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X. Jahrgang.
1867.
Nℳ 46.
*
Der Privatdocent.
Erzählung von Ad. Lichtenheld. (Fortſetzung.)
6 pät am andern Morgen ſehen wir Theobald lange, lange aufrecht in ſeinem Bette ſitzen, ehe er ſich entſchloß, auf⸗ 9— zuſtehen. Er kratzte ſich verſchiedene Male bedenklich in den Haaren, ſchüttelte den Kopf und ſtarrte wieder nachden⸗ kend vor ſich hin. Der Rauſch war verflogen, und der Kopf drohte jetzt zu einer ungeheuer vernünftigen Erörterung des Vorgefallenen den Gelehrten vor ſein Tribunal fordern und ſtrenges Gericht über die Tollheiten und Ausſchweifungen halten zu wollen, die er ſeinem Herzen geſtattet hatte.— Aber es war doch eine große Veränderung mit Theobald vor⸗ gegangen. Ihm däuchte der Rauſch ſelber gar nicht ſo unan⸗ genehm geweſen zu ſein. Er nahm Partei für denſelben und wollte kein Verdammungsurtheil über ihn ausſprechen laſſen, was unſtreitig der Fall geweſen wäre, wenn er das ſtricte Nachdenken fortgeſetzt hätte. Darum brach er es mit einem raſchen Sprunge aus dem Bette ab, um dem moraliſchen Katzenjammer, der ihn zu überfallen drohte, auszuweichen, und zog ſich an. Bei dem Anblick des Folianten auf dem Arbeitstiſch überkam ihn ein neuer Anfall von Gewiſſensbiſſen, und er ſchwankte, ob er nicht doch lieber die wieder erwachen⸗ den Regungen von Lebensluſt und Poeſie durch die Trocken⸗ heit des langweiligen Chroniſten für immer niederdämpfen ſollte.
„Aber was duftet denn da ſo herrlich? Ei, was iſt das für ein ſchöner Blumenſtrauß, der da in der reichverzierten Vaſe zwiſchen all den alten, moderigen Büchern auf dem Tiſche prangt!
Theobald faßte das Gefäß mit dem lieblichen, in allen Farben ſchillernden Inhalt, ſtellte es vor ſich hin und muſterte es, angenehm lächelnd, mit Augen und Naſe. Eine Roſen⸗ knospe, für dieſe Jahreszeit ein köſtlicher Schmuck, bildete den Mittelpunkt, um den die andern Blumen in geſchmackvoller Weiſe geordnet waren.
„Gewiß ein Tribut, den die Dankbarkeit Doris' ihrem Lebensretter zollt. Aber jich möchte doch wiſſen, wie das Gefäß mit den koſtbaren Blumen in das Zimmer gekommen iſt.— Gott, ſie wird doch nicht ſelbſt—“ er erröthete über und über bei dieſem Gedanken.„Doch nein, das wäre ja unſchicklich“, beruhigte er ſich.„Sie, ein Mädchen, in dem Zimmer eines jungen Mannes, noch dazu, wenn dieſer—. Wie ich nur einen ſolchen Gedanken faſſen konnte!— Jeden⸗
Wachenhuſen's Hausfreund. K. 16.
falls wird der Diener, der meine Aufwartung beſorgt, während ich Aoch ſchlief, die Vaſe hierher geſtellt haben.— Doch dieſe Aufmerkſamkeit thut meinem Herzen wohl, in der That; ich hätte es kaum erwartet.“
Nochmals beugte er das Antlitz über den Strauß und ſog mit Behagen den Duft deſſelben ein. Dann ſtand er auf, ohne ſeinen Hiſtoriker nur eines weitern Blickes zu würdigen, und öffnete das Fenſter. Es war ein köſtlicher Morgen, die Luft ſo friſch und wonnig, die Landſchaft ſo hell und luſtig, daß es ihn, obwol die Ausſicht eine bei weitem einfachere war, doch ähnlich wie geſtern auf dem Wach⸗ ſtein durchſchauerte. Weit beugte er ſich hinaus und ließ das Auge höchlichſt befriedigt über die Gegend ſchweifen.
„Es muß doch etwas Köſtliches um einen Spaziergang durch die Felder oder durch den Wald jetzt ſein“, ſchloß er endlich.„Ich weiß noch aus frühern Tagen, wie ich oft dergleichen unternahm, ja, wol noch vor Sonnenaufgang hinauseilte, um dieſen auf irgend einem hohen Punkte zu er⸗ warten. Ich brachte dann jedesmal einen tüchtigen Appetit mit nach Hauſe, daß mir das Eſſen ausnehmend ſchmeckte.— Wer weiß, vielleicht erzeugt es noch dieſelbe Wirkung, und mein Appetit fängt ohnedies an, dann und wann auszu⸗ bleiben.“
Er überlegte noch lange, ehe er das Außerordentliche eines morgendlichen Spaziergangs, um ſeinen Appetit zu reizen, zum Beſchluß erhob. Aber es war ihm zu Muthe, wie einem jungen Mädchen nach dem erſten Balle: es litt ihn nicht ruhig im Zimmer, es verlangte ihn nach einem Zuſammentreffen mit den Genoſſen des geſtrigen Feſtes. Darum nahm er denn auch Hut und Stock und ſchickte ſich an, das Zimmer zu ver⸗ laſſen. Aber da kam ein anderes Bedenken. Er fürchtete, daß ihn Jemand ſehen und Zeuge der Extravaganz werden könne, die er ſich zu erlauben im Begriff ſtand. Das peinigte ihn, er wußte ſelbſt nicht warum; er wähnte wol, daß ſeiner Würde dadurch Eintrag geſchehen könnte. Faſt wäre er wieder umgekehrt. Aber ein Blick durch das offene Fenſter in die ſonnige Morgenlandſchaft hinaus ſchlug die erregten Bedenken wieder nieder. Und ſo überſchritt er denn die Schwelle und ſuchte einen Ausgang ins Freie. Das war jedoch nicht ſo leicht. Er kannte nur den einen Weg, der hinüber in die Wohnung des Pächters führte, und den mochte er denn doch nicht einſchlagen. So irrte er in den Gängen des alten Schloſſes umher. Bald fand er auch eine Treppe,
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