Jahrgang 
1867
Seite
698
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dieſen ſchwarzen, weithin ſich verzweigenden Tiefen wird Zink und Vitriol, Oker und Alaun geliefert, und immer neue Erz⸗ lager entdeckt die ſuchende Gier der Menſchen. Schon öfter wähnte man, erſt noch in jüngſter Zeit, die Schätze des Rammelsberges ſeien erſchöpft, ſeine Minen ausgebeutet; und immer wieder ſtieß man auf neue Lager, ausreichend zur Aus⸗ beute noch auf Jahrhunderte.

Wenn man von Harzburg nach Goslar oder dem romanti⸗ ſchen Okerthal ſich begibt, ſo kommt man an dieſem Rammels⸗ berg und ſeinen Hütten vorüber. Weithin ſieht man den Dampf, der den Betrieb der Hütten anzeigt; gewaltige Berge ſchwarzer Erde, Schlacken und Geſteine ſind auf der Fläche vor den Werken aufgeworfen; ſie füllen Vertiefungen aus, er⸗ höhen das Plateau; Wege gehen darüber fort, Wälle werden von ihnen gebildet, die das Werk umgrenzen und eine Welt von Bergleuten abgrenzen.

Selten auch, daß ein Bergwerk eine ſo ehrwürdige und reiche Geſchichte hat, wie dieſes. Sie iſt eng mit der Goslars, ja des Harzes und vor Allem des Harzer Bergbaues ver⸗ bunden. Nach dem Rivalitätskampfe der Thüringer und Sachſen um die norddeutſchen Gauen, in dem durch den Frankenkönig Dietrich, Chlodwig's Sohn, die letzteren Sieger blieben, begann die erſte rohe Ausbeute der Erze des Ober⸗ harzes zum Zweck der Waffenfabrikation. Aber in den wilden Kämpfen gegen Karl den Großen, der hier das Chriſtenthum verbreiten wollte, verloren ſich die Spuren dieſes Bergbaues, der dann allerdings durch Kaiſer Heinrich I. zu großem Auf⸗ ſchwung gekommen. Der erſte Sachſenkaiſer wurde, wie man weiß, beim Vogelfang in ſeinen Harzer Bergen mit der Nachricht überraſcht, daß er zum König des heiligen römiſchen Reichs teutſcher Nation erwählt worden ſei. Noch heute ſtreiten ſich mehrere Orte um die Ehre, dem Kaiſer zu ſeinem Namen verholfen zu haben. Heinrich I. hat aber auch als Städteerbauer ein geſegnetes Andenken hinterlaſſen; unter ihm erſtanden Nordhauſen und Quedlinburg, Oſterode, Blanken⸗ burg und Goslar, jener Kranz von Harzſtädten, deren alter⸗ thümliche Architectonik noch heute ihnen ein ſo lebhaftes In⸗ tereſſe zuwendet. Und mit Goslar erſtand auch der Bergbau dieſer Stadt. Unter Heinrich's Sohn, Otto dem Großen, kamen Bergleute aus Franken nach dem Harz und riefen die Bergwerke bei Clausthal und im Rammelsberg ins Leben. Die ſo entſtandene Frankenſcharrner Silberhütte bei Clausthal und die Frankenberger Vorſtadt in Goslar haben ſich noch bis heutigen Tages erhalten und haben ſonach ein Alter von mehr als neunhundert Jahren. Ununterbrochen, trotz vieler Störungen, Krieg, Peſt und Unglück, ſind ſeitdem die Schätze dort der Natur entriſſen worden und eine unterirdiſche, meilen⸗ lange Stadt entſtand im Laufe der Jahrhunderte.

Die ſächſiſchen Kaiſer haben auch ihre Städte und ihre Bergwerke weislich gepflegt. Namentlich war es Goslar, welches ſich ihrer Gunſt rühmen durfte, und wo ſie oft ihre Reſidenz hatten. Im Jahre 1056 ſtarb hier Heinrich III. und mit ihm kam das Leid über den Harz, denn Heinrich IV. erpreßte von den Städten, deren Rechte er aufs ſchnödeſte verletzte, ſo viel, daß endlich den Harzern die Geduld riß, und ſie den Kaiſer aus Goslar und aus der von ihm neu angelegten Zwingveſte Harzburg vertrieben. Es war aber auch hier, im Jahre 1075, auch im Junimonat, daß eine Schlacht bei Langenſalza das Recht des Stärkern zur Geltung brachte. Heinrich IV. mit ſeinem Verbündeten Rudolf von Schwaben überfiel die Sachſen bei Langenſalza, während ſie zechten, und die Beſiegten mußten ſeinen Grimm empfinden. Dadurch, dann durch Heinrich den Löwen und deſſen Sohn, Otto IV., wurde Goslars Blüte gebrochen; die belagerte Stadt mußte zuletzt im Friedensvertrag mit dem Kaiſer den größten Theil des Ertrages ihrer ſo ergiebigen Bergwerke im Rammelsberg, die Urſache der Händel, abtreten. Kaiſer Fried⸗ rich H. ſchenkte dann 1235 den Zehnten des Bergwerks⸗

ertrages einem Enkel Heinrich's des Löwen, Otto, den er zu⸗ gleich zum Herzog von Braunſchweig und Lüneburg machte.

Kaum ein Jahrhundert genoß das Bergwerk im Rammels⸗ berg eines wechſelnden Betriebes, als neue Schläge ſeinen Ruin herbeizuführen ſchienen. Es gab Kämpfe zwiſchen Grafen und Pfaffen, Peſt, und ſchließlich ſtürzte durch den vernach⸗ läßigten Betrieb in der Mitte des 14. Jahrhunderts ſogar der Rammelsberg zuſammen und wurde das Grab von nahe an 1000 Arbeitern. Um den neuen Aufſchwung des Berg⸗ baues machte ſich dann erſt wieder die fromme Herzogin Eliſabeth von Wernigerode verdient; aber Goslars letzten Wohlſtand ruinirte dann der bigotte Herzog Heinrich von Braunſchweig, der Rache an der Stadt wegen ihres Ueber⸗ tritts zum Proteſtantismus nahm. Goslar mußte wiederum einen Theil an dem Rammelsberger Werke dem Herzog über⸗ laſſen. Dann kam der Dreißigjährige Krieg, der die Gruben⸗ arbeit faſt gänzlich einzuſtellen zwang, und ſchließlich plünderten die Franzoſen 1806 und unter König Jeröme die Gruben in einer unerhörten Art. Aber ſeitdem hat der Bergbau im Rammelsberg eine gleichmäßige und erſprießliche Pflege er⸗ halten, und Hannover hat mit Braunſchweig redlich den Er⸗ trag davon getheilt.

Jetzt ſind elf Gruben im Rammelsberg in Betrieb, in denen gegen 200 Bergleute beſchäftigt werden. Da ſie be⸗ quemer zu befahren ſind, als gemeinhin die gnomiſchen Werk⸗ ſtätten der Unterwelt, ſo werden ſie auch von den Tyuriſten und den Beſuchern des Harzes, das ſchwache Geſchlecht nicht ausgenommen, häufig und zahlreich in neugierigen Augen⸗ ſchein genommen. Von Harzburg geht während des Sommers faſt täglich ſolche Wallfahrt in die Tiefen des erzreichen Rammelsberges, und ſie iſt für Einzelne wie für größere Geſellſchaften bequem und billig genug gemacht.

Im Zechenhauſe erhält man auf ſeine Anmeldung den nothwendigen, zur Schonung der eigenen Kleidung dienenden Bergmannskittel, das Grubenlicht und den Führer. Zwiſchen Männlein und Weiblein wird dabei kein Unterſchied gemacht. Durch einen der beiden Eingänge zum Rammelsberg, entweder den, nahe bei Harzburg, oder den entfernteren, auf der Höhe des Berges man benutzt ſie gewöhnlich eine Woche um die andere abwechſelnd gelangt man mühe⸗ und gefahrlos ſchnell in die Region der eigentlichen Werke. Eine geheimniß⸗ volle Welt öffnet ſich hier den Beſuchern. Man hört in dieſem unterirdiſchen Palaſt hämmern und klopfen; dumpf ver⸗ hallender Donner vom Sprengen der Erzſtücke erſchüttert die Luft; ſchwarze Bergknappen begrüßen die Einfahrenden mit ihrem treuherzigenGlück auf. Man ſieht in den Fahr⸗ ſchachten der Gruben die Geſtänge mit den Tritten der Fuhr⸗ kunſt ſich auf und nieder bewegen; im Treibſchacht gehen die Tonnen ein und aus; die kleinen Wagen mit den erzhaltigen Erdtheilen die Hunde genannt laufen auf Schienen durch die finſteren Gänge des Bergwerkes bis nach dem Schacht, in dem ſie emporgehoben werden. Es gibt außer den Schachten und Stollen große Säle hier unten, wo die Lichter der arbeitenden Bergleute ein eigenthümliches, märchen⸗ haftes Gefunkel bewirken, welches ſich an dem Geſtein in den Wänden bricht. Hier ſieht man die Knappen in voller Arbeit; hier iſt ihre Werkſtatt, wo das Geſtein gebohrt und ge⸗ brochen, wo es mit Sprengpulver von der gewaltigen Maſſe gelöſt wird. In einem anderen Saal findet das ſogenannte Feuerſetzen ſtatt. Die Erze des Rammelsberges, welche ein Lager im Thonſchiefer bilden, ſind nämlich mit einem ſehr harten, erzführenden Quarze verbunden, der ſogenannten Gangmaſſe, die durch Röſten am Feuer mürbe gemacht wird. Das Schauſpiel iſt ſehr intereſſant und findet gemeinhin an einem beſtimmten Tage früh Morgens ſtatt. Auch eine Cementquelle zeigt der Führer, welche ſo kupferhaltig iſt, daß auf ein hineingehaltenes Stück Eiſen ſchnell ein ſolcher Nieder⸗ ſchlag erfolgt.