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irgend eines Ueberfalls von dieſer Waffe Gebrauch zu machen! Das Meſſer iſt verdammt ſtumpf!“ Vibert ſtand wie verſteinert da—.
Seine ganze Berechnung war dahin, ſein ganzer Plan
vernichtet! Er verfolgte offenbar eine falſche Fährte! Es war Noch hielt er aber ſein Spiel nicht für verloren.
(Fortſetzung folgt.)
Ein Zigennerlager.
„Zigeuner! Zigeuner!“ Dieſes Wort ging voriges Früh⸗ jahr von Mund zu Munde in unſerm damals ſo ruhigen München. So etwas ſchien noch gar nicht dageweſen zu ſein. In der That iſt es auffallend, daß dieſes fortwährend wan⸗ dernde Völlchen mit ſolcher Beharrlichkeit unſerer Metropole auswich, daß, als ſie hier in der Nähe der Stadt ihre Zelte aufſchlugen, ganz München in Aufregung gerathen konnte und in großen Schaaren hinauszog, um das noch nie Dageweſene zu erſchauen.
Auch ich hatte nie Gelegenheit gehabt, dieſes Volk in ſeiner Lebensweiſe zu beobachten. Die Sache intereſſirte mich ſehr; ich ging, um ungeſtörter zu ſein, am früheſten Morgen gegen Schwabing, wo ſie ſich in einer großen Sandgrube in etwa ſechs Zelten häuslich niedergelaſſen hatten. Der Platz war ſehr geſchickt gewählt, weil es weit und breit die einzige Stelle war, wo man ſich gegen die Weſtſtürme ſchützen konnte.
Als ich beim letzten Zelte angelangt war, trat eine ſchöne, wohlgeformte junge Frau heraus, welche mich mit ihren großen Augen maß; im Zelte ſelbſt ſaß oder kauerte vielmehr ein junges weibliches Weſen und wuſch mit ungeheuerm Eifer Kleider in einer Mulde.
Sie war von ungewöhnlich ſchönen Körperformen; lange Zöpfe mit bunten Bändern und blinkenden Münzen durch⸗ wunden hingen über die Bruſt herab, während die Arme, von einer ſeltenen Fülle und Feinheit, in größter Activität waren; ſie ſchenkte mir nicht die geringſte Aufmerkſamkeit.
Hinten im. Zelte lag ſchlafend ein fauler Bengel von etwa 17 Jahren, ein bildſchöner Burſche mit langen, über die Schultern herabfallenden Haaren und ſtark gebräuntem Ge— ſicht; auf ihm herum krabbelten drei bis vier ganz kleine Creaturen, mit ſtruppigem langem Haar, im Uebrigen ſchmutzig nackt, nur mit einzelnen Spuren von ehemaligen Hemden. Einer davon war bald auf der Bruſt des Schlafenden eben⸗ falls eingeſchlummert, während die andern ihre Turnübungen fortſetzten, ohne die Schläfer im Geringſten zu beläſtigen.
Da kroch der kleinſte Balg auf einmal langſam auf die jugendliche Wäſcherin zu. Die nahm ihn, legte ihn an ihre Bruſt und wuſch ſo ruhig weiter— ſie war die Mutter!
Als ich die ſchöne Gruppe in mein Buch zeichnete, ſah ſie mich mit ihren großen braunen Augen lange an, ließ ſich aber ſonſt nicht im Geringſten irre machen.
Ein begonnenes Geſpräch mußte wegen meiner totalen Unkenntniß der Zigeunerſprache(ſie waren aus Ungarn) ſo⸗ gleich im Keime wieder erſtickt werden, bis ein anderer junger Kerl mit aufgeräumtem Geſicht aus der Stadt zurückkam mit neuen Aufträgen, nämlich mit zum Flicken beſtimmten alten Keſſeln und Pfannen.
Er war ein lebhafter Junge und redete mich ſogleich in gebrochenem Deutſch an; er lud mich ein, doch in das Innere des Zeltes zu treten, da könne ich ja Alles viel beſſer ſehen und zeichnen. Ich folgte ſeinem Rathe um ſo lieber, als ſich nach und nach eine große Menſchenmenge aus der Stadt angeſammelt hatte. Während ich arbeitete, erzählte er mir viele edle Züge mehrerer meiner Collegen in andern Städten. Wie der Eine, der blos eine halbe Stunde gezeichnet habe, vier Gulden in Silber hergeſchenkt habe; Andere haben aber mehr Zeit gebraucht und infolge deſſen mehr gegeben u. ſ. w.
Dieſe Logik bei einem ſo jugendlichen Gemüth frappirte
mich; ich zeigte ihm einen funkelnden neuen Thaler, der ſo⸗ fort an ſeiner ſchmuzigen Hand hängen blieb.—
Jetzt wurde auch der Schläfer wach; er mußte doch nicht ſo ganz feſt geſchlafen haben.
Die beiden Frauen wendeten mir von dem Moment an auch ihre Aufmerkſamkeit zu und wollten jetzt auch gezeichnet werden.
Der Schläfer rückte nun auch mit ſeinen paar Brocken Deutſch heraus, von denen mir jedoch nur das Wort„Gulidi“ (Gulden), das ſich ſehr oft wiederholte, verſtändlich war.
Die Naivetät war durch den unglücklichen Thaler beim Kukuk; ich verließ das Zelt mit meinen dem Leben abge⸗ lauſchten Schätzen und begab mich in ein zweites; es bot nichts, was es von dem erſten unterſchieden hätte. Ich wan⸗ derte weiter. In dem dritten ging es lebhaft zu. Da ſaßen drei Kerle mit rabenſchwarzen langen Locken zu beiden Seiten des Geſichts, ſie flickten und polirten Keſſel und Pfannen mit größtem Eifer und rauchten mit Behagen Cigarren dazu, die ihnen häufig geſchenkt wurden.
Ich hatte mich hier kaum niedergelaſſen, als ich meinen jungen Gönner vom Zelt Nr. 1 bemerkte, wie er herein⸗ ſchlich und einem der Zigeuner etwas in die Ohren blies; dies war leiſe und jedenfalls auf ungariſch geſagt worden, aber ich verſtand jedes Wort. Die Zigeuner widmeten mir von dem Augenblicke an ihre volle Aufmerkſamkeit und ver⸗ folgten jede meiner Handbewegungen; beſonders als ich an die Börſe langte, funkelten ihre Augen mehr als der Thaler, den ich ihrem Schutze anvertraute. Ich war froh, dieſen Talisman, der alle Zigeuneraugen auf mich heftete, los zu ſein, um wieder ungeſtörter die Leute in ihrem Thun und Treiben beobachten zu können.
Eine Frau machte ſich ihr Eſſen zurecht; ſie ſaß auf dem Boden und ſchnitt in ein Schüſſelchen hinein einen Hering in Stücke, dann Brot dazu und ſchüttete aus einem Kruge eine Flüſſigkeit dazu, die man nicht recht gut erkennen konnte; alsdann verzehrte ſie das Ganze in derſelben zuſammenge⸗ kauerten Stellung; es ſchien ihr trefflich zu ſchmecken.
Der Mittag lockte die Reſidenzler wieder in die Stadt; der Zigeunerhauptmann mit Frau und einigen andern Zi⸗ geunern kam nun in eleganter, reiner Kleidung aus der Stadt in einem Fiaker flott zurückgefahren; er ſprach am beſten die deutſche Sprache. Daß der jugendliche König Ludwig Il. ſie Tags zuvor beſucht hatte, machte einen großen Eindruck auf ihn er erzählte viel von ſeinem liebenswürdigen, leutſeligen Benehmen und zeigte dann den reichen Pokal und die übrigen Schätze, die ſie beſaßen.
Später ging ich wieder an den Zelten entlang; da feſſelte ein Bild meinen Blick, das wol das poetiſchſte von allen war, die ich heute geſehen.
Ich ſetzte mich hin und ſlizzirte es mir in mein Buch ſo, wie es der Leſer hier abgebildet findet.
Es war wahrhaft rührend, mit welch herzinniger Zärt⸗ lichkeit die gute Frau ihren Blick unausgeſetzt auf ihr kleines, ſchlafendes Würmchen heftete. Mit der Hand hielt ſie die Schnur, die das Zeltende ſo herüberzog, daß es das Kind be⸗ ſchatten mußte. Krüge und Schüſſeln in vrientaliſcher Formſtanden auf dem Boden umher; rückwärts auf dem Wagen koſtbare Teppiche; Kinder rutſchten in und außer dem Zelte auf dem Boden herum, während der Mann ſeinen Keſſel polirte.
Es ſammelten ſich nach und nach viele Neugierige um das Zelt; aber für die Frau war Niemand da; ſie mußte das Angegafftwerden ſchon von früheſter Jugend an gewohnt ſein. Heinrich Reder, der bekannte Verfaſſer ſo vieler rei⸗* zender Zigeunerlieder, fand ſich auch ein; auch er nahm


