Jahrgang 
1867
Seite
699
Einzelbild herunterladen

5 1

ſ=

699

ßerliner

Mit drei armſeligen Beilagen tritt unſere königliche, privilegirte Berliniſche Zeitung jetzt vor das Publikum. Die gute Tante Voß, die trotz ihrer hundert Jahren mit einer Schleppe von fünf, ſechs und mehr löſchpapierenen Bogen einherzuſtolziren gewohnt iſt, ſieht auf einmal ſo reducirt aus, als wäre ſie, um ſich von etwas Fett zu befreien, in Karlsbad geweſen, oder als hätte ſie wochenlang eine Hungercur brauchen müſſen. Dieſe eclatante Magerkeit iſt ein Signum temporis, ein ausgeſprochenes Symptom der todten Jahreszeit. Schon der Umfang der Voſſin könnte als Kalen der gelten. Bezeichnender iſt freilich die Art der Anzeigen, und wer es nicht wüßte, könnte aus deren Orakel erfahren, in welcher Jahreszeit wir leben. Verkünden Lerche und Nachtigall in der Luft die Exiſtenz des Frühlings, ſo ſpiegelt ſich dieſer nicht minder deutlich in den Anzeigen der Bade⸗ directionen, die mit den wärmſten Ausdrücken ihre warmen oder kalten Quellen anpreiſen und die kranke Menſchheit an die Tafel der Natur einladen, wo Eiſen und Schwefel und Natron und Kochſalz und Jod und andere ſchöne Sachen zu beliebiger Auswahl ſervirt ſind. Aus dieſen, dem Quell der reinſten Menſchenliebe entſprungenen Aufforderungen klingt vernehmlich und unverkennbar die Melodie:

Der Mai iſt gekommen, Der Winter iſt aus!

Die Proclamation des Sommers übernehmen Himbeer⸗ ſaft und Citronenlimonade, Selter⸗ und Sodawaſſer, während ſpäter die Grüneberger Trauben auf das Löſchpapier ihren idealen Saftpreſſen, aus dem der Kenner den Herbſt deutlich herauszuſchmecken im Stande iſt. Miſchen ſich aber erſt Schwarzkohle und Braunkohle und Steinkohle und Holz⸗ kohle der Druckerſchwärze der Beilagen bei, dann kann man mit Sicherheit ſchließen, daß das Queckſilber unter oder doch nicht weit über dem Gefrierpunkt ſteht.

Unſer Leben ſteht jetzt im Zeichen desHimbeerſaftes, der übrigens nicht ſo nüchtern iſt, als man es ſich vielleicht denkt. Auf dem ſtillen Meer der Zeit gibt es doch immer noch einigen Wellenſchlag, der bald ſtärker, bald ſchwächer iſt, je nachdem die Strömungen von außen die Bewegung fördern oder beſchränken. Ja, das innere Leben Berlins ſelbſt bietet ſo viel Neues, producirt ſo mannichfach Intereſſantes, daß wir der Accidentmakers, die aus ihrer Phantaſie heraus unge⸗ wöhnliche, wo möglich herzzerreißende und haarſträubende Ereigniſſe ſchaffen, durchaus nicht bedürfen. Wir ſind in der

glücklichen Lage, täglich mit außerordentlichen Begebenheiten

in großer Menge und in bunteſter Miſchung aufwarten zu können. Hier hat ſich ein Tiſchlergeſelle aus Liebe erſchoſſen, dort eine Frau in den beſten Jahren wegen Unfriedens in der Ehe aufgehängt. Ein Gaſtwirth hat den Unterſchenkel gebrochen; drei Kinder ſind vom Omnibus überfahren worden; ein Maurer iſt vom Gerüſt gefallen; ein Maſchinenbauer hat ſich anderthalb Finger abgequetſcht; ein Schuſterzunge iſt von einem Hunde, der das Necken nicht vertragen kann, in die Wade gebiſſen worden und zeigt Symptome der Waſſerſcheu; im Grünen Graben hat man die Leiche eines neugeborenen Kindes weiblichen Geſchlechts gefunden, Spuren äußerer Ge⸗ walt ſind nicht bemerkbar; einem Mädchen von fünf bis ſechs Jahren ſind die Ohrringe ausgezogen worden; verſchiedene Perſonen ſind vor einigen Tagen abhanden gekommen und ſpurlos verſchwunden. Man ſieht, das Regiſter derRäuber⸗ geſchichten iſt faſt ebenſo groß, als das der verbotenen, menſch⸗ heitberderbenden Bücher auf dem Römiſchen Index. Man ſollte nicht glauben, daß auch der Selbſtmord unter der Herr⸗ ſchaft der Mode ſteht. So gilt es jetzt als eine beliebte Form, ſich im Thiergarten aufzuhängen. Faſt täglich begrüßt Aurora einige bammelnde Geſtalten, die noch im Sterben ihren Sinn für Naturſchönheit darthun, noch mehr aber ad hominem demonſtriren, daß ſie im Leben auf keinen grünen Zweig gekommen ſind. Welche Fülle von ſtatiſtiſchem Stoff liegt in allen dieſen Beobachtungen. Wahrhaftig, unſer Ober⸗

in die großen Börſenräume.

Schnitzel.

ſtatiſtiker Engel, der ſich in den nächſten Wochen nach Florenz zu dem internationalen, ſtatiſtiſchen Congreß begibt, würde dort entſchieden Glück machen, wenn er ein gehörig componirtes Bild unſerer Unglücksfälle entrollte, oder gar eine Anthologie derſelben, mit vergleichenden, ſtatiſtiſchen, pſychologiſchen, motivirenden Bemerkungen begleitet, dem großen Publikum übergeben wollte. An Humor würde es dabei auch nicht fehlen.

Die Zunahme der Selbſtmorde hängt unzweifelhaft mit den ungünſtigen Geſchäftsverhältniſſen urſächlich zuſammen. Ein ſchlechtes Geſchäft, das iſt dis Parole und Klage der geſammten commerciellen Welt. Ja, es iſt ſchlechter als im vorigen Jahre, wo Krieg und Cholera manches Geſchäft lahm legten und manche Firma auf Wartegeld ſetzten. Auch die Börſe theilt dieſes Schickſal. Ich ſage dies aus eigener Er⸗ fahrung. Um einem auswärtigen Freunde das herrliche Ge⸗ bäude und zugleich das eigenthümliche Leben und Treiben zu zeigen, ging ich mit ihmTags um die zwölfte Stunde Der Portier⸗Cerberus ließ uns ohne Knurren vorüber. Wahrſcheinlich hatte er die Weiſung, jetzt bei dem lückenhaften Beſuch ein Auge zuzudrücken. Meine Phyſiognomik, mit der ich ſicher ein Examen bei Lavater be⸗ ſtehen könnte, ſagte mir im Augenblick: Die Stimmung iſt flau. Die meiſten Inſaſſen, mit langen, verſtimmten Geſichtern, kamen mir, um im Cerberus⸗Bilde zu bleiben, wie Schatten im Hades vor. Der prächtige, ſäulengetragene Bau, er iſt nichts als ein Mauſoleum. Ein Schatten ſchwebte zu mir heran.Wollen Sie etwas machen, Doctor?Ich mache nichts, erwiderte ich kurz, nicht wenig über die Vertraulich⸗ keit eines Mannes erſtaunt, der mir ganz fremd war. Schnell war er von einem andern Schatten abgelöſt, der auch kein makelloſes Leben führte auf Erden. Dieſer verlieh mir, ohne daß ich mir eines Verdienſtes oder einer Schuld be⸗ wußt bin, das Prädicat:Lieber Freund! Er ſchien mehr Zeit zu haben, als der andere. Er ſetzte mir mit ſeltener Mundfertigkeit den Stand des Geſchäfts auseinander, wie die ſchlechte Ernte, der anhaltende Regen, das fehlende Vertrauen, die Kriegsrüſtungen in Frankreich, die Agitation in Nord⸗ ſchleswig, das von Mazzini und Garibaldi bedrohte Rom und vieles Andere auf die Courſe drücke, und begründete da⸗ mit ſeine wohlgemeinte Ermahnung, ich möge doch etwas fixen. Auch dieſem Schatten kehrte ich den Rücken mit der Bemerkung, daß ich an dem Börſenhimmel kein Fix⸗Stern ſei. Lachend flog der Schatten von dannen, colportirte dieſes Wort nach allen Ecken und Enden, vielleicht der einzige Artikel an dieſem Tage, der mehrGeld alsBrief war. Trotz dieſerStille gab es doch ein Rauſchen und Schwirren, als ob die Börſe eine Bienenſtockbörſe ſei, ein Bild, das wol in der Thatſache ſeine Berechtigung findet, daß hier Viele ganz gehörige Stiche bekommen, während es auch Einzelnen gelingt, goldenen Honig zu fabriciren.

Der große Jupiter pluvius, der oben alsFlaumacher bezeichnet worden, ſpielt uns dieſen Sommer arg mit. Faſt kein Tag geht trocken vorüber. Trotz der angeborenen Friedens⸗ liebe unſerer Spree hat ſie doch ſchon an einigen Stellen die geſetzlichen Schranken übertreten, oder iſt auf unbekannten Wegen in dunkle Kellerräume und Kellerwohnungen einge⸗ brochen, um zu zeigen, daß mit ihrer Gutmüthigkeit nicht zu ſpaßen ſei. Inwieweit ſie daran betheiligt, daß einige ſprichwörtlich berüchtigte Straßen wiederholt zu einem Waſſer⸗ corſo Gelegenheit boten, darüber hat das Berliner Communal⸗ blatt noch keinen Aufſchluß gegeben. Daß übrigens derartige ſtehende Gewäſſer der Geſundheit der Berliner nicht ſehr vor⸗ theilhaft ſind, das kann auch der unwiſſenſchaftlichſte Alltags⸗ verſtand begreifen. Trauriger noch iſt es, daß mit den auf gewühlten Dünſten und Stoffen, die ſich in unſichtbaren Atomen der Atmoſphäre beimiſchen, das Zartgefühl der Naſe aufs Tiefſte verletzt wird, und dieſe Verletzung tritt in manchen Straßen, unter Hinzutritt verwandtſchaftlicher Bedingungen,

88*