reichern, ließ er es mitunter außer Acht, zu überlegen, ſeine Herzensgüte grenzte oft an Schwäche, welche ihn leicht be⸗ ſtimmte, die Rathſchlage Anderer anzunehmen und, wenn dies einmal geſchehen, mit ſeltenem Eigenſinn auf ihnen zu beſtehen — er hatte einmal die natürlichen Mängel ſeiner ſonſt ſo vorzüglichen Eigenſchaften.
Charlotte erkannte ſehr bald den Charakter ihres Gemahls und beſchloß, die Führerin dieſes unbedingt ritterlichen und loyalen Mannes zu werden.
So gingen Jahre vorüber, ohne die erwünſchte Krone zu bringen.
Eines Tages landeten Geſandte eines fernen Landes und boten Maximilian und ſeiner träumenden Gemahlin eine Kaiſer⸗ krone;— was thun? Das neue Reich, Mexico, lag ſo weit und Wien ſo nahe— nach vielen Bitten ſchlug man ein!
Als die neue Kaiſerin in Veracruz anlangte, ſoll eine hochgeſtellte mexicaniſche Dame ihre Arme um ihre Taille ge⸗ ſchlungen und unter dem Rufe:„Mia Carlotina!“ zwei ſchallende Küſſe auf ihre Wangen gedrückt haben, eine Zweite bot ihr ſogar mit ihren braunen Fingern und den Worten: „Legusta senora?“ eine Cigarette an, wobei die Tochter Leopold's ſich nicht enthalten konnte, ſich verletzt zurückzubiegen — ſie war nicht geſchaffen für die Sitten ihres neuen Vater⸗ landes.
Dennoch ging anfangs Alles gut!— Welchem Fürſten hätte das Volk bei ſeinem Regierungsantritt nicht Beifall zu⸗ gerufen?
Auf dem ganzen Wege ſtreckte dem kaiſerlichen Zuge die freudig erregt Menge die Arme entgegen, und die Glocken Mexicos erdröhnten, als wollten ſie nie enden.
Charlotte vergaß ihrer angeerbten Hoheit und erſchöpfte ſich in Herablaſſung in dem aufrichtigen Wunſche, beliebt zu werden, ſie fand ein freundliches Wort für Jedermann, und bezauberte durch Grazie und Nachſicht, von dem Gedanken getragen:„Man wird mich lieben und ſo werden wir glück⸗ lich regieren!“
Ach! der ſchöne Traum war von nur zu kurzer Dauer! Als ſie eines Morgens in Chapultepec, einer kaiſerlichen Reſidenz am Hafen von Mexico, Kaffee verlangte und man keine Taſſe finden konnte, äußerte ſie lachend:„In der That— man könnte in dieſem Mexico verzweifeln!“— nur kurze Zeit darauf ſprach Charlotte dieſelben Worte, aber nicht mehr lachend!
Sie hatte gehört, beobachtet und Alles verſtanden!— Nur wenn ganz Europa Partei für Maximilian nahm, konnte ſeine Sache ſiegen, ſonſt nie— und deshalb erbot ſich Char—
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lotte, als Botſchafterin nach Paris, Wien und Rom zu gehen; leider folgte Maximilian, weniger hellſehend, anderen Rath⸗ ſchlägen.
Mexico iſt ein eigenthümliches Land, wo Civiliſation und Unmenſchlichkeit ſich begegnen; zwar trägt man hier Pariſer Moden, raucht Cigarren und ſpielt die lächerliche Komödie einer vornehmen Geſellſchaft, nichts deſtoweniger wird hier geraubt, gehängt und getödtet wie nirgends.
Auch ſollen die Mexicaner ein geheimes Gift beſitzen, welches ſichere Geiſtesſtörung hervorbringt, ehe es ſpäter den Tod herbeiführt, und es dringen ſich unwillkürlich die Fragen auf:„Konnten nicht einige Tropfen dieſes Giftes in ein Glas der Kaiſerin geſchüttet ſein?“ oder(wenn es wahr iſt, daß, ſo oft ſie einen Ball gegeben, Tiſchzeug geſtohlen worden): „beben dergleichen Gäſte zurück, bei Tiſche zu vergiften?“— oder endlich:„Sollte die Bangigkeit über den Kampf gegen die Unmöglichkeit und die zur Genüge erfahrenen Hintergehungen einen ſchrecklichen Entſchluß hervorgerufen haben?“
Was es auch ſei— die hoffnungsvolle Tochter Leopold's, deren Geiſt einſt ſo friſch und deren Scharfſinn ſo thätig war, kehrte von der Nacht geiſtiger Störung umfangen nach Europa zurück.
Von Paris ging ſie nach Rom, wo ſich ihr Zuſtand offenbarte; von dort brachte man ſie nach Miramar und ſpäter nach Schloß Laeken,wo der Anblick der grünen Hügel und der kleinen Meierei, der Orte ihrer harmloſen Kindheit, eine heilſame Wirkung hoffen laſſen.
Dieſe Hoffnung iſt nach dem Ausſpruche der Sachver⸗ ſtändigen die einzige, und dennoch erbebt man bei ihrem Ein⸗ treffen— was würde die Unglückliche bei der Rückkehr ihres Bewußtſeins erfahren müſſen!
Dieſes Drama hat bereits drüben ſeine Löſung erreicht — Maximilian beſiegt und verrathen, wollte das Schickſal ſeiner Kriegsgefährten theilen;— mit den Worten:„Ent⸗ weder werden wir Alle frei, oder wir ſterben vereint!“ bot er ſeine Bruſt den tödtlichen Kugeln— an dieſem Tage hörte Charlotte zu Miramar vielleicht die Stimme der Wogen:„Du wirſt eine Krone tragen!“
Im Angeſichte ſo ähnlichen Misgeſchickes beugen ſich alle Parteien und jede Meinungsverſchiedenheit ſchweigt— ein weitſchallender Schmerzensſchrei übertönt jede einzelne Stimme.
Möge die Tochter Louiſen's von Orleans im kühlen Schatten ihres befreundeten Laeken Ruhe finden!
D.
Die Flucht eines Königs.
(Aus den Papieren eines Schiffskapitäns.)
In der Nacht vom 19. zum 20. Mai 1815 kehrte Ivachim Murat, König von Neapel, von vier Lanziers begleitet, in ſeine Hauptſtadt zurück und ſagte zur Königin, die ihm entgegeneilte,„Madame, ich habe Alles verloren, nur mein Leben nicht.“
Nach den Siegen waren Niederlagen gefolgt. Die neapolitaniſche Armee, begeiſtert durch Den, welchen ſeine Zeit⸗ genoſſen den zweiten Achilles nennen, hatte anfangs einige Erfolge über die Oeſterreicher unter Bianchi davongetragen;
aber Neiperg führte Verſtärkungen herbei und, überwältigt
durch die Zahl, zog ſich Murat, vor Zorn knirſchend, zurück. Bianchi holte ihn in Tolentino ein. Der König lieferte mit unterlegenen Kräften eine Schlacht und trotz der glänzendſten Tapferkeit wurde er nach einem achtſtündigen, heißen Kampfe zum Rückzuge gezwungen. In ſeinem Rücken in Neapel erregte die Nachricht von der Niederlage von Tolentino einen Aufſtand der Lazzaroni, welcher die Königin⸗Regentin gezwungen hatte, eine Capitulation mit dem Commodore Campbell zu
unterzeichnen. Der König machte noch einen verzweifelten, aber nutzloſen Verſuch, die Heſterreicher bei Ponte⸗Corvo, bei Mignano und San⸗Germano aufzuhalten.
Als alle Hoffnung verloren war, legte er das Commando über die Trümmer ſeiner Armee in die Hände des Generals Carascas und kehrte nach Neapel zurück, um der Königin zu ſagen, daß er ſeinen Thron verloren habe.
Seit dem Tage von Tolentino ſchien die Exiſtenz dieſes Königs das Spielwerk eines unerbittlichen Verhängniſſes zu ſein. Die Ereigniſſe jagten ſich und Alles ſchien ſich zu ſeinem Untergang zu verſchwören.
Nachdem der König Murat am 21. Mai von ſeiner Frau und ſeinen Kindern, die er nicht wiederſehen ſollte, Abſchied genommen, beſtieg er, bedeckt mit einem einfachen Gewande gegenüber der Inſel Niſida ein Boot und erreichte Ischia, wo er ſich verbarg. Einige Stunden ſpäter landete eine Barke vor Ischia unter der Führung ſeiner letzten Freunde, des Oberſtalmeiſters Herzog von Rocca⸗Romana und des


