beim erſten Male, vor einigen Wochen, ſie nur zwiſchendurch geſehen hatte, wurde ich nicht müde, ſie zu betrachten. Aber, da ich fürchtete, ihr reſpectwidrig zu erſcheinen, hielt ich es für nöthig, mich in meiner Eigenſchaft als Künſtler dazu zu bevollmächtigen, um das zu entſchuldigen, was bei mir keine freche Zudringlichkeit, aber wohl die unwiderſtehliche Wirkung der Sympathie war.
„Meine Frau iſt darüber nicht beleidigt, und ich freue mich darüber“, ſagte Herr Dherbecourt zu mir.„Wenn Sie Sie ſo ſtudiren, werden Sie ſie vielleicht aus dem Gedächtniß malen können, was für mich jetzt das einzige Mittel iſt, ihr Portrait zu bekommen, denn ſie will nicht mehr ſitzen, ſeit ſie ſich, aus übertriebener Barmherzigkeit, zwei Mal zu dieſer Marter entſchloſſen hat, zu Gunſten armer Teufel, die nut mit der Abſicht, Talent zu haben, begabt waren.“
„Ich konnte ihnen keine andern Modelle verſchaffen“,
erwiderte die vortreffliche Dame einfach,„ich war ſicher, daß
es ihnen nicht glücken würde.“
Das Wort genügt, glaube ich, ſie richtig zu ſchildern.
Ich muß jetzt erklären, warum und weshalb ich mich auf dieſem Wege befand, und in dieſem Wagen, mit dem früheren Director einer Fabrik in Tula und ſeiner reizenden Frau.
Vor einigen Jahren ſuchte ich zu einem künſtleriſchen Vor⸗ haben nach genauen Belehrungen die Einzelnheiten gewiſſer Volkscoſtüme des moskovitiſchen Reichs betreffend. Mein Schwager, der Bevollmächtigte der ruſſiſchen Geſellſchaft, zu der Herr Dherbecourt gehörte, in Paris, brachte mich mit demſelben in brieflichen Verkehr. Ich hatte ihm bald für ſeine angelegentliche Gefälligkeit zu danken, und ſo ſtellte ſich zwiſchen uns ein Briefwechſel ein, der, wenn er auch nicht ſehr häufig war, uns wenigſtens nicht mehr erlaubte, uns gegenſeitig zu vergeſſen. Zur Zeit ſeiner Rückkehr nach Frank⸗ reich, paſſirte Herr Dherbecourt ſo zu ſagen nur durch Paris, ehe er ſich nach der Beſitzung begab, die er in der Nähe der Stadt, in der er geboren iſt, gekauft hatte. Indeſſen hatten wir Zeit, uns in dem Salon meiner Schweſter zu begegnen, und uns durch eine offene, herzliche Begrüßung zu beweiſen, daß wir uns ſeit lange nicht mehr fremd waren. Nach dem reiſenden Paare bei meinem Schwager angekommen, ſah ich Frau Dherbecourt zuerſt, die, ganz mit den Kindern des Hauſes beſchäftigt, meinen Gruß mit einigen gütigen Worten erwiderte, und mich dann mit dem natürlichſten Tone von der Welt um Erlaubniß bat, in dem Spiel, das ſie meine Nichten lehrte fortzufahren, während ich mich mit ihrem Manne unterhielt.
Einen Monat danach ſchrieb Herr Dherbecourt von ſeiner Wohnung in der Provinz an meinen Schwager, um ihn zu bitten, ihm ſo bald als möglich einen Landſchaftsmaler zuzuſenden, der aber bedürftig ſein müſſe. Es handelte ſich darum, eine Laune von Frau Dherbecourt zu befriedigen, der Künſtler ſollte anſtändig bezahlt werden, und würde außerdem Gelegenheit finden, in dem Lande ſchöne Studien zu machen.
Suche nicht weiter, ſagte ich zu meinem Schwager, als er mir den Brief unſeres Freundes Dherbecourt mittheilte, ich werde der verlangte Landſchaftsmaler ſein: eine Eigen⸗ ſchaft fehlt mir um den Anforderungen des Programms zu genügen, nämlich bedürftig zu ſein, aber der arme Teufel,
den ich dir angeben könnte, wird nichts dabei verlieren, ich
werde ihm die Summe, die er dabei hätte verdienen können, borgen, er wird ſie mir nicht wiedergeben, für ihn wird es ſo fein, als ob er die Reiſe gemacht hätte.
Ich hatte einen dreifachen Grund, mich in die Stelle des bedürftigen Künſtlers zu ſetzen: mein Verſprechen, Herrn Dherbecourt bald einen Beſuch zu machen, eine frühere Ge⸗ fälligkeit zu erwidern, und die Ausſicht, koſtbare Studien in einem Lande zu machen, das von Malern wenig beſucht war.
Ich reiſte alſo ab. Nach einer Reiſe von einem Tag und einer Nacht, war ich nur noch eine Stunde von dem Schloſſe Herrn Dherbecourt's entfernt, als ſich ſein Wagen auf dem Wege nach der Poſt kreuzte, auf deren Verdeck ich einen Platz einnahm, aus Vorliebe für die friſche Luft und den weiten Geſichtskreis. Unſer Freund hatte mich erkannt, er ließ die
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kehren, ich ſah wohl
Pferde halten, rief unſern Conducteur an; bald war mein Nalerwerkzeug und ich in dem Wagen einquartiert; mein übriges Gepäck hatte in dem Koffer, der unter dem Kutſcher⸗ ſitz war, Platz gefunden. Ich erklärte, in welcher Abſicht ich Paris verlaſſen hatte, und entſchuldigte mich, daß meine Ankunft ſo ungelegen käme. „Wir hatten Unrecht, heute fortzugehen“, ſagte Herr Dherbe⸗
court; aber ſeit heinahe einem Monat ſehe ich mich ge⸗
zwungen von Tage zu Tage einen Ausflug von einigen Stunden unaufhörlich aufzuſchieben, aus dem meine Frau ſich ein Feſt macht. Aber wenn Sie zu ermüdet von der Reiſe ſind, ſagen Sie es gerade heraus, dann wollen wir zum Schloſſe zurückkehren; im entgegengeſetzten Falle nehmen wir Sie mit.“
„Nehmen Sie mich mit“, erwiderte ich lebhaft.
Ich hatte einige Unruhe in Frau Dherbecourt's Augen geleſen, als ihr Mann davon ſprach, ins Schloß zurück zu aus dem dankbaren Blick, den ſie mir zuwarf, daß ich keine ihr angenehmere Antwort geben konnte.
Dieſer Blick entging Herrn Dherbecourt nicht.
„Sie haben ſich ſoeben ganz das Herz meiner Frau ge⸗ wonnen. Jetzt kann ſie, wie ich, ſich nur zu Ihrem Beſuche
Glück wünſchen, ihr Project wird ſeinethalben nicht verzögert,
und er verſchafft uns das Glück eines liebenswürdigen Be⸗ gleiters auf unſerer Wallfahrt, denn Sie ahnten es nicht, eine Wallfahrt wollen wir Sie zu machen zwingen: Wir wollen Franz beſuchen!“
Der Spott, mit dem er dieſe letzten Worte betonte, ließ Frau Dherbecourt wie unter dem ſchmerzhaften Eindruck eines Stichs zittern. die Abſicht gehabt, ſie zu beleidigen, denn alsbald, mit einer gütigen Bewegung, die ſagen wollte: Verzeihe mir, nahm er ihre Hand, und behielt ſie, bis die Beleidigte ihm mit einem Lächeln geantwortet hatte.
Ich bat, wohlverſtanden, um keine Erklärung, und inner⸗ lich ſagte ich, wie ich mich zu der Wallfahrt entſchloß, nun wohl, wir wollen Franz beſuchen.
Wir verfolgten während drei Stunden einen ziemlich fahrbaren Weg, dann ließ uns die Richtung, welche wir nehmen mußten, während einer guten Stunde auf einem ſteinigen Weg, der hier und da Vertiefungen hatte, gewaltige Stöße erleiden. Bei den Unebenheiten des Weges, gegen die unſere Pferde beinahe mit jedem Schritt kämpften, und welche uns nur unter der Bedingung fortzukommen erlaubten, daß wir den entſetzlichſten Stößen Trotz boten, würde jede andere Frau Schreckensrufe ausgeſtoßen haben. Frau Dherbecourt, weit davon entfernt zu erſchrecken, ſchien im Gegentheil einen Reiz darin zu finden. Ein ſichtliches Gefühl der Freude be⸗ lebte ihre Farbe und funkelte in ihren Augen. Die Blicke begierig auf den ſchrecklichen Weg gerichtet, lächelte ſie den beſtaubten Bäumen zu und begrüßte die Steine, ich glaube, wenn ſie es gewagt hätte, hätte ſie den Fahrgeleiſen Küſſe zugeworſen.
Erſtaunt über das Vergnügen, das ſie darin fand, eine ſo elende Landſchaft zu betrachten, ſah ich ihren Gatten fragend an. Er erwiderte mir in einem Blick: Ich werde Ihnen das ſogleich erzählen.
Enblich hielt der Kutſcher die Pferde an. Dank ſeiner Vorſicht und Geſchicklichkeit, waren wir ohne Unfall an dem Pfade angelangt, der nur für Fußgänger zu benutzen war. Herr Dherbechurt öffnete von innen den Schlag und ſprang, trotz ſeiner majeſtätiſchen Wohlbeleibtheit, leicht zur Erde, und reichte dann ſeiner Frau die Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen.
„Nun“, ſagte er liebevoll zu ihr,„du mußt zufrieden ſein, ich habe dir verſprochen, daß ich dich dorthin bringen würde; hier ſind wir, Madeleine.“
„Danke, mein Freund“, ſagte ſie,
mit vor Bewegung zitternder Stimme.
„Gott gebe“ ſagte èr wieder,„daß du nicht zu ſehr
unter den Strapazen der Reiſe leideſt, denn dieſer Weg iſt wirklich nicht gut.“
Augenſcheinlich hatte ihr Gatte nicht


