Jahrgang 
1867
Seite
726
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konnte nicht an dieſes Glück glauben; es ſchien ihm zu groß. In dieſem Moment überraſchte uns eine neue Gefahr, eine Gefahr, aus welcher keine Rettung möglich war.

Seitdem Donnadieu das Schiff bemerkt hatte, war der Andrang des Waſſers nicht bekämpft worden, es war inzwi⸗ ſchen rapide geſtiegen und nun waren unſere Anſtrengungen vergeblich. Es konnte ſich jetzt nur darum handeln, das Packet⸗ bvot zu erreichen, ehe das unſerige ſank. Die Minuten waren uns zugezählt.

Das Poſtſchiff hatte uns bemerkt und ſchicg unſere ver⸗ zweifelte Lage zu errathen. Es eilte auf uns, ſo ſchnell es konnte, und wir, in der Vorausſicht, daß wir nicht die Zeit hätten, ihm entgegenzufahren, ſtrengten uns an, das Waſſer auszuſchöpfen, welches uns zu verſchlingen drohte.

Ich habe im Beginn dieſer Erzählung geſagt, daß ich mit dem Kapitän des Poſtſchiffes befreundet war, und der

brave Fregattenkapitän Oleſſa, der ſich an Bord befand,

hatte in der That, wie er verſprochen, den Kapitän gewonnen, den König Murat bei den Inſeln von Hydres aufzunehmen. Ich rief ſie an, und niemals habe ich eine mächtigere Stimme gehabt. Es war hohe Zeit! Schon war das Waſſer bis an den Rand geſtiegen und unſer unglückliches Boot ſeufzte wie ein Sterbender, welcher röchelt. Es rückte nicht vor und be⸗ gann ſich um ſich ſelbſt zu drehen. Ich zog das Steuer ein und empfahl dem Könige, ſich deſſen in dem Augenblick zu bemächtigen, wo uns das Fahrzeug verlaſſen würde, um ſich auf dem Meere zu halten. Wir andern nahmen jeder ein Ruder.

Da nahte ſich uns das Schwippbret und man warf uns Stricke zu. Murat ergriff einen derſelben und ſchwang ſich auf die Brücke: er war gerettet!

Wir folgten ihm. Gleich nach uns drehte ſich unſere

Barke und verſchwand. (Fortſetzung folgt.)

ßerliner

Schnitzel.

IV.

Der Titel dieſes Artikels gibt ſeinem Verfaſſer ein großes Recht und eine ausgedehnte Macht. Es iſt(wie es Mädchen für Alles gibt) ein Titel für Alles. Er iſt ein Paſſepartvut in alle Verhältniſſe, in alle Salons und Theater; er iſt ein Harniſch gegen die Angriffe einer ſcharfen Logik, er iſt ein Gegenmittel gegen jede giftige Kritik. Was an Gedanken⸗ ſpänen abfällt vom Baum des Lebens und vom Baum der Erkenntniß, das hat hier ſeine unbeſtrittene Berechtigung. Was ich ſehe, was ich höre, was ich treibe, was ich ge⸗ nieße, was ich dichte, was ich trachte, darf an dieſer Stelle zum Ausdruck kommen. Ich darf, ohne Anwendung einer empfindlichen Goldwage, etwas ins Blaue hinausſchweifen und vom Hundertſten ins Tauſendſte kommen. Ich darf zum Hohen mich erheben und in Niedriges mich vertiefen, das Große ins Auge faſſen und das Kleine unters Mikroſkop legen, ich darf mich neben den Webſtuhl der Zeit ſetzen, wo die diplomatiſchen Schifflein hin und her fliegen, um Welt⸗ geſchichte zu fabriciren, und ich darf an dem Spinnrad der Tagesgeſchichte und der Stadtgeſchichten Poſten faſſen, wo ſich der Faden der Unterhaltung abſpinnt für Haus und Hof. Ich darf Alles, nur nicht das, was langweilt. Tout genre est bon hors l'ennuyeux! Dieſes transrhenaniſche Wort darf der Deutſche wol annectiren.

Weltgeſchichte und Stadtgeſchichte, wie himmelweit ſind von einander verſchieden! Beides iſt Geſchichte, aber die Weltgeſchichte iſt Großhandel, die Stadtgeſchichte Detailge⸗ ſchäft, nicht ſelten Kleinkrämerei; jene iſt hohe Politik, dieſe Feuilleton; jene iſt Börſe und Meſſe, dieſe Wochenmarkt; jene iſt Rothſchild, dieſe Sou und Penny; jene iſt ein groß⸗ artiges Menu, dieſe ein Gabelfrühſtück; jene iſt Weltmeer, dieſe Fluß und Strom, die freilich oft genug in die See ſich ergießen und auf Ebbe und Flut, auf Brandung und Wellen⸗ ſchlag einen weſentlichen Einfluß üben. Hierin liegt die That⸗ ſache, daß das Kleine im Stadtleben nicht ſelten beſtimmend auf weltgeſchichtliche Zuſtände einwirkt, daß kleine Urſachen (wie diesdas Glas Waſſer ſo draſtiſch nachweiſt) große Wirkungen haben, daß ſich manche Auerbach'ſche Dorfgeſchichte in eine dramatiſch weltgeſchichtliche Birchpfeiſerei umſetzt. Das Auffinden der Fäden freilich, die das Kleine mit dem Großen verbinden, der Brücken, auf denen das beſchränkt Particulariſtiſche in das Centrale, Allgemeine übergeht, iſt nicht leicht. Darum aber verſchmähe man die kleine Gabe des Journalismus und des Feuilletons nicht, ſie wiegen oft ſchwer in der Geſtaltung der Dinge. Wie leicht kann z. B. eine miniſterielle Quetſchung ein internationales Wundfieber herbeiführen oder einen ganzen Reichstag in die Klemme bringen! Wer will es berechnen, ob nicht Beuſt's Fall von einem Abhang Oeſterreichs Abhängigkeit von Ungarn noch

größer macht, als ſie iſt! Wer hält es für unmöglich, daß Louis Napoleon, wenn er in Salzburg zum Dejeuner echten Johannisberger in die Kehle und Wiener Schnitzel in den Magen kriegt, plötzlich auch Appetit bekommt, eine gute Por⸗ tion Sardinen zu verſchlucken! Und wie leicht können die ſchlagenden Wetter Nordſchleswigs in den Saarbrücker Kohlen⸗ bergwerken eine welterſchütternde Exploſion erzeugen! Der Genius der Geſchichte geht wunderbare Wege!

Wo hat mich aber mein Weg hingeführt? Ich hatte wol Recht, zu Anfang an den Schutz meines Titels zu ap⸗ pelliren. Ich brauche nicht auf der Heerſtraße der Regel⸗ und Geſetzmäßigkeit zu bleiben.Erlaubt iſt, was ſich ſchickt! Ich gehe die Kreuz' und Quer'. Ich fliege, wie ein Schmet⸗ terling, hierhin und dorthin und naſche von dieſer und jener Blume, ich ſchaukle mich behaglich auf der Welle regelloſer Gedanken, und werd' ich auch einmal aus den Schienen ge⸗ hoben, ich komme ſchon wieder hinein und vorwärts. Viel⸗ leicht aber findet eine feine, mit angeborenem Takt ausge⸗ ſtattete Leſerin die eigentliche Urſache meiner Ulyſſeiſchen Irrfahrten heraus und faßt ſie in einem oder in zwei Worten zuſammen als testimonium paupertatis. Und die Dame hat nicht ganz Unrecht. Das Berliner Blaubuch der Gegen⸗ wart leidet an einer auffallenden Magerkeit. Der Barometer der Tagesbörſe zeigt aufſtill. Der Brunnen der Chro- nique scandaleuse ſcheint in der nun nachträglich ſich geltend machenden Sonnenglut eingetrocknet zu ſein. Wir haben kein Lordmayor⸗Eſſen, keine Schneider⸗Strike, keine Ueberſchwem⸗ mung, kein Erdbeben, kein Kaiſer, kein Sultan beehrt uns mit ſeinem Beſuch, kein Miniſter richtet an einen prinzlichen Knaben eine Anrede, die von Unterwürfigkeit und Weihrauch überquillt. O über dieſe Verleugnnng männlicher Tugenden in unſerer ſo hoch geprieſenen Zeit der Cultur und der Ver⸗ ſtandesbildung!

Viel Klagen hör' ich oft erheben

Vom Hochmuth, den der Große übt.

Der Großen Hochmuth wird ſich geben,

Wenn unſre Kriecherei ſich gibt. D Bürger, großer Dichter, du biſt gewiß oft in Paris geweſen!

Bei der großen Ebbe an bedeutenden Ereigniſſen geben unſere Theater wenigſtens reichlichen Stoff zu ſprechen und zu denken. Der Offenbach⸗Cultus hat eine ungeheuere Ausdehnung gewonnen. Offenbach iſt der Gott der Zeit. Die Theater ſind ſeine Kirchen, und der Beſuch ein ungeheuerer. Jedes Theater hat ſeine Offenbachiade, und die Breter, die die Welt bedeuten, bedeuten jetzt die halbe Welt. Tritt nun gar eine Prieſterin wie Frau Scherbarth⸗Fließ an den Altar, der in der Friedrich⸗Wilhelmſtadt aufgerichtet iſt, ſo