, glaube ich, nicht mehr am Leben, und was die Andern anbelangt, müſſen ſie mich vollkommen vergeſſen haben.“
„Franz ausgenommen, ohne Zweifel“, fügte Herr Dherbe⸗ court hinzu,„der Nachbarsſohn Franz, den du bewachteſt, wenn du ſtrickend, mitten unter den Hühnern, an ſeiner Wiege ſaßeſt, während ſeine Aeltern auf dem Feld oder im Wein⸗ berg arbeiteten, und ſeine Brüder auf der großen Wieſe ſpielten. Denn“, fuhr er fort, ſich an mich wendend,„in der Ausübung ihres Amts als Wächterin der kleinen Dorf⸗ kinder haben wir ſie gefunden, als meine Mutter und ich im Namen ihres Vaters kamen, um Madeleine, die damals Madelon genannt wurde, zurück zu fordern. Ich ſehe ſie noch bei dem eingeſchlafenen Kinde, ſo aufmerkſam auf ihr Strick⸗ zeug, daß lange Zeit verging, ehe ſie bemerkte, daß eine ſchöne Pariſer Dame und ein allerliebſter Gymnaſiaſt— das war ich— ſie durch die halbgeöffnete Thür betrachteten. Hat der brave Franz geſchrieen, als ich plötzlich die Thür ganz geöffnet habe und auf dich zugelaufen bin, dich umarmt und gerufen habe: Guten Tag, Couſine!“
„Ich habe auch geſchrieen, obgleich ich ganz wach war, während es für Franz die Schlummerzeit war.— Horch, gerade um dieſelbe Stunde“, ſagte ſie, die Glocke ſchlagen hörend.
„Das arme Kind war ſveben eingeſchlafen, und ich hatte, wie jeden Tag, Sorge getragen, den Fenſterladen und die Thür halb zu ſchließen, daß er von dem Geräuſch von der Straße nicht geſtört würde.“
Wir hatten an der Biegung des Pfades Athem geſchöpft, und beim Herabſteigen nach dem Dorf ſetzten wir die Unter⸗ haltung fort. Wir kamen am Ziel unſerer Wallfahrt an.
Bei jedem Hauſe, an dem wir vorüber gingen, erinnerte ſich Frau Dherbecvurt eines Namens, einer Thatſache, die ſie aus ihrem Gedächtniß verwiſcht glaubte. Bald, mit einer plötzlichen Bewegung, nahm ſie den Arm ihres Gatten, dann ſagte ſie, indem ſie ihm ein Haus bezeichnete.


