Jahrgang 
1867
Seite
739
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die

die ſie wirklich beſaß und die er ihr beilegte.

mußte. ein f aber er hütete ſich wohl, darauf hin die umgeſtürzten Luft⸗

ſchied drückte ihm zwar Doris warm die Hand, aber er ſchrieb das auf Rechnung des Lebensretters. Auf ſeinem Zimmer angekommen, warf ſich Theobald

wie erſchöpft in den Lehnſeſſel und ließ das Haupt auf die

Bruſt ſinken. Der jähe Sturz von der Höhe der Begeiſterung hatte ihn nicht auf den feſten Boden der Nüchternheit ge⸗ führt, ſondern, wie das ſeiner Natur gemäß war, ihn in die troſtloſe Weite eines tiefen Seelenſchmerzes hinaus geſtoßen. Die Eisrinde, welche ſein böſes Geſchick und das Jagen nach einem Ziele, das nicht das ihm beſtimmte war, um ſein Herz aufgethürmt hatten, war in der That geſchmolzen vor dem Strahlenkranze der unſchuldsvollen Schönheit und Lieblichkeit eines Mädchenantlitzes. Das fühlte er klar und bedurfte weiter keiner Zergliederung der Symptome. Aber das machte ihn auch ſo unglücklich. Denn er weinte ja um den Verluſt eines Kleinods, das er noch gar nicht gewonnen, ja, das ſeine Phantaſie noch nicht einmal ſein eigen zu nennen gewagt hatte. Schon einmal war ſein Herz von einem ähnlichen Schmerz zerriſſen worden, aber die Bitterkeit des Jammers galt damals nur dem böſen Geſchick. Jetzt war das anders. Sein Herz konnte noch ſo warm und jugendlich ſchlagen, und er hatte es unter der Hülle eines aller Poeſie und Lebens⸗ friſche abgeſtorbenen Aeußern zu erſticken und verbergen ge⸗ ſucht, daß jede verwandte Seele, von dieſem abſichtlichen Schein irre geleitet, ihn fliehen mußte.

Und nun war's zu ſpät. Daß es zu ſpät war, ſchon als er hierher kam, daran dachte er nicht, wollte nicht daran denken. Das hätte die Bitterkeit abgeſchwächt, mit der er jetzt ſich, ſeinen Stand und Alles, was er in den letzten Jahren erſtrebt und erreicht hatte, verwünſchte. Was nutzte ihm jetzt all der Plunder, mit dem er ſeinen Kopf angefüllt hatte, was die Achtung, mit der ſeine Collegen ihm begegneten, da ſie ja nicht einmal die rothen Backen und den leeren Schädel eines jungen Menſchen aufwogen und in den Augen eines thörichten Mädchens weniger galten als deſſen knappe Geſtalt? Und doch, er hätte in ſeiner jetzigen Stimmung Alles hingegeben, wenn er nur Doris dafür gewinnen konnte. Kein Preis däuchte ihm für ſie zu hoch. Und nun ſchwebte ſie ihm wieder vor Augen mit aller ihrer Lieblichkeit, ihrer Anmuth, ihrer Reinheit und all den Vorzügen und Tugenden, Die Bitterkeit ſchwand wieder und ſüße Wehmuth zog ein in ſein Herz.

Mit dieſem Gefühl ſuchte er endlich ſein Lager, um da noch

lange ſchlaflos ſich umher zu werfen, ehe er die erſehnte Ruhe fand.

Der andere Morgen brachte ruhigeres Blut und kältere, geordnete Ueberlegung mit. Das Reſultat war, daß er wiederum in der Arbeit Vergeſſenheit ſeiner Thorheit, wie er es nannte, ſuchte. Aber er täuſchte ſich über ſich ſelbſt, wenn er meinte, er habe dieſe Thorheit wie ein Mann und durch Unterordnung unter Vernunftgründe überwunden. Nur Reſig⸗ nation war's, mit der er ſich in ſein Schickſal ergab, weil er Auf dem Tiſche prangte ein friſcher Blumenſtrauß,

ſchlöſſer wieder aufzubauen. Der Vormittag ging ihm unge⸗ ſtört hin, bis der Diener zu Tiſche rief. Als er den Weg hinüber antrat, prangte die ſchwere Brille wieder auf der Naſe und das Tuch war in gewohnter Nachläſſigkeit um den Hals geſchlungen. Er hatte wohl ein wenig gezaudert und ſich beſonnen, ob er nicht etwas Toilette machen ſollte, aber dieſen Gedanken wie aus Trotz wieder von ſich gewieſen. Das Mahl ging ruhig vorüber, obwohl die Freundlich⸗

keit und Liebenswürdigkeit Doris ihn in nicht geringe Unruhe verſetzten. Um deren Einfluß nicht länger als nöthig war

ausgeſetzt zu ſein, machte er, daß er fort kam, und fühlte ſich

erſt ſicher, als er wieder zwiſchen den Bücherhaufen und Staub⸗

wolken des Bibliothekzimmers vergraben war. 3 Gegen 4 Uhr erſchien der Diener bei ihm, um ihn im

Namen des Fräuleins zu fragen, ob er geneigt ſei, ſie auf

einem Spaziergange zu begleiten. Dies Verlangen ſetzte ihn

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in die peinlichſte Verlegenheit. Faſt hätte er eine abſchlägige Antwort gegeben, doch beſann er ſich noch zu rechter Zeit, daß das im höchſten Grade unhöflich und unfreundlich ſein würde, und ſo ging denn der Diener mit dem Beſcheide, daß er gleich erſcheinen würde, von dannen.

Das Wetter war wieder ausnehmend ſchön, nur ein wenig ſchwül. Theobald und Doris ſchlugen denſelben Weg ein, der auf den Wachſtein führte, aber bald nahm ſie ein ſeitwärts liegender Pfad auf. In der ſonnigen Luft und der friſchen Waldesumgebung wurde es Theobald wieder leichter ums Herz. Die Nähe Doris' wirkte nicht minder verführeriſch. Unbekümmert um die bittern Stunden, die ihn gewiß wieder erwarteten, gab er ſich ganz dem Genuß des Augenblicks hin und lauſchte mit Entzücken dem einfachen, herzlichen Geplauder ſeiner Begleiterin, dem durch den Wohlklang der Stimme noch ein beſonderer Reiz gegeben wurde.

So ging es eine halbe Stunde etwa fort. Da lichtete ſich der Wald, und ſie ſtanden am Rande eines kleinen Sees. Hohe Bäume umgaben ihn von allen Seiten und warfen ihre Schatten auf den ruhigen Spiegel des Gewäſſers, daß dieſes trotz ſeiner Klarheit eine tiefdunkle Färbung annahm und unergründlich ſchien. Es war ein ſtiller, faſt unheimlicher Ort, wenigſtens zur Nachtzeit mußte er es ſein. Da, wo der Weg an das Waſſer führte, war ein kleiner freier Raum ge ſchaffen. Eine Moosbank lehnte ſich, zur Ruhe einladend, an eine mächtige Buche. Halb unter Gebüſch verſteckt lag ein Kahn im Waſſer.

Die Stille des Ortes machte das bisher heiter geführte Geſpräch verſtummen. Schweigend ſaßen Beide eine geraume Weile auf der Raſenbank neben einander und überließen ſich willenlos den Eindrücken, die des Ortes düſtere Schönheit in Jedem, der in ſeinen Bannkreis kam, zu erwecken pflegte. Da erhob ſich Doris.

Kommen Sie; Herr Doctor. uns noch. Können Sie rudern?

In frühern Jahren übte ich dieſe Kunſt fleißig. Doch weiß ich kaum, ob mir's noch gelingen wird.

Laſſen Sie uns verſuchen! Es iſt nicht ſchwer. Doch ſetzte ſie ſchalkhaft lächelnd hinzu,Sie können doch ſchwimmen?

Auch das iſt eine ſeit lange von mir vernachläſſigte

Das Schönſte erwartet

Uebung. Iſt denn Gefahr vorhanden? Vielleicht. Es geht die Sage, daß auf dem Grunde

des Sees in einem wunderbaren Kryſtallpalaſte eine böſe Fee wohne. Aber ſie iſt gefangen von einem andern großen heidniſchen Geiſte und darf nur einmal in jedem Jahre ihr Gefängniß verlaſſen und an die Oberfläche des Sees kommen. Wenn dann juſt an dieſem Tage ein junger Mann, der noch keine Liebe in ſeinem Herzen trägt, in dem See badet oder auf ihm fährt, und es gelingt ihr, ihn zu bethören, daß er ſich ihr ergibt, dann iſt der Bann gehoben, aber auch der Jüngling verloren. Nehmen Sie ſich darum in Acht. Das Blinken Ihrer dicken goldenen Brille könnte ſie ohne dies leicht anlocken.

Dann will ich ſie doch lieber abnehmen, entgegnete Theobald und that ſo.

Recht ſo, Herr Doctor. oder vielmehr jünger aus.

Dadurch würde ja in anderer Weiſe die Gefahr ver⸗ größert. Denn je ſchöner, um ſo lieber wird es der Hexe ſein. Aber ich glaube, ſie läßt mich ungeſchoren, ich bin ihr gewiß viel zuehrbar!

O kaum! lachte Doris.Die Ehrbarkeit iſt nur eine äußerliche und da auch kaum ſo groß, wenn Sie nur wollen. Und daß Sie jugendlich denken und fühlen können, das haben Sie geſtern Abend gezeigt. Ich hätte Ihnen gar nicht zuge⸗ traut, daß Sie mit ſolcher Wärme und noch dazu über ein ppetiſches Thema ſprechen können. Nein, nein, Sie ſind noch gar nicht ſo alt, wie Sie gerne ſcheinen möchten. Theobald erröthete, daß das Mädchen ihn ſo durchſchaut

Doch ſich ſchnell faſſend, ſagte er: Da würden Sie am Ende der Nixe entgegentreten, wenn ſie mich holen wollte?

Sie ſehen ſo auch viel hübſcher

hatte.

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