Jahrgang 
1867
Seite
725
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blicke, wo wir unter dem ſchönen beſternten Himmel und auf der prächtigen Meeresfläche begannen aufzuathmen und die Gefahren des Tages zu beſprechen, ſtieß der arme Blancard einen Schrei aus: das Waſſer ſtürzte auf ſeine Füße. Donna⸗ dieu entdeckte ſogleich ein ſtarkes Leck an dem Vordertheil der Schiffswand.

Tücher! Hemden! ſchrie er,ſchnell, beeilt Euch!

Ich verließ ſofort das Steuer, raffte die Segel ein und half meinem Freunde das Leck zu verſtopfen. Jetzt zeigte der König, welcher das Steuer ergriffen hatte, eine bewunde⸗ rungswürdige Ruhe.

Man kann ſich denken, wie lang und traurig uns die Nacht verging. Es war das zweite mal, daß ſie uns mit ihrer Dunkelheit umgab. Der König ſchlief ermüdet ein, auf drei Rudern liegend und bedeckt mit ſeinem Mantel und einer ſchwarzſeidenen Mütze. Wir Andern wachten die ganze Nacht. Unſere Barke krachte dumpf von Zeit zu Zeit. Wir ver⸗ ſchloſſen unſere Betrachtungen in uns ſelbſt und bewunderten den König, der ſo ruhig ſchlief, trotz des Meerwaſſers, wel⸗ ches ſeine Kleider durchnäßte. Da konnte dieſer Mann wie in dem glühenden Sande Aegyptens und den Schneefeldern Rußlands die köſtliche Ruhe genießen! Wie traurig erſchien uns dieſe Nacht in unſern ſtillen Betrachtungen. Ach, welchen neuen Gefahren ſollten wir vielleicht bald entgegengehen!

Endlich brach der Tag an. Murat erwachte und fragte uns mit Ruhe, wie wir die Nacht verbracht hätten.

Gut, antworteten wir lachend.

Das Meer ging hohl, der Himmel war wolkenleer. Gegen 7 Uhr bemerkte ich ein Segel am Horizont gegen Weſten. Der König nahm mit freudigem Ausdruck mein Fernrohr, und während er den Gegenſtand zu entdecken ſuchte, theilte mir Donnadieu ſeine Beſorgniß mit, daß es eine Wolke und kein Schiff ſei. Murat theilte traurig dieſe An⸗ ſicht. Ich ergriff nun das Rohr und beſtätigte meine erſte Behauptung. In der That, es war eine Tartane, welche von Marſeille kam, um ſich nach Livorno zu begeben. Die Freude des Königs war groß und ſeine Bewegung der Art, daß er einige Thränen nicht verbergen konnte. Er konnte nicht ahnen, daß der nichtswürdige Kapitän dieſes Schiffes es war, glaube ich, André Javelier von Aide im Languedoe ſich vorbereitete, unſer Mörder zu werden.

Gegen Mittag befand ſich Donnadieu am Steuer und manövrirte, um ſich der Tartane zu nähern. Ich war vorn, Blancard am Segel und Murat ſchickte ſich an, den Kapitän der Tartane anzureden. Dieſer erſchien nach einigen Minuten am Vorderdeck. Murat bot ihm eine hohe Belohnung, indem er ihm bemerklich machte, daß wir untergingen. Der Kapitän ſchien mit Intereſſe zuzuhören, ohne Zweifel nur, um ſeinen ſchurkenhaften Plan beſſer ausführen zu können. Dann wen⸗ dete er ſich zu ſeiner Mannſchaft, gab mit gedämpfter Stimme einen Befehl, den wir zwar nicht hören konnten, den aber Donnadieu und ich ſogleich an den Geſten und dem folgenden Manöver erkannten. Er wollte uns im Vorüberfahren in den Grund bohren.

Wir waren guf Backbord zu ihm, er wendete ſogleich die Spitze auf uns. Ein Glück, daß ſich eine kräftige Briſe erhob und unſer Fahrzeug Wind bekam. In dieſem kritiſchen Augenblick rief ich Donnadieu zu, zu wenden, aber er hatte ſchon das Manöver ausgeführt, indem er das Steuer auf Backbord ſetzte. Durch einen der glücklichen Zufälle, für welche man der Vorſehung auf den Knien danken muß, paſſirten wir gerade das Bugſpriet der Tartane; ſie hatte ihr Leeſegel aufgeſetzt eine Art von dreieckiger Segel, deren ſich die Schiffe mit lateiniſchen Segeln längs der Küſte der Provence bedienen und ſeine Bonette, deſſen Stange unſere ſchwache Segelſtange ergriff. Zum Glück für uns war ſie ſchwach und zerbrechlich; ſie brach, aber gab uns trotz ihrer Elaſticität einen furchtbaren Stoß. In dieſem Augenblick erhob ſich der König, ohne den Muth zu verlieren, und rief dem Ka⸗ pitän zu:

Retten Sie uns und ich werde Ihr Glück machen!

Der Schurke begann zu lachen und ſagte, indem er die

Arme kreuzte, zu zwei Matroſen, die an ſeiner Seite ſtanden: Meiner Treu, ich glaube, ſie wollen einen kleinen Schluck aus einer großen Taſſe trinken.

Murat ſprang nach ſeinen Piſtolen, aber ſie waren naß geworden. Dann rief er:Zum Entern! aber unſer Schiff⸗ chen blieb unbeweglich unter dem Gewicht des Waſſers, von dem es angefüllt wurde.

Ha, wenn wir dieſes verruchte Project vorausſehen

zu ſteigen; jetzt iſt das nicht mehr möglich.

Dieſer Elende, ſagte Donnadieu,hält uns für Pi⸗ raten und will uns vernichten, als ob wir ihn dazu nöthig hätten.

Die Tartane verließ uns erbarmungslos. Der König und Blancard waren zu Boden geſchmettert: unſere Situation ſchien ihnen hoffnungslos. Sie war es auch in der That; allein Donnadieu und ich wir bewahrten unſere Geiſtesgegen⸗ wart und verſicherten dem Könige, daß wir wieder flott würden und uns retteten, wenn uns nicht eine Welle über⸗ wältige. Donnadieu, welcher unſern Untergang als gewiß betrachtete, ging noch weiter und behauptete, daß wir uns trotz aller Unfälle retten würden.

Erſt nach mehr als zwei Stunden gelang es uns, das Boot auszuſchöpfen. Während dieſer mühevollen Arbeit legten wir uns ſo vor den Wind, daß wir den Anprall jeder Welle vermeiden konnten.

Man denke ſich unſere grauſame Lage! Mehr als zwanzig Meilen weit von jedem Lande entfernt und ſtets in der Ge⸗ fahr, von einer Woge verſchlungen zu werden!

Die Vorſehung wachte über uns und unſere verhängniß⸗ volle Stunde hatte noch nicht geſchlagen. Wir wurden endlich flott, der Wind hatte ſich gelegt und obgleich das Meer hohler geworden war, brachen wir doch auf und fuhren weiter.

Unſere Vorräthe waren ganz durchnäßt. Das Brot war ein Teig geworden und wegen ſeines ſalzigen Geſchmacks nicht mehr genießbar, und als der König ein Stückchen Wurſt eſſen wollte, konnte er es nicht verſchlucken. Er trank einige Schluck Wein und überließ dann uns die Flaſche. Als ich meiner Familie Lebewohl ſagte, hatte ich mechaniſch einige Stücke Chocolade in die Taſche geſteckt und hatte ſie ganz vergeſſen. Die Noth erinnerte mich daran und ich ſchätzte mich nun glücklich, ſie dem König anbieten zu können, der durchaus mit uns theilen wollte. Da bemerkte Murat, daß mein Kopf entblößt war; ein Windſtoß hatte meinen Hut fortgenommen. Er bedeckte mich mit dem ſeinigen; da ich ihn nicht annehmen wollte, indem ich ſagte, ich ſei gewohnt, mit bloßem Kopfe zu gehen, erklärte er, dies ſei gleichgültig und ſeine Mütze genüge ihm vollkommen.

Der Wind nahm zu und das Meer wurde aufgeregter. Unſer Boot ging außerordentlich langſam. Es ſchöpfte viel Waſſer und obgleich wir fortwährend beſchäftigt waren, daſſelbe zu entfernen, wuchs es doch mehr und mehr. Wir rafften die Segel ein und legten uns hinter Wind, um nicht noch mehr zu ermüden.

Ach, wir ſahen den Tod nur zu gewiß vor Augen! Keiner von uns machte ſich Illuſionen, denn trotz unſerer Anſtrengungen füllte das Waſſer unſer Floß immer mehr.

Murat war ſorgenvoll, ohne indeſſen Furcht zu zeigen. Wie wir kannte er die Gefahr und glaubte, den nächſten Morgen nicht mehr zu erleben. Es war 5 Uhr, die Sonne war ſchon im Begriff, in den Wellen zu verſchwinden. Wir rechneten im Stillen auf die göttliche Vorſehung. Bald rich teten ſich unſere Blicke gen Himmel, bald zum Horizont in der Hoffnung, irgend ein Segel zu entdecken, die einzige und letzte Hoffnung, welche uns blieb! Die Annäherung der Nacht erfüllte uns mit Schrecken. Plötzlich ſchrie Donnadieu, der

am Vordertheil ſtand, wie beſeſſen:Ein Segel, ein Segel! Der König und Blancard, welche noch fortwährend Waſſer ſchöpften, hielten ſogleich damit inne.

Wir hißten ſofort die Segel auf, um uns dem Cuurſe des Schiffs zu nähern. Ich erkannte daſſelbe als das Poſt⸗

ſchiff, auf welchem wir den König einſchiffen ſollten. Murat

konnten, hätten wir unſere Maßregeln ergriffen, um an Bord,