Jahrgang 
1867
Seite
714
Einzelbild herunterladen

S

En.n

Von dem Augenblicke ab, ſchloß er ſeine Rede,i welchem Sie Willens ſein werden, mit Savari ſo oft wie möglich zuſammen zu treffen, dürfen Sie nicht in dieſem Hauſe wohnen. Wenn es ihm nämlich irgendwie einfiele, Ihnen bis hierher zu folgen, würde er jedenfalls wiſſen, wer Sie ſind, und Alles wäre verloren.

Augenſcheinlich.

Sie ſind alſo entſchloſſen, Ihre Wohnung zu ändern?

Nein, ich behalte dieſes Zimmer es weckt in mir manche Erinnerung. Wohl kann ich mir aber ein zweites miethen, und dahin mich begeben, ſo oft es erforderlich ſein wird.

Ueberlaſſen Sie mir die Wahl deſſelben?

Ja wohl!

Wo wünſchten Sie zu wohnen?

Mir ſehr gleich Sie ſenden mir einfach meine neue Adreſſe.

Heut' Abend noch werden Sie dieſelbe empfangen!

Vibert verabſchiedete ſich und lenkte ſeine Schritte zu den Verkaufsläden des Temple, wo er noch einige Kleinigkeiten zu beſorgen hatte. Hier angelangt, kaufte er zwei billige Kiſten, welche dereinſt irgend einem reichen Fremden angehört haben mochten, und füllte dieſelben mit Wäſche, Kleidungsſtücken und allen möglichen Dingen ſo an, daß ſie zu berſten drohten eine Speculation, welche lediglich dazu dienen ſollte, dem Dienſtperſonal des Hotels, in welches er zu ziehen beabſichtigte, Vertrauen zu ſeiner Perſon einzuflößen.

Es handelte ſich jetzt darum, in dem Gaſthauſe ſelbſt, welches er Savari vorher bezeichnet hatte, unterzukommen und ſich einzurichten.

Das einzige noch offen ſtehende Zimmer, welches man im Hötel des Princes Vibert anzubieten vermochte, koſtete funfzehn Francs pro Tag. Der Graf Rubini ſcheute indeß keine Ausgabe. Nachdem er die Kiſten geleert und die bunte Sammlung von Gegenſtänden jeder Art nebſt Kleidung und Wäſche recht merlbar placirt, eilte er herriſch hinab, ertheilte hier ſeine Aufträge, um den Barbier, den Schuſter und Hut⸗ macher des Hotels in aller Frühe des folgenden Tages zu ſich beſtellen zu laſſen, und fuhr auf den Boulevard hinaus, um für Julia Vidal ein geeignetes Zimmer zu miethen. Ein ſolches fand er erſt in der Rue Grammont. Er miethete daſſelbe angeblich für eine ſeiner Verwandten, die er natür lich unter dem Namen einer Gräfin von Rubini dort an⸗ meldete. Dann kehrte er nach ſeinem Hotel zurück und legte ſich zu Bette.

Am andern Morgen empfing Vibert ſeine Lieferanten, und harrte, nachdem er gut gefrühſtückt, ſeines Schuldners Savari. Derſelbe erſchien leider erſt um 3 Uhr Nachmittags.

Vibert hatte voraus geſehen, daß Savari, deſſen zer⸗

rüttete Vermögensverhältniſſe er kannte, ſeine Spielſchuld, die ſonſt unter Ehrenmännern innerhalb vierundzwanzig Stunden berichtigt zu werden pflegt, in der bezeichneten Friſt an ihn abzutragen nicht im Stande ſein dürfte; er wünſchte dies ſogar, damit er Gelegenheit fände, ihn öfter zu ſehen und zu ſprechen.

Savari brachte auch in der That kein Geld mit, und die Folge ſeines Beſuchs im Höoͤtel des Princes war die, daß Vibert, der Graf von Rubini, dem es offenbar nicht darauf ankommen konnte, wegen einer Bagatelle von vierzehntauſend Francs ſeinem Schuldner acht bis vierzehn Tage Friſt zu ſchenken, in freundſchaftlicher Weiſe den letzteren zu veran⸗ laſſen wußte, ihm ſowol wie ſeiner angeblichen Verwandten in der Rue Grammont während der ganzen Zeit ihres Auf⸗ enthaltes in Paris als Fremdenführer zu dienen ein Vor⸗ ſchlag, auf den Savari bereitwilligſt einging.

Vibert lenkte hiernächſt das Geſpräch auf das eigentliche Ziel der Unterhaltung, die er mit ſeinem Schuldner ange ſponnen.

Nein, dieſe Pariſer! begann er wieder mit ſeiner ge⸗ zwungenen Accentuirung...wohl hat man Grund, ſie dem Ausländer anzupreiſen!.... Meine Verwandte...

Entſinnen Sie ſich denn ihrer nicht? Ich hatte ja die Ehre, Ihnen dieſelbe bei Madame d'Ermont vorzuſtellen.

Ich entſinne mich deſſen wohl; aber ich hielt die Dame nicht für Ihre Verwandte.

Weshalb denn nicht, mein Herr?

Eben, weil Sie dieſelbe bei der Madame d'Ermont eingeführt haben!.. Verzeihen Sie mir die Offenheit: in einer Geſellſchaft wie die, in welcher wir uns begegneten, führt man keine Dame von Reputation ein mich zwangen die Umſtände alſo, Ihre Verwandte für eine Geliebte zu halten. Der Salon der Madame d'Ermont iſt übel berüchtigt!

Das thut mir in der Seele leid! Aber ich bin als Fremder mit meiner Verwandten ganz unſchuldig dazu ge⸗ kommen, ihre Geſellſchaft aufzuſuchen. Man ſagte mir in Neapel:Gehen Sie zur Madame d'Ermont, Rue Blanche Nr. 10. es iſt eine ausgezeichnete Dame und Sie ſind dort beſtens aufgehoben!

Savari lächelte.

Madame d'Ermont empfängt einen Jeden und Alles, bemerkte er,ſelbſt verheirathete Männer, aber allein, d. h. nicht in Begleitung ihrer Frauen!

Ich werde es ihr nie vergeben, daß ſie mich hiervon nicht vorher in Kenntniß geſetzt hat ich hätte meine Verwandte...

Verzeihen Sie, fiel Savari dem Sprechenden ins

Wort,Sie thäten Pelagie d'Ermont offenbar unrecht: Sie hielten dieſelbe für eine anſtändige Frau, und das eben iſt ſie nicht! Uebrigens hat ſie Ihre Verwandte nicht für Ihre Verwandte gehalten; denn ſie weiß wohl, daß wir Pariſer unſere Geliebten überall unter dieſem Namen mit uns herum⸗ führen. .Ich verſichere Sie, bei Allem, was mir heilig iſt, das iſt hier nicht der Fall! Die Dame iſt in der That meine Anverwandte, eine Rubini, ſo gut wie ich. Sie hat lediglich deshalb eine kleine Reiſe unternommen, um ihre, durch eine ſchwere Krankheit ſo ſehr erſchütterte Geſundheit wieder zu erlangen.

Ich zweifele nicht im Mindeſten an Dem, was Sie ſagen, und es ſoll mir eine wahre Freude bereiten, Ihnen ſowol wie Ihrer geehrten Verwandten überall und nach Möglichkeit an die Hand gehen zu können.

Wann werde ich alſo die Ehre haben, Sie vorſtellen zu dürfen?

Wann es Ihnen beliebt!

So ſei es denn morgen!

Savari verabſchiedete ſich; er war jedenfalls nicht unzu⸗ frieden mit dem Ergebniſſe der gehabten Unterhaltung, weil er Ausſicht hatte, eine kürzere oder längere Zeit hindurch in guter Geſellſchaft gut leben zu können. Vibert ſeinerſeits war entzückt.

Drei Wochen waren kaum verfloſſen, und Savari war bereits ein unzertrennlicher Begleiter Vibert's geworden. Er kleidete ſich an, er wanderte in das Hoͤtel des Princes und frühſtückte regelmäßig mit dem Polizeiagenten, der ſich in die Verſtellungskunſt immer mehr hineinlebte und ſeine Rolle als Millionär und als Ausländer immer beſſer ſpielte.

Nach eingenommenem Mahle dampften beide regelmäßig ihre Cigarre und debattirten über Dieſes und Jenes. So auch heute.

Mio Caro, ſagte Vibert, indem er graziös eine Tabacks⸗

wolke ſeinem Munde entſteigen ließ,Sie ſind in der That

liebenswürdig, eifrig und äußerſt zuvorkommend gegen meine Verwandte!... Ich danke Ihnen hierfür herzlich. Wir weilen kaum einen Monat in Paris, und wie viele Schön⸗ heiten und Wunder haben wir in dieſer kurzen Friſt nicht ſchon geſehen? Und wem haben wir alles Dieſes zu danken, wenn nicht Ihnen?... Halten Sie mich nicht für unbeſcheiden,

wenn ich gleich wieder anfange, neue Anſprüche an Sie und

Ihre Liebenswürdigkeit zu ſtellen. Ich möchte gern die Denk⸗ mäler von Paris ſehen! Das würde Sie traurig ſtimmen.