Jahrgang 
1867
Seite
716
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2.- S

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digung; die Leidenſchaften hingegen kennen kein Maß, ſie ſind in dieſem Sinne unendlich. Wer von einer Leidenſchaft beſeſſen iſt, bei dem heißt es: Immer weiter und weiter! Der leidenſchaftlich Ehrſüchtige kann nicht Ehre genug, der leidenſchaftlich Geldſüchtige nicht Geld genug, der leidenſchaft⸗ lich Herrſchſüchtige nicht Macht und Herrſchſchaft genug kriegen. Als Alexander erfuhr, daß es nach Demokrit unzählige Welten gebe, rief er aus:O ich Unglücklicher, der ich noch nicht einmal über eine einzige Meiſter bin!

Dieſer Unterſchied zwiſchen Begierde und Leidenſchaft rührt davon her, daß bei jener der Gegenſtand, auf den ſie gerichtet iſt, bloßes Mittel zum Zweck, bei dieſer hingegen Zweck iſt. Der Leidenſchaftliche iſt in den Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft ſo vernarrt, daß er ihn über alle andern Gegen⸗ ſtände ſetzt, alle andern nur zu Mitteln für ihn macht und dadurch die Ordnung der Dinge umkehrt. Das Geld iſt z. B. an ſich nur Mittel zum Leben; der Geizige hingegen macht das Leben zum Mittel des Geldanhäufens, er iſt nur da des Geldes wegen, nicht das Geld ſeinetwegen. Die lächerliche Seite dieſer totalen Verkehrung des wahren Verhältniſſes hat Moliere in ſeinemAvare zur Anſchauung gebracht. Blumauer führt uns in einem Epigramm einen Geizigen vor, der ins Waſſer gefallen, und als ihm Einer entgegenruft, den Arm zu geben, um ihn herauszuziehen, erwidert er:Ich kann nichts geben. Ein franzöſiſcher Schriftſteller ſagt beißend: Ich bin überzeugt, es gibt ſo ſchmutzige Geizhälſe in der Welt, daß ſie lieber wünſchen würden, verſtopft zu ſein, als offenen Leib zu haben, um ſich nur keiner Sache entledigen zu dürfen.

Kennt man erſt die Leidenſchaft eines Menſchen, ſo kennt man damit auch den ganzen Menſchen und weiß, was man von ihm zu erwarten hat. Niemand, der Geld zu einem wohlthätigen Zweck ſammelt, wird zu einem notoriſchen Geiz⸗ hals gehen; denn er riskirt, eher die Treppe hinuntergeworfen zu werden, als einen Groſchen zu kriegen. Man weiß zum voraus, daß ein Geizigernichts geben kann.

Ebenſo wenig, wie von einem Geizigen Geld, wird man von einem Herrſchſüchtigen erwarten, daß er denen, über die er herrſcht, Freiheit gewähren werde. Sei es nun ein Haus⸗ und Familienvater, oder ſei es ein Landesvater, der

von der Leidenſchaft des Herrſchens, von der Herrſchſucht be⸗

ſeelt und beſeſſen iſt, immer wird man ſich vergebens auf Freiheit bei ihm Rechnung machen. Die Hausthrannen denken, wenn ſie's auch nicht ſagen;Ich bin das Haus; die Landestyrannen denken, wenn ſie's auch nicht ſagen:Ich bin der Staat(L'état c'est moi). Wie thöricht, von einem Napoleon Freiheit zu erwarten! So thöricht, als von einem Geizigen Geld..

Jede Begierde kann zur Leidenſchaft anwachſen, wenn ihr Gegenſtand den Begehrenden ſo ſtark reizt und feſſelt, daß ihm darüber alle andern Gegenſtände werthlos werden. Wie Mancher hat erſt nur mit der Begierde an⸗ gefangen, ſich einen Rang, einen Titel, ein Ehrenamt, eine Ehrenſtelle zu erwerben, und hat dann in leidenſchaftlichem Ehrgeiz, immer höher und höher hinausſtrebend, es ſo weit getrieben, bis er zu Falle gekommen! Wie Mancher hat erſt nur die Begierde gehabt, einmal an den Spieltiſch zu treten, und hat dann als leidenſchaftlicher Spieler, nachdem er Alles verloren, ſich eine Kugel durch den Kopf gejagt!

Wie jede Begierde zur Leidenſchaft, ſo kann jede Leiden⸗ ſchaft zur Sucht ausarten. Suchten ſind nämlich die Leiden⸗ ſchaften, wenn ſie ſo ſtark geworden ſind, daß gegen ſie kein Gegenmotiv mehr aufkommt, daß in ewigem Suchen und Suchen nach ihrem Gegenſtand der Sinn und Verſtand für alles Andere, folglich die Freiheit des Individuums gänz⸗ lich verloren geht. In wem eine Leidenſchaft zur Sucht ge⸗ worden, der iſt gleichſam nur noch eine Maſchine oder eine Marionette in der Hand der Leidenſchaft. Er muß tanzen, wie die Leidenſchaft pfeift.

So lange eine Leidenſchaft noch nicht zur Sucht ge⸗ worden, kann ſie zu Zeiten ruhen, pauſiren, kann latent ſein; auch iſt zu hoffen, daß ſie durch geeignete Gegenmittel, durch

Maſſe Millionen.

Ablenkungen und Abwendungen von ihrem Gegenſtande, nach und nach beſeitigt werden könne. Iſt ſie hingegen erſt zur Sucht geworden, dann iſt das Individuum verloren, dann hilft kein Gegenmittel mehr. Gegen die Sucht iſt wie gegen den Tod kein Kraut gewachſen. Der wirklich Trunkſüchtige, der wirklich Spielſüchtige iſt nicht mehr zu retten. Ludwig Tieck erzählt in einer ſeiner Novellen von einem Spielſüch⸗ tigen, der, nachdem er Alles am Spieltiſch verloren und ſich und ſeine Familie ruinirt hatte, von einem Wohlthäter eine beträchtliche Summe mit dem Rathe, nun nicht mehr zu ſpielen, erhielt. Die Summe war groß genug, ihn und ſeine Familie zu retten. Aber er ging wieder hin, ſpielte und ver⸗ ſpielte auf's Neue. Aehnlich würde es wohl dem ergehen, der einen Säufer, welcher all ſein Hab und Gut verſoffen, dadurch retten zu können meinte, daß er ihm Geld gäbe, mit dem Rathe, nun ordentlich zu werden. Der Säufer würde nur hingehen und das Geld auf's Neue verſaufen. In Berlin ſollen diejenigen durch Trunk Zerrütteten, die vom Kranich⸗ feld'ſchen Mäßigkeitsvereine Unterſtützungen beziehen, dieſe oft nur dazu verwenden, in dem nächſten beſten Keller oder in der Deſtillativn auf's Neue zu trinken.

Es gibt nicht blos Leidenſchaften für Etwas, ſondern auch Leidenſchaften wider Etwas. Wie ſich jene im beharr⸗ lichen und energiſchen Suchen des Gegenſtandes, auf den ſie gerichtet ſind, äußern, ſo dieſe im beharrlichen und ener⸗ giſchen Fliehen. Leidenſchaftlicher Widerwille gegen Arbeit, gegen ein geordnetes und geregeltes Leben findet ſich bei Solchen, die ſich dem Bummeln, dem Vagabundiren ergeben haben. Jede Leidenſchaft für Etwas iſt natürlich mit Leiden⸗ ſchaft wider Alles, was dem entgegenſteht, verbunden. Der Geizige hat einen leidenſchaftlichen Widerwillen gegen Aus⸗ gaben. Der Verliebte verfolgt leidenſchaftlich jeden wirklichen oder auch nur eingebildeten Nebenbuhler. Der Eiferſüchtige gibt ſeinen leidenſchaftlichen Widerwillen, ſeinen Haß gegen wirklich oder vermeintlich Begünſtigte durch Rachethaten, wie Othello, kund.

Beiläufig läßt ſich an der Eiferſucht auch veranſchau⸗ lichen, welchen ſtörenden und verwirrenden Einfluß die Leiden⸗ ſchaften auf den Verſtand, auf die Intelligenz üben. Der leidenſchaftlich für oder wider eine Sache Eingenommene ſieht die Dinge nicht mehr im rechten Lichte, wie der Ge⸗ ſunde, Unbefangene. Er macht aus Mücken leicht Elephanten. Treffend ſagt Jago in Shakeſpeare'sOthello:

Der Eiferſucht ſind luft'ge Kleinigkeiten So bündig von Beweis wie Bibelſprüche.

Anfangs kaum übel von Geſchmack, doch dann, Wenn ſie beginnen auf das Blut zu wirken, Wie Schwefelminen brennend.

Nichts macht ſo ſehr zum Tollhaus reif, wie eine ſtarke Leidenſchaft. Die Irrenhäuſer haben lebendige Beiſpiele in

Menge von Solchen aufzuweiſen, die durch leidenſchaftliche

Geld⸗ oder Ehrſucht verrückt geworden. Oft ſind es Menſchen aus niedrigem Stande, Handwerker, Weber, Seiler u. dgl., die ſich einbilden, eine Erbſchaft von Millionen gemacht zu haben, oder Kaiſer und Könige zu ſein. Angehende Candi⸗ daten der Theologie bilden ſich ein, Chriſtus, der Meſſias zu ſein, u. ſ. w. Aus dem Irrenhauſe bei Halle erzählt Profeſſor Damerow mehrere Fälle dieſer Art. Da war z. B. Einer, der in ſeiner Einbildung der Heiland Chriſtus war und den Beruf der Offenbarung hatte. Tholuck war ihm Paulus; Schwetſchke, Schwarz und Wislicenus waren ihm die drei Männer im feurigen Ofen. Aber außer Chriſtus bil⸗ dete er ſich auch noch ein, Chriſtian VI. von Dänemark zu ſein, und ebenſo erwartete er eine Familienerbſchaft von einer Ein Seilermeiſter, der nach fleißigem Be⸗ ſuche von Conventikeln und anhaltendem Leſen frommer Bücher

verrückt geworden war, bildete ſich ein, in Europa nicht ſelig

werden zu können, und wanderte nach Amerika aus; man

ließ ihn auch gehen. Er blieb dort ſechs Jahre. Zurückge⸗