Jahrgang 
1867
Seite
738
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lliebt ſei.

Du biſt neidiſch auf den jungen Mann, daß er jetzt in jenes Mädchens Nähe weilt, neugierig, was die Beiden zu verhandeln haben könnten, entblödeſt dich ſogar nicht, ihn, von der Leidenſchaft hingeriſſen, mit niedrigen Schimpfnamen zu benennen, kurz, ſeine Anweſenheit dort drüben verſetzt dich in eine ſehr bedeutende Unruhe. Alle dieſe Symptome laſſen es unzweifelhaft, daß die Leidenſchaft der Eiferſucht dich be⸗ fangen hat.

Er ging einige Mal im Zimmer auf und ab, um noch⸗ mals zu prüfen, ob das Reſultat ſeiner Schlüſſe auch ein richtiges ſei.

Es iſt ſo! Um aber eiferſüchtig zu ſein, muß man nothwendiger Weiſe auch verliebt ſein, und es fragt ſich, ob es auch hier Symptome gibt, die dieſe Behauptung recht⸗ fertigen.

Aber jetzt haperte es mit der Auffindung der Symptome, die ſein Verliebtſein beweiſen ſollten. Er kam nicht weiter als bis zu dem Eirkelſchluß, daß er verliebt ſein müſſe, weil er eiferſüchtig ſei, und daß er eiferſüchtig ſei, weil er verliebt ſein müſſe. Damit war ſein Verſtand ſo in die Enge ge⸗ trieben, daß er die ganze pſychologiſche Wiſſenſchaft eine Narr⸗ heit nannte, weil ſie ihn hier im Stiche laſſe, und die Logik für das unlogiſchſte, was je erſonnen ſei. Nochmals faßte er den Entſchluß, durch Arbeit dieſem Nachgrübeln, daß ihn in die ärgſten Widerſprüche mit ſich und ſeiner ganzen Denk⸗ weiſe biachte, ein Ende zu machen. Aber mit den Chroniſten war es jetzt nichts, und darum ging er in das Bibliothek⸗ zimmer, um in den Schränken zu kramen und nach den Hand⸗ ſchriften zu ſuchen. Das war leichte Arbeit und bot viele Abwechſelung. Darum gelang es ihr auch, ihn zu beſchäf⸗ tigen, ſo daß er, zumal er einige nicht ganz unintereſſante Funde machte, wirklich einen Theil ſeiner Ruhe wieder er⸗ langte.

Die Zeit verging ihm raſcher als er gedacht hätte, und ehe er ſich's verſah, war der Nachmittag vorüber. Cr ging in ſein Zimmer zurück, um ſich da zu erholen und zu warten, bis man ihn zu Tiſche rufen würde. Aber die Muße brachte, wie das vorauszuſehen war, die ſtörenden Gedanken wieder, denen er ſich glücklich für einige Stunden entriſſen hatte, und vor allem die noch unbeantwortete Frage, ob er wirklich ver⸗

Und wenn's ſo wäre, rief er,ſo denkt ſie doch nicht an dergleichen. Ich bin ein viel zuehrbarer Herr, demſo etwas gar nicht mehr zuzutrauen iſt! Aber zum Kukuk, bin ich das denn wirklich, daß ein junges Mädchen mir wirklichſo etwas nicht mehr zutrauen dürfte?!

Er trat an den Spiegel und muſterte ſeine Geſtalt in demſelben. Doch er ſeufzte und ſchien nicht ſehr erbaut von dem Bilde, das ihm derſelbe zurückwarf. Der Kopf war zwar nicht übel, ja er geſtand ſich, daß er recht hübſche, und beſonders geiſtreiche Züge habe. Das Haar zudem mußte, geſchmackvoll geordnet, eine ſchöne Zierde des Hauptes abgeben. Und doch kam er ſich ſo alt vor! Aber halt, die dicke Brille, die ſo weit vorn ſaß, mußte daran Schuld ſein. Er nahm ſie ab und fand, daß er das Richtige ge⸗ troffen hatte.

Ich werde mir eine Brille mit einem leichten goldenen Geſtell kaufen, murmelte er.

Dann muſterte er den übrigen Körper. Um den Hals war eine dicke Binde oder vielmehr ein Strick geſchlungen, über welchen hie und da höchſt unregelmäßig das Weiß eines Vatermörders hervorſchimmerte. Er nahm beide ab, holte einen friſchen Kragen und ſuchte die Binde glatt zuſammen zu legen und in einen hübſchen Knoten zu ſchlingen, was ihm auch nach vielen Verſuchen gelang. Er geſtand ſich mit Wohlgefallen, daß ſeine Verſchönerung, nachdem er auch dem Haar eine geſchmackvolle Lage gegeben, gar nicht ſo übel ſei. Aber nun die Kleidung! Er ging an den Koffer und muſterte ſeine geringe Garderobe. Aber da war wenig zu helfen. Ein Stück unförmlicher als das andere, lauter Säcke, bei deren Anfertigung kein anderer Zweck ins Auge gefaßt war als die Umhüllung der Glieder. Die Bemerkung:Ich werde morgen

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in das Städtchen hinabwandern und mir einen Anzug machen laſſen, war das Reſultat dieſer Prüfung.

Da trat der Diener in das Zimmer und meldete, daß das Abendeſſen bereit ſei.

Theobald trat alsbald den Weg hinüber an. Durch die Toilettenkünſte, die er an ſich vorgenommen, hatte ſeine Geſtalt ein noch auffallenderes Gepräge erhalten. Der Kopf bis zum Weſtenkragen war tadellos, ja ſchön zu nennen, der übrige Körper die Geſchmackloſigkeit ſelber. Es dämmerte jedoch bereits ſtark und die Lampe brannte bereits auf dem Tiſche, ſo daß, als er ſich an dieſen niedergelaſſen hatte und er den untern Theil ſeines Körpers verdeckte, nur ſeine gelungenen Verſchönerungsverſuche bemerkt wurden. Verwundert, doch nicht unangenehm überraſcht ſah ihn Doris an, wandte jedoch gleich ſich wieder ab, als ſie ſeine dadurch hervorgerufene Verlegenheit bemerkte. Aber noch oft im Laufe des Abends ſchielte ſie zu ihm hin. Er mochte ihr ein ganz Anderer er⸗ ſcheinen. Auch Holbein ſchien über ſeinen Gaſt erſtaunt; doch ſchüttelte er nur nachdenklich den Kopf. Der Jäger war nicht mehr zugegen, zu Theobald's großer Befriedigung, und Doris' Weſen zeigte nichts von einer ungewöhnlichen Erregung.

Das Mahl war bald vorüber, und Theobald verſchmähte es heute nicht, die Verdauungscigarre mit Holbein zu rauchen. Es kam ihm heute ſo behaglich, ſo gemüthlich in dem kleinen Familienkreiſe vor, daß er gar keine Sehnſucht verſpürte, den Abend in der Einſamkeit bei ſeinen Büchern zuzubringen.

Der Tiſch war abgeräumt und die Geſellſchaft blieb um denſelben ſitzen, Doris mit einer Arbeit beſchäftigt, die beiden Männer rauchend. Das Geſpräch ſchwankte eine Zeit lang hin und her und wurde dann auf ein Feld geführt, auf dem Theobald mehr als die andern zu Hauſe war, auf die alt⸗ deutſche Literatur.

Theobald, von ein paar Gläſern Wein zudem animirt, gerieth dabei in Feuer. Begeiſterung die noch ſo wenig bekannten und ungerecht be⸗ urtheilten Schönheiten der alten Dichter; in höchſt anziehen⸗ der Weiſe wußte er von der Großartigkeit und Tiefe Wolframs, von der Lieblichkeit und Feinheit Hartmann's, der Männlich⸗ keit Walther's zu reden. er ſelbſt noch nie ſo den poetiſchen Werth jener Männer er⸗ faßt wie gerade in dieſem Augenblick. Denn wie manche ſeiner Collegen, war auch er vielfach vor lauter Conjecturen, Emendationen, ſprachlichen und ſachlichen Bedenken nicht dazu

gekommen, ſich zur Höhe des unbefangenen Ueberblicks über

den Gehalt jener Werke als Poeſien zu erheben. Auf der Univerſität zog ſchon ſein Vortrag viele Zuhörer an; jetzt wurde derſelbe ſelbſt zur Poeſie. Der Pächter hörte mit vielem Intereſſe und ſtiller Verwunderung zu. Doris hatte unwillkürlich die Arbeit ruhen laſſen, und ihre Augen hingen an den Lippen Theobald's. Sie hatte in ihrem Leben noch keinen ſo anziehenden und mit ſolcher Wärme geſprochenen Vortrag gehört. Kein Wunder alſo, daß ſie ſich wie in eine neue Welt verſetzt fühlte. ſeine Worte und Schilderungen hervorgebracht hatten, wohl, und es erfüllte ihn das mit der höchſten Befriedigung.

Da ſagte Holbein plötzlich in einer eingetretenen Pauſe:

Schade, daß Paul nicht zugegen iſt. Er war ja wohl heute hier? Als ich drüben aus dem Walde trat, ſchien mir's, als ob ich ihn den Weg nach der Stadt hinab⸗ gehen ſähe.

Holbein ſchaute dabei ſeine Tochter nicht an. Theobald. Ihr Antlitz erglühte über und über. verlegen entgegnete ſie:

Paul? O ja, ein paar Minuten! Sein Weg führte ihn vorbei, und da trat er ein, um guten Tag zu ſagen.

Dieſer Vorgang war ein Sturzbad auf Theobald's ge⸗ hobene Stimmung. Die Begeiſterung war verflogen, der Redeſtrom plötzlich verſiegt, und er ſaß fortan da, ohne ein Wort weiter zu reden und dem Pächter allein das Amt, die Unterhaltung zu führen, überlaſſend; denn auch Doris brachte kaum eine Silbe über ihre Lippen und ſaß emſig bei ihrer Arbeit. Er ſuchte ſich deshalb bald loszumachen. Beim Ab⸗

Wohl aber Sichtbar

Er ſchilderte mit der Wärme der

Faſt war es ihm dabei, als habe

Theobald ſah dieſe Wirkung, die

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