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St. Tropez werfen.
daß es das Herz jedes Landmannes erfreut hätte. Theobald hätte gar nicht geglaubt, daß der Mann, der geſtern ſo ſchwärmen konnte, ſo umſichtig und praktiſch wäre. Und ob⸗ wol ſeine ökonomiſchen Kenntniſſe nicht ſehr groß waren, ſo
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hörte er doch mit Aufmerkſamkeit auf Holbein's Worte und war, als ſie nach einigen Stunden auf das Schloß zurück⸗ kehrten, ſehr heiter geſtimmt.
(Fortſetzung folgt.)
Die Kucht eines Bönigs.
(Aus den Papieren eines Schiffskapitäns.)
(Fortſetzung.)
Bevor wir unſere frugale Mahlzeit beendigten, tranken wir noch auf die Geſundheit des Königs und ſeiner Familie. Da bemerkte der König, deſſen Antlitz nach Weſten gerichtet war, ein Schiff am Horizont. Er nahm mein Fernrohr und unterſchied mehrere Männer. Donnadieu ſignaliſirte einen glänzenden Gegenſtand und ich bemerkte auf dem Vordertheil des Schiffes viel Mannſchaft und unterſchied durch die Wirkung des reflectirten Lichtes deutlich Gewehrläufe.
Es war 9 Uhr und das Poſtſchiff kam noch nicht.
Die Spannung wurde qualvoll. Das Schiff in Sicht ſegelte nahe der Küſte der Inſel und näherte ſich ſchon unſerm Aufenthalt. Wir betrachteten es ſtillſchweigend. Endlich unter⸗ brach ich die Stille, um dem Könige und meinen Gefährten die Beſorgniſſe mitzutheilen, welche mich erfüllten. Die Verzögerung des Poſtſchiffes ſchien mir nicht natürlich. Ich fürchtete, daß die Flucht Murat's in Toulon bekannt geworden, daß die Abfahrt des Poſtſchiffes verhindert und das Schiff in Sicht zu unſerer Verfolgung ausgeſchickt ſei. Ich war daher der Anſicht, daß wir ſofort wieder unter Segel gehen und das Weite gewinnen mußten. Mein Rath wurde befolgt. Als wir aus der Bucht fuhren, befand ſich das Schiſſ zwei und eine halbe Meile vor uns. Sobald man uns bemerkte, ſteuerte man auf uns zu, was meine Beſorgniſſe noch mehr vermehrte. Es erhob ſich eine Briſe von Weſt⸗Nord⸗Weſt; wir ſteuerten auf Süd⸗Weſt und beobachteten das Schiff, um zu ſehen, ob unſere Fahrt raſcher wäre als die ſeinige. Gott ſei Dank, unſer Vorſprung wuchs.
Gegen 10 ½ Uhr erblickten wir eine Staatsbarke ungefähr drei Meilen vor uns unter Wind, welches die Taue am Back⸗ bord hatte und ſich ſo nahe wie möglich hielt. Unſer Schrecken erneuerte ſich, aber er hatte keinen Grund, denn nach einer Stunde gab die Barke die Jagd auf.
Die Briſe war noch friſch; es war ſchon Mittag und es wurde nothwendig, einen Plan zu faſſen und eine Route zu wählen. Der König und Donnadieu wollten ſich nach Dieſe Entſcheidung ſchien durch unſere Lage gerechtfertigt, welche ſich noch durch einen drohenden Sturm verſchlimmerte. Indeſſen bemerkte ich dem Könige, da ſeine Flucht in Toulon bekannt ſei, müßten Befehle an der ganzen Küſte vertheilt ſein, uns überall anzuhalten.
„Das iſt wahr“, antwortete er,„aber was thun? Das Wetter iſt ſchlecht, wir haben faſt keine Lebensmittel mehr, unſer Boot ſchöpft Waſſer und die Segel ſind in ſchlechtem Zuſtande.
„Sire“, erwiderte ich,„die Abſicht Ew. Majeſtät war, ſich nach Corſica zu begeben. Wohlan denn, auf nach Corſica!“
Bei dieſem unerwarteten Vorſchlage wurde Donnadieu bleich und machte eine verneinende Bewegung. Ich erinnerte mich ſeiner unbegrenzten Liebe zu ſeiner Gemahlin, aber wie gerechtfertigt auch dieſes Gefühl war, die Sache war zu wichtig, als daß es auf meine Anſichten Einfluß haben konnte.
Murat erhob ſich in ſeiner ganzen Höhe und ſagte zu uns, indem er unſere Hände ergriff:
„Meine braven Freunde, Sie wollen ſich einer unermeß⸗ lichen Gefahr für mich ausſetzen, der ich nie etwas für Sie gethan habe. Niemals werde ich meine ganze Erkenntlichkeit gegen Sie bezeugen können! Mein Schickſal gehört Ihnen mehr als meinen Kindern!“
Blancard wollte ſprechen, aber ich kam ihm zuvor:
„Sire, unſer Lvos iſt an das Ihrige geknüpft. Geſtern mußten Sie ſich allein, heute müſſen wir uns Alle retten. Wir ſind noch fern von Corſica, aber es würde ehrenvoller für uns ſein, auf der Fahrt zu ſterben, als unter den Strei⸗ chen von Mördern zu fallen, und dies könnte uns treffen, wenn wir an der Küſte der Provence landeten.“
„Wohlan“, ſagte Murat,„da Sie ſich entſchieden haben, ſei das Loos gefallen.“
Während wir dieſe wenigen Worte wechſelten, biß ſich Donnadieu in die Nägel, ſo ſehr verdroß ihn dieſe Entſchei⸗ dung; aber er ſprach kein Wort.
Wir ſteuerten nun nach Südweſt. Der König fragte mich nach einer kurzen Pauſe des Stillſchweigens, wie wir ohne Compaß den Weg nach Corſica finden könnten. Ich hatte dieſelbe Ueberfahrt an zwanzig mal gemacht und es genügte mir, eine der vier Himmelsgegenden oder einen Stern zu erkennen, um von Weſt nach Weſt⸗Süd⸗Weſt zu ſteuern und ſicher die Inſel zu erreichen. Ich gab dem Könige all dieſe Verſicherungen, und unterſtützt durch Donnadieu, welcher indeſſen ſeinen Muth wiedergewonnen, gab ich ihm ſein ganzes Vertrauen wieder.
Um 2 Uhr Nachmittags hellte ſich das Wetter auf; aber der Wind war noch ſcharf, das Meer ging hohl und bis⸗ weilen ſchlugen die Wellen in unſer Schiffchen. Blancard, der nichts weniger als Seemann war, wurde davon heftig ergriffen, Murat ſelbſt war ein wenig unruhig. Donnadieu und ich wir zeigten eine Heiterkeit, die zwar nur oberflächlich war, aber einen guten Einfluß auf unſere Gefährten ausübte.
Das Boot wurde ſchwerer und füllte ſich mehr und mehr mit Waſſer. Blancard, Donnadieu und der König, welcher an allen Beſchwerden Theil nehmen wollte, leerten es, ſo gut ſie konnten, mit Hülfe des Eimers und ihrer Hände. Sobald dieſes Geſchäft beinahe beendigt war, machte ich einen Vorſchlag, der mit großer Freude aufgenommen wurde, be⸗ ſonders von dem Könige, der einen ſtarken Appetit bewährte. Donnadieu, welcher vorſichtiger war oder ſchwächern Appetit hatte, wollte eine Eintheilung unſerer Lebensmittel machen; denn, ſagte er, wir müſſen wenigſtens drei Tage damit reichen. Es blieben uns noch 31 Zwiebacks, vier Würſte und acht Flaſchen Wein. Schließlich aß jeder einen Zwieback, ausgenommen Blancard, welcher an der Seekrankheit litt. Da unſer einziges Glas auf der Inſel geblieben war, tran⸗ ken wir brüderlich aus der Flaſche.
Um 3 Uhr verloren wir das Land und die Inſeln aus dem Geſicht. Wir rückten vor unter dem Druck einer ſehr ſtarken Woge. Wir zogen die Segel ein, weil der Wind hinten unter den Fockmaſt lief. Der König beobachtete uns aufmerkſam, um zu errathen, ob die Gefahr groß ſei. Ein Lächeln ſchwebte auf unſern Lippen, aber nur auf unſern Lippen. Das Ende der Welle überſchwemmte uns und wir
blieben faſt ruhig ſtehen, da ein Drittheil des Bvotes mit
Waſſer gefüllt war. Wir alle Vier pumpten wie gewöhnlich, d. h. mit Hüten und Händen.
Dieſer Schrecken heilte Blancard von ſeiner Seekrank⸗ heit. Wir nahmen jetzt unſern Cours wieder auf, denn das ſchöne Wetter war zurückgekehrt und der Tag verrann ohne irgend einen Zufall. Die Briſe ſprang von Weſt nach Weſt⸗ Nord⸗Weſt und wir legten in der Stunde fünf Knoten zurück.
Wenige Stunden nach Sonnenuntergang, in dem Augen⸗
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