Jahrgang 
1867
Seite
715
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tragiſchen und komiſchen Dichtung.

Sie ſcherzen; da wir wegen unſerer Trauer kein Theater beſuchen dürfen, bleiben uns nur die Denkmäler übrig. Sehr gern möchte ich den Juſtizpalaſt ſehen.

Der iſt nicht ſo ſehenswerth.

Daran erkenne ich wieder meine Pariſer: ſie ſind ſo verderbt, daß ſie nichts mehr zu bewundern vermögen; ſie würdigen des Prächtigſte kaum eines verächtlichen Blickes.

Ich wette darauf, daß Sie z. B. noch niemals um die Erlaubni 3

angehalten haben, die Pariſer Gefängniſſe zu beſuchen!

Meiner Treu, die habe ich beſucht, ohne dieſe Erlaubniß eingeholt zu haben.

Wahrhaftig? Aber wie bewerkſtelligten Sie dieſes?

Es wäre zu lang, es Ihnen hier zu erörtern. Genug, ich überzeugte mich an Ort und Stelle.

Könnten Sie für mich nicht dieſelbe Gunſt erlangen? Kommen Sie, wir wollen nach dem Criminalgefängniſſe wandern!

Bitte, verſchonen Sie mich damit!

Sie ſind alſo durchaus nicht neugierig?

Es genügt, dergleichen einmal geſehen zu haben!

So muß ich denn allein dahin pilgern!... Aber ſagen Sie mir, weshalb verſäumten wir es, einen Spaziergang durch die Rue de la Paix zu machen?

Jedenfalls deshalb, antwortete Savari, von Vibert ſcharf beobachtet,weil unſer Weg anders wohin führte.

Wann dürfen wir ſie ſehen?

Wann es Ihnen beliebt!

Heut' alſo?

Sei es heute noch!

Es war dies ein Project, das man ſtets entwarf und immer wieder fallen ließ. Der Polizei⸗Agent aber, welcher es für gefährlich erachtete, ſich mit Madame Vidal öffentlich zu zeigen, erinnerte Savari nicht an ſein Verſprechen dieſer hütete ſich wohl, ihm daſſelbe ins Gedächtniß zurückzurufen.

Nach dem Frühſtück etwa gegen drei Uhr Nach⸗ mittags pflegte man ſich in die Rue Grammont zu Julia zu begeben; ſelten fuhr man im verdeckten Wagen aus. Das Mittagsmahl führte unſere beiden Reiſenden und ihren Fremden⸗ führer hiernächſt einander noch näher, und auch der Abend floß regelrecht im gemeinſchaftlichen Amuſement dahin.

Auf dieſe Weiſe war es Vibert gelungen, Savari zu überwachen, ſeine Geberden, ſeine Worte und Blicke auf das Genaueſte zu beobachten.

Das Terrain war vortrefflich, die Zeit günſtig. Es lag im Plane Vibert's, Savari durch Liebe an Julia zu feſſeln, und die erſten Regungen dieſer Liebe konnten ja nicht lange auf ſich warten laſſen.

Albert Savari, der ſeiner Zeit ein mütterliches Erbtheil von etwa dreißigtauſend Franes empfangen und daſſelbe ſchon in ſeiner Jugend theils im Spiel, theils an der Börſe an den Mann gebracht hatte, war nicht ohne Bildung, weil ſeine Aeltern ihn in einer der berühmteſten Anſtalten von Paris hatten erziehen laſſen. Er führte, wie wir wiſſen, nachdem er ſein Vermögen vergeudet, ein wahres Zigeuner⸗ leben, das man nur in Paris leben kann. Er unterſchied ſich wenig von ſeiner verſtorbenen Mutter, die dereinſt ſelbſt ihrem Gatten mit einem Offizier durchgegangen war, er liebte Dieſe und Jene, je nachdem der Zufall und die Verhältniſſe es mit ſich brachten.

Vibert hatte richtig geahnt, daß dieſer Menſch, ein Vogel in der Luft, endlich ſich danach ſehnen müſſe, im reifern Alter allen dieſen entnervenden Liebeständeleien eine Ende zu machen und ſeinen Gefühlsſchwankungen eine Leidenſchaft ent⸗ gegenzuſtellen, die er noch nicht kannte.

Niemand war aber mehr und beſſer im Stande, ihm dieſe Leidenſchaft einzuflößen, als Julia Vidal. Ihre Schön⸗ heit übertraf die Grazie und die Anmuth aller weiblichen Weſen, die Savari bis dahin geſehen. Ihr Auge ſchleuderte flammende Blitze, und ihr Lächeln ſchien ihn förmlich heraus⸗ zufordern. Sie ſprach wenig, einförmig; aber wenn ſie ſprach, bewirkte ſie ſonderbar ergreifende Eindrücke. Sie vereinigte in ſich Traurigkeit, Kühnheit, Weichheit und Härte, kurz, die ſeltſamſten Widerſprüche, welche die Phantaſie übermächtig zu feſſeln, und nach und nach das Gefühl, das Herz ſelbſt zu erobern pflegen.

Unter dem Zauber eines ſolchen Weſens konnte Savari nicht lange unthätig bleiben. Er überlegte bereits auch, wie er ſich zu verhalten habe, und wog die Gefahren, mit welchen ihm die Liehe zu Julia drohte; anſtatt aber dieſe Gefahren zu er vielmehr ihnen die Stirn bieten zu wollen. Und wirklich kam es ſoweit, daß er endlich nur einen Wunſch im Buſen hegte es war der ſehnlichſte Wunſch, mit Julia ſich allein zu ſehen, der läſtigen Gegen⸗ wart Vibert's enthoben zu werden!

(Fortſetzung folgt.)

Blicke in das Seelenleben.

Vn D u.

Frauenſtädt.

I. Die Leidenſchaften.

Die Leidenſchaften ſind das unerſchöpfliche Thema der Die Dichter zeigen uns entiweder die ſchrecklichen oder die lächerlichen Seiten einzelner Leidenſchaften. Das allgemeine Weſen der Leidenſchaften hingegen bringt uns nur der Pſycholog, der Seelenforſcher, zum Bewußtſein.

Der Gegenſtand der Leidenſchaften kann ein ſehr ver⸗ ſchiedener ſein. Der Menſch kann eine Leidenſchaft haben für ſinnliche und für geiſtige Genüſſe aller Art. Alles, was für irgend eine Seite der menſchlichen Natur von beſonderm Reiz oder beſonderm Intereſſe iſt, kann zur Leidenſchaft werden. So gibt es eine Leidenſchaft für Eſſen und Trinken, für Spiel und Tanz, ſür Jagd und Reiſen, für Geld und Gut, für Ehre und Ruhm, für Wiſſenſchaft und Kunſt, für Religion, für Politik u. ſ. w.

Aber worin beſteht nun das eigenthümliche Weſen der Leidenſchaft, das, wodurch ſie ſich von andern verwandten Seelenerſcheinungen unterſcheidet?

Die Leidenſchaft gehört mit der Begierde und Nei⸗ gung in eine Klaſſe, in die Klaſſe der Willenserſcheinungen. Aber ſie unterſcheidet ſich durch einige Merkmale bedeutend von jenen beiden. Begierden und Neigungen verſetzen zwar

eben ſo, wie die Leidenſchaften, die Seele in eine innere Un⸗ ruhe, eine innere Spannung. Aber die Unruhe, die Span⸗ nung iſt bei den Begierden und Neigungen eine vorüber⸗ gehende, weil die Begierden und Neigungen ſich ſtillen, ſich befriedigen laſſen; bei den Leidenſchaften hingegen iſt ſie eine dauernde(permanente), weil die Leidenſchaften unſtillbar, unerſättlich ſind.

Die Begierde nach Speiſe und Trank, die den Hungrigen und Durſtigen quält, ſchafft dieſer ſich dadurch vom Halſe, daß er ißt und trinkt; die Begierde nach einer Ortsverände⸗ rung, die den Stubenhocker quält, ſchafft dieſer ſich dadurch vom Halſe, daß er einen Spaziergang oder eine Reiſe macht; die Begierde nach einem Spiel, die den, welcher lange an⸗ haltend gearbeitet hat, ergreift, ſchafft dieſer ſich dadurch vom Halſe, daß er mit einigen Genoſſen eine Spielpartie macht. Aber ganz anders verhält es ſich, wenn Trinken, Reiſen, Spielen zur Leidenſchaft geworden ſind. Die Leidenſchaft

des Trunks, des Reiſens, des Spiels ſchafft man ſich nicht

ſo leicht vom Halſe. Denn die Begierden beſitzen wir, die Leidenſchaften hingegen beſitzen uns. Die Leidenſchaften ſind

Dämonen, von denen der ſie Beſitzende beſeſſen iſt. Die Begierden haben ein endliches Maß ihrer Befrie⸗ 90*