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in demſelben Walde, deſſen ſchöne, romantiſche Partien jetzt ſo zahl⸗ loſe Reiſende anlocken.
Man fand ein junges, ſehr elegant nach den Anforderungen der ſtrengſten Mode gekleidetes Weib leblos an einem Grabenrande ſitzend; ein Sonnenſchirm bedeckte ihren Kopf. Die Würmer hatten bereits das jugendliche Antlitz verwüſtet, da ſie trotz der Nähe der Fahrſtraße fünf Tage lang unbemerkt geblieben war.
Vermuthungen über Vermuthungen folgten ſich; Alle aber liefen darauf hinaus, daß die Unglückliche nicht eines natürlichen Todes geſtorben ſein könne.
Endlich führte man gegen Mitte Auguſt ein noch ziemlich junges Weib vor die Aſſiſen, unter dem dringenden Verdacht, ihre Freundin ermordet zu haben— dieſelbe, welche man als Leiche im Walde von Fontainebleau gefunden.
Einer der intereſſanteſten Proceſſe war im Stillen vorbereitet worden. Die Welt ſollte von einem Verbrechen hören, ſo ſeltſam und eigenthümlich, wie es die Annalen der europätſchen Criminaliſtik noch nicht verzeichnet.
Was es in Paris an Neugierigen gab, ſtrömte zu den Aſſiſen von Melun. Dort ſaß auf der Anklagebank Mathilde Louiſe Alexandrine Leblonis, verehelichte Frigard, deren Charakter ſich im Laufe der Verhandlungen ebenſo ungewöhnlich zeigte wie das Verbrechen, deſſen ſie angeſchuldigt war.
Madame Frigard hatte in der Provinz mancherlei Schickſale überſtanden. Tochter eines ſehr angeſehenen Arztes, hatte ſie ſich verheirathet mit einem Kaufmann, und während dieſer Ehe ſcheint ſie ihren Gatten in jeder Beziehung dominirt zu haben.
Vielleicht großentheils durch ihre Schuld machte Frigard Bankerot. In dem Concursverfahren zeigte ſeine Gattin dem Gerichte gegen⸗ über eine Schlauheit, eine Erfahrung im Intriguiren, welche den Syndicus der Gläubiger veranlaßte, auch ſeinerſeits alle ihm zu Gebote ſtehenden Mittel anzuwenden.
Madame Frigard behauptet, von dieſem Shndicus auf eine ſchonungsloſe Weiſe verfolgt worden zu ſein; er ſei es, der durch ſeine Grauſamkeit und Rückſichtsloſigkeit ihre ganze Zukunft ver⸗ nichtet. Es iſt indeß anzunehmen, daß dieſer Mann nicht mehr that als ſeine Schuldigkeit, um die Rechte der Gläubiger gegen die Raffinerie dieſes Weibes in Schutz zu nehmen.
Madame Frigard ſpielte, wie das Verhör ergab, ſeitdem eine ganz ſonderbare Rolle. Man erkennt in all Dem, was hier zur Sprache kam, eins der verſchlagenſten Weiber, das mit allen Mitteln,
ſelbſt den ungewöhnlichſten, ein Vermögen zu erwerben ſuchte. Sie
betrieb Weinfälſchung, verlegte ſich auf den Magnetismus und Spiritualismus, ſuchte in der Dummheit und Unerfahrenheit Anderer ihre Werkzeuge, bemühte ſich gutmüthige Individuen zu überzeugen, daß auf ihrem Grundſtück ein Schatz vergraben, den ſie durch eine Somnambule zu heben ſich anheiſchig mache, betrog die Leute um ihr Geld und trat in dieſer Weiſe bald hier, bald dort zum Vorſchein. Ueberall ließ ſie Betrogene zurück.
Endlich lernte ſie in Paris in einem jener Bureaux, die ſich mit Vermittelung aller Geſchäfte, Anſtellungen, Geldverkehr, Heirathen, Verkäufen von Grundſtücken u. ſ. w. abgeben, ein junges Weib kennen, das wie ſie eine Geſellſchafterin ſuchte, um ein Hotel garni anzulegen, wie es deren Tauſende in Paris gibt.
Es war dies ein ſchönes junges Weib, von guter Herkunft, früher mit einem Engländer vermählt, der ſie jedoch ſchon den Tag nach der Hochzeit verließ, da ihm anonyme Briefe die Vergangenheit ſeiner reizenden jungen Frau als nicht fehlerfrei ſchilderten. Sidonie Folleville de Mertens führte ſeitdem in Paris ein Leben, das ihrem heiteren, ausgelaſſenen Temperament am beſten zuſagte.
Sie verließ ſich auf das Glück, das der Schönheit in Paris ſtets zu Füßen liegt. Sie machte Bekanntſchaften mit reichen und vor⸗ nehmen Fremden, ſcheint aber wenigſtens ihr Herz vor jedem ſchnöden Handel bewahrt zu haben.
Die Angeklagte mochte in Sidoniens Schönheit, in ihrem glück⸗ lichen Temperament und ihrer ſorgloſen Lebensanſchauung eine er⸗ giebige Quelle für ſich ſelbſt erkannt haben.
Sidonie beſaß Geld; reiche Fremde warfen es ihr verſchwenderiſch in den Schoos. Die Angeklagte erſchwindelte von ihr namhafte Summen, um das nöthige Mobiliar zu kaufen, ahmte aber auch die Handſchrift ihrer harmloſen Freundin nach, um ihrer Habſucht zu fröhnen.
Das ganze Syſtem des Betruges, mit welchem Madame Frigard Sidonie umgab, hier zu ſchildern, würde zu weit führen; mit einem Worte, die Angeklagte ſpielte die Vermittlerin der Schönheit und ſtand ſich nicht ſchlecht dabei.
Jedenfalls aber beſtahl und betrog ſie die allmählich ſchon mis⸗ trauiſch gewordene Sidonie in dem Grade, daß ſie Urſache hatte, die Entdeckung zu befürchten und dieſe Furcht brütete in ihr den Plan aus, der ſie zur Mörderin machte.
Die Angeklagte überredete eines Tages ihre Freundin, mit ihr eine Partie nach Fontainebleau hinaus zu machen. Obgleich wider⸗ willig, folgte ihr Sidonie doch. Beide ſtiegen in einem Hotel in Fontainebleau ab und machten am andern Tage eine Spazierfahrt in den Wald und zu dem Reſtaurant Franchard.
Es iſt erwieſen, daß Sidonie ſchon nach der Ankunft in Fontaineblau von Uebelkeit befallen wurde, welches dem Genuß des Weines zuzu⸗
ſchreiben iſt. Die Angeklagte ſcheint überhaupt, mit Giften vertraut, ihre Freundin langſam zum Tode vorbereitet zu haben.
Sidonie war während dieſer Fahrt in heiterer Laune, die ſie niemals verließ. Sie ſang, ſie ſcherzte. Die Führer, welche ſtets des Fremdenbeſuchs gewärtig, überall an den intereſſanteſten Partien des Waldes ihre Poſten beziehen und namentlich jetzt während der Weltausſtellung eine gute Ernte finden, dieſe Führer ſagten einſtimmig aus, daß ihnen Sidonie nicht nur durch ihre Schönheit, ſondern au durch ihre Heiterkeit aufgefallen.
Nachdem Beide im Reſtaurant der Eremitage von Franchard ein kleines Mahl eingenommen, machten ſie einen Spaziergang nach den einſameren, romantiſchen Partien des Waldes, von welchem die unglückliche Sidonie nicht zurückkehrte.
Die Angeklagte langte allein im Hotel wieder an, erzählte dort, ſie habe ihre Freundin im Walde verloren, doch ſei ſie dergleichen an ihr ſchon gewohnt; ſie werde ſich ſchon wieder einfinden; viel⸗ leicht auch ſei ſie ſchon ohne ſie nach Paris zurückgekehrt.
Madame Frigard reiſte allein nach Paris zurück, nachdem ſie in Fontainebleau eine Broche verkauft und im Hotel eine größere Bank⸗ note gewechſelt.
Am fünften Tage darauf fand man im Walde die Leiche, un⸗ kenntlich gemacht durch Würmer, die elegante Kleidung durch den Regen ſtark verwüſtet.
Der Verdacht fiel natürlich ſofort auf ihre Begleiterin. Die Behörden ſandten ihre Diener nach ihr aus. Man fand und ver⸗ haftete ſie. Trotz der von ihr gezeigten unglaublichen Geiſtesgegen⸗ wart ſprachen doch alle Umſtände ſo laut gegen ſie, machten den Verdacht ſo in die Augen ſpringend, daß der Proceß inſtruirt und ſie vor die Aſſiſen geführt wurde.
Da die Leiche keinerlei äußere Spuren der Gewalt zeigte, war man anfangs überzeugt, daß die Unglückliche vergiftet worden. In⸗ deß man kannte damals den Charakter der Angeklagten nicht; von ihm war ein ſo plumper Mord nicht zu erwarten. Madame Frigard ſtellte ſelbſt die bedeutendſten Aerzte auf eine harte Probe, ſie be⸗ ſchenkte die europäiſche Criminaliſtik mit einem derſelben noch unbe⸗ kannten Verbrechen.
Alle Welt hat von den indiſchen Würgern, den Thuggs, gehört, aber eben nur wie von einem grauenhaften Märchen, das ſich Nie⸗ mand recht tlar machen kann. Madame Frigard, die gewandte, raffinirte Frau, mußte indeß ſorgfältige Studien in dieſer Beziehung gemacht haben, denn was Alle nur von Hörenſagen, aus Sitten⸗ ſchilderungen und Romanen kannten, ſie hatte das Geheimniß erforſcht, in dem entſetzlichen Grade erforſcht, daß ſie es ſelbſt ins Werk ſetzte, und die Aerzte conſtatirten daher eine Erwürgung nach Art der indiſchen Thuggs, eine Erwürgung, die äußerlich nicht ſichtbar, die ſich nur an der äußere Lungenhaut und an einer gewiſſen Lage und Beſchaffenheit der Zunge kenntlich macht.
Die Aerzte, denen dieſer Fall in der ganzen mediciniſchen Praxis Europa's zum erſten Male vor Augen kam, erklärten ſich einſtimmig, nur in der Zeit, binnen welcher der Tod erfolgen konnte, waren ſie ver⸗ ſchiedener Meinung. Der Eine behauptete, der Tod müſſe in fünf Minuten erfolgt ſein, der Andere beſtand auf dreißig Minuten.
Indeß hier lag nicht die Kapital⸗Frage. Sidonie de Mertens war erwürgt, und zwar mußte ſich der Mörder von hinten auf das ahnungslos daſitzende Opfer geſtürzt und dieſein die Bruſt auf die Knie gedrückt haben, während die Hände des Mörders in der Weiſe den Hals der Unglücklichen umſchlangen, daß keine äußere Spur zurückblieb.
Eine ſcheußliche, entſetzliche Geſchicklichkeit, welche dieſes Weib bei der That gezeigt haben muß! Wer ſich in die grauenhafte Situation hinein zu denken ſucht, begreift dieſelbe kaum, und dennoch muß die That ſchnell und vollkommen gelungen ſein!
Die Angeklagte erſchien vor den Aſſiſen mit einer Ruhe, einer Geiſtesgegenwart, welche nicht nur das Auditorium, ſondern auch die Geſchworenen irre machen mußte. Niemals verließ ſie ihre Faſſung, keine Querfrage brachte ſie aus dem Gleichgewicht. Mit einer Unver⸗ ſchämtheit, die ſich hinter der Miene einer Märthrerin zu verſtecken ſuchte, einer Märthyrerin, die Alles, was man ihrem Lebenswandel vorwarf, nur um der Erhaltung ihrer Familie willen gethan, beugte ſie ſich unter dem Vorwurf, die elendeſte Rolle einer Kupplerin ge⸗ ſpielt zu haben. Sie nahm den Vorwurf mit Faſſung und Ergeben⸗ heit hin, ja ſie ſpielte ihre Rolle ſo meiſterhaft, daß ſelbſt das Gebet⸗ buch, mit welchem ſie eines Tages vor die Aſſiſen trat, nicht als eine empörende Blasphemie erſcheinen konnte..
Die Rückſicht gegen meine Leſerinnen gebietet mir, über alle die ſtandalöſen Momente hinweg zu gehen, welche in den Verhandlungen aus dem Leben der Todten ſowol wie der Angeklagten zur Sprache kamen.
Sidonie de Mertens war offenbar ein leichtſinniges junges Weib, aber nicht ſchlecht, obgleich die Angeklagte ihre unglückliche Freundin als eine liderliche Dirne kennzeichnet, der ſie oft prophezeit habe, daß ſie in St.-Lazare, dem Frauengefängniß, enden werde. Briefe von Sidonie und namentlich an ſie gerichtete Briefe von Männern ihrer Bekanntſchaft ſprechen dafür, daß die Unglückliche ihr Herz niemals verleugnet, daß ſie niemals jener Höhe der Herz⸗ und Empfindungsloſigkeit, der moraliſchen Verkommenheit erreicht, welche in ihrer Sphäre die meiſten Weiber ſich zur Aufgabe machen. Sidonie
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