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den Staatsbehörden und ſpeciell dem Criminalgericht ein Menſch die Vollmacht habe, dem andern um ſchnöden Geldes willen brummen zu laſſen.
Der geſetzgebende Körper beſchloß vor einigen Monaten die Aufhebung der Prise du corps, der Schuldhaft.
Großer Jubel, ungeheuere Illumination an dieſem ge⸗ ſegneten Tage in Clichy, einem Schuldgefängniß, welches gegen das Berliner noch ein Paradies der Freiheit iſt.
Alles freute ſich in Paris; nur eine gewiſſe Sorte von Wucherern und Halsabſchneidern, deren es überall gibt, kratzten ſich hinter den Ohren und ſchwuren, niemals wieder einem leichtſinnigen Sohn auch nnr einen Sou zu borgen.
Aber die Freude war verfrüht. Der franzöſiſche Senat hatte erſt zu beſchließen, ob er die Angelegenheit noch einmal zur Verhandlung vor die Kammer bringen wolle, oder ob er den Beſchluß derſelben ſanctionire.
Dies letztere geſchah am 18. Juli und an dieſem Abend hatte der Jubel in Clichy kein Ende. Die Angehörigen der Schuldgefangenen, die in ängſtlicher Spannung auf den Be⸗ ſchluß des Senats gewartet hatten, eilten nach Clichy; Mütter, Schweſtern, Kinder und Greiſe ſammelten ſich vor dem Gefäng⸗ niß, um dem theuren, lang entbehrten Gefangenen die frohe Nachricht zu bringen, die Verhafteten lagen ſich freudig in den Armen und riefen:„Vive la liberté! Vive[Empereur!“ Es wurden Reden gehalten, die Fenſter illuminirt, es herrſchte ein allgemeiner Freudentaumel!
Clichy alſo iſt nicht mehr. Clichys folgen!
Den Urſprung der Schuldhaft bildet bekanntlich die Sklaverei, welche den Schuldner ſammt ſeiner Familie zum Sklaven des Gläubigers machte.(Iſt er es denn jetzt etwa nicht?) In Frankreich wurde die Schuldhaft verſchiedene Male modificirt, aufgehoben und wieder eingeführt.
Als Gefängniß dienten verſchiedene Gebäude, das Fort [Evéque, la Force, und eine Zeit lang St.⸗Pelagie, welches letztere die Gefangenen aufnahm, als am 14. März 1797 das Directorium dieſe Haft wieder einführte.
Von dieſer Zeit bis zum Jahre 1828 zeigte ſich die Adminiſtration ungerechter gegen die armen Gefangenen, als jemals unter der Herrſchaft Ludwig KlV, XV. und XVI. Erſt von dem letzteren Jahre ab führte der Polizeipräfect Debelleyme einige Erleichterungen ein, welche ſie wenigſtens gegen andere Gefangene bevorzugten.
Um das Jahr 1834 wurden die Schuldgefangenen nach Clichh transportirt.
Man behauptet, daß die Liſten dieſes auf der Höhe des Chauſſee dAntin gelegenen Gefängniſſes höchſt intereſſante Namen aufweiſen. Im Jahre 1818 z. B. befanden ſich unter den 151 Gefangenen 99 Ariſtokraten. Unter der Reſtauration zählte das Pariſer Schuldgefängniß zu ſeinen Einwohnern einen frühern Miniſter, zwei Pairs von Frankreich, drei Diviſionsgeneräle und eine Menge von Künſtlern, Schrift⸗ ſtellern und Söhnen der erſten Familien Frankreichs. Unter dieſen befand ſich auch ein Mitglied der Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften, ein Profeſſor am Collége de France, der bei ſeinen Schülern ſo beliebt war, daß dieſe nach Clichy ſtrömten, um ihren Unterricht dort bei ihm fortzuſetzen, und denſelben ſehr hoch bezahlten, um ihm zu ſeiner Freiheit zurück zu ver⸗ helfen.
Schon St.⸗Pelagie hatte ausgezeichnete Gefangene. Man nennt unter ihnen den berühmten Bankier Ouvrard, der mehrere Jahre hier ſaß, obgleich er ungeheuern Reichthum hatte. Der Nachbar ſeiner Gefängnißzelle war ein armer Schneider, der zu ſeiner Unterhaltung die Flöte blies und auf derſelben die ärgſten Mistöne hervorbrachte.
Um ihn los zu werden, bezahlte Ouvrard die Schulden
Mögen ihm alle europäiſchen
des Schneiders. Ferner war unter den Verhafteten der Fürſt
Kaunitz, Schwager der Fürſtin Metternich, der für eine Schuld von 400,000 Francs und zwar auf Nachſuchen eines Kinder⸗ ſpielzeug⸗Händlers eingeſteckt war.
Dieſer gute Mann hatte nämlich ſeinem Schuldner die ihm geliehenen Summen halb in baarem Gelde, halb in Kinderſpielzeug gezahlt, wie das auch heute noch vorkommt.
Bei Gelegenheit der Verlegung des Schuldgefängniſſes von St.⸗Pelagie nach Clichh ereignete ſich ein intereſſanter Vorfall. ⸗
Es erxiſtirte nämlich ein Kater der Schuldgefangenen, Namens Carabit, der von einem politiſchen Gefangenen dreſſirt worden war.
In der Nacht vom 3. zum 4. Januar 1834 wurden die Gefangenen von dem einen Local ins andere transportirt, und zwar in Wagen, welche man panier à salade(Salat⸗ körbe) nannte.
Carabit war die Seele des ganzen Schuldgefängniſſes; er beſuchte alle die Unglücklichen, kannte Jeden von ihnen, zeigte allen die größte Anhänglichkeit, lebte in ihren Zellen und unterhielt ſie mit ihren kleinen Kunſtſtücken. Carabit mußte überalk ſein.
Als nun die Gefangenen während des Transports auf den Quais angelangt waren, machte man die Entdeckung, daß Carabit vergeſſen worden. Sofort erhob ſich ein Geſchrei, ein Lärm, ſodaß die Bedeckung nachgeben mußte. Man kehrte zurück nach St.⸗Pelagie, ließ Carabit in einen der Wagen ſteigen und fuhr beruhigt nach Clichy.
Die Gefangenen waren entzückt über das neue Gefäng⸗ niß, das in jeder Beziehung ein viel anſtändigeres und be⸗ quemeres war. Nur einem der Gäſte geſiel Clichy nicht, und dieſer war Carabit. Der Kater vermißte hier den großen Garten, die alten Zellen, die finſtern Mauern, die alten, wurmſtichigen Möbeln, die dunklen Corridore und was er ſonſt gewohnt war.
Katzen attachiren ſich ja bekanntlich mehr an die Häuſer als an die Bewohner deſſelben.
Dem armen Carabit war es unmöglich, ſein liebes St.⸗Pelagie zu vergeſſen. Glücklicher als ſeine Gefährten, verließ er trotz aller Mauern und Riegel am dritten Tage ſchon das ihm unerträgliche Clichh, durcheilte ganz Paris und kam wieder in St.⸗Pelagie an.
Die Wärter fanden ihn in ſeiner Lieblingszelle und hier ſtarb er auch ſpäter an Altersſchwäche.
Die Geſchichte dieſer Schuldgefängniſſe iſt natürlich eine ſehr diserete und geſtattet dem Schriftſteller nicht, nach Be⸗ lieben die glänzendſten Namen auszuplaudern, welche hier Zeit hatten, über ihr Schickſal nachzudenken. Es iſt daher auch mir nur geſtattet geweſen, einige Blicke in dieſelbe hinein u thun.
Sie iſt jetzt zu Ende, und Alles betrachtet Clichy jetzt nur mit einer gewiſſen Schadenfreude.
Was, fragt man, wird man jetzt mit dieſem in einer der theuerſten Gegenden von Paris belegenen, großen Gebäude anfangen?
Indeß das Gedächtniß ruft dem Pariſer zurück, daß auf einem Theile des von Clichh bebauten Grundſtückes das alte Tivoli gelegen, daß hier früher, und zwar vor kaum vierzig Jahren, ſehr ſtark beſuchte Bälle veranſtaltet wurden.
Wozu alſo ſich lange den Kopf zerbrechen! Man wird aus Clichy ein neues Tanzlocal machen. Die Schuldner und die Gläubiger werden hier Seite an Seite vergnügt ihre Quadrillen tanzen, und damit wird Alles geſühnt ſein, was Clichy der Menſchheit zu Leide gethan.
Hans Wachenhuſen.


