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war wieder hinabgetaucht und hatte nichts zurkgelaſſen, als eine ſchmerzvolle Erinnerung und eine ausgefüllte Leere.
Da trug der Wind die leiſe verklingenden Töne eines hellen Glöckchens aus der Tiefe empor. Theobald ſtand unbeweglich, den einfachen Klängen wie einer Himmelsmuſik lauſchend. Gleichzeitig, bald im Wellenſchlage erſterbend, bald ihn kräftig übertönend, klang das Glöckchen fort. Dann ſchwieg es und ein Geſang von menſchlichen Stimmen in langgezogenen Tönen trat an ſeine Stelle. Wald und Fels ſogen die Töne ein und warfen ſie wieder zurück, daß ſie wie aus unbekannter Ferne herübergetragen klangen.
Theobald's Antlitz glänzte von faſt fieberhafter Röthe. Auge und Nüſtern waren weit geöffnet, als wolle er alle Sinne zu Hülfe nehmen, dieſen Geſang in ſich aufzunehmen. Er beugte ſich weit vor und ſchaute hinab. Halb verdeckt durch die Tannenwipfel rauſchte, von mäßigem Ruderſchlage getrieben, ein großer Kahn durch die Flut. Vorn ſtand ein katholiſcher Geiſtlicher in ſeinem bunten Ornat, neben ihm zwei Chorknaben, dann kamen eine Anzahl dunkel gekleideter Männer und Frauen, und in ihrer Mitte, von Blumenkränzen halb verdeckt, ſtand ein Sarg.
„Es iſt ein Begräbniß aus Waldheim dort, das ſeine Todten in dem Dorfe unterhalb des Wachſteins beſtattet“, unterbrach Holbein's Stimme die ſpannende Ruhe.
Da kam auch Doris hinzu, um hinabzuſchauen. Sie trat dicht an Theobald heran, von deſſen Standpunkt aus, der Bäume wegen, der Kahn beſſer geſehen werden konnte. Weit beugte ſie ſich vor. Theobald hatte ſich von dem Schiffe abgewandt und lauſchte nur dem Geſange. Seine Augen hafteten an der den Felsboden überwuchernden Moosdecke, auf der des Mädchens Geſtalt ruhte. Tief in den weichen Boden ein ſank der Fuß und Theobald bewunderte deſſen zierliche Formen. Aber er ſank immer tiefer; da raſſelte es darunter, Erde und Steine ſtürzten an den Abſätzen des Felſens hin, die ganze Moosdecke wankte.
„Um's Himmelswillen!“ ſchrie Theobald auf, faßte mit beiden Händen nach dem Mädchen und riß ſie mit kräftigem Rucke an ſich, daß er ſelbſt ein paar Schritte rückwärts taumelte. Da löſte ſich unter dem jähen Sturze die Moos⸗ decke, auf der Doris geſtanden, und ſtürzte mitſammt der Lage, auf die ſie geruht, unter lautem Gepraſſel hinab, halb die Bäume drunten überſchüttend, halb aufs Waſſer laut aufſchlagend und verſinkend.
Entſetzt ſtarrte das Mädchen auf die plötzliche Leere vor ihr. Ein Angſtruf entfuhr ihren Lippen und ſie ſank zurück, von Theobald's Armen, die ſich noch umſchlangen, gehalten.
Eine Pauſe des allgemeinen Schreckens trat ein. Dann ſprangen Holbein und ſein Neffe herzu, wohl unwillkürlich, als könnten auch ſie noch retten. Sanft ließ Theobald das Mädchen, das das Bewußtſein verloren hatte, auf die Moos⸗ decke niedergleiten und verharrte in der knieenden Stellung, ängſtlich auf das erblaßte Antlitz die Augen geheftet.
Holbein kniete auf der andern Seite ſeiner Tochter und faßte ihre Hand, Paul ſtand ihr zu Häupten. Nur kurz war die Betäubung; dann öffneten ſich die Lider. Sofort war ſie ſich ihrer Lage und der Gefahr, der ſie entronnen, bewußt. Ein Blick voll unendlicher Innigkeit, von dem Dankgefühl eingegeben, warf ſie auf den über ſie gebeugten Doctor. Ihre Hand, die noch in der ſeinen ruhte, preßte dieſelbe heftig.
„Nur der Schreck hat ſie ein wenig betäubt“, ſagte Holbein mit bewegter Stimme.„Es hat nichts zu ſagen.— Aber bei Gott— um ein Haar breit war's geſchehen.“
Doris hatte die Augen wieder geſchloſſen. Jetzt öffnete ſie dieſelben nochmals und richtete ſich auf:
„Seid nicht ängſtlich,— es kam ſo plötzlich,— es iſt mir ja nichts geſchehen“, ſtammelte ſie und ſuchte zu lächeln, was auch gelang.„Aber fort von hier— es graut mir, wenn ich noch einmal da hinabſchauen ſoll.“
„Ja, fort von hier!“ rief Holbein. nicht noch mehr Gefahr vorhanden iſt.“
„Ich werde Sorge tragen“, ſagte Paul,„daß ein Ge⸗ länder um den Rand des Felſens errichtet wird. Der Gefahr,
„Wer weiß, ob
der Doris entronnen iſt, ſoll kein zweites Menſchenleben aus⸗ geſetzt werden.“
Theobald und Holbein richteten das Mädchen auf und führten ſie zurück nach dem Waldweg.
„Jetzt brauche ich keine Unterſtützung mehr“, ſagte ſie hier angekommen und machte ſich frei.„Ich bin ja nicht ſo ſchwach. Der Anfall, den mir der Schreck verurſachte, iſt ganz vorüber.— Aber Ihnen, Herr Doctor, o, wie danke ich Ihnen?!“ wandte ſie ſich plötzlich an dieſen und faßte ſeine Hand, um ſie an ihre Lippen zu führen.
Theobald ließ das ruhig geſchehen, als merke er es gar nicht. Seine Augen ruhten auf dem Mädchen und er ſchien ganz geiſtesabweſend. Doch dann entzog er ihr die Hand plötzlich.
„O, ich bitte, mein Fräulein“, ſtammelte er. reiner Zufall; jeder andere hätte ebenſo gehandelt.“
Holbein hatte Theobald's andere Hand gefaßt und drückte ſie.
„Nein, nein, Doctor, nehmen Sie nur den Dank hin, der Ihnen gebührt. Ihrer Geiſtesgegenwart dankt ſie das Leben. Und waren Sie nur ein Werkzeug des Zufalls, ſo danken wir dieſem in Ihnen. Ohne Sie war mein einziges Kind, die Freude meines Lebens, der Troſt meiner dereinſtigen alten Tage mir entriſſen.— O, ich vergeſſe Ihnen das nimmer und will's Ugrgelten, wie ich kann.“
„Aber ich denke“, ſagte Theobald, um das Geſpräch auf etwas anderes zu lenken,„wir treten den Rückweg an. Das Fräulein wird der Ruhe bedürfen.“
„Ja, Sie haben recht“, entgegnete Holbein.„Laßt uns ausbrechen.— Komm, ich will dich führen, mein Kind! Und nun vorwärts!“
Theobald ging, um Hut und Stock zu holen, die noch auf der Felsplatte lagen, und folgte dann den andern, doch immer in einer gewiſſen Entfernung. Er war nicht aufgelegt, ein Geſpräch zu führen. Es war zuviel ſeiner Lebens⸗ und Denkweiſe Ungewohntes mit ihm vorgegangen, als daß er die Faſſung ſchon wieder gewonnen haben ſollte. Zu einem klaren und ruhigen Nachdenken kam er heute noch nicht. In ſeinem Kopf, da wogte und tobte es durcheinander, wie noch nie. Bald überkam es ihn wie jubelndes Entzücken, bald wie tiefinnigſte Wehmuth. Sein Herz war voll zum Zerſpringen. Aber wenn er an den großen Dienſt dachte, den er ſoeben der Tochter ſeines Gaſtfreundes geleiſtet hatte, dann hätte er jedesmal laut aufjauchzen mögen vor Luſt, er wußte ſelbſt nicht warum.
Holbein mochte ſo ungefähr ahnen, was in ſeinem Gaſte vorging; denn er überließ ihn ſich ſelbſt, weil er das für das Beſte hielt. Ehe Theobald es gewahr wurde, hatten ſie das Schloß erreicht. Es dunkelte auch ſchon ſtark. Holbein lud Theobald ein, gleich mit ins Wohnzimmer zu kommen und ſich durch einen Imbiß nach der gehabten Strapaze zu ſtärken; aber Theobald bat, ihn für heute allein zu laſſen, auch er fühlte ſich ſehr angegriffen. Holbein nickte ſtumm und faßte ſeine Hand, die er kräftig drückte. Dann ſagte er:
„Schlafen Sie wohl, Doctor! Sie haben ſich heut einen Freund für's Leben erworben. Schon deswegen vergeſſen Sie dieſen Tag nicht! Aber dann laſſen Sie ſeine Bilder noch einmal an Ihrem Gedächtniß vorüber gehen und ſehen Sie, was Ihnen dann der Schlaf für gute Gedanken bringen mag!— Gute Nacht!“
Theobald wandte ſich zum Gehen. Da fühlte er ſeine Hand nochmals ergriffen. Aber diesmal waren es kleine, weiche Finger, die ſich um die ſeinen ſchloſſen, dieſelben, die ihn heut ſchon zweimal mit ihrem ihn durchrieſelnden Be— rühren gefaßt. Er ſah ſich um. Doris ſtand vor ihm und ſchaute ihn wieder ſo innig mit den ſeelenvollen Augen an.
„Schlafen Sie wohl, mein Retter!“ ſagte ſie leiſe.„Ich bete für Ihr Wohl, heut und immerdar!“
So trennten ſie ſich.
Auf ſeinem Zimmer angekommen warf ſich Theobald in ſetnen Lehnſeſſel und ſchloß die Augen. Er fühlte ſich ſehr erſchöpft, geiſtig nicht minder wie körperlich. Es war auch
„Es war


