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bringt Jeder gern ſein Opfer an Geld, an Zeit und mora⸗ liſcher Orthodorie. Wir wollen Offenbach ſein Verdienſt nicht beſtreiten. Er hat eine Fülle von lieblichen, reizenden, tän⸗ zelnden Melodien, und ſeine Muſik hat eine vriginelle Fär⸗ bung, auf die er patentirt iſt. Ja, um ſeiner pikanten, unge⸗ künſtelten Melodien willen ſind wir gern geneigt, ihm die Wahl der Stoffe nachzuſehen, die juſt nicht für höhere Töch⸗ terſchulen beſtimmt ſind. Aber wie es möglich iſt, daß das Publikum an„Blaubart“ Geſchmack findet, der ihm in dieſen Tagen an den Ufern der edlen Panke zu wiederholten Malen aufgetiſcht wurde, iſt unbegreiflich. Es iſt das erbärm⸗ lichſte Machwerk, das man ſich denken kann, ja auch die Muſik hat ſich, auf dem faulen Boden des Sujets, nicht zur gewöhnlichen Blüte Offenbach'ſcher Originalität und Lieblich⸗ keit entwickeln können. Das Stück macht einen widerlichen Eindruck. Die trivialſten, poſſenhaften Berlinismen im Munde des Königs ſind ſchaudererregend. Und dieſe Boulotte, die Hauptträgerin des Stücks, dieſes mixtum compositum von Märchen und Wirklichkeit, naiv und ſentimental, überirdiſch und überſchwenglich, vergeiſtigt und ſinnlich, natürlich und Unnatur, halb Fee und halb— Charité, wer kann an einem ſolchen Gebilde, an einem ſolchen Monſtrum der Phantaſie ſich wahrhaft erfreuen? Und dieſe dramatiſche Caricatur hat in Paris 130 Aufführungen erlebt, und es iſt gewiß nicht unintereſſant zu erfahren, daß„Blaubart“,„Die ſchöne He⸗ lena“(273 Mal aufgeführt),„Pariſer Leben“(265 Mal) und die„Großherzogin von Gerolſtein“(100 Mal) in ver⸗ hältnißmäßig kurzer Zeit eine Einnahme von 2,555,380 Franes geliefert. O Jacobſon, o Salingré, o Kaliſch, v Emil Pohl, wie müßt ihr euch mit euren Poſſen-Tantiemen, die doch auch ſchon den Beſitz eines niet⸗ und nagelfeſten Arnheim recht⸗ fertigen, vor Offenbach verkriechen, und wie wenig iſt es euch bisher gelungen, aus Deichmann oder gar aus Cerf einen reichen Mann zu machen!
Es war wieder einmal Sonntag. Da wir keine Puri⸗ taner und keine Mucker ſind, ſo halten wir uns an das große Wort der modernen Geſellſchaftsbibel: Sechs Tage ſollſt du arbeiten, den ſiebenten aber— eine tüchtige Bewegung machen, Luft ſchlürfen, eine gute Muſik hören, ſchöne Mädchen ſehen, feine Toiletten bewundern und noch manches Andere. Allen dieſen Zwecken entſpricht das Kroll'ſche Local. Kroll iſt das Mekka der civiliſirten, faſhionabeln Welt. Hier wallfahrten Tauſende und Abertauſende von Menſchen, der beſſern Ge— ſellſchaft angehörig. Vom Königsſaale aus ergehen einzelne ſchwache Töne als Einladung an uns. Man geht hinein. Der prächtige, koloſſale Saal geſtattet uns kaum einige Fuß Raum für unſere Füße. Auf den Sitzplätzen, amphitheatra⸗ liſch aufſteigend, drängt ſich Kopf an Kopf. Wir naſchen einige vriginelle, anſprechende Melodien Lortzing's, die er im „Waffenſchmied“ aus einem kernigen Eiſen zuſammenge⸗ ſchweißt, und denken dabei mit Wehmuth des bedeutenden Componiſten, der ſo viel zu leiden hatte unter dem Hammer des Schickſals. Dieſe ſympathetiſchen Empfindungen können mich aber nicht beſtimmen, mich für die Dauer dem ruſſiſchen Schwitzbad zu überlaſſen, zumal jene in den dunkeln, ſchattigen Gängen des prächtigen Gartens ihr bequemeres Recht finden. Vielleichz hätte ich mich in meine peripatetiſchen Betrachtungen zu ſehr vertieft, hätte ich nicht ab und zu eineu voſibergehenden
Wiener
II.
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Lieutenant„gerampelt“, oder einer blonden Schönen unvor⸗ ſichtiger Weiſe auf die Schleppe getreten. Doch kam dieſes letztere ungalante Zuſammentreffen im Ganzen nur ſelten vor. Denn das Reich der Schleppe, daß ich der Wahrheit die Ehre gebe, iſt bedeutend gekürzt und die einſt allmächtige Crinoline auf halbe Ration geſetzt worden, und mag ſich dafür das hinterköpfige Haarneſt der Damen noch ſo breit machen und in ungebührlicher Entwickelung in die Luft hinein— wachſen, es kann kein Conflict, kein Casus belli mit den Nachbarn daraus hervorgehen, wenn auch die Aeſthetik Ur⸗ ſache hat, mit allen ihr zu Gebote ſtehenden Waffen dagegen zu Felde zu ziehen. Doch ſehen wir von jeder Philippika ab. Wir werden's nicht ändern, ebenſo wenig, wie es Herrn Engel gelungen iſt, die problematiſchen Naturen und lebenden Equivoquen aus dem Garten zu verbannen. Das ſoll uns den Genuß nicht verderben, der ſich uns in reichſter Fülle bietet und Kroll zum Chimboraſſo aller Vergnügungsorte Berlins erhebt. Alle Sinne werden freundlich erregt. Schieß⸗ ſtand, Porzellanlotterie, Wiegeapparate u. dgl. ſorgen für die tändelnde, ſpielende Beſchäftigung. Feuer und Waſſer, Natur und Kunſt, Botanik und Zoologie treten willig in den Dienſt des Vergnügens. Das Waſſer, in aufſteigender und abſtei⸗ gender Linie, mit Fontainen, Springbrünnlein, Waſſerfällen, die Grotten, die Bosquets mit herrlicher Farbenmoſaik, das Plätſchern, das Rauſchen und Murmeln, die hochbeinige und hochhalſige Zoologie, durch einige Exemplare von Störchen und Schwänen vertreten,— wie iſt das Alles geeignet, den Geiſt von ſeiner Alltagsſtimmung zu emancipiren! Und nun wird es dunkel. In einem Augenblick ergießt ſich ein Licht⸗ meer durch die Luft. Tauſende von Flammen, in den man⸗ nichfaltigſten Formen und Farben, beginnen ihr kurzes, helles Leben, ſie geſtalten ſich zu Sternen und Kreuzen, zu Guir⸗ landen und Einfaſſungen freundlicher, funkelnder Blumen⸗ beete, und wenn ſie nun gar zu einer ſilbernen Blütenkrone an einem grünen Stamme emporwachſen und die kleinen Blättchen, vom Zephyr geküßt, magiſch zittern und ſchim⸗ mern, da hätte die natürliche Natur wahrhaftig Urſache, ſchamroth zu werden. Und darüber ſteht der ſtille Mond in (wenigſtens für dieſen Sommer) ſeltener Klarheit, Venus, Mercur, Mars und Jupiter und andere mythologiſche Eri⸗ ſtenzen treten auf das himmelblaue Theater, der große und der kleine Bär beginnen ihre ſphäriſchen Tänze, die Engel'ſche Kapelle miſcht ihren Jubel ein, Licht und Glanz und Duft und Klang wogen um die bewegte Bruſt und wiegen die Seele in wunderbare Träume, die plötzlich der ſchmetternden Philomele weichen, welche, ich weiß nicht aus welchem ge⸗ heimen Verſteck, ihr„Einſam bin ich nicht alleine“ als eine knatternde Tonrakete in die Luft ſchleudert.
Und das Alles für fünf Silbergroſchen! Da klage man noch über das theuere Berliner Leben! Freilich iſt das Entree nicht Alles. Der Appetit iſt groß, und die„Butterſtullen“ ſind klein, und auch der Durſt weiß ſeine gerechten, wenn auch nicht immer billigen Forderungen exekutoriſch einzutreiben. Indeſſen ſieht man doch viele Tiſche, deren Inſaſſen oder Anſaſſen ſich trocken amuſiren und, in idealen Genüſſen ſchwelgend, ihren Magen für einige Stunden auf Wartegeld ſetzen. Denn der echte Berliner kann die größten Entbeh⸗ rungen ertragen, wenn er— ſich nur amuſirt. 2 1
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ßriefe.
Der Sultan in Wien.— Die türkiſche Volkshymne.— Türkiſches Gabelfrühſtück.— Eine Valida⸗Sultanin.— Programm der Feſtlich⸗ keiten.— Die Hoſtafel.— Türkiſche Küche und Gebräuche.— Karltheater.— Wiedner⸗Theater.— Oper: Politiſche Demonſtration di Mateo
Salvi.— Taktloſigkeit und Schwabenſtreiche aus dem neuen Hauſe
— Dingelſtedt und ſein muſikaliſcher Beirath.— Dr. Laube mit
Aſſiſtenz.— Napoleon III. in Salzburg.— Die Luxemburg⸗Affaire im Conſervatorium.— Das Raubmörderpaar Troll⸗Peterſilka.
L. Der Sultan war's, von dem ganz Wien ſchwärmte; das Raubmörderpaar Troll-Peterſilka wird dieſe Woche in Tauſenden ordinärer und extraordinärer Blätter glorificirt, und dann fährt ganz Wien nach Salzburg, um die perſön⸗
liche Bekanntſchaft Napoleon III. zu machen.— Der arme Großtürke hat unſer Beileid redlich verdient. Nach langem Kampfe mit ſeinen Ulemas, Gläubigern und dem Hofaſtrologen war endlich ein glücklicher Tag für ſeine Abreiſe erſchienen


