Jahrgang 
1867
Seite
737
Einzelbild herunterladen

X. Jahrgang.

1867.

No 47.

as Mittagmahl dauerte heute viel länger als gewöhnlich.

Theobald gab ſich, wie um ſeinen Fehler wieder gut zu

machen, mit dem ſichtbarſten Behagen dem Genuß der ein⸗ zelnen Gerichte hin. Aber dann ging er auf ſein Zimmer mit dem feſten Vorſatze, den Nachmittag der Arbeit zu widmen. Er machte ſich's bequem, ſteckte die Pfeife an, ließ ſich in ſeinen Lehnſeſſel nieder und glaubte auch nicht anders, als daß er, ſo wie er die Bücher vor ſich habe, ſich in deren Inhalt in gewöhnlicher Weiſe vertiefen würde. Ein halbes Stündchen ging es auch ſo ziemlich. Dann aber ließ die Aufmerkſamkeit nach. Erinnerungen an die Erlebniſſe des geſtrigen und heutigen Tages drängten ſich fortwährend an ihn heran und zogen ihn von der Arbeit ab. Bald waren es die mancherlei Worte, die er aus Holbein's Munde ver⸗ nommen, bald die Gedanken und Gefühle, die in Folge deren in ihm erweckt worden waren, an die er dachte. Dann wieder ſah er den prächtigen Wald, durch den ihr Spaziergang ſie geführt hatte und zwiſchen deſſen Bäumen die leichte Geſtalt Doris' dahin huſchte, bald in dem Grün verſchwindend, bald hinter den Stämmen wieder hervortauchend. Und als er an die wenigen Augenblicke dachte, während deren ſie bewußtlos in ſeinen Armen gelegen hatte, daß er den Schlag des warmen Herzens unter ſeiner Hand fühlte, da ſchloß er die Augen, um das Bild um ſo länger feſthalten zu können. Endlich ſprang er mismuthig auf.

Wozu ſollen die tollen Gedanken? rief er.Es führt ja doch zu nichts. Soll ich wegen des flüchtigen Gefühls⸗ rauſches von ein paar Stunden mit meiner ganzen Vergangen⸗ heit brechen? Ich bin ja doch viel zu alt und zuehrbar, um auf einmal einem andern Ziele nachjagen zu können mit der Hoffnung, es zu erreichen. Nein, nein, ich werde euch nicht ungetreu, wandte er ſich an ſeinen Arbeitstiſch,ihr lieben Genoſſen ſo mancher ſchöner Stunden. Nur etwas Geduld müßt ihr mit mir haben. Es wird bald alles wieder in ſeine alte Ordnung kommen. Und das ſoll es, ſo wahr ich Doctor der Philoſophie bin! Mit einiger Anſtrengung muß ja dieſe innere Unruhe überwunden werden können!

Er wollte ſich wieder niederlaſſen, um ſeinen feſten Willen ſofort durch die That zu bezeugen, als ſein Auge auf das Fenſter fiel, durch welches man den Hof und den neuen Schloßflügel erblickte. Ein oberes Fenſter öffnete ſich hier

Wachenhuſen's Hausfreund. X. 16.

Der Privatdocent. Erzählung von Ad. Lichtenheld. (Fortſetzung.)

eben, und in dieſem ward das Lockenköpfchen Doris' ſichtbar, die ſich hinausbeugte und einen Gruß in den Hof hinabwarf.

Schon bei dem Erblicken des Mädchens war Theobald zuſammengefahren. Dann eilte er hinzu, um zu ſehen, wem denn dieſer ausnehmend freundliche Gruß zu Theil ward. Er kam eben noch recht, um zu ſehen, wie der junge Jäger Paul ins Schloß trat, während Doris wieder vom Fenſter verſchwand.

Mit langem Geſicht ſtand Theobald da und ſah durch die Scheiben. Dann ſagte er reſignirt:

Der Trumpf kam a tempo. An den grünen Burſchen hatte ich gar nicht mehr gedacht. Ach! ich bin doch froh, daß ich noch zu rechter Zeit an ihn erinnert wurde, ehe ich mich von den thörichten Gedanken, die meine Sinne aufregten, vollends um meine Ruhe bringen ließ. Es iſt in der That beſſer ſo!

Er ſetzte ſich nieder in der feſten Meinung, daß nun die Arbeit leichter vor ſich gehen würde. Aber er täuſchte ſich.

Wiſſen möchte ich doch, murmelte er nach einer Pauſe,was der Fant drüben zu ſuchen hat, und ob etwas mehr als die nahe Verwandtſchaft jener ſo freundlichen Be⸗ willkommnung zu Grunde liegt. Sollte es wirklich möglich ſein, daß Doris ein wärmeres Gefühl für ihn gefaßt haben könnte? Ein hübſcher Burſche iſt er, daß iſt nicht zu leugnen, und die knappe Jägertracht kleidet ihn vortrefflich. Mädchenaugen ſollen leicht durch dergleichen äußere Vorzüge beſtochen werden. Doch nein, es iſt nicht möglich! Eine ſolch unbedeutende Perſönlichkeit, ein Jäger, ein Herum⸗ ſtreicher kann einem Mädchen wie Doris nicht genügen. Er hat, ja gewiß iſt es ſo, ein Geſchäft mit dem Alten ab⸗ zumachen. Doch nein, der wollte ja ausgehen, wie er ſagte. Er iſt alſo nur des Mädchens wegen gekommen! Zum Kukuk, ich breche eine Gelegenheit vom Zaun und gehe hinüber! Er ſprang auf und wollte ſchon ſeinen Entſchluß ausführen⸗ Da hielt er plötzlich mitten in ſeinem raſchen Gange inne, ſah vor ſich hin, als ſei plötzlich eine große Erkenntniß über ihn gekommen, und ſagte mit ſehr langſamer, ruhiger Stimme:

Theobald, es ſcheint mir, als ob du in dieſem Augen⸗ blick von jener ſonderbaren Empfindung behaftet ſeieſt, die man im gewöhnlichen Leben und in der Sprache der Lieben⸗ den Eiferſucht nennt.

Er trat einen Marſch im Zimmer an, wie immer, wenn er eine wiſſenſchaftliche Calculation vor hatte.

93