Jahrgang 
1867
Seite
705
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Hlluſtrirtes Volksblatt. Herausgeber: Hans Wachenhuſen.

X. Jahrgang.

1867. 45.

D Wald wurde etwas lichter und kürzer; denn große Fels⸗

blöcke lagen im Wege, daß dieſer im Zickzack ſich durch Dſie hinwinden mußte. Die Geſtalt Doris' war bald ſichtbar, bald verſchwand ſie zwiſchen dem Geſtein und Ge⸗ büſch. Dabei war ihr Gang ſo leicht und ſchwebend, daß es ausſah, als huſche ſie wie eine Elfe durch den Wald, um ein neckiſches Spiel mit den ihr Folgenden zu treiben. Theobald ließ ſie keinen Moment aus den Augen, gefeſſelt durch das Anmuthige, das in allen ihren Bewegungen lag. Er ſuchte 5 ſie, wenn ſie entſchwand, und ſpähte, wo ſie wieder zum Vor⸗ ſchein kommen würde. So verwebte er ſie unwillkürlich in die Träumereien, die eben in ihm erweckt waren, und brachte ſie auch wol mit den Erinnerungen und den Bildern, die ſeine Seele damals erfüllten, in Verbindung. Der Jäger wich keinen Augenblick von ihrer Seite, und er mußte ſie wol

. angenehm unterhalten; denn oft hallte ihr ſilberhelles Lachen 5 durch den Wald hin.

vielHaben Sie nie gedichtet? fragte ihn da Holbein und plötzlich.

inn Theobald fuhr aus ſeinem Sinnen auf und ſchaute ſeinen Vegleiter verwundert an. Dann ſah er wieder vor ſich hin,

als müſſe er ſich beſinnen und eine weit zurückliegende Seite den ſeines Lebensbuches aufſchlagen, und ſagte dann mit einem uch Lächeln, das halb Wehmuth, halb Entſchuldigung ausdrückte: O doch, ſehr viel ſogar; aber das iſt ſchon lange

Der Privatdocent. Erzählung von Ad. Lichtenheld. (Fortſetzung.)

Gott ſeis gedankt, geblieben, und ſogar ein bischen Schwärmerei, wenn ſie auch nur ſo gelegentlich einmal hervorbricht. Ich ſchäme mich nicht, Ihnen es zu geſtehen, daß ich noch manch⸗ mal ein Verschen zuſammenſchmiede, wenn's auch kein Liebes⸗ gedicht iſt. Und nun ſehen Sie mich an, Doctor! Hat die innere Jugendlichkeit meinem Körper geſchadet? Bin ich nicht ein Mann, trotz meiner funfzig Jahre noch ſo rüſtig wie der Burſch da vorn? Ich laſſe das Alter noch lange nicht an mich herankommen!

Er hielt inne und faßte den Doctor an der Schulter, daß er vor ihn zu ſtehen kam und ihn betrachten mußte; aber zugleich muſterte er, wie einen Vergleich anſtellend, die Ge⸗ ſtalt Theobald's, die er jedoch nur um Weniges überragte. Theobald wurde dabei ſehr verlegen; er kam ſich, trotz all ſeines Wiſſens, unendlich klein dieſem Manne gegenüber vor.

Ihr Beruf, ſagte er weitergehend,iſt für die Erhal⸗ tung der Körperfriſche ein ſehr günſtiger. Wir Leute der Wiſſenſchaft ſind an das Zimmer gebunden, und überdies greift die ſtetige geiſtige Beſchäftigung den Körper ſehr an.

Sie mögen zum Theil recht haben. Doch gibt's ein doppeltes Alter, ein körperliches und ein geiſtiges. Daß bei Ihrem Stande das erſtere früher eintritt, als bei uns, hat ſeine Richtigkeit und iſt auch nicht anders möglich. Aber die Jugend⸗ lichkeit des Geiſtes, die kann man ſich in jedem Stande be⸗ wahren. Sie aber, Herr Doctor, ſcheinen mir auf dem beſten Wege zu ſein, ein ſolcher alter Mann zu werden, ſo⸗ gar mit noch ganz jungem Körper. Aber nichts für ungut. Denken Sie, ich ſei Ihr Vater, der das nur ſagt, weil er

Sie gehen zu weit in Ihrem Vorwurfe, entgegnete Theobald raſch.Mein Geiſt iſt noch friſch und elaſtiſch; ich fühle es an dem, was ich noch zu arbeiten vermag. Aber nur bei einem gänzlichen Aufgehen in ſeinem Streben, bei einer unbedingten Hingabe an daſſelbe, ſind für den Gelehrten Erfolge möglich. Sonſt bleibt, was er ſchafft, nur Stückwerk.

Holbein ſchüttelte energiſch den Kopf. Dann beſann

Sie misverſtehen mich. Ich meine das Alter, das man gewöhnlich das Philiſterthum nennt. Ich gehöre nicht zu denen, die achſelzuckend und ſpöttiſch fragen: wozu nutzt denn eigentlich all' dieſe Gelehrſamkeit und dieſes theoretiſche Wiſſen? Die Wiſſenſchaft iſt das Fundament des großen Gebäudes, an dem die Menſchheit baut: Erreichung der größt⸗

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her. 33 Laut auf lachte da der Pächter. es gut mit Ihnen meint; dern das iſt es. rtes,Das iſt ſchon lange her? Und wie lange denn, wenn vor⸗ mnan fragen darf, Sie alter Mann, Sie? eſten Theobald zählte in Gedanken. Aber das Reſultat mochte ihn befremden; denn er ſchüttelte das Haupt und rechnete zn noch einmal. Endlich ſagte er etwas verdutzt: Es ſind doch erſt ſieben oder acht Jahr. Merkwürdig, mich däuchte es länger.. E.Das iſt ein ſchlimmes Zeichen, Herr Doctor! Denn er ſich eine Weile und ſagte: Sie haben Ihre Jugend ſchon vergeſſen oder doch ver⸗ geſſen wollen. Mir iſt's noch wie geſtern, als ich noch ein junger Sauſewind und wahrlich keiner der frömmſten war, der Schrecken der Väter und der Freund aller Töchter. O es geht nichts über eine ewige Jugend! Die tollen Streiche haben zwar aufgehört, aber der jugendliche Sinn iſt, Wachenhuſen's Hausfreund. X. 15.