Jahrgang 
1867
Seite
730
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Die geheimnißvolle telegraphiſche Berufung Laube's nach

Wien, welche ihn zwang, ſeine Cur in Karlsbad zu unter⸗ brechen, hat nicht wenig Aufſehen erregt. Wie es ſich jetzt herausſtellt, handelte es ſich um die Inſceneſetzung von

Wildfeuer,Der geheime Agent undBürgerlich und romantiſch, welche während der Anweſenheit des franzöſiſchen Kaiſers in Salzburg von den Hofſchauſpielern gegeben werden ſollen. Dazu wird zur AbwechſelungReine Hortense ge⸗ ſpielt werden, Männer in weißer Wäſche und ſchwarzen Fracks werden Vivat rufen, die Majeſtäten ſich huldvollſt verneigen und eine Menge Ehrenlegionen u. ſ. w. austheilen. Da bei dem politiſchen Beſuche des Sultans ſehr viel in Freundſchaft gemacht wurde, ſo wird wahrſcheinlich beim freundſchaftlichen Beſuche Napolcon's III. ſehr viel in Politik gemacht werden, worüber Andere referiren mögen.

Die Luxemburg⸗Affaire im Conſervatorium für Muſik, von welcher der letzte Brief berichtete, iſt in eitel Liebe und Freundſchaft aufgelöſt worden. Hellmesberger bleibt, Deſſoff bleibt, Fürſt Czartorhiſty bleibt, und Alle bitten ſich wechſel⸗ ſeitig um Vergebung und finden es unbegreiflich, daß ſie jemals ſich feindlich gegenübertreten konnten.

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Derſelbe Brief enthielt auch ein Plaidoyer gegen die Todesſtrafe, zu welchem ſpeben unſer Landesgericht eine trüb⸗ ſelige Illuſtration bietet. Es iſt dies der Proceß des Schuſtergeſellen Adalbert Troll und ſeiner Geliebten, der Köchin Katharina Peterſilka, welcher ganz Wien in Aufregung verſetzte. Dieſe hatten am Pfingſtmontag, Nachmittags 4 Uhr, in einer ebenerdigen Gaſſenwohnung der 17 Jahre alten Appreteurstochter Louiſe Kolb mit einem Raſirmeſſer den Hals abgeſchnitten und ſodann mehrere tauſend Gulden ge⸗ raubt. Die an der That in minderm Grade betheiligte Peter⸗ ſilka legte ein reumüthiges Geſtändniß ab und wurde zum Tode verurtheilt. Troll leugnet hartnäckig und kann, ob⸗ gleich der That überwieſen, obgleich er der Verführer, der eigentliche Mörder war, nur zu lebenslanger Haft ver⸗ urtheilt werden, da der Gerichtshof nach öſterreichiſchem Geſetz nicht das Recht hat, einem Mörder, der nicht durch zwei vollgültige Augenzeugen der That bezichtigt wird oder ſelbſt ſein Verbrechen dem Gerichtshofe geſteht, eine härtere Beſtrafung zuzuerkennen. Summum jus, sacpe summa ihjuria!

Ein geheimnißvolles Drama.

Von A. B elot.

(Fortſetzung.)

Vibert indeſſen ſchien wenig geneigt, ſeinen Wachtpoſten zu verlaſſen. Je mehr Savari ſich Mühe gab, ihn zu ent⸗ fernen, deſto hartnäckiger vertheidigte er ſeinen alten Platz im Salon der Frau von Vidal. War dies Verſtellung oder der Abdruck irgend eines Gefühlsintereſſes?.

Deſſenungeachtet beſchlo eines Tages Savari, ſie zu ſehen, ohne daß es Vibert gelänge, ihm mit ſeiner Anweſen⸗ heit läſtig zu werden. Er beeilte ſich, ſie geradesweges in der Rue Grammont zu beſuchen.

Mariette meldete, daß Savari allein angelangt ſei und um Einlaß bäte.

Julia zauderte einen Augenbl ick; dann ſammelte ſie ſich aber und befahl zu öffnen. Savari trat ein; er vermochte kein Wort hervorz zubringen.

Wo haben Sie, bemerkte Julia, zu unterbrechen,den Grafen gelaſſen?

Ich meinte ihn hier anzutreffen, antwortete Savari, der in dem tief halbdunkeln Salon ſich noch immer nicht recht zu faſſen wußte.

Ich meinte im Gegentheil, daß Sie ihn in ſeinem Hotel erwarteten!

Genire ich etwa, Madame?

Nicht im geringſten, mein Herr!

Ich fühle mich überglücklich, Madame, Sie endlich ein mal allein zu ſehen!

bube Sie mir vielleicht etwas mitzutheilen? ent⸗ gegnete Julia ſüß.

Viel, ſehr viel! rief Savari mit Begeiſterung.

Ich ſtehe zu Ihren Dienſten bitte, nehmen Sie Pl atz mein Herr!

Sie nennen mich immer noch Herr? flüſterte der Liebende voll Traurigkeit.

Iſt das etwa unſchicklich? Belehren freunblichſt, wenn dies der Fall ich bin bekannt mit der franzöſiſchen Sprache!

Ach, verzeihen Sie mir, Madame....

Wieder lächelte Julia ſanft.

Dürfte ich den Grund dieſer Ihrer fahren? fragte ſie.

Savari rückte ihr näher und

um das Schweigen

Sie mich doch noch zu wenig ich bin aufge⸗

Aufregung er⸗

Sie wiſſen's,

ahnen es alſo nicht, daß man zwei volle Monate in Ihrer Nähe leben kann, ohne zu leiden?... Daß es eine geiſtige Tortur iſt, Sie ohne zu ſehen, zu hören, Ihren Athem zu fühlen, ohne.

Er mußte abbrechen. Sein Blic begegnete dem ihrigen; auf ihren Lippen ſchwebte ein eigenthümliches Lächeln. In⸗ deſſen drang er noch weiter in ſie. Bei den erſten Worten aber, die Savari über Liebe fallen ließ, vibrirte ihr ganzes Innere; ihr Schamgefühl war empört, ihr Zartgefühl ſichtbar erſchüttert. Doch überwältigte ſie meiſterhaft ihre Gefühle.

Von Liebe wagte man ihr zu ſprechen, ihr, deren Gatten

erſt vor Kurzem der Tod geraubt! Und der Mann, der ihr ſeine Liebe eben geſtanden, war der muthmaßliche Mörder.. Endlich ſchien ſie einen feſten Entſchluß gefaßt zu haben; ſie ſagte voll Weichheit:

Sie lieben mich alſo?

Savari war auf eine ſolche Art des Kampfes nicht ge⸗ faßt und meinte, Julia habe ihn indirect aufgefordert, der Unterhaltung eine andere Richtung zu gehen. Sie aber wiederholte ihre Worte und forderte alſo ſein Gefühl gerade da heraus, wo er auf ſie für immer verzichten zu müſſen glaubte.

Plötzlich ſchellte Jemand an der Thür, und man meldete die Ankunft Vibert's.

Dieſem genügte ein einziger Blick, um das Ganze zu überſchauen. Tiefe Bläſſe lagerte ſich über ſein ganzes Antlitz es war ein Augenblick. Dann küßte er Julia leicht die Hand und fragte, was es Neues gebe. Gleichzeitig Ai er ſich gegen Savari und ſagte, indem er die beſte Laune affectirte:

Sie hier, mein Freund? Ich erwartete Sie eigentlich im Hötel des Princes!

Savari entſchuldigte ſich, ſo gut er konnte, und damit ſchien Vibert vollſtändig zufrieden.

Das Peinliche der gegenſeitigen Lage führte jetzt zu einer höchſt langweiligen Unterhaltung. Dieſer auszuweichen ver⸗ abſchiedete ſich Savari, gegeben, um ſieben Uhr im Café⸗Anglais zu erſcheinen.

Nach einer langen Pauſe, während welcher Vibert Zeit

hatte, Julia zu beobachten, fragte er rauh: Nun? Julia, die ſinnend am Fenſter ſtand, antwortete:

nachdem er Vibert das Verſprechen