Jahrgang 
1867
Seite
718
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kehrt, brachte er die Idee mit, er ſei Chriſtus, der Auser⸗ wählte. Durch die Ueberſiedelung nach Nordamerika hatte der choleriſche, nicht frei von Hochmuth, Eitelkeit und Aber⸗ glauben ſeiende Mann ſein Vermögen verloren; er erzählte, daß er dort drei Jahre barfuß gegangen ſei; für dieſe Buße ſei er aber auch der Auserwählte, der neue Chriſtus; jetzt wäre kein Gott, er müſſe ihn erſt wieder in die Menſchheit einführen; er wolle Alles erlöſen, dazu habe er Kraft und Erkenntniß; es treibe ihn die Stimme des Geiſtes und der durch das Wort empfangene Befehl Gottes. Der ernſten Ab⸗ ſicht, eines Sonntags in der Kirche der Gemeinde das große köſtliche Heil zu verkündigen und ſeine Tochter ſelbſt einzu⸗ ſegnen, ward mit Mühe entgegengewirkt. Kurze Zeit darauf verſchwand er, wurde aber im April 1845 von der Polizei in Potsdam feſtgehalten, woſelbſt er ſich für den leiblichen und wahren Chriſtus, nicht von Nazareth, ſondern von Ame⸗ rika ausgab und ſich nur die Nacht vorbereiten wolle, um mit Kraft und Salbung vor Se. Majeſtät treten zu können, mit der Bitte: die Pfaffen in ſeine Gewalt zu geben, damit er ſie nach Sibirien ſchicken könne; mehr chriſtliche Anhänger habe er bei den Juden als bei den Chriſten gefunden; Roth⸗ ſchild in Frankfurt a. M. ſei ſein beſter Jünger.

Iſt nun auch der Einfluß der Leidenſchaften auf den Geiſt nicht immer ein ſo zerrüttender, ſo macht doch jede Leidenſchaft immer unfähig, die Dinge ruhig und richtig an⸗ zuſehen, wie ſie ſind. Jede Leidenſchaft färbt den ganzen Darſtellungskreis mit ihrer Farbe. Es gibt demgemäß keine größern Sophiſten als die Leidenſchaften. Alles verdrehen ſie und legen es zu ihren Gunſten aus. Den Zweck, den Einer in der Leidenſchaft unabläſſig verfolgt, weiß er nicht richtig zu würdigen und im Zuſammenhange mit andern Lebenszwecken abzuſchätzen. Dagegen, was die Mittel zu ſeinem Zweck betrifft, kann der Leidenſchaftliche ſehr ſcharf⸗ ſichtig ſein und kann ſehr beſonnen zu Werke gehen. Ja, die Leidenſchaft ſteigert hier ſeinen Verſtand. Der Ehrgeizige iſt, je leidenſchaftlicher ſein Ehrgeiz iſt, deſto ſcharfſichtiger für Alles, was ihn zu dem erſtrebten Ziele führen kann, und weiß ſich auch in dem Verfolgen deſſelben inſofern zu be⸗ herrſchen, als er ſorgfältig Alles vermeidet, was der Er⸗ reichung deſſelben im Wege ſteht und davon ablenkt. Ein Ehrgeiziger wird ſo lange vor Mächtigern, Höhergeſtellten kriechen, wird ſich ducken und wird ſich treten laſſen, bis er ſein Ziel erreicht hat. Die Leidenſchaften ſchließen alſo Kalt⸗ blütigkeit und Beſonnenheit nicht aus, aber nur in Beziehung auf die Mittel zu ihrem Zweck, nicht in!Beziehung auf den Zweck ſelbſt.

Wenn man geſagt hat, ohne Leidenſchaft käme nichts Großes in der Welt zu Stande, ſo iſt das inſofern richtig, als ohne jenes beharrliche und energiſche Streben, welches der Leidenſchaft eigenthümlich iſt, nichts Großes zu Stande kommt, und als auch ohne jene Kaltblütigkeit und Beſonnen heit, zu welcher die Leidenſchaft in Hinſicht auf die Mittel zum Zweck befähigt, nichts Großes zu Stande kommt. Aber zum Verrichten wahrhaft großer, der Menſchheit zu wahrem Wohle gereichender Thaten gehört noch etwas mehr als dieſe blos formellen Cigenſchaften der Leidenſchaft. Es gehört dazu Weisheit, welche die Güter des Lebens richtig abſchätzt und nicht höhere, wichtigere Güter den untergeordneten, unbedeu⸗ tendern zum Opfer bringt. Dieſer Weisheit ermangeln die Thoren, welche leidenſchaftlich nach Reichthum, nach Ehre, nach Herrſchaft ſtreben und dieſen Götzen das wahre Lebens⸗ glück, die Geſundheit, die Gemüthsruhe, die Gewiſſensrein⸗ heit, die Selbſtachtung opfern. Eine leidenſchaftlich putz- und genußſüchtige Frau opfert das Familienglück, das Glück des Gatten und der Kinder, den Bällen und Crinolinen. Sie kann allerdings groß ſein; aber ach, welche Größe iſt das!

Man hat alſo bei der Vertheidigung der Leidenſchaften ihren Inhalt von ihrer Form zu unterſcheiden. Die Energie, Beharrlichkeit und Selbſtbeherrſchung, zu welcher die Leiden⸗ ſchaft in hohem Grade befähigt, iſt nur dann lobenswerth,

nur dann heilſam, wenn ſie ſich mit einem ſittlich guten, mit einem weiſen Zweck verbindet. Jene großen Herven der Weltgeſchichte, welche die Menſchheit von Irrthum und Knecht⸗ ſchaft erlöſt, hätten ſicher das, was ſie geleiſtet haben, nicht geleiſtet, wenn ſie ohne Leidenſchaft, wenn ſie kalte, apa⸗ chiſche, ſchlaffe Naturen geweſen wären; aber ſie hätten es ſicherlich auch nicht geleiſtet, wenn ſie ohne Tugend, ohne Liebe zur Wahrheit und Freiheit, geweſen wären. Egoiſti⸗ ſche Leidenſchaften ſchaffen nichts Großes, nichts Dauerndes.

Man hat gefragt, ob auch die Thiere Leidenſchaften haben, oder ob nur der Menſch das Privilegium hat, von Leidenſchaften beſeſſen zu ſein. Es iſt nun zwar richtig, daß die Thiere eigentlich nur phyſiſche Bedürfniſſe und Be⸗ gierden haben und ihnen der Geiſt fehlt, ohne den es keine Leidenſchaft gibt. Der Wolf und der Tiger morden nur, um ihren Hunger zu ſtillen, aber nicht, weil ſie, wie ein Nero, an dem Morde ein geiſtiges Wohlgefallen finden. Daß aber auch bei den Thieren, namentlich bei den höhern, eine Stei⸗ gerung der Begierden bis zur Leidenſchaft möglich iſt, das beweiſt die Habſucht mancher Hunde, welche unerſättlich, nicht ſowol nach dem phyſiſchen Genuſſe als vielmehr nach dem Beſitze, Knochen, deren ſie gegenwärtig nicht bedürfen, zu⸗ ſammenſcharren und vergraben, oder die, ſelbſt im Beſitze ihrer Mahlzeit, den andern die ihrige misgönnen. Ein Schriftſteller erzählt von ſeinem Hunde:Ungeachtet er Speiſe bei mir in Ueberfluß findet und ſie ſo gut hat wie ich, ſo verſcharrt er doch ängſtlich jeden Knochen, und zwar, damit den Schatz ja Niemand entdecke, ſo ganz insgeheim, daß, obgleich er wiſſen muß, wie ſehr ich Alles mit ihm theile, er nichtsdeſtoweniger mit dem Knochen lieber in die waldige Anhöhe eilt, als ihn vor meinen Augen verſcharrt. Die ſtolze Behaglichkeit, mit der er ggnder Arbeit zurückkehrt, gleicht der Selbſtzufriedenheit in der Miene eines Geizigen nach Vollendung der Muſterung ſeiner Schätze. Jeden Morgen und Abend hält er rund um das Haus Muſterung über den Zu⸗ ſtand der Knochenmagazine. Formirt ſich alſo nicht auch der Hund einigen Begriff vom Eigenthum?

Auch die Kamfpfluſt einiger Thiere, die unaufhörlich mit andern anbinden, ohne auf etwas Anderes als auf Sieg auszugehen, die Gefallſucht der Pferde u. ſ. w. beweiſt, daß auch ſchon die Thiere der Leidenſchaft fähig ſind. Carus macht auf die Kampfluſt und Streitbegier der Vögel auf⸗

merkſam. Dieſe Kampfluſt iſt Veranlaſſung geweſen, daß ſchon

in alten Zeiten und in verſchiedenen Ländern(namentlich in Java, aber auch in China und Japan, ſelbſt in Europa, nämlich in Spanien und England) die Hahnenkämpfe ein⸗ vielbeliebte Volksbeluſtigung und Anregung zu Weiten ge⸗ worden ſind. Zu dieſen Kämpfen wird vorzugsweiſe das männliche Thier ausgewählt; indeß wählen die Javaner von den Wachteln noch lieber die Weibchen, weil dieſe dort größer und tapferer ſind als die Männchen. Bekannt iſt auch, daß in Ländern, wo die Wetten um kämpfende Hähne gewöhnlich vorkommen, man den Thieren durch Anfügung gefährlicher Bewaffnung(Anſchnallen ſcharfer Sporen von Federmeſſer⸗ klingen u. dgl.) den Kampf noch mörderiſcher zu mächen pflegt, als er bei der blos natürlichen Bewaffnung ſein würde. Wirklich enden dann auch dieſe Kämpfe oft mit ſchweren Wunden und Tod der kämpfenden Thiere.

Carus betrachtet dieſe in der Gattung der Vögel vor⸗ kommende Kampfluſt als ein über das blos phyſiſche Bedürf⸗ aiß bereits hinausgehendes geiſtiges Princip. Es iſt kein Kampf mehr aus bloßer Begier nach Nahrung, ſondern tritt hier zum erſten Mal eine Art ritterlichen Kampfes ein, nicht mehr um das Fleiſch des Gegners, ſondernum die Idee der Ueberwindung deſſelben an und für ſich.

Doch, obwol auch ſchon bei den höheren Thieren ſich Leidenſchaften regen, ſo kann man wol mit Recht ſagen, daß das Leben der Thiere im Ganzen ein ruhiger hinfließen⸗ des iſt als das der Menſchen, weil ſie nicht ſo, wie der Menſch, von Leidenſchaften gequält ſind.

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