Jahrgang 
1867
Seite
712
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Ich bin gezwungen, zur Madame d'Ermont zurückzu⸗ kehren, bemerkte Vibert.

Nichts leichter! Beſorgen Sie einen Wagen und geben Sie dem Kutſcher meine Adreſſe.

Fürchten Sie ſich nicht, Madame, zu dieſer ſpäten Stunde allein heimzukehren? Ich habe Zeit, Sie zu begleiten.

Nein, ich danke! Wenn ich die Aufgabe, die ich mir geſtellt, ganz löſen will, muß ich mich mit allen Schwierig⸗ keiten meiner Lage bekannt machen.

Es näherte ſich eine leere Droſchke. Zeichen, anzuhalten, und Julia ſtieg ein.

Ich werde die Ehre haben, Madame, ſagte Vibert beim Schließen der Wagenthür,Sie morgen zu beſuchen, da⸗ mit wir darüber berathſchlagen, was zu thun nöthig iſt.

Ich werde den ganzen Tag über zu Hauſe bleiben, antwortete die Fahrende.

Vibert verfolgte einen Augenblick den Wagen mit den Augen. Ein Jeder, der ihn hier beobachtete, hätte in ſeinem Blick etwas Befremdendes gefunden. Bald indeß führte er die Hand an ſeine Stirn, als wolle er gewiſſe Gedanken verſcheuchen, welche ihn beſtürmten; ſeine Blicke nahmen einen andern Ausdruck an, und er ſchritt rüſtig dem Hauſe zu, das er ſpeben verlaſſen.

Der erſte Schritt wäre gemacht, ſprach er, indem er die Treppe erkletterte,aber der zweite?.... Wenn es mir nicht gelingt, noch dieſe Nacht irgendwie mit Savari mich näher zu ſtellen, dann entwiſcht er uns. Wie aber, ohne ihn zu warnen, eine Gelegenheit heraufbeſchwören, daß wir uns wiederſehen, recht oft wiederſehen?

Ach, ſprach er weiter,werden denn immer die beſten Geiſter, ſie, die keine Gefahr, kein Hinderniß aufzuhalten ver⸗ mag, ſo unendlich kleine Widerwärtigkeiten abzuwägen haben, und durch ſie erdrückt werden?

Plötzlich unterbrach er ſich und rief:

Ei, meiner Treu, ich hab's gefunden! Weshalb ſollte mich mein Glück, das mir eben ſo günſtig war, verlaſſen?

Er ſchellte an der Thür von Madame d'Ermont und ward eingelaſſen.

Es war gegen drei Uhr früh.

Während Vibert's Abweſenheit war das Spiel aufs neue gar heftig entbrannt. Savari hielt die Bank, und war vom Glück ſehr begünſtigt er hatte mehr denn dreitauſend Franes in der Kaſſe.

Vibert nahm ohne Geräuſch ſeinen Platz ein und wartete.

Einen Augenblick darauf kam die Reihe an ihn.

Wie viel ſetzen Sie? fragte ihn Jemand.

Ich ſage«Banque!» antwortete er.

Trotz ſeiner großen Geſchicklichkeit im Spiel wurde Savari furchtſam. Nichts vermag einen Spieler mehr zu erſchrecken, als wenn er ſich einem Gegner gegenüberſieht, der einerſeits ſeines Zuges gewiß, andererſeits zum erſten Male ſpielt. Savari gab Karten, beſah ſein. Spiel und ſagte:

Ich lege um; ich habe Acht!

Dann muß ich Neun haben, ſchütterlicher Kälte der Polizeiagent. Neun zu beiden Seiten.

Savari, untröſtlich darüber, daß er auf einen einzigen Schlag alles Geld, das er ſo mühevoll gewonnen, wieder ver⸗ loren, wollte mit einer Note von tauſend Franes aufs neue Bank auflegen.,

Die erſten Züge fielen für ihn glücklich aus; in weniger denn zehn Minuten vervierfachte ſich ſein Kapital auf Koſten der verſammelten Spieler. Vibert allein hielt nichts; er rauchte, mit dem Rücken an das Kamin gelehnt, gleichgültig ſeine Cigarre. Aber nach dem zweiten Umlegen des Bankiers näherte er ſich dem Spieltiſche, und rief, wie vorhin:Banque!

Wiederum! ſchrie Savari erſchreckt.

Sie haben das Recht, die Bank abzugeben! machte man ihm bemerklich.

Nimmermehr, erwiderte er,ich werde ſie behalten!

Ganz nach Belieben, bemerkte Vibert, das Portefeuille auf den Tiſch werfend, worin nunmehr wirkliche Banknoten die falſchen Päckchen erſetzten. ²

Der Kutſcher empfing

antwortete mit uner⸗ In der That hatte er

Ein ähnlicher Schlag erfolgte wie der erſte, und Savari's Geld wanderte in die Taſche Vibert's. Diesmal klatſchte man ihm Beifall zu.

Savari, deſſen Geldmittel ausgegangen waren, gab die Bank ab, und Vibert nahm ſeine Stelle ein. Er legte funf⸗ zehntauſend Franes auf, wiſſend, daß ein großes Kapital die kleinen verſchlingt. Er gewann und gewann immerfort, und es traf ein, was unter Menſchen, die kein Statut und kein Ordnungsruf zügeln kann, niemals ausbleibt: nachdem man um baares Geld geſpielt, ſpielte man ſpäter aufs

ort.

Hier bot ſich Vibert die Gelegenheit dar, ſich Savari's zu vergewiſſern; es war der Punkt, auf den er wartete.

Dieſer ſpielte, eingeſchüchtert durch das Glück ſeines Gegners, und mit den Gefahren dieſer neuen Partie wohl bekannt, anfangs mit großer Vorſicht. Möglich, daß die Glücksgöttin ihm ſpäter günſtiger geworden wäre, wenn er hier im Anfange verloren hätte. Aber der Zufall wollte es, daß er ſein Wort zum Einſatz machend, einige hundert Francs gewann. Mit dieſem Gelde meinte er Vibert Alles wieder abzugewinnen, was er an ihn verloren. Er ſpielte weiter, ſpielte aber ohne Klugheit und mit Entrüſtung und begann wieder zu verlieren. Die Kunſt und Geſchicklichkeit einer zehnjährigen Praxis halfen ihm nichts. Er gelangte endlich zu der ſtillen Ueberzeugung, daß er es nicht mit einem Gegner, ſondern mit einem wirklichen Feinde zu thun habe, und ein unbekanntes Gefühl ſagte ihm: Hüte dich vor dieſem Menſchen!

Ihn ſchienen endlich die Sinne zu verlaſſen er ſah in den Karten überm Tiſch nicht mehr Karten, ſondern Schwerter, deren Spitzen er gegen die Bruſt Vibert's zu führen ſuchte; dieſer aber parirte kunſtgerecht und verſetzte ſeinem Gegner mit jedem neuen Zuge einen neuen Schlag.

Der Kampf ward übrigens ein allgemeiner, der Streit furchtbar. Gold und Papiergeld war verſchwunden und in die Bank Vibert's gefloſſen.

Demnächſt ſchrieb der Eine auf einen Fetzen Papier: Gut für zehn Louis, gut für tauſend Francs. Der Andere präſentirte einen Ring und ſagte:Der gilt fünfundzwanzig Louis. Ein Dritter, welcher ſeine Schlüſſel, ſeine Uhr und die Knöpfe aus den Manſchetten bereits verpfändet, durchwühlte zum letzten male ſeine Taſchen; er war ſo glück⸗ lich, darin einen Zahnſtocher zu finden; den ſchob er dem Bankier zu und rief:Dieſer Zahnſtocher hier gilt zwei⸗ tauſend Franes!

Es war in der That ſonderbar, mit anzuſehen, wie ein jeder dieſer Menſchen die geringſte Kleinigkeit in das Fabel⸗ hafte hinaus zu verwerthen wußte, und mit welcher Hart⸗ näckigkeit er dieſe Kleinigkeiten vertheidigte, gerade, als handelte es ſich dabei um ein wahres Vermögen!

Es war acht Uhr Morgens und Vibert hielt noch immer die Bank. Er war klug und weiſe genug, zur rechten Zeit einzuſenken in ſein Portefeuille wanderten alle Billets mit dem NamenSavari, in ſeine Taſchen ſpazierte das baare Geld.

Er ſpielte ſchließlich noch mit Dem, was man ihm

ſchuldete und mit den Zahnſtochern.

Endlich erklärte Vibert, der ein anſehnliches Häuflein Billets mit dem NamenSavari wieder in Verwahrung gebracht, daß ſeine Kraft gebrochen ſei und er um jeden Preis zu Bette gehen müſſe.

An ſolche Bemerkungen war man aber bereits gewöhnt; unter erneuerten Verſicherungen, bald aufzuhören, ſpielte man weiter und immer weiter es wurde acht, dann neun, endlich zehn.

Da gelang es Vibert, die letzte Taille anzuſagen. In eben dieſer Taille ließ derſelbe mit artigſter Nachläſſigkeit und unter graziöſen Fehlern alle Damen ihre Ringe, alle Herren ihre Papierfetzen, Juwelen und Zahnſtocher wieder zurückgewinnen, dann fand die allgemeine Verrechnung ſtatt

er war mit Allen im Reinen; Savari allein blieb im