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zuviel des Ungewohnten in ihm vorgegangen. Das Hirn, das endlich einmal freigegeben war, machte den tollſten Ge⸗ brauch von dieſer Freiheit. Herz und Phantaſie wühlten auf die unlogiſchſte Weiſe in dem wohlgeordneten Weisheitskaſten des Gelehrten alles durcheinander und holten aus den alten, längſt der Vergeſſenheit überlieferten Repoſitorien die alten Sachen hervor, die einſt ganz hier geherrſcht hatten, und miſchten ſie mit den Eindrücken, die der heutige Tag gebracht hatte. Aber was da aus der Rumpelkammer hervorgeholt
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wurde, das paßte doch ganz gut zu der neuen Staffage, die der Geiſt erhalten zü ſollen ſchien. Nur angreifend war der Rumor, den das verurſachte. Die Stirn glühte, die Schläfen hämmerten an den Kopf, und das Blut durchjagte ihn fieber⸗ haft ſchnell. So dämmerte er ein paar Stunden zwiſchen Wachen und Träumen hin. Dann raffte er ſich auf und ſuchte ſchlaftrunken ſein Lager, auf⸗ dem er unmittelbar dar⸗ auf in einen feſten Schlaf verfiel. (Fortſetzung folgt.)
Schloß Paeken.
1857— 1867.
Dieſes belgiſche Verſailles erhebt ſich unweit Brüſſel auf einem ſanft anſchwellenden Hügel, deſſen einen Abhang, von einem Kanal durchſchnittene Wieſen⸗Auen umkränzen, wogegen den anderen Gehölz einfaßt, zu deſſen Füßen ein kleines Flüßchen varübereilt.
Durch einen Vorhof gelangt man zum Schloſſe, deſſen Vorderſeite ein Portikus von vier Säulen joniſcher Bauart ſchmückt, welche ein Geſims mit Basreliefs tragen; die Seiten⸗ flügel bilden Pavillons auf viereckigen Pfeilern, wogegen das Schloß nach dem Parke zu rotundenartig gehalten iſt.
Ueberall ſtößt man auf neue Pfeiler und Geſimſe mit unvermeidlichen Basreliefs, und der Beſchauer erkennt deutlich den Bauſtil der letzten Jahrzehnte des verfloſſenen Jahr⸗ hunderts; deshalb kann man von dem Schloſſe ſelbſt eigent⸗ lich auch nicht mehr ſagen, als daß es immerhin einen großen Anblick gewährt, wogegen die Gartenanlagen, Raſenplätze und der Park von wahrhaft wunderbarer Schönheit erſcheinen, durchweht von dem poetiſchen Hauche geſchichtlicher Erinnerungen.
Laeken wurde im Jahre 1784 durch den Erzherzog Albert von Sachſen⸗Teſchen für ſeine Gemahlin, die Herzogin Marie, erbaut, im Jahre 1794 unter Segueſtration geſtellt, darauf verkauft und der Baufälligkeit preisgegeben, bis der erſte Conſul daſſelbe aus zweiter Hand zum Geſchenke für Joſephine um den Preis von 479,408 Franes erſtand, reſtaurirte und durch Pariſer Tapeziere neu einrichten ließ.
Im Jahre 1811 verlebte Napoleon in Laeken einige Tage, und wie man wiſſen will, ſoll er hier den Plan des Feldzuges gegen Rußland gefaßt haben.
Nach dem Sturze des Kaiſerreiches ging Laeken an die Krone der Niederlande über, und iſt gegenwärtig der zeit⸗ weilige Aufenthalt der Könige von Belgien.
Im Jahre 1857 lebten hier drei Geſchwiſter, von denen das älteſte zweiundzwanzig Jahr alt war— es waren die beiden Söhne und die Tochter des alten Königs Leopold und ſeiner im Jahre 1850 erblichenen zweiten Gemahlin Louiſe von Orleans.
Die Geſchwiſter gedachten oft ihrer dahingeſchiedenen Mutter und man konnte ſie ſicher in den geheimnißvollen Laubgängen des Parkes antreffen, wo ſie langſam auf⸗ und abgehend, ſich Alles wiederholten, was ſie aus dem Leben der Verblichenen wußten, die ihnen der Tod ſo früh entriſſen.
Und ſo, wenn ſie Palermos, der Geburtsſtätte ihrer Mutter, gedachten, erklärte der Herzog von Brabant:„Ich muß Sicilien ſehen“, und beim Namen Frankreichs, wo ſie gelebt, der Graf von Flandern:„Ach, wie ſchön muß Paris ſein!“— Wenn ſie dann endlich der Abſtammung ihrer Mutter, der Tochter König Louis Philipp's, erwähnten, fügte Prinzeß Charlotte ſtets die rührenden Worte hinzu:„Wie erhebend muß es ſein, ſo geſtellt zu werden, daß man rück⸗ ſichtslos Gutes thun kann!“
So umſchwebte ſie ſtets das Bild ihrer theuern Mutter und vorzüglich gern wiederholten ſie ſich, in Pietät verſunken, einen ihnen beſonders lebhaft vorſchwebenden Act ihrer Güte.
An einem Tage überraſchte die Verſtorbene in der dortigen Meierei einen Landmann, der entzückt über die Schönheit der
Durham⸗Kühe und Stiere die Worte zu ſich ſprach;„Ach! nur eins dieſer Thiere und es ſollte uns beſſer gehen!“
Am Abend nach Hauſe zurückgekehrt, findet er zwei prächtige Durhams in ſeinem Stalle vor— er ſtürzt heraus, um zu erfahren, woher ihm ſo viel Glück gekommen und be⸗ merkt nur, auf die Fußſpitzen erhoben und ſpähend, auf dem Wege von ſeiner Farme eine noch junge Frau, ein kleines Mädchen mit kaſtanienbraunem, gelocktem Haar und großen blauen Augen, wie die der Engel— an der Hand.
Es waren die Königin mit ihrer Tochter, welche ihre üblichen Armen⸗-Beſuche machten.
Mitunter trafen die Geſchwiſter an der Biegung einer Allee plötzlich auf ihren, durchaus nicht zärtlichen Vater, den⸗ noch pflegte er einen Augenblick ſtehen zu bleiben und ſeine Tochter zu küſſen, in welcher er das ſtolze Herz ſeines Stammes zu finden meinte und die daher ſein Liebling war.
In ſolchen Momenten pflegte er ſich zu ſagen:„Charlotte wird es verſtehen, wie ich, der öffentlichen Meinung ein Opfer zu bringen, aber dafür auch, wie ich, auf hoher Stufe die Menſchen und die Ereigniſſe an ſich vorüber laſſen.“
Darauf blickte er ſie einen Augenblick an, beklopfte mit ſeinen knöchernen Fingern die roſigen Wangen des jungen Mädchens und ſetzte, wortkarg wie immer, ſeinen Spazier⸗ gang fort.
Eines Tages ließ er Charlotte zu ſich rufen, ſprach lange und theilte ihr endlich mit, daß er für ſie einen Gemahl er⸗ wählt habe— einen Gemahl, für welchen Jugend, Geiſt, angenehmes Aeußere und vor allem hohe Abkunft ſprechen.
„Iſt's ein König?“ fragte Charlotte erregt.
„Er iſt mehr“, erwiderte würdevoll der Greis,„denn er iſt der Bruder eines Kaiſers“— und noch in demſelben Jahre wurde Prinzeß Charlotte die Gemahlin Maximilian's, Erzherzogs von Oeſterreich!
Feſtlichkeiten folgten auf Feſtlichkeiten in Brüſſel, Wien und Mailand; Erzherzog Maximilian war ſehr beliebt in Italien, wo er Heſterreich in humanſter Weiſe und, wie man in Wien ſagte, zu human repräſentirte— er hatte keine Ant⸗
wort hierauf, beglückt im Anblick der jubelnden Geſichter, die
überall der jungen Frau begegneten, welcher er ſeine Hand zu geben im Begriff war.
So ſagte er ihr eines Tages:„Charlotte! Sie werden die Königin der Meere ſein“ indem er wohl fühlte, daß dieſe Tochter eines Vaters, wie Leopold war, einer Krone bedürfe — bald darauf landeten ſie in Miramar.
Hier in dieſem coloſſalen Schloſſe am Adriatiſchen Meere beim Anblick der großartigen Landſchaft und des unermeß⸗ lichen Horizontes, erweiterte ſich ihr Geiſt;— man ſah ſie oft lange auf den Terraſſen, erhobenen Hauptes, den Blick wie gebannt ſtehen, als wollte ſie die Wogen und die Wolken um die Zukunft befragen, und wenn dann die Wolken, vom Winde gejagt, theilnahmlos vorüberflogen, ſchien es ihr, als murmelten die Wellen, gleich den Hexen in Macbeth:„Du wirſt eine Krone tragen!“
„Und Maximilian?“ er las, pflegte den Garten, fiſchte und ſammelte Käfer,— in dem Drange, ſein Wiſſen zu be⸗
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