Jahrgang 
1867
Seite
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ſo handgreiflich und ſchlagend hervor, daß ſich der Gedanke unwillkürlich zu dem Refrain geſtaltet: Ueb' immer Treu und Mugliſch!

Am meiſten leiden bei dem anhaltenden Regen die Be⸗ ſitzer öffentlicher Gärten. Hunderte von Garten⸗Etabliſſements hat das letzte Decennium ans Licht gefördert, infra muros et extra, aber vorzugsweiſe extra, und alle ſind ſie auf die paar Sommermonate angewieſen, als die Zeit der Ernte. Nun dreſchen ſie leeres Stroh, und ihre ſchönſten, monatelang ge⸗ hegten Hoffnungen werden buchſtäblich zu Waſſer. Der im Sommer auf eine ſchmale Vergnügungskoſt geſetzte Berliner verliert damit eine Hauptmahlzeit, ſeine Gartenconcerte. Es mag wol wenig Städte in der Welt geben, die mit unſerer Muſik im Freien concurriren können. Nicht nur daß viel muſicirt wird, es wird auch gut muſicirt. Civil und Militär reichen ſich zu dem nicht zu unterſchätzenden civiliſatoriſchen Einfluß der klaſſiſchen Muſik brüderlich die Hand. Beethoven und Gluck, Weber und Mozart kann man in jedem Garten und an jedem Tage hören, wenn ſchönes Wetter iſt. Der Vater unſerer beſſern Garten⸗ und Volksconcerte iſt unbe⸗ ſtritten der Muſikdirector Karl Liebig. Die Liebig ſchen Sym⸗ phonie⸗Concerte, die im Winter den Soiréen der königlichen Kapelle Concurrenz machen, haben eine ebenſo große Popu⸗ larität als Berühmheit gewonnen. Seit faſt 30 Jahren drängt man ſich zu einer Liebig'ſchen Soirée, als zu einem Hauptgenuß der Reſidenz. Und ſo darf man es als eine wohlverdiente Rückſicht und Anerkennung bezeichnen, daß bei dem Monſter⸗Concert, das geſtern zu Liebig's Benefiz ſtatt⸗ fand, der abſolut regierende Jupiter pluvius ſich ruhig in den Wolken und die Wolken ruhig an ſich hielt, und von ſeiten ſeiner allerhöchſten naſſen Majeſtät kein ſtörender Eingriff erfolgte in den friedlichen und freundlichen Verlauf des groß⸗ artigen Muſik⸗ und Dankfeſtes. Dankfeſt kann man es nennen, weil es von der Liebig'ſchen Kapelle für ihren verehrten Meiſter, der in dieſem Augenblicke zur Herſtellung ſeiner Geſundheit im fernen Bade weilt, veranſtaltet wurde. Aber mit nicht minderm Rechte verdient es die Bezeichnung Monſtre⸗Concert, ſowol wegen der ungeheuern, durch die Aſſociation von Hunderten von Muſikern erzielten Tonwirkung, als auch wegen der unzählbaren Volksmaſſe, die in den aus⸗ gedehnten Gartenräumlichkeiten den Klängen lauſchte. Hier der Hofjäger, der äußerſte Flügel der Thiergartenſtraße, iſt die Arena, wo der gediegene Wieprecht an der Spitze ſeiner Garde, die jetzt in Paris große Triumphe feiert und ihre

Gegner und Concurrenten mit Leichtigkeitfortbläſt, ſchon

ſeit Jahren die ruhmvollſten Siege erkämpft, mit Pauken und Trompeten.

Der neugeborene Reichstag wird nun auch bald aus ſeinem Sommerſchlafe zu neuen Lebensäußerungen erwachen. Kein Wunder, daß man ſeiner Thätigkeit mit Spannung ent⸗ gegenſieht. Der Reichstag iſt zwar mit vielen Gliedern auf die Welt gekommen, aber doch mit ſo vielen Bildungsfehlern behaftet, daß nur ein tüchtiges und entſchiedenes Operiren etwas aus ihm machen kann. Auf ihm ruht die Hoffnung und die Zukunft Deutſchlands. Und die Zeit iſt eine ſchwere. Die Luft iſt ſchwül, mit Gewitterwolken erfüllt. Es wetter⸗ leuchtet von allen Seiten, und wer weiß, wie ſchnell es los⸗ platzt, wenn erſt König Georg von Hietzing nach Paris über⸗ ſiedelt, wo er zwar, nach der Montagszeitung, als homme privé leben will, ſich aber leicht im Intereſſe der gefährdeten Legitimität, zu einer hohen, ohrenbläſeriſchen Miſſion berufen halten dürfte. Unſere Weißbierphiliſter(und was wiſſen die nicht Alles in ihrer Schaumbegeiſterung!) ſehen ſehr ſchwarz und laſſen es ſich nicht nehmen, daß die verſtimmte Friedens⸗ pfeife auf dem letzten Loche pfeift. Aber auch abgeſehen von dieſen ſchwarzen Hallucinationen dieſer finſtern Hellſeher, warten in der nächſten Zeit die brennendſten inneren und äußeren Fragen der Erledigung. Dieſe Ueberzeugung kommt nun in den Wahlverſammlungen zum unzweideutigen Aus⸗ druck. Die Wahlbewegung hat bereits begonnen. Alle Parteien ſind rüſtig und rührig. Die Conſervativen rücken mit ihren beſten Vollblutreactionären ins Feld. Die National⸗ liberalen ſuchen durch Wort und Schrift für ihre Rechnung tragenden, hier und dort etwas nach Gotha riechenden An⸗ ſchauungen Propaganda zu machen, während die Fortſchritts⸗ partei ihre alte Fahne entrollt und auf ihr altes Progamm zurückweiſt und zeigt, daß ihre in der Wolle gefärbten Grund⸗ ſätze weder durch die Sonne der Zeit noch durch Pulverdampf an Farbe verloren. Das Kaleidoſtop der Geſchichte bringt immer neue Bilder zur Erſcheinung. Und das iſt das In⸗ tereſſante gerade unſerer Zeit.Krieg oder Freiheit iſt drüben die Parole. Was wird der Cäſarismus auf dieſem Ei der Alternative ausbrüten? Wir denken, daß der Mann, der in Mexico ein Haar gefunden, auch unſere Rheintrauben ſauer finden wird. Darum laſſen wir uns kein graues Haar wachſen und blaſen in roſenfarbener Laune unſern blauen Stengeldampf in die Luft, unbekümmert ſelbſt um die Damokles⸗ ſcheere der Tabackſteuer, die leicht unſern upmännlichen Appetit auf eine unangenehme Weiſe verkürzen dürfte.

A. Löwenſtein.

Wiener

Brirfe.

U Ein Beamter, der ſich ſelbſt protegirt. Miß Adah Iſaaks Menken, die Heldin der Reclame. Jackſon Haines. Prinz Hohenlohe. Friedrich Halm. Laube. Salvi. Fräulein von Murska. Frau Pauli⸗Markovitz. Die Hochzeit des Fräulein Bettelheim. Hellmesberger. Deſſow. Fürſt Czartorysky. Eine Journaliſtenſtrike. Erzherzogin Sophie. Die Todesſtrafe im Reichsrathe.

L. Ein moraliſch und phyſiſch verkommenes Sujet im beſten Mannesalter wettet in toller Champagnerlaune, daß ein anſtändiges Mädchen aus guter Familie, das eben vor dem Fenſter des Delicateſſenhändlers an der Hand ihrer Mama vorbeigeht, innerhalb eines Vierteljahrs ihm gehören müſſe. Das Sujet gewinnt die Wette. Durch gefälſchte Empfehlungsſchreiben ſchleicht es ſich in das Bürgershaus ein, blendet die guten Leutchen durch großartige Erzählungen von ſeinen Gütern im Monde, heirathet das unſchuldige Kind und fährt mit ihm, da unſere Eiſenbahnen keine Vergnügungs⸗ züge nach ſpaniſchen Schlöſſern arrangiren, vorläufig nach Polen, wo es in einem elenden Dorfe in der Karczma eines lang gelockten Juden warten ſoll, bis das Sujet ſeine Aeltern geſehen und deren Verzeihung für die abgeſchloſſene Mes⸗ alliance erlangt hat. Nach drei langen Tagen kehrt das Sujet zu ſeiner Neuvermählten zurück, wo er in der Zwiſchen⸗

zeit geweſen iſt, haben ſterbliche Menſchen nie erfahren können,

vielleicht in Siebenbürgen, wo ſeine Aeltern ſchon lange in kühler Erde ruhen. Die junge Frau muß abermals eine abenteuerliche Geſchichte anhören: die Aeltern wären unerbitt⸗ lich; ſie könnten und wollten nicht verzeihen, man müſſe, ohne ſie zu ſehen, nach Wien zurückkehren. Dort wird raſch das recht anſehnliche Heirathsgut vergeudet, die junge Frau wird Mutter und ſammt ihrem Kinde verſtoßen ins Elend ge⸗ jagt, und das verkommene Sujet erhält nach Präſentation eines allerhöchſten Handſchreibens die Stelle eines kaiſerlich königlichen Finanz⸗Secretärs einer kaiſerlich königlichen Stempel⸗ und Tabacks⸗Gefällen⸗Direction. Nach acht Jahren wurde bei demſelben Amte der Poſten eines Finanzrathes erledigt, worauf eines ſchönen Tages ein kaiſerlicher Kammerherr ſich in großer Uniform beim Finanzminiſter vorſtellte, um den Wunſch Sr. Majeſtät auf Beförderung unſeres Finanzſecretärs auszudrücken. Der Miniſter läßt ſofort den Director des Amtes rufen, erfährt von dieſem zu ſeinem Bedauern, daß