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ſchimmerte und das höchſte Cntzücken aus Ihrem Antlitz ſtrahlte; und da dachte ich: der Herr Doctor hat doch auch noch für etwas anderes Sinn als wie für ſeine Bücher, die Niemand als nur er ſelbſt verſteht, und verſchließt ſein Herz nicht den Eindrücken der ſchönen Gotteswelt. Und ſeit ich wußte, daß Sie auch fühlen können wie wir andern Menſchen, da war der große Reſpect fort, und— ich freute mich unwill⸗ kürlich.“
„So! Sie freuten ſich und warum denn das?“
Doris ließ die Hände ruhen und ſchaute Theobald treu⸗ herzig an.
„Warum?— Ja, das weiß ich ſelber nicht. Es mochte wol geſchmeichelte Eitelkeit ſein, daß zwiſchen mir, dem dummen Mädchen, und Ihnen, dem hochgelehrten Herrn, eine Uebereinſtimmung der Gefühle ſtattfand, daß es etwas gab, was uns gemeinſchaftlich intereſſiren konnte.“
Theobald, der verſchiedene Collegia über Pſychologie ge⸗ hört und alle bedeutenden Werke dieſer Wiſſenſchaft geleſen hatte, wußte auch keinen beſſern Grund zu finden, als den, welchen das Mädchen angab. Stillſchweigend gab er ſeine Zuſtimmung und ſagte dann:
„Sie bereiten mir durch Ihr Bekenntniß kein geringeres Entzücken als ſich ſelbſt. Und wenn es Ihnen Freude macht, ſo erbiete ich mich, oder vielmehr ich erſuche Sie, mir, wozu Sie ſich ja ſchon früher erboten haben, auf meinen Spazier⸗ gängen Führerin zu ſein, das heißt, wenn Ihr Herr Vater nichts Anſtößiges darin findet.“
„Ei, wie ſollte er!— Sie ſind ja ſchon ein ſo ehrbarer Herr! Es iſt zum Lachen, Ihnen ſo etwas zuzutrauen. Ihnen würde mich der Vater zu jeder Stunde anvertrauen.“
Theobald ſah ſehr verdutzt vor ſich hin und kratzte mit dem Stock im Sande. Dann ſchielte er auf ſeinen weiten Rock, ſeine formloſen Beinkleider, und endlich fuhr er mit der Hand durch das lockige Haar, um ihm einen gentilen Anſtrich zu geben.
„Was aber die Spaziergänge betrifft“, fuhr Doris fort, „ſo ſollen Sie mit mir zufrieden ſein. Niemand kennt die Gegend ſo genau wie ich und weiß, wo die ſchönſten Punkte ſind.“ Und nun ſchilderte ſie ihm mit großer Zungengeläufig⸗ keit und in lebhafter, anregender Weiſe, was die Gegend Schönes zu bieten habe. Theobald vergaß den„ehrbaren Herrn“ wieder und hörte ihr aufmerkſam zu. Sein Auge haftete dabei an den feinen Fingern, die mit nicht geringerer Eil⸗ fertigkeit als das Mäulchen hantirten. Er hatte nicht ge⸗ glaubt, daß er je einem ſo unlogiſchen Geplauder und noch dazu mit Wohlgefallen, aufmerkſam würde zuhören können.
Plötzlich ſchrie Doris mitten ihres Redefluſſes laut auf. Sie hatte ſich geſchnitten, und das Blut quoll über die Finger. Dabei ſprang ſie auf, ſo daß der Inhalt ihrer Schürze auf deu Boden fiel. Auch Theobald fuhr erſchrocken empor und blieb thatlos ſtehen, nicht wiſſend, ob er erſt dem Mädchen Hülfe leiſten oder ſich bücken und die Bohnen aus dem Sande aufleſen ſollte.
„Au, au!“ rief Doris.„Haben Sie kein Taſchentuch bei ſich? Bitte, dort drüben iſt das Baſſin. Eilen Sie, und tauchen Sie das Tuch in das Waſſer.“
Theobald ſprang haſtig fort. Bald kehrte er zurück und half dem Mädchen, das Tuch um die kleine Wunde zu legen. Das dauerte ungewöhnlich lange, denn Theobald kam, war's Abſicht oder Ungeſchicklichkeit, damit nicht zu Stande. Dann ſetzte ſich Doris wieder.
„Ach, ich kann kein Blut ſehen. Ich erſchrecke jedesmal.“
Theobald hatte ſich gleichfalls geſetzt und hielt die mit dem Tuch umwundene Hand zwiſchen den ſeinen.
„Es thut doch nicht mehr weh? Soll ich lieber ins Haus gehen und nach dem Doctor ſchicken?“
„Ei, warum nicht gar!“ ſagte ſie lachend.„Des unbe⸗ deutenden Schnittes wegen! Der kleine Schreck iſt auch ſchon wieder vorüber. Aber ach! Die Bohnen! Alle im Sande“, ſie bückte ſich, um ſie zuſammen zu leſen.
Theobald, die wunde Hand nicht loslaſſend, hielt es für
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ſchicklich, ihr zu helfen und kniete gleichfalls nieder. Eifrig ſammelten ſie die Bohnen in die Schürze.
Da trat wieder eine Geſtalt in den Eingang der Laube. Sie wandten das Geſicht der Richtung zu und ſahen den Pächter, der verwundert auf die Gruppe vor ihm ſchaute. Theobald ließ erſchreckt Doris' Hand fahren und ſtarrte, auf den Knien liegen bleibend, ſeinen Gaſtfreund an. Doris war nichts weniger wie verlegen. Mit ein paar Worten hatte ſie dem Vater das Vorgefallene erklärt. Unterdeſſen bekam Theobald ſeine Faſſung wieder und erhob ſich.
„Ich war ſchon auf Ihrem Zimmer, Doctor!“ ſagte dann Holbein,„um zu ſehen, wie Sie geſchlafen. Aber der Vogel war ausgeflogen. Nun, das iſt recht von Ihnen. Sie haben lange genug die dumpſe Stubenluft oben einge⸗ athmet, um ſich einen Tag der Erholung erlauben zu dürfen. Deshalb wird wohl auch der zweite Zweck meines Beſuches bei Ihnen geneigtes Gehör finden. Ich will einen Gang durch die Felder machen. Begleiten Sie mich?“
„O, mit Vergnügen! Ich hatte eigentlich von Anfang an die Abſicht, in den Wald zu gehen und gerieth nur aus Unkenntniß mit den Räumen des Hauſes in dieſen Garten. Es iſt wirklich reiner Zufall, daß ich das Fräulein hier traf.“
„Nun, wenn Sie ſich in ihrer Geſellſchaft nur nicht ge⸗ langweilt haben.— Aber kommen Sie! Zu Mittag ſind wir wieder da, Dorchen! Hunger bringen wir gewiß mit; alſo ſorge, daß etwas Ordentliches auf den Tiſch kommt. Viel— leicht ſchenkt der Doctor heute, wenn er ſich müde gelaufen, deiner Kunſt mehr Beachtung als ſonſt.— Adieu bis dahin!“
Holbein wandte ſich zum Gehen. Theobald verbeugte ſich, wünſchte dem Fräulein einen guten Morgen und folgte dem Pächter, der, ein Liedchen pfeifend, vorausging. Ein Pförtchen führte von dem Garten unmittelbar aufs Feld. Theobald's Verlegenheit, daß er von dem Pächtet in einer ſo ſonderbaren und vertraulichen Stellung mit bei deſſen Tochter überraſcht worden war, ſchwand wieder vor deſſen Gleichgültig⸗ keit.— Ach, er mußte doch in der That ſchon ein ſchrecklich „ehrbarer“ Herr ſein! Faſt ärgerte er ſich über dieſe Gleich⸗ gültigkeit, ſowie über das ungeheucre Vertrauen, das das Mädchen in ihn ſetzte. Aber was half's, er war ja ſelbſt Schuld daran. Ja, er ſelbſt! Und der Gedanke preßte ihm einen Seufzer aus.
„Sie haben meiner Tochter wohl etwas von Ihrer Gelehr⸗ ſamkeit mitzutheilen verſucht!“ begann da Holbein.„Das iſt ſchlecht angebracht. Es iſt zwar viel an ihre Erzichung gewandt, aber ich habe da ſo meine eigenen Grundſätze zur Geltung gebracht. Mit Franzöſiſch und dergleichen habe ich ſie z. B. nicht geplagt. Denn wozu nützt das? Dahin, eine Converſation in jener Sprache zu führen oder einen Claſſiker der Franzoſen ſo zu leſen, daß ſie, durch die Schwierigkeit der Sprache nicht aufgehalten, zum reinen Genuß derſelben gelangt, hätte ſie es doch nicht gebracht. Dagegen kennt ſie unſere deutſchen Claſſiker. Die Literaturgeſchichte bildete einen Hauptzweig des Unterrichts, Biographien bedeutender Geiſter ihre Hauptlektüre. Die Muſik iſt dabei nicht vernachläſſigt worden. Und mein Verfahren war ein richtiges. Sie hat nichts von der Anekdoten⸗ weisheit Ihrer Stadtdamen, aber dafür Sinn für alles Edle und Gute, und verſteht wenigſtens das Streben eines hoch⸗ fliegenden Geiſtes zu würdigen. Und das iſt genug, die Wirthſchaftlichkeit natürlich hinzugerechnet, für eine Hausfrau, um ihrem Gatten ſein Haus zum Paradieſe zu machen.— Der Himmel hat mir keine Söhne geſchenkt; aber ich vermiſſe ſie nicht. Mein Dorchen erſetzt ſie mir reichlich. Kaum wüßte ich, wie ich ohne das Kind hätte zurecht kommen ſollen, als ihre Mutter ſo plötzlich ſtarb.“
Der Weg führte erſt durch Felder und Wieſen in ange⸗ nehmer Abwechſelung. Dann kamen Triften, auf denen das Vieh des Gutes weidete, auch eine Schonung hie und da. Holbein erklärte überall, ſprach von den Arbeiten, die er ge⸗ habt, ſeit er das Gut, das bei ſeinem Antritt ſehr vernach⸗ läſſigt war, übernommen hatte, von den Früchten, die ihm ſein Mühen ſchon getragen, und den Hoffnungen, die er noch für ſeine Erfolge hatte. Alles war in dem beſten Zuſtande
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