Jahrgang 
1867
Seite
711
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WMond ging mit voller Scheibe auf.

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Um 2 Uhr Nachmittags war Alles vorbereitet. Donnadieu eilte zum Fahrzeuge. Ich ging nach Hauſe, denn ich wollte vor meiner Einſchiffung noch einmal meine Familie umarmen. Ich weiß nicht, welche Gefühle mich bewegten, und während ich meinen Sohn umarmte, wurde meine Bewegung ſo groß, daß meine Frau, welche nichts von meinen Plänen wußte, Verdacht ſchöpfte. Ich beruhigte ſie mit vieler Mühe. Ach, ich ſelbſt zweifelte nicht, daß dies der letzte Abſchied ſein würde!

Ich ging nun zu meinem Freunde Donnadieu, welcher mich in unſerm Boot erwartete. Wir fuhren aus dem Hafen und ſegelten nach Boragnier. Unterwegs vermehrten wir unſern Proviant um einige prächtige Fiſche, welche wir einem Fiſcher abkauften.

Um 8 Uhr befanden wir uns am Rendezvous. Wir befeſtigten das Boot und ſtreckten uns auf den Sand, um den König zu erwarten.

Es ſchlug 9 Uhr. Der König erſchien noch nicht. Der Man denke ſich unſere Angſt! Endlich eine Viertelſtunde ſpäter bemerkten wir zwei Menſchen, welche mit eiligen Schritten von Coſtignau her⸗ kamen. Wir erhoben uns raſch und Donnadieu machte einige ſchnelle Schritte. Murat, denn er war es, verſtand unſere plötzlichen Bewegungen falſch, er zog ein Piſtol, zielte auf Donnadieu und hätte ihn ſicher getödtet, wenn Blancard, ſein Begleiter, ihn nicht mit den Worten zurückhielt:Sire, es ſind unſere Freunde.

O Himmel, rief Murat aus, indem er die Waffe fallen ließ,welches Verbrechen konnte ich eben begehen! Und unter Thränen preßte er uns in ſeinem Arme.

Wir beſtiegen das Boot. Der Himmel war ſternklar und eine frifche Briſe wehte von Weſten. Wir ergriffen die Ruder, auch der König, der es mit friſchem Muthe that.

Meine braven Freunde, ſagte er zu uns,das Wetter ſcheint uns ſehr günſtig.

Ja, Sire, erwiderte ich,ſeien Ew. Majeſtät ohne Sorge.

Als wir bei dem großen Thurm unfern vom Wachtpoſten vorbeikamen, drückte der König ſeine Furcht aus, angehalten zu werden. Ich beruhigte ihn indeß durch die Verſicherung, daß die Offiziere meine Freunde ſeien und durch die Erzählung der Liſt, durch welche ich die Kenntniß des Loſungswortes erlangt hatte.

Sie täuſchen alſo doch bisweilen Ihre Freunde, ſagte er lachend zu mir.

Ja, Sire, aber nur in wichtigen Angelegenheiten.

Wir paſſirten den Thurm, und die Briſe, welche anſing ſtärker zu wehen, erlaubte uns die Ruder nieder zu legen. Murat legte ſich, in ſeinen Mantel gehüllt, zur Seite des Bords auf drei Ruder, die ihm als Matratze dienten. Ich ergriff das Steuer und ſo ſchoſſen wir an der Breite der Inſeln vorbei.

Blancard und Donnadieu waren ſchweigſam und in Reflexionen verſunken.

Plötzlich unterbrach Murat, den ich eingeſchlafen glaubte, das Stillſchweigen.

Anglade⸗, fragte er mich,was denkt man von mir in Frankreich?

Die Frage war verfänglich, aber ich achtete den König genug, um frei zu ſprechen..

Sire, man hat die Kriegserklärung, welche Sie Frank reich gemacht haben, ebenſo wie Ihren Bruch mit dem Kaiſer, Ihrem Freund und Stiefvater, ſcharf getadelt.

Ja ich weiß es, aber die Franzoſen würden mich nicht tadeln, wenn ſie die Lage kennten, in welcher ich mich in Neapel befand. Ich hoffte bald zu beweiſen, daß ich nicht Unrecht gethan, ſondern nur im Intereſſe Frankreichs, Napoleon's und meines Königreichs gehandelt habe.

In dieſem Augenblick hörten wir aus der Ferne einen ſtarken Donner. Es war 2 Uhr des Morgens. Der König fragte mich nach der Urſache dieſes Lärmes. Ich erklärte ihm, daß derſelbe in der heißen Jahreszeit Windſtille, während des Winters Sturm anzeigte.Wir haben alſo nichts zu fürchten, erwiderte er, und ſtreckte ſich wieder aus.

Wir befanden uns jetzt eine Meile von der erſten Inſel der Hyeren und drei Meilen von der Inſel der Titanen, wo wir die Ankunft des Poſtſchiffes erwarten ſollten. Unſer Boot verſagte noch nicht ſeinen Dienſt, aber es ſchöpfte ein wenig Waſſer. Donnadieu und Vlancard entfernten es wieder, indem ſie ſich eines alten Eimers bedienten, den ſie mit den Händen füllten.

Gegen 4 Uhr Morgens waren wir gerade vor der Inſel der Titanen an der Südſeite derſelben. Wir ſahen uns ein wenig um und entdeckten eine kleine Bucht, kaum groß genug, um unſer Canot aufzunehmen. Sie war von ſchroffen Felſen umgeben. Nach einer halben Stunde befanden wir uns in derſelben und ſtiegen an das Land. Der König, welcher großen Hunger empfand, war entzückt über den Proviant, welchen Donnadieu aus dem Boot gab. Wir lagerten uns auf dem Raſen einer nahen Felsſpitze, von wo unſer Blick weit nach Weſten ſchweifte, und aßen mit ausgezeichneten Appetit. Murat wurde ſehr heiter und füllte uns oft die Gläſer. Donnadieu bat um die Erlaubniß, einen Toaſt auf die Königin Karoline und ſeine Kinder auszubringen; dieſe Erinnerung rührte den König zu Thränen.

Auf die Freude, eines Tages den unſterblichen Murat an der Spitze von 80000 Mann Cavalerie wiederzuſehen! rief Blancard aus.

Sie erwecken in mir recht ſüße Erinnerungen, ſagte der König, dann fiel er in dumpfes Stillſchweigen; aber bald kehrte ſeine Heiterkeit zurück.

Gegen 7 Uhr bildeten ſich mehrere Ungewitter im Süden. Starke Donner ließen ſich in der Ferne hören, welche uns die Furcht einflößten, durch die Windſtille oder den Regen oder durch heftige Winde überraſcht zu werden, deren Dauer

in dieſer Jahreszeit glücklicher Weiſe nur kurz iſt.

(Fortſetzung folgt.)

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Ein geheimnißvolles Drama.

Von A. Belot. (Fortſetzung.)

Die letzte Phraſe beſeitigte alle Hinderniſſe. Vibert ent⸗

fernte ſich mit Julia.

Nun? fragte er ſie, als er die Treppe hinabſtieg.

Ich begegnete ihm, wie wir es verabredet haben; aber werde ich ihn wiederſehen?

Ohne Zweifel! Wenn Sie ihn nicht wiederſehen ſollten, wäre ja die erſte Begegnung ganz unnütz

Wo werde ich ihn wiederfinden? Ich wünſche nicht mehr dieſes Haus zu betreten, die Geſellſchaft iſt mir zu ungewohnt.

Sie werden nie wieder herkommen.

Was haben Sie denn ausgeſonnen?

Noch nichts; aber ich werde es finden, vertrauen Sie mir! Darf ich Sie fragen, fuhr Vibert fort,ob Ihre Ueberzeugung bezüglich Savari's infolge der jedenfalls ſtatt⸗ gefundenen Unterredung mit ihm ſchwankt?

Schwankt? Das gerade nicht; aber nichts trat hinzu, um ſie zu beſtärken.

Bei dieſen Worten waren ſie die Treppen hinabgeſtiegen und gelangten auf die Straße.