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die ihn abwärts führte. Unten war eine Halle, wie die, wo er zuerſt das Schloß betreten hatte, mit mehreren Thüren. Eine derſelben ſchien, wegen des Fenſters daneben, ins Freie zu führen. Kühn ſchritt er darauf zu und öffnete ſie. Er befand ſich am Eingang eines ziemlich umfangreichen Gartens.
„Ei, ein recht lieblicher Anblick“, murmelte er und ließ von ſeinem erhöhten Standpunkt aus das Auge über die mannichfachen Gemüſe⸗ und Blumenbeete gleiten, deren Ge⸗ wächſe hie und da von ſchwerbeladenen Obſtbäumen über⸗ ſchattet waren.
„Iſt es nicht der Wald“, fuhr er fort,„ſo ſei es vor der Hand dieſer Garten, der das Betrachtens wohl würdig zu ſein ſcheint. Virlleicht finde ich dabei noch einen zweiten Ausgang, der mich auf das Feld führt.“ Damit ſchritt er die wenigen Stufen hinab, die ihn vom Garten trennten. Bedächtig wandelte er auf den ſauber gehaltenen Wegen um⸗ her. Theobald betrachtete mit Wohlgefallen das bunte Bild, das der Garten bot. Beſonders würdigte er die Blumen ſeiner Aufmerkſamkeit und bemerkte bald, daß aus Repräſen⸗ tanten faſt aller vorhandenen Gattungen der Strauß oben in ſeinem Zimmer zuſammengeſetzt war.
„Es iſt wirllich prächtig heute. Einen ſo ſchönen Morgen haben wir lange nicht gehabt. Hätten wir öfters ſolche Tage, ich würde viel bereitwilliger mich Brandt's Wünſchen fügen und freiwillig dergleichen Spaziergänge unter⸗ nehmen.“
Plötzlich ſtockte er und ſah bedenllich vor ſich hin auf den Sandpfad. Die Spur eines kleinen, ſchmalen Fußes war in denſelben eingedrückt,
„Entweder der Fuß eines Knaben in noch nicht ſehr vor⸗ geſchrittenem Alter, oder— ja— oder eines jungen Mädchens. Aber einen ſolchen Knaben gibt es hier im Schloſſe, ſoviel ich weiß, nicht, wenigſtens keinen, der ſo feines Schuhwerk, wie dieſe Spur es verräth, trägt. Alſo ein Mädchen!— hm, hm!— Auch die dienenden Dirnen tragen gröbere Fußbe⸗ kleidungen.“
Er ſchüttelte den Raiſonnement fort:
„Wenn ich mit dieſer Spur jenen Fuß vergleiche, den ich öfter zu bewundern Gelegenheit hatte, ſo iſt kein Zweifel, daß ſie dem Fräulein gehört.— Aber wie, wenn ſie noch im Garten weilte? Es würde ſie in Verlegenheit bringen; denn einmal iſt es noch ſo früh, und dann könnte ſie meinen, ich habe ſie aufgeſucht.— Doch nein, ein ſolcher Verdacht würde jedes Anhaltes entbehren, und mir iſt ſo etwas auch gar nicht in den Sinn gekommen. Mag denn der Spazier⸗ gang fortgeſetzt werden!“
Als habe er gar nichts bemerkt, ſchritt er weiter, äußer⸗ lich höchſt gleichgültig, und doch klopfte innen das Herz. Er ſah ſich wie vorher die Blumen und ſonſtigen Pflanzen an, wobei allerdings dann und wann unwillkürlich der Blick in die entfernteren Theile des Gartens ſchweifte. Doch nirgends bemerkte er den Gegenſtand ſeines Suchens. So näherte er ſich einer Gruppe dicht ſtehender Bäume. Erſt als er davor ſtand, ſah er, daß deren Zweige künſtlich zu einer Laube ver— ſ Noch drei Schritte, und er befand ſich vor
Kopf und fuhr dann in ſeinem
ſchlungen waren. deren Eingang.
Was er, wie er ſich zu überreden verſuchte, gern ver⸗ mieden hätte, ſah er verwirklicht. In der Laube ſaß Doris, im Morgengewand und mit der Zurichtung eines Gemüſes für den heutigen Mittag beſchäftigt. Als ein Schatten das Licht, das durch den Eingang in die Laube fiel, plötzlich ver⸗ dunkelte, ſah ſie auf. Ein flüchtiges Roth huſchte über das Antlitz. Dann aber lächelte ſie und erwiderte des Doctors reſpectvolle Begrüßung mit einem„Guten Morgen!“ in ſo fröhlichem und keckem Tone, wie Theobald ihn von dem Mädchen gar nicht zu hören gewohnt war.
„Sie ſchon im Garten, Herr Doctor!“ ſagte ſie.—
„In der That, ich habe auch ſchon ein Stündchen ge⸗ arbeitet“— er ſtockte, denn die Lüge wollte nicht recht über die Lippen.„Allein die Sonne ſtörte mich und lockte ſo ver⸗
zu genießen mich entſchloß.“
„Und da haben Sie unſern hübſchen Garten aufgeſucht?“
„Das nicht!“ fiel Theobald raſch ein.„Ich wollte in den Wald, fand jedoch nicht den rechten Ausgang und kam aus Zufall hierher.“
„Wo es nicht minder ſchön iſt als im Wald. Aber es iſt herrlich, daß Sie ſich oben losgeriſſen haben. Sie werden dadurch in des Vaters Achtung noch einmal ſo hoch ſteigen, obwol er Sie ſo ſchon ſehr verehrt, bis auf— nun bis auf das viele Stubenſitzen in dieſer ſchönen Jahreszeit. Wollen Sie mir ein wenig Geſellſchaft leiſten?— Nehmen Sie hier Platz! Es iſt zwar ein wenig eng, aber— Sie ſind ja kein Rieſe“— fügte ſie unter Lachen hinzu, faßte zugleich ihre Schürze mit den Bohnen zuſammen und rückte dem Ende der nicht allzu langen Bank zu.
„Wenn Sie es erlauben— und wenn es Sie nicht ſtört“— ſagte Theobald und nahte zögernd der Bank, um ſich auf dem äußerſten Rande derſelben niederzulaſſen.
„Stören? Im Gegentheil, es plaudert ſich ſo hübſch bei dieſer Arbeit. Zu denken gibt es dabei ja nichts.— Aber—“ ſetzte ſie plötzlich ernſt hinzu,„Sie werden ſich gewiß lang⸗ weilen. Sie, ein gelehrter Herr, und ich dummes Mädchen, das ſo gar nichts gelernt hat. Wenn es Ihnen nicht mehr bei mir gefällt, dann ſagen Sie es nur; ich nehme Ihnen das nicht übel.“
„O bitte!— Es gewährt ſogar eine angenehme Ab⸗ wechſelung, nach der Beſchäftigung mit den trockenen Wiſſen⸗ ſchaften eine leichte Converſation zu führen.“
O Theobald, Doctor der Philoſophie! Hätten Brand oder Holbein jetzt gehört, mit welchem entwürdigenden Epitheton du die Wiſſenſchaft zu belegen wagteſt, ſo würden ſie vor Erſtaunen zu Salzſäulen geworden ſein. Wahrlich, du biſt auf der Bahn der Beſſerung ſchon weit vorgeſchritten!
Theobald ſaß ſehr unbequem. Um nicht von der Bank zu fallen, ſtemmte er den Stock ſeitwärts gegen den Boden und ſtützte ſich darauf. Doris ſah das.
„Rücken Sie doch heran, Herr Doctor! Platz iſt ja genug, reichlich genug für uns Beide.“
„Wenn Sie es denn erlauben“, ſagte er und that zögernd wie ihm geheißen. Dabei berührte er das Kleid des Mädchens, ſo daß er um einige Zoll wieder zurückfuhr.
„Sie fürchten ſich doch nicht vor mir?“ fragte ſie lachend.
„Fürchten?— Das fehlte noch!“ und jetzt rückte er dicht heran.
„Ich fürchte mich auch nicht mehr vor Ihnen. Bis geſtern freilich, da war das anders. Da hatte ich einen Reſpect vor Ihnen, wie noch vor Niemanden, ſelbſt nicht vor dem Herrn Pfarrer; und das iſt ein ſchrecklich ehrwürdiger Herr.— Sie kamen mir vor wie ein höheres Weſen. Ich hatte noch nie einen Gelehrten, das heißt einen richtigen, ſo einen von der Univerſität geſehen, und dann vergaßen Sie über Ihren Büchern ja Alles, ſelbſt— das ſchöne Eſſen, daß ich Ihnen an Ihrem Ankunftstage gekocht, und nachher, da achteten ſie kaum auf das, womit ich den Tiſch immer verſah, und ich hatte mir doch ſo viele Mühe damit gegeben.“
„Hat Ihnen das weh gethan? Das thut mir leid, und ich bitte Sie um Verzeihung. Aber wir Gelehrten legen materiellen Genüſſen meiſt eine untergeordnete Wichtigkeit bei. — Doch Sie ſagten, ſeit geſtern hätte ſich Ihre Meinung über mich geändert.— Darf ich Sie bitten, mir, wenn die Frage erlaubt iſt, zu ſagen, welchem glücklichen Umſtande ich dieſe Wendung zu danken habe?“
Doris ſchwieg eine Weile und ſah den Doctor fragend
„Da wird ſich der Vater wundern. Ich dachte, Sie ſäßen wieder bei Ihren Büchern und hätten darüber ſchon ganz ver⸗ geſſen, daß wir geſtern den Wachſtein mit ſeiner wundervollen Ausſicht beſucht haben.“
an, ob ſie es auch wagen dürfe, es auszuſprechen. Dann ſagte ſie:„Als wir oben auf dem Wachſtein ſtanden und Alle ſchweigend auf das Bild vor uns ſchauten, da blickte ich ein⸗ mal ſeitwärts nach Ihnen hin und ſah, wie Ihr Auge feucht
führeriſch, daß ich die friſche Luft aus erſter Quelle ein wenig
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