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möglichſten Vollkommenheit und weiteſte Ausbildung der ver⸗ lichenen geiſtigen Kräfte. An den obern Stockwerken, da ſchaffen die Praktiker, und die meinen ſo vielfach, jenes Fundaments bedürfe es nicht zum Feſtſtehen des Gebäudes, der bloße Boden ſei hart und felſig genug. Und doch iſt er purer Sand; die Wiſſenſchaft ſchafft erſt die feſte Grund⸗ lage. Der Gelehrtenſtand iſt darum der erſte, trotzdem, daß ſein Wirken nur ein verborgenes iſt, das nur die wenigen Kundigen ſeinem vollen Werthe nach zu würdigen wiſſen. Der ganze ſtolze Bau wäre ohne ihn unmöglich geweſen.— Doch nun das Individuum, der einzelne Gelehrte. Daß von ihm mehr als von jedem Andern Hingebung an ſeine Arbeit gefordert wird, iſt richtig. Aber falſch iſt, daß er total darin aufgehen ſoll, ſo erhaben und großartig ein ſolches Sichſelbſt⸗ vergeſſen um des Zweckes willen auch ſein mag. Denn er iſt auch Menſch, iſt das Glied einer Kette und aufs mannich— fachſte mit ſeiner Umgebung verflochten. Nicht nur die Wiſſen⸗ ſchaſt, ſondern auch die Menſchheit ſtellt die verſchiedenſten Forderungen an ihn, die er nur als Menſch erfüllen kann. Darum darf der Kopf nicht das Herz, das Gemüth, die Poeſie in ihm verdrängen. Er muß lachen können mit den Fröhlichen und weinen mit den Traurigen und ſich nicht hinter einem Wall von modrigen Büchern verſchanzen gegen den friſchen Lebenshauch, der die Welk durchzieht.— Der Gelehrte, der nicht ſo denkt, fördert auch nur Schlacken zu Tage. Nur die Ihrer Standesgenoſſen, die das erkannten, ſchafften Großes, weil ſie nicht nur große Gelehrte, ſondern auch große Menſchen waren und ſein wollten. Sie arbeiteten nicht mit dem Kopfe allein, ſondern auch mit dem Herzen, und die Wärme, die dieſes ihren Schöpfungen einhauchte, gab ihnen erſt die Lebensfähigkeit.“
Holbein glaubte genug geſagt zu haben; denn er ſchwieg von jetzt ab und wandte Auge und Herz wieder der Anmuth der Umgebung zu. Hier und da öffnete ſich der Wald und geſtattete die reizendſten Fernblicke. Aber raſch verbarg er den Weiterwandelnden wie ein Vorhang alles wieder; denn man hielt ſich nicht auf, um durch Betrachtung dieſer Bruch— theile den Eindruck des nachherigen Geſammtbildes nicht zu ſchwächen.
Auch Theobald fühlte ſich nicht aufgelegt, die Unterhal⸗ tung weiter zu führen. Er, der vor einer Stunde noch vom höchſten Selbſtbewußtſein getragen wurde, kam ſich jetzt ſo leer, ſo unbedeutend vor, daß er ſich unſäglich unglücklich dünkte. Der Anblick der hohen, kraftvollen Geſtalt des rüſtig neben ihm herſchreitenden fünfzigjährigen Mannes mochte zu dieſem Gefühl der Unbedeutendheit nicht wenig beitragen. Unwillkürlich ſuchte auch er ſich ein kräftigeres Anſehen zu geben; er warf die Schultern zurück und hob den Kopf; aber das dunkle Bewußtſein, lange auf einem Irrwege geweſen zu ſein, beugte ihn ſtets wieder herab.
Eine Stunde dauerte dieſer Marſch durch den Wald. Munter und friſch ſchritten die andern noch dahin; nur Theobald fühlte ſich etwas ermattet. Da machte der Weg eine plötzliche Biegung, und hell wurde es hinter den Bäumen. Noch ein paar Schritte, und der Wald lag hinter der Geſellſchaft.
Theobald blieb ſtehen, freudig überraſcht von dem Bilde, das ſich ſeinen Augen darbot.
Sie befanden ſich auf einer mit Moos und kurzem Geſträuch bedeckten Felsplatte von wenigen Quadratruthen Umfang. Steil fiel der Fels nach allen Seiten wol an hundert Ellen hinab. Rechts und links, aber tief unten, um⸗ ſäumte ſeinen Fuß ein Kranz von hohen Fichten, vorn be⸗ ſpülten die Wand die dunkeln Wellen eines Fluſſes, der in vielfachen, jähen Windungen ſich durch die Steinmaſſen, die ihn einengten, zwängte, und deſſen Lauf durch den dunkeln Schatten, der das Gebirge durchzog, weithin zu verfolgen war. Die ganze Gegend umher, ſowol dieſſeits wie jenſeits des Fluſſes, trug ein düſteres, wildes Gepräge. Eng aneinander drängten ſich die Berge, die in ſpitzen Kegeln zum Theil emporragten und mit Nadelwäldern bedeckt waren. Nur hie und da unterbrach ein heller Streifen Laubholz das gleich⸗
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mäßige Dunkel, oder ein Felskoloß ragte wie ein Rieſenhöcker aus dem Berge hervor. In mächtigen Abſätzen überragte nach hinten zu ein Berg den andern, und es thürmte ſich zu einem ziemlich bedeutenden Gebirge auf, deſſen höchſte Spitzen aus weiter Ferne herüberſchauten.
Den Fluß abwärts aber, doch wol eine Meile weiter unten, öffneten ſich die Thäler und verſchwammen zu einer weiten, hellen Ebene, mit hunderten von Dörfern und Städten überſäet, ein Bild der blühendſten Cultur und des regſten Lebens und durchſtrömt von dem jetzt ſilberſtrahlenden Fluß, der als belebende Ader in gemächlichen Windungen dahinzog.
Ein bläulicher Dunſt, der Vorläufer der Abenddämmerung, lag über das Gebirge ausgegoſſen; die Thäler waren in tiefern Schatten gehüllt und die Umriſſe der fernern Berge verſchwammen ineinander.
Ueber die Ebene aber goſſen die Sonnenſtrahlen noch weithin ihr Licht und erhöhten ſo den Contraſt, der den Fernblick von dieſem Fels zu einem ſo wunderbaren machte.
Die vier Perſonen auf der Felsplatte waren von den Eindrücken, die dieſes Landſchaftsbild hervorrief, mächtig be⸗ wegt. Das zeigte das Schweigen, in dem alle verſunken waren. Theobald ſtand weit vorn, dicht am Rande des Felſens auf das Ende einer hervorſpringenden Baumwurzel geſtemmt, ſo, daß er einen feſten Standpunkt hatte, und wandte ſeinen Begleitern den Rücken zu, daß ſie nicht Zeugen der Gefühle würden, die, heftiger als bei jenen, auf ſeinem Antlitz ſich abprägten.
Seine Seele fühlte ſich von dem Drucke, der auf ihr gelaſtet hatte, befreit; nur die erregte Wehmuth war zurück⸗ geblieben und noch erhöht durch das Gefühl der Feierlichkeit und der ſtummen Andacht, welche die Großartigkeit der Rund⸗ ſchau und das weite Schweigen hervorriefen. Der letzte ſchwache Widerſtand, den er, nicht aus freiem Willen, ſondern aus Gewohnheit dem Andringen der alten Erinnerungen entgegen⸗ geſetzt hatte, ſchwand jetzt dahin. Alles, was er längſt in die Nacht der Vergeſſenheit begraben und durch Vernunft⸗ gründe aus ſeinem Bewußtſein verbannt zu haben wähnte, wogte in brauſendem Strudel hervor aus dem Schacht, in dem es ſo lange gelegen, und überſchwemmte die Geiſtes⸗ thätigkeit Theobald's, daß er widerſtandslos folgen mußte. Gefühle der mannichfachſten Art bewegten ihn, aber der Ton derſelben war ein ſchmerzlich⸗ſüßer, trotz des Bittern, das ſich hineinzudrängen ſuchte. Die ruhige Befriedigung, die in ihn einzog, wenn er mitunter erwägte, daß er nun erreicht, wonach er ſo lange gerungen: ein Amt, ein ſicheres Brot, die Achtung ſeiner Berufsgenoſſen, und vor allem ein beſtimmtes Ziel für ſein Streben, war unendlich weniger wohlthuend als das einſtige unbeſtimmte, unſagbare Sehlen nach einem phantaſtiſchen, unſagbaren Glück, einem nur geahnten Ideal. Die jetzige Stunde, die ihn in jene Zeiten zurückverſetzte, rief auch jene Sehnſucht in ihm wieder hervor, aber viel ſtärker, viel mäch⸗ tiger als damals, obwol er dem Ideal weit ferner als je gerückt war. Aber wo fand dieſe Sehnſucht ihre Befriedigung, wo war das Ideal, damit er es greifen konnte, um dadurch Erſatz für das zu erlangen, was er dafür aufgeben wollte?
Ein leiſes Rauſchen neben ihm riß ihn aus ſeiner Ver⸗ ſunkenheit empor. Er ſah zur Seite. Wenige Schritte von ihm, vorn am Rande des Abgrunds, ſtand Doris. Das Tuch, das ihre Schultern einhüllte, war herabgerutſcht und zeigte die Geſtalt in ihrer ganzen Anmuth nnd Zartheit. Die Hände hingen gefaltet vorn herab. Das Antlitz, von dem Schimmer des aufleuchtenden Abendroths begoſſen und von dem Lockenſchmuck umwallt, war wie das einer jener himm⸗ liſchen Erſcheinungen, mit denen die Phantaſie der Kinder die Märchenwelt bevölkert. Das Auge, ſchimmernd in ſtiller Luſt und Unſchuld ſah hinaus in eine unabſehbare Ferne, nicht beengt durch die ſichtbaren Grenzen, die die Landſchaft bot.
Und wieder dachte Theobald der Vergangenheit, an eine
Zeit derſelben, wo er ſein Sehnen geſtillt glaubte. Aber das
Schickſal hatte ihm das holde Bild, das damals ſeine Träumereien ausfüllte, bald wieder entführt. Der Stern, in dem er den ihm vom Schickſal beſtimmten gefunden zu haben glaubte,
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