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Adjutanten Graf Giüuliano. Murat ſtieg an Bord; man ſteuerte ſogleich nach Frankreich zu und ging am 27. Mai bei Cannes vor Anker.
Der Kaiſer Napoleon, ſein Stiefvater, der ſeine voreilige Eröffnung des Feldzuges gemisbilligt hatte, verbot ihm nach Paris zu kommen und wies ihm eine Reſidenz in Südfrank⸗ reich an. Aber auch von hier vertrieben ihn die Ereigniſſe. Nach Waterloo wollte England dem gefallenen Könige kein Aſyl mehr gewähren. Er beſchloß nun, ſich unter den Schutz der verbündeten Mächte zu ſtellen und der Herzog von Rocca⸗Romana, der Graf Giuliano und der Oberſt Bonafoux, Murats RNeffe, mietheten in Toulon ein Schiff zur Reiſe nach Havre.
Hier geſchah eine unerhörte, unerklärliche That, welche beweiſt, wie unerbittlich das Schickſal in ſeinen Entſchlüſſen iſt.
Dieſes Schiff, welches für den König gemiethet war und ſchon ſeine Papiere, ſein Geld, ſeine Dienerſchaft und ſeine Freunde enthielt, ging am 2. Auguſt 1815 unter Segel und ließ durch ein ſonderbares Misverſtändniß ihn allein, von Allem entblöſt an der Küſte der Provence zurück.
Verzweifelnd, und vom Hunger gequält irrte der unglück⸗ liche König oder vielmehr der unglückliche Geächtete— denn der Marquis v. Rivière, der ihm ſein eigenes Leben ver⸗ dankte, hatte auf ſein Haupt eben einen Preis von 24000 Francs geſetzt— im Lande umher. Er kommt in eine Hütte und verlangt zu eſſen. Der Beſitzer, ein alter Soldat von den Pyramiden, betrachtet ihn aufmerkſam, erkennt ſeinen alten General und beſchwört ihn, ſeine Dienſte anzunehmen.
Murat blieb einige Zeit bei ſeinem alten Waffengefährten verborgen, aber aufgeſpürt durch die Elenden, welche die Hab⸗ gier zu ſeiner Verfolgung aufſtachelte, mußte er bald ſein Aſyl verlaſſen. In der Nacht des 13. Auguſt drangen ſechzig Mörder, gedungen von dem Marquis von Rivière in das Häuschen, wohin er ſich geflüchtet hatte; er wurde durch eine alte Frau gerettet, die ihn unter Weinſtöcken verbarg.
Von Toulon floh Murat nach Corſica, der letzten Etappe auf ſeinem Gang zum Tode. Dieſe Flucht bildet eine der intereſſanteſten und zugleich unbekannteſten Epiſoden ſeines abenteuerlichen Lebens.
Durch einen glücklichen Zufall bekam ich ein Mañuſcript in meine Hände, welches die authentiſche und genaue Erzählung dieſer Flucht enthält und von einem Seeoffizier M. André Anglade geſchrieben iſt, dem ſelbſt eine Rolle in dem Drama zugefallen war. Der Text ſeiner Memviren iſt gewiſſenhaft beibehalten.
Ich beginne meine Erzählung in dem Augenblicke, wo ich gerufen wurde, perſönlich die Flucht des Königs Murat zu unterſtützen.
M. Bonafoux⸗Murat hatte die ehrenvolle Miſſion der Rettung des Königs dem Schiffslieutenaut Andrieux über⸗ tragen. Aber da die Polizei ihn überwachte, fürchtete er den Intereſſen des erlauchten Flüchtlings zu ſchaden und fand ſich zu dem verabredeten Rendezvvus nicht ein. Das Glück über⸗ trug die Wahl auf Donnadieu und mich.
Im Jahre 1815 herrſchte zu Toulon vollſtändige Anarchie. Marſeillaiſer Banden waren in die Stadt gekommen. Man ſprach nur von Murat und die Räuber ſuchten ihn Tag und Nacht, um ihn zu ermorden und ſich ſeiner Reichthümer zu bemächtigen oder dem neuen Gouverneur zu gefallen.
Napoleon war eben bei Waterloo geſchlagen. Der tapfere Marſchall Bruno hatte den Kopf verloren und der Marquis von Rivieère beſtimmte ihn nach Paris zu gehen. Der Marſchall vertraute ihm um ſo mehr, als er ihm zu ſeinem Schutze eine Escorte gab, der auch ich mich anſchloß. Aber wie wir geahnt hatten, war dies nur eine Falle.— Der Marſchall wurde in Avignon aufgehoben.
Einige Tage ſpäter ſuchte ich, gepeinigt von der Furcht, daß Murat in die Hände ſeiner Mörder fallen möchte, ſeinen Vetter Bonafoux auf und bot ihm meine Dienſte an.„Mein theurer Anglade“, antwortete er mir,„ich weiß nicht, wo ſich mein Onkel in dieſem Augenblick befindet. Ich bin ſehr
beunruhigt, und es ſchmerzt mich tief, daß ich nicht im Stande bin, ſelbſt für ihn zu handeln; denn ich bin überzeugt, daß die Polizei mich überwacht. Ich habe einen Augenblick ge⸗ fürchtet, daß mein Onkel nicht genug Vertrauen in meine Ergebenheit habe, aber er hat mich beruhigt und mir ver⸗ ſprochen, meiner beim Herannahen der Gefahr zu gedenken.“
Am 2. oder 3. Auguſt kam mein Freund Donnadieu lachend zu mir, was mich ſehr überraſchte, da er gewöhnlich ernſt, faſt melancholiſch war.„Mein Freund“, ſagte er zu mir,„ich will dir ein wichtiges Geheimniß anvertrauen.“
„Sprich.“
„Du weißt, welche Gefahren den König Murat bedrohen. Man verfolgt ihn wüthend, man durchſucht die Stadt und die Umgegend und man wird ihn ohne Zweifel bald finden. Zwei ergebene und muthige Männer könnten ihn retten. Einer meiner Freunde hält ihn verborgen. Willſt du dich mit mir aufopfern? Wir ſind an einem Tage geboren. Wohlan, wenn unſer Plan misglückt, werden wir auch zuſammen ſterben, aber wir werden wenigſtens verſucht haben, unſerm Lande ein Verbrechen zu erſparen, welches die Nachwelt ihm niemals verzeihen würde.“
Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich dem Vorſchlage meines Freundes von ganzer Seele zuſtimmte.
Wie ich ſchon erwähnt habe, war das einzige Land, welches dem Könige Sicherheit bot, Corſica. Der Fregatten⸗ capitän Oleſſa übernahm es, den Commandeur des Poſtſchiffes, welches gerade im Hafen von Toulon lag, für unſere Sache zu gewinnen.
Die Schwierigkeit und die Gefahr beſtanden in der Art der Einſchiffung, welche unmöglich im Hafen ſelbſt ſtattfinden konnte. Wir entſchloſſen uns ein kleines Fahrzeug zu kaufen, welches ſonſt nur als Fähre in der Rhede diente. Darin wollten wir den König am Abend vor der Abfahrt des Poſt⸗ ſchiffes abholen, ihn über das Cap Sepé hinausführen und dort die Ankunft des Schiffes abwarten, und wenn uns die Umſtände nöthigten, wollten wir bis zu den Inſeln von Hyeres fahren.—— Da Donnadieu zu bekannt war und Verdacht zu erwecken fürchtete, beauftragte er mich, ein paſſendes Fahrzeug aufzu⸗ ſuchen. Ich fand nur eins, welches verlaſſen und halb mit Waſſer gefüllt war. Ich legte es trocken und entdeckte nun, daß er ganz wurmſtichig war. Indeſſen beſchloſſen wir doch den Ankauf. Der Eigenthümer des Canots war ein Genfer, Namens Vacca. Wir ſchloſſen den Handel um ſiebenhundert Franes ab und er überließ mir alle Beſitztitel und Acten, welche ich noch beſitze.
Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, nannte mir Donnadieu den Namen der Perſon, welche als Unterhändler zwiſchen dem Könige Murat und ihm diente. Es war Blancard, ein früherer Steuerdirector, den ich ſehr gut kannte. Er be⸗ wohnte mit ſeiner Familie allein ein kleines Landhaus, wo er den König verborgen hielt.
Das Poſtſchiff ſollte am 23. Auguſt 1815 bei Tages⸗ anbruch abgehen. Wir verabredeten uns, mit unſerm Canot um 9 Uhr Abends bei Aufgang des Mondes in der Nähe von Coſtignau bei der Brücke Myſietty einzufinden, wohin Blan⸗ card den König begleiten und ſich mit ihm einſchiffen ſollte.
Ein altes Sprüchwort, welches ſagt,„man darf ſich nie ohne Zwieback einſchiffen“, rieth mir einigen Proviant einzu⸗ kaufen; ich that daran ſehr wohl, obgleich Donnadieu ſich anfangs widerſetzte. Er warf mir ein, daß dieſe unnütze Vorſicht Aufmerkſamkeit erregen und uns verrathen könnte. Ich beſtand auf meinem Project und beſorgte mit vieler Vor⸗ ſicht eine Kiſte Vordeauxwein, einige Würſte und zwölf Pfund Zwieback.
Am 22. Auguſt des Morgens verſchaffte mir die Vor⸗ ſehung eine koſtbare Nachricht. Auf der Promenade begriffen, traf ich den Schiffslieutenant und Stationscommandanten der Rhede, Arnaud, welcher ſich zur Parole begab, um das Loſungswort zu vertheilen. Da ich mit ihm befreundet war, bat ich ihn um dieſes Wort unter dem Vorwande eines nächt⸗ lichen Fiſchzuges, bei dem wir einer Ronde begegnen konnten.
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