furchtbaren Langlade führte. Er fand keinen Klingelzug, und klopfte deshalb mit aller Gewalt an die Thür.
„Wer iſt denn da?“ rief eine Stimme von innen.
„Ein geheimer Abgeſandter der Polizei, dich zu arretiren!“ antwortete Vibert.
„Spaßvogel, der du biſt! Wärſt du ein Poliziſt, würdeſt
Crampin, nicht wahr, du biſt's?“
„Aber ſo öffne doch!“
„Es fällt mir ſchwer, das warme Bett zu verlaſſen, doch einem ſo lieben Freunde wie du will ich ſchon öffnen; es iſt ja nur ein kleines Luftbad, das ich nehme!“
Kaum war der Riegel von innen zurückgeſchoben und der Schlüſſel umgedreht, ſo ſtürzte auch ſchon Vibert, welcher ſich hart an der Thür gehalten, mit voller Kraft hinein, ſprang gegen das Bett, in welches Langlade noch nicht zurückzueilen Zeit gefunden, bemächtigte ſich eines auf dem Nachttiſche liegenden Piſtols, deſſen beide Hähne geſpannt waren, und rief:
„Einen Schritt, und du biſt des Todes!“
„Heiliges Gewitter!“ ſchrie entſetzt der Bandit,„meiner Seel' ein Poliziſt!“
„Narr, der du biſt, habe ich dir das nicht gleich geſagt? Vorwärts nun— du biſt geliefert: ergib dich!“
„Ich mich ergeben? Nein! Ich zermalme dich, Canaille! Du haſt freilich mein Piſtol, ich dagegen eine harte Fauſt und Zähne von Stahl!“
„Dummheit.... wenn du von Beiden Gebrauch machen willſt, mußt du doch dich mir nähern— eine Bewegung aber, und ich ſtrecke dich nieder!“
Mit gehobener Waffe und dem Koloß von Gegner gerade auf die Bruſt zielend, näherte ſich Vibert bis auf vier Schritt. Einen Augenblick betrachteten ſich Beide, der eine bereit, los⸗ zuſpringen, der andere willens, Feuer zu geben.
„Du ſtehſt alſo, wie ich ſehe, davon ab, mich zu zer⸗ malmen oder mich gar zu verſchlingen“, rief Vibert ſpöttiſch; „ſchade! Es wäre dies für mich eine ganz originelle Todes⸗
„Nichtswürdiger Prahler, derdu biſt“„entgegnete Langlade, ſich ſcheu nach irgend einem Gegenſtande umſchauend, um mit denſelben auf ſeinen Gegner einzudringen.
„Wirſt du dich nicht erkälten?“ ſpottete der Polizei⸗ Agent weiter und warf, den Banditen ſcharf im Auge be⸗ haltend, ihm mit der Linken deſſen Kleider zu.„Kleide dich an, lieber Freund“, fuhr er fort,„hier, zunächſt deine Stiefel!“
„Danke ſchön“, erwiderte Langlade, der ſeine Faſſung wiedergewonnen hatte„in Stiefeln ſteht man bei weitem ſicherer auf den Füßen!“
„Beeile dich, wiederhole ich, und kleide dich vollends an!“
„Du biſt in der That ſehr gefällig“, bemerkte Langlade, der, fortwährend durch Vibert ſcharf beobachtet, ein Stück nach dem andern anzog,„du biſt zu liebenswürdig, mein theurer Fnd
„Was meinſt du zu beginnen, wenn du angekleidet biſt?“ fragte der Polizei⸗Agent.
„Meiner Treu, ich weiß es noch nicht. Ich würde mich gern auf dich ſtürzen und dir das Genick brechen, wenn das verteufelte Piſtol da....“
„Wünſcheſt du auch dieſes zu haben?“
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„Was würdeſt du machen, falls ich dir die Waffe geben würde?“
„Dich auf der Stelle tödten!“
„Sicherlich?“
„Wahrhaftig! Ein Schuß. mitten durchs Herz!“
„Bitte, hier iſt dein Piſtol!“
Vibert überreichte dem Banditen die Waffe und ließ ſich mit gekreuzten Armen auf das Bett nieder.
„Ich erwarte die Kugel!“ ſagte er.
„Du biſt jedenfalls kein Poliziſt!“ entgegnete erſtaunt Langlade.
„Du undankbarer Menſch“, rief Vibert,„ich gebe dir Kleider und Mordinſtrumente, und du verſagſt mir Anſehen und Titel!“
„Du biſt alſo wahrhaftig ein Poliziſt?“
„Nichts anderes!.... aber nun, werther Freund, beeilen wir uns, fortzukommen! Hätte deine Geliebte dich nicht ver⸗ rathen, wir hätten es beide nicht nöthig, hier dieſe Komödie abzuſpielen!“
„Sie hat mich verrathen?“ rief entſetzt der Bandit, „ſie,«die untergehende Sonnev mich verrathen?“ Er fuhr einen Schritt zurück.
„Iſt denn das was Neues?“ lachte Vibert,„das ſind, meiner Treu, doch alltägliche Geſchichten!.... Ja, ja, lieber Freund, deine Geliebte war', die dich verrieth!.... Alles hat ſie eingeſtanden!“
„Eingeſtanden?“ rief Langlade, wie vom Donner ge⸗ rührt,„ward ſie denn etwa arretirt?“
„Sie denuncirte dich, um ſich deiner theuern Perſon zu entledigen, wenn du ſie ſehen willſt: ſie iſt ſicher aufgehoben!“
„Zermalmenwillich das treuloſe, undankbare Geſchöpf!“ Verfluchtes Geſchick!.... Ha, jetzt erkläre ich mir Alles!.. Höre, Mann, Menſch oder Teufel, der du biſt, ich ergebe mich, aber unter einer Bedingung.“
„Dieſe wäre?“
„Du gibſt mir dein Ehrenwort, daß ich die Schändliche wiederſehe— ich will ſie zermalmen, in Stücke reißen will ich die Schlange!“
„Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß du ſie ſehen und ſprechen ſollſt. Selbſt in Ketten kannſt du dich rächen! Wenn du ihr mit dem Eiſen, in das man dich ſchmieden dürfte, das Gehirn zerſchmetterſt— mir iſt's gleich!“ k
„Ich Thor“, rief Langlade, das Piſtol fortſchleudernd, aus:„Einfält'ger Narr, der ich war! Und auf ſolche Canaille konnte ich noch eiferſüchtig ſein? Wegen dieſer Dirne mußte ich noch vor Kurzem in der Rue de la Paix einen Menſchen niederſtoßen? Schickſal, du biſt ungerecht, verflucht ſei die Liebe
Und die Hände gegen die Stirn ballend, ſagte der Bandit mit heiſerer Stimme:
„Mann, halte dein Verſprechen, und jetzt— arretire mich!“
Die Abführung des Allen ſo gefährlichen Langlade in das Zuchtpolizeigefängniß rief eine allgemeine Senſation unter den Sicherheitsbeamten, wie im Publikum hervor: der ge⸗ fürchtete Verbrecher, welcher, wie ſchon erwähnt, bereits zwei⸗ mal von den Galeren entſprungen war, befand ſich in Paris wieder hinter Schloß und Riegel. Nicht eine Schar Gens⸗ darmen— getäuſchte Liebe, Verrath, Rachegefühl hatten ihn bezwungen.
Vibert, der dieſe Aufgabe wider alles Erwarten ſo ſchnell und glücklich gelöſt hatte, widerfuhr durch das Geſtändniß, die Worte Langlade's, den Mord in der Rue de la Paix begangen zu haben, gewiſſermaßen eine Enttäuſchung. Seine unend⸗ lichen Mühen und Opfer hatten alſo dazu gedient, die Unſchuld Savari's zu erweiſen und ſomit ſeine eigenen Hoffnungen zu vernichten.
Julia Vidal, für die er unendlich viel mehr als ein dienſtliches Intereſſe empfand, bedurfte nach der Entdeckung des Mörders ſeines amtlichen Beiſtandes nicht mehr. Seine Thätigkeit war hier beendet, er ſollte der ſchönen Witwe fortan wieder ein Fremder, nicht mehr in ihrer Nähe ſein.
6(Schluß fogt.)
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