„Gewiß!“ ſagte ſie ſchnell,„als gute Chriſtin und um Ihre Seele zu retten; denn die Nixen ſind ja heidniſche Göttinnen und ſtehen mit dem Teufel im Bunde.“
„Und“, fuhr Theobald langſam fort,„ſonſt wäre ich Ihnen kein Preis eines Kampfes werth?“
Doris ſah ihn verwundert prüfend an.
„Ich verſtehe Sie nicht“, ſagte ſie dann verwirrt.„Doch kommen Sie! Setzen Sie ſich neben mich und nehmen Sie das andere Ruder. Folgen Sie nur meinen Weiſungen!“
Bald glitt das Boot über die ſpiegelglatte Fläche dahin. Theobald ſiellte ſich geſchickter an, als er es ſelbſt gedacht hätte. Mit ein paar Ruderſchlägen hatte er die beſonderen Griffe wieder weg. Doris lobte ihn recht ſchulmeiſterlich, was er zufrieden lächelnd hinnahm. Sie ſteuerten auf einen Fels zu, deſſen graues Geſtein drüben aus dem Walde, hart am Ufer und halb in den Bäumen verſteckt, hervorſchimmerte. Als ſie die Mitte des Sees erreichten, zog Doris das Ruder ein. Theobald folgte ihrem Beiſpiel, und kein Laut unter⸗ brach jetzt die um den See lagernde Stille, während der Kahn noch im Schuß dahin glitt.
Da war es Theobald plötzlich, als ob leiſe Töne, wie von einem Saiteninſtrumente, an ſein Ohr ſchlügen. Er lauſchte; es war keine Täuſchung; er ſah das Mädchen an. Doch ſie lächelte nur ſtillvergnügt und flüſterte:
„Die Nixe ſingt! Seien Sie auf Ihrer Hut!“
Langſam trieb das Schiff weiter, und ſtärker wurden die Töne, die wie auf dem Winde vereinzelt herüber getragen klangen. Theobald lauſchte ſtill, um die Art des Inſtruments zu ergründen. Aber bald däuchte es ihn wie Muſik, bald wie Geſang von Kinderſtimmen. Er grübelte vergebens. Töne waren es und weiter nichts. Da ergriff Doris die Ruder und trieb mit ein paar kräftigen Zügen das Schiff raſch weiter, dem Felſen zu, bis ſie unter demſelben hielten. Und nun klang es voller, faſt in Accorden, die immer wieder jäh ab⸗ brachen, und wie aus unendlicher Ferne, wie aus dem Lande, von dem die Jugend bei den Zaubermärchen träumt,
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und wie ſehnſuchtsvolle, rührende Klage um ein verlorenes Seelenglück, um die Verbannung aus dem Laude der ewigen Wonne. Dann aber war Alles ſtill wie vor Erſchöpfung, und nur einzelne erſterbende Laute rangen ſich los; und dann klang's wieder voller, als könne der Schmerz nimmer ausge⸗ klagt werden, wenn der Wind über die Baumgipfel rauſchte und die Blätter darein flüſternd zuſammen ſchlugen.
Die Eindrücke, die dieſe Vorgänge in Theobald hervor riefen, waren wieder mächtige. Abermals übermannte ihn die Wehmuth und die alten Erinnerungen. Seine Seele klagte mit um ein verlorenes Glück, um die Verbannung aus den Gefilden der Pveſie, in deren Genüſſen er einſt mit der ganzen Kraft und Luſt eines jugendlich ſchwärmeriſchen Gemüthes ge⸗ ſchwelgt hatte. Die Sehnſucht nach dem unſichtbaren Etwas ergriff ihn von neuem und ſeine ganze Seele griff hinaus, es zu faſſen. Er ſchaute hinauf zu dem Felſen, als ob er von dorther, wo dieſer alte Schmerz in ihm aufgewühlt war, auch die rettende Hand erwarte, die ihn aus dieſem Labyrinth, aus dieſer innern Verwirrung herausführen könne zu den lichten Höhen, die er einſt geſchaut. Des Pächters Worte wurden wahr. Empor mußte er über die Nebeldecke— oder zu Grunde gehen in ewigem Selbſtzerwürfniß.
Da ſtreifte ſein Auge das Antlitz Doris. Auch ſie war tief ergriffen von der unſichtbaren Gewalt, die in dieſes Ortes Schönheit und den Klängen der Aeolsharfe lag. Aber kein verhaltener Schmerz war in ihren Zügen ausgeprägt, nur die verklärte Wehmuth, die der höchſten, reinſten Befriedigung nie fehlt. Theobald meinte, aus dieſen innigen Zügen, denen Schönheit und zarte Jugendfriſche noch eine erhöhte Weihe gab, ſchaute ihn der Engel an, der ihn zu ſich ſelbſt zurückführen ſolle, als brauche er nur dieſe Hand zu ergreifen, um ohne Irren auf den verlorenen Pfad zurückgeleitet zu werden. Er ergriff dieſe Hand und preßte ſie dankerfüllt. Und ſie entzog ſie ihm nicht, ja ihm war', als erwidere ſie leiſe den Druck.
Da krachte plötzlich ein Schuß. Erſchreckt fuhren Beide zuſammen, daß der Kahn in heftiges Schwanken gerieth.
(Schluß folgt.)
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Die Flucht eines Königs. (Aus den Papieren eines Schiffskapitäns.)
(Fortſetzung.)
Niemals wird der Leſer ſich die ganze Größe der Ge⸗ fahr vorſtellen können, welche wir während dieſer beiden Tage durchlebt hatten.
Kaum hatte Murat den Fuß auf die Brücke geſetzt, als er von dem Senator Caſabianca erkannt und mit dem Titel Majeſtät begrüßt wurde. Der König machte ein abwehrendes Zeichen und ſagte:
„Ich nenne mich Campomello“; aber die Leute an Bord hatten ſchon die Worte Caſabianca's gehört und er konnte daher das Incognito nicht bewahren. Außer dem Senator und unſerm Freunde Oleſſa befand ſich an Bord noch ein
Neffe des Prinzen Baccioechi, Boerio, und ein Offizier, welche
dem Blutbade in Südfrankreich entflohen waren. Man denke ſich ihre Ueberraſchung, als ſie dreißig Meilen weit aus einem Schiffchen, welches ſich im Waſſer verlor, den heroiſchen König von Neapel mit langem Frack und ſchwarzen, über die Schulter wallenden Haaren herausſteigen ſahen.
Murat plauderte mit Caſabianca und war ſo zufrieden, daß er ſeine Reiſegefährten und den Hunger vergaß, der uns alle Vier quälte. Donnadieu, der ſeine Ungeduld nicht beherrſchen konnte, machte eine bezeichnende Geberde, und der König erzählte dem Senator, daß wir ſeit 48 Stunden nichts gegeſſen hätten. Sogleich brachte man uns kalte Küche, und ich verſichere dem Leſer, daß wir derſelben alle Ehre anthaten.
Zu unſerer großen Befriedigung fuhr das Schiff mit vollen Segeln auf Corſica los, und kurze Zeit nach Sonnen⸗
untergang verkündigte man vom Vorderdeck Land: es war das Cap von Corſica. Der König, der nicht wußte, wie er aufgenommen würde, ſagte Jedem, daß er das ſtrengſte In⸗ cognito zu bewahren wünſchte, und nahm den Namen eines Grafen von Campomello an. Und da er wußte, daß Donna⸗ dieu und ich keine Papiere beſaßen, ließ er von Blancard zwei Patente als Adjutanten mit dem Titel Baron aus⸗ ſtellen. Er bat uns, dies als eine geringe Entſchädigung
anzunehmen für die Gefahren, welche wir für ihn ertragen
hatten.
bewilligen wird, nicht mich gegen Sie abzufinden— das iſt nicht möglich— aber Sie auf eine Art zu belohnen, welche Ihrer und meiner würdig iſt.“
Donnadieu warf mir, ohne daß es der König bemerkte, einen Blick zu, der ſeine Zweifel ausdrückte, und im Lauf des Abends kam er, während ich mit Blancard ſprach, zu uns und ſagte mit ironiſcher Würde:
„Ah, meine Herren Barone, wie finden Sie das Wetter?“ Eine Frage, die uns in große Heiterkeit verſetzte.
Unſere Baronie war, wie man bald ſehen wird, nicht von langer Dauer.
Vor Mitternacht fuhren wir zwiſchen dem Cap und einer benachbarten Inſel hindurch, und eine Stunde ſpäter befanden wir uns vor Maſſinaggio, wo der König landen wollte, in der Abſicht, von hier zu Pferde ſeinen Adjutanten Frances⸗ chetti in Vescovato aufzuſuchen.
„Ich hoffe“, fuhr er fort,„daß Gott mir das Glück.
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