Jahrgang 
1867
Seite
728
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Er hatte den beſten Willen,europäiſche Civiliſation zu ſtudiren und lernte nichts kennen als europäiſche Tänzerinnen, Soldaten, Muſeen, Flotten, Ordensbedürftige und Köche, ſämmtlich begleitet von der echten türkiſchen Volkshymne, welche ihm, der gütige Himmel nur weiß wie oft, vorgeleiert wurde. In Oeſterreich allein ſoll er dieſen erhabenen Ohren⸗ ſchmaus 11186 Mal haben erdulden müſſen! Während man in Salzburg volkshymnete, bekam der Großtürke Hunger und ließ nach Neulengbach telegraphiren:Um 5 Uhr tür⸗ kiſches Gabelfrühſtück für 150 Perſonen, Alles in Oel gebra⸗ ten. Der Bahnhofreſtaurant Herr K. verſtand dieſe Variation der Ausſprüche Delphis. Doch woher in Neulengbach für 150 Perſonen Speiſeöl nehmen und nicht ſtehlen? Was Herr K. kochte, waren Schnitzeln mit Maccaroni(Nudeln) und Gulhas mit Nockerln! Welches Fett er aber verwendete, hat nie ein Sterblicher erfahren. Den Türken hat es wohlge⸗ ſchmeckt, und Lagerbier haben ſie maſſenhaft dazu getrunken. Am Weſtbahnhofe in Wien empfingen den Sultan die unvermeidliche türkiſche Volkshymne, der Hof ſammt Gefolge in Staatsuniform, verſchiedene Griechen und Türken mit rothem Fez auf dem ſchwarzgelocktem Haupte, Gemeinderäthe und andere anſtändig gekleidete Perſonen, denen man im letzten Augenblicke erlaubt hatte, die weiten Hallen des Bahn⸗ hofes zu füllen und Hoch zu rufen. Der Sultan, welcher etwas gelangweilt und unausgeſchlafen ausſah, ähnelt einiger⸗ maßen den Photographien, die man in den Auslagen unſerer Kunſthandlungen ſieht, weshalb man mir wohl die weitere Perſonalbeſchreibung erlaſſen wird. Eine hübſche Weile ließ er ſich unterſchiedliche Anreden verdolmetſchen, dankte und drückte ſogar dem Herrn Grafen Grünne, dem erſten Fach mann Wiens im Gebiete der Pferde, Hunde und Weiber, die Hand. Endlich wurde es ihm doch zu arg. Mit einer kühnen Wendung umging er den edlen türkiſchen Conſul und Präſidenten des Wiener Männergeſangvereins, den Ober⸗ rabbiner und Chachimpaſcha der iſraelitiſch türkiſchen Gemeinde und den griechiſchen Archimandriten, und ſtieg mit ſolcher Eile in den Hofwagen, daß er bald daran vergeſſen hätte, ſein Söhnchen nach Schönbrunn mitzunehmen. Von dieſem Prinzen erzählt man ein pikantes Stückchen Haremsgeſchichte Die erſte Gemahlin des Sultans, welche kinderlos war, hätte durch ſeine Geburt die Rechte der Sultanin Valida verloren und erſuchte deshalb bald nach dieſem freudigen Familien⸗ ereigniſſe höflichſt den kaiſerlich türkiſchen Leibarzt Spitzer⸗Bey, den kleinen Prinzen gefälligſt zu vergiften. Herr Pr. Spitzer⸗ Bey, eine ehrliche jüdiſch⸗deutſche Haut vom Wiener Stamme, rapportirte dem Sultan, die Valida wurde in aller Stille in den Bosporus geworfen, und der Doktor, um ihn vor der Rache ihrer Angehörigen zu ſchützen, an einen italieniſchen Hof als Geſandter geſchickt. Später erbaute er ſich ein Haus an der Ringſtraße.

Was der Sultan in Wien officiell mitmachen mußte, wird mir Jeder, der die Schilderungen ſeines Aufenthalts in Paris und London geleſen, gern erlaſſen. Im Weſentlichen bleibt das Programm ſtets daſſelbe. Militäriſche Manöver, darſtellend die Eroberung der durch ihre Knödel berühmten Ortſchaften Breitenſee und Ottakring, welche aus 96 Kanonen beſchoſſen wurden, Brückenſchlag über die Donau und Ein⸗ nahme eines Frühſtückes am linken Ufer des Stroms, Be⸗ ſichtigung aller von Bädecker mit einem Sternchen bezeichneten Merkwürdigkeiten u. ſ. w., und tägliche Hoftafel in Schön⸗ brunn, an welcher über hundert Perſonen theilnahmen. Die Speiſekarte ſelbſt beſtand aus lauter ausgeſuchten Dingen, wie ſie ſich wohl ſelten auf einer Tafel zuſammen befunden haben.

Von allen dieſen köſtlichen Sachen genoß der Sultan keinen Biſſen. Offiziell iſt er ſehr fromm und läßt ſich auch an der Hoftafel aus ſeiner eigenen Küche bedienen, deren Hauptforce in Schöpſenbraten beſteht. Zu dieſem nimmt man feingehacktes Fleiſch, gedünſteten Reis, grüne Phaſeolen, Kohl und Melonenſchnitte, bindet das Gemenge in Wein⸗ laub und läßt es in Olivenöl braten. Statt des Weines

trinkt er Sodawaſſer mit Himbeer oder Hrangenſirup.

Als frommer Türke darf er auch aus keinem Glaſe trinken, von keinem Teller eſſen, den ein Ungläubiger mit den Lippen berührt hat, und benutzt aus dieſem Grunde ſein eigenes Tafelgeſchirr. Orientreiſende, die zu hohen Tafeln geladen ſind, ſtaunen oft, daß man jede Speiſe, von der ſie genommen haben, ſofort wieder abträgt und halten dieſenGebrauch für eine beſondere nationale Höflichkeit. Würden ſie ahnen, welche Flüche ihr Gaſtſpender, der beim reichen Mahle hungern muß, in den Bart murmelt, ſie würden gewiß keinen Biſſen anrühren, und wie alle mit den Landesſitten Vertraute ſich mit Mangel an Appetit entſchuldigen.

Nach der Tafel begab ſich der Sultan in ſeine Ge⸗ mächer, welche vom Vorzimmer bis zum inodore nach echt türkiſcher Sitte hergerichtet waren, und hielt ſein Verdauungs⸗ ſchläfchen, welches am letzten Tage ſeiner Anweſenheit ſo lange währte, daß die bereits angeſagte Praterfahrt ausfallen mußte. Das werden ihm die Wiener nie verzeihen können! Von 2 Uhr bis in die ſinkende Nacht harrten Tauſende und Tau⸗ ſende auf den Sultan und vertrieben ſich inzwiſchen die Zeit mit der Erzählung von Anekdötchen über ſeine türkiſche Ma⸗ jeſtät. Man lispelte von der Beſtimmung der Diamantriviere, die um 120,000 Fl. am Graben gekauft worden war, von unſerer Demimonde, welche ſich Nacht für Nacht im Schön⸗ brunner Parke herumtrieb, um dieBekanntſchaft der Offiziere des Gefolges zu machen; von einer Dame, die eine Audienz verlangte, um mit dem Sultan über ihre She zu ſprechen; von.

Der Sultan erwachte erſt um 7 Uhr und begab ſich ſofort ins Wiedner Theater, wo er ſich, nachdem die obli⸗ gaten Hymnen überſtanden waren, bei derHirſchkuh köſtlich zu amüſiren ſchien. Das Karltheater, woſelbſt er gleichfalls erwartet wurde, beſuchte er nicht; möglich, daß ihn die un⸗ günſtigen Kritiken der Wiener Blätter über die Frau Scherbarth⸗ Flies abgehalten haben, oder daß ihm die Folie zum Ver⸗ ſtändniſſe der wirklich ſehenswerthen Productionen des Herrn Jackſon Haines fehlt. Selbſtverſtändlich mußte der Padiſchah auch das Opernhaus ex offo beſuchen, und da Salvi⸗ Paſcha keine anſtändige Opernbeſetzung zuſammenbringen kann, zwei Acte des altenFlick und Flock durchgähnen. Er ſchien nicht einmal zu ahnen, daß Frl. Couqui uns gegen⸗ wärtig entfremdet iſt, und Frl. Boſé, die telegraphiſch aus Paris für dieſen Abend berufen wurde, infolge eines Fußleidens ab⸗ ſagen mußte. Die prima Ballerina assoluta wurde in aller Eile und Stille durch das bisjetzt nur in Privatkreiſen duf⸗ tende Veilchen Lucas erſetzt, welches übrigens die Füße ſehr brav zu verwenden weiß. Von dem pariſer Frl. Boſe hörten wir gar nichts mehr, als daß ſie bereits vor Jahren ohne Accent aigu als deutſches Frl. Boſe in derHirſchkuh am Wiedner Theater ziemlichen Beifall fand. Dieſer Feſtabend des Operntheaters wurde noch durch eine ſpecielle Taktloſig⸗ keit(der Regie?) ausgezeichnet. Von den Wandeldecorationen (Städtebildern) blieb Petersburg, welches ſichtlich den Sultan nicht beſonders erbaute, dagegen verſchwand Berlin, um durch Konſtantinopel erſetzt zu werden, wobei es natür⸗ lich an der obligaten V... Sie verſtehen mich ſchon nicht mangelte.

Wird dieſe Paſchawirthſchaft mit der Eröffnung des neuen Operntheaters ſich beſſern? Wer weiß es? ſagen unſere von Mexico zurückgekehrten Freiwilligen. Die Bauführung erlaubt uns nicht ein gutes Prognoſtikon zu ſtellen, da ein Schwaben⸗ ſtreich daſelbſt nur einein zweiten Platz macht. Bald muß die Umgebung des Opernhauſes 12 Fuß tief abgegraben werden, weil man ſich in der Niveaubeſtimmung der Grund⸗ feſten geirrt hat; dann iſt auch der Kamin vergeſſen worden, oder es müſſen die neuen Thürfutter wieder aufgebrochen werden, um die großen Dampfkeſſel an ihren Platz bringen zu können. Im Malerſaale wird für die Vordercourtinen um 800 Fl. eine rieſige Staffelei gebaut, bei welcher aber die Walzen, an welchen die Leinwand geſpannt iſt, trotz aller Vorſchläge der Localcommiſſionen ſich nicht drehen wollen, und ſchließlich iſt das Gebäude zwar nicht rechtzeitig fertig,

dafür aber eine immenſe Regiſtratur mit den Acten der In⸗

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