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war leichtfertig, ihre Ausgelaſſenheit aber ſprach von einem edlen Gemüth; ſie beſaß eine Lebensluſt, die ſie zu manchem unbeſonnenen und von der Welt zu verdammenden Schritt geführt haben mag; der Angeklagten gegenüber aber erſchien ſie doch wie eine Heilige.
Eine Reihe von Namen angeſehener Männer, deren Briefe an Sidonie man vorfand, deren Photographien man in ihrem Album begegnete, ſind durch dieſen Proceß öffentlich compromittirt, vielleicht ſogar ohne wirklichen Zweck. Unſere Criminaliſten ſchonen ja keinen Namen, keinen Ruf; ſie bringen Alles aufs Tapet, was in irgend⸗ welcher, wenn auch noch ſo entfernter Beziehung zu den Perſonen geſtanden.
Alle Nationen waren in dieſem Album vertreten, Braſilianer, Mexicaner, Nordamerikaner, Engländer, Italiener, Spanier, Franzoſen und Deutſche— lauter Männer von mehr oder minder hervorragen⸗ der Stellung in der Geſellſchaft. Die Gerichtsverhandlungen ver⸗ öffentlichten zum Theil ihre Namen; die Zeitungen trugen ſie in der Welt umher. Mancher von ihnen hatte eiligſt Paris verlaſſen, um nicht gar vor die Aſſiſen citirt zu werden. Ein junger Mann, deſſen Briefe an Sidonie aus Brüſſel verleſen und der ſelbſt als Zeuge herbeigeholt worden war, ein gewiſſer Laſſerre, der Geliebte Sidoniens, glaubte ſelbſt noch an ihre Treue, als er das Gegentheil hören mußte. Rührend waren ſeine Worte, noch mehr ſeine Thränen. Sidonie mag ihn wirklich allein geliebt haben, aber das mochte ſie nicht hindern, auch Andere wenigſtens amuſant zu finden.
Die Treue iſt in Frankreich ein ſehr elaſtiſcher Begriff.
Die Angeklagte leugnete ihre Schuld mit bewundernswerther Haltung und Conſequenz. Ihr Vertheidiger Lachaud, der Nachfolger des berühmten Chaix⸗d'Etange aus dem Proceß Lafarge, parirte jeden nach ſeiner Schutzbefohlenen geführten Hieb meiſterhaft. Die Letztere, da ſie keiner greifbaren Perſon den Verdacht auf den Hals ſchieben konnte, warf denſelben auf eine geheimnißvolle Perſon, die wie ein Schatten durch den ganzen Proceß geht, auf einen gewiſſen Eng— länder, Namens Williams, von dem ſie ſchon früher in Briefen ge⸗ ſprochen, und den ſie, wenn er nicht wirklich exiſtirt, eigens erfunden haben muß, um ihm alle Schuld aufzubürden.
Alle Nachforſchungen waren vergebens. Niemand hatte jemals dieſen räthſelhaften Engländer geſehen; weder in der Provinz, noch in Paris, in Fontaineblau, noch endlich in Walde. Und dennoch behauptete die Angeklagte, Sidonie habe ſich mit dieſem im Walde ein Rendezvous gegeben; ſie habe ſie verlaſſen, um dem Rendezvous aus dem Wege zu gehen, Williams allein alſo könne der Schul⸗ dige ſein.
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Aber auch die Führer von Fontainebleau, die auf alle Fremde ein ſcharfes Auge haben, um ihnen ihre Dienſte anzubieten, auch dieſe hatten keinen Menſchen geſehen, der irgendwie dem beſchriebenen Williams ähnlich, dagegen erinnerten ſich alle der luſtigen Sidonie, wie ſie vor Franchard aus dem Wagen geſtiegen und nach ihrem Diner die Promenade mit der Angeklagten gemacht.
Der ganze Vorfall blieb in Dunkel gehüllt; an der vermutheten Mörderin zeigte nichts auch nur den Schein eines Schuldbewußtſeins. War ſie wirklich die Mörderin, ſo hatte man eine Verbrecherin vor ſich, ſo hart geſotten, wie je eine vor den Aſſiſen geſtanden.
Mit ſteigendem Intereſſe folgte Alles in Paris, in ganz Frank⸗ reich den Verhandlungen der Aſſiſen. Die Plaidohers begannen. Der Vertheidiger warf ſich noch einmal mit der ganzen Wucht ſeines Talentes und ſeiner Routine für die Schuldloſigkeit ſeiner Clientin in die Schranken.
Seine Rede machte den tiefſten Eindruck. Die Angeklagte, ruhig wie immer, wandte ſich als er ſchwieg, zu ihm und ſagte ihm: „Je vous ai à dire beaucoup des choses“, ich habe Ihnen noch viel zu ſagen.
Im Zuhörerraum waren die Meinungen getheilt. Manches Auge war von Thränen gefeuchtet.
Endlich zogen ſich die Geſchworenen zurück. Mit ſcheinbar höchſter Seelenruhe erwartete die Angeklagte ihre Rückkehr und den verhängnißvollen Spruch.
Dieſer Spruch, das Urtheil ward gefällt. Die Geſchworenen antworteten auf die Frage, ob die Angeklagte des Mordes ſchuldig, mit Ja!
Dieſelbe ward durch das Geſetz zu lebenslänglicher Zuchthaus⸗ ſtrafe verdammt.
Und ſie? Wohl ſchien ihr Antlitz einen Augenblick einem flüch⸗ tigen Wechſel unterworfen; ſie ward bleich, aber ſie verlor ihre Faſſung nicht. Sie wandte ſich an ihren Vertheidiger und ſagte ihm ihren Dank für die Aufopferung, mit welcher er ſich ihrer ange— nommen.
Die Leiche der unglücklichen Sidonie ward prunklos in Fontainebleau dem Schoos der Erde übergeben. Man hatte ihr das reiche blonde Haar abgeſchnitten, um die Unverletztheit des Schädels zu conſtatiren. Einer ihrer Verehrer ſoll eine ungeheuere Summe für den Beſitz dieſes wunderſchönen Haares geboten haben; die Aerzte ſelbſt erklärten, daß Sidoniens Körper der ſchönſte geweſen, den je das Unglück unter das Meſſer der Wiſſenſchaft gebracht.
Hans Wachenhuſen.
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Traunng und Hochzeitsreiſe auf einem Luftballon.
Wir beeilen uns, von einer zweiten, auf einem Luftballon ge⸗ feierten Vermählung in den Vereinigten Staaten zu berichten, nach⸗ dem vor ungefähr zwei Jahren eines ähnlichen Actes erwähnt worden, der auf der Station für Luftſchifffahrt im Centralpark zu New⸗York, unter der Leitung des Profeſſors Love, vorbereitet wurde.
Der gegenwärtige Fall fand zu Pittsburgh in Pennſylvanien ſtatt. Am 6. Juli d. J. verſammelte ſich, trotz des unaufhörlichen Regens, um 2 Uhr Nachmittags eine zahlreiche Zuſchauermenge im Stadtparke, wo ein vom Profeſſor Thurſton angefertigter Luft⸗ ballon mit einer von Weiden geflochtenen Gondel— ſchön wie ein Hochzeitskörbchen— ſich reiſefertig blähte.
Um 4 Uhr beſtiegen Miß Fornſhell und Mr. Smithſon in Be⸗ gleitung des Alderman Strain die Gondel, und einen Augenblick darauf erhob ſich der Ballon majeſtätiſch in die Luft, an einem hundert Fuß langen Seile gehalten.
Nachdem die Verbindung des jungen Paares in dieſer Höhe durch den Alderman vollzogen war, ſenkte ſich der Ballon zur Erde und Profeſſor Thurſton beſtieg an Stelle des Alderman die Gondel, die Seile wurden gelöſt und das luftige Schiff, ſeiner Bande ledig, ſtieg in die Himmelsregionen.
In nie abweichender, ſenkrechter Richtung bis zu einer Höhe von ungefähr 2000 Fuß angekommen, nahm der Ballon eine ſüd⸗ öſtliche Direction, ſegelte über den Fluß Alleghanh, die obern Stadt⸗ theile, und nachdem er die Höhe von Monongahela Valleh erreicht hatte, ſenkte er ſich allmählich und ſchlug wohlbehalten, ungefähr zwei Meilen von Mckeesport, ſeinen Anker in die Erde.
Dieſe Luftfahrt iſt die gelungenſte, welche je in Amerika gemacht worden, und ſie iſt die erſte, während welcher factiſch„in der Luft“ eine Trauung ſtattgefunden hat.
Nach der competenten Ausſage des Profeſſors Thurſton legte Miß Fornſhell auf der Reiſe eine Probe wirklich ſeltener Uner⸗ ſchrockenheit ab, indem ſie bis zur erſten Wolkenzone, alſo ungefähr 1000 Fuß über der Erde, an der Galerie der Gondel aufrecht ſtand.
Der Ballon war überhaupt 3000 Fuß geſtiegen. Als die Luſt⸗ ſchiffer unweit Mckeesport die Erde berührten, fanden ſie ſich von mehr als tauſend Menſchen umgeben, welche ſie mit großer Theil⸗ nahme empfingen und einen Wagen für Miß Fornſhell-Smithſon, ſowie einen Karren zum Transport des Ballons bereit hielten.
8 Feuilleton.
Als man ſich Mckeesport näherte, wuchs die Menge mit jedem Augenblicke und die Begeiſterung endlich bis zu einer ſolchen Höhe, daß die Pferde ausgeſpannt und der Wagen des jungen Ehepaars mit Thurſton im Triumphe bis ins Hotel gezogen wurde.
Am Abend wurden den Neuvermählten zahlreiche Ständchen gebracht, und nur mit Mühe gelang es ihnen endlich, ſich zu verab⸗ ſchieden und den Dampfer zu erreichen, welcher ſie gegen Mitternacht nach Pittsburgh brachte.
Der Himmel, der beſte Zeuge des von dieſen herzhaften Gatten geſchloſſenen Bandes, wird gewiß ihrer Verbindung günſtig ſein!
R.
Eine Herausforderung vor Gericht.
Vor einigen Tagen ſtarb in Birmingham, England, ein armer Greis, Namens William Aſhford. Derſelbe war die letzte Perſon, die, der alten barbariſchen Sitte gemäß, einen Zweikampf vor Gericht in umſchloſſenen Schranken mit Jemand angenommen hatte, der unter der Anklage ſtand, die Schweſter Aſhford's ermordet zu haben. Letztere, ein zwanzigjähriges, ſehr hübſches Mädchen, hatte ſich ohne Begleiter auf einen Ball zu Erdington begeben. Dies war am 26. Mai 1817. Spät in der Nacht verließ das Mädchen den Tanzſaal in Geſellſchaft eines jungen Mannes mit Namen Abraham Thornton, des Sohnes eines Pächters der Nachbarſchaft. Unweit der Meierei Thornton's hatte man Beide zuletzt geſehen, und am andern Morgen fand man das junge Mädchen todt in einer Lache von Blut. Thornton war, als des Verbrechens verdächtig, eingezogen und vor das Gericht zu Warwick geſtellt; aber, wenngleich ſich gegen ihn ſehr ſchwere Ver⸗ dachtsgründe erhoben, wußte er dennoch ſein Alibi feſtzuſtellen und er wurde freigeſprochen. Die öffentliche Meinung war aber von dieſem unerwarteten Ausgang des Proceſſes indignirt und Thornton wurde von Neuem gerichtlich verfolgt. Diesmal trat der Bruder der Ermordeten, William Aſhford, als Ankläger auf und Thornton wurde vor das Gericht nach London gewieſen. Der Angeklagte indeſſen, anſtatt ſich wieder auf Beweiſe und Zeugen zu berufen, nahm ein altes Recht in Anſpruch und forderte ſeinen Ankläger heraus, mit ihm in geſchloſſenen Schranken auf Tod und Leben zu kämpfen. Er erklärte, unſchuldig und bereit zu ſein, dieſe Ausſage bis aufs Leben zu vertheidigen. Gleichzeitig warf er ſeinen Handſchuh vor den Rich⸗ tern nieder. William Aſhford trat ſofort hervor, nahm die Heraus⸗ forderung an und wollte den Handſchuh autheben, wurde aber durch


