dieſem zum Nachfolger im Directorat beſtimmt in der rich⸗ tigen und durch ſo viele Erfolge bewährten Würdigung ſeiner hohen wiſſenſchaftlichen und pädagogiſchen Bedeutung. Es gibt viele Alumnate und Erziehungsanſtalten, in denen die Zöglinge und Schüler viel Wiſſen aufſpeichern, das ſie oft genug als bloßer Ballaſt durchs Leben begleitet, wenige aber, in denen der Wille gebildet wird, die Fähigkeit zu Selbſt⸗ ſtändigkeit und Charakterſtärke. Unſer Hanow behandelte uns nicht mit pädagogiſcher Trenſe und Kandare, er dreſſirte uns, wenn man ſo ſagen darf, in Freiheit zu Liebe und Gehorſam gegen ihn und ſeine Anſtalt, und natürlich erreichte er mit dieſer Methode unendlich viel mehr, als manch ein anderer mürriſcher Magiſter mit all ſeinen Hausordnungs⸗Paragraphen, mochten ſie auch ſo drakoniſch ſein, wie ein Berliner Mieths⸗ contrakt. Unter ihm haben Viele viel gelernt, aber das Auf ſpeichern der Wiſſenſchaft brauchte ſie nicht blöde fürs Leben zu machen, in das ſie hineintraten mit dem Wahlſpruch des von ihm ebenfalls wieder eingeführten Turnenthums:„Fromm, friſch, fröhlich und frei.“
Das Pädagogium rekrutirte ſich anfangs wohl nur aus Züllichau ſelbſt und den kleineren Nachbarſtädten Kroſſen, Grünberg, Schwiebus, Bomſt, Zielenzig u. ſ. w. Da aber die alten Schüler, wenn ſie eine Lebensſtellung errungen hatten und vielleicht in weiter Ferne angeſtellt waren, ihre Söhne der Anſtalt wieder zuzuſchicken pflegten, ſo gab es in der zweiten und dritten Generation Schüler aus den weiteſten Entfernungen der Mark, des Großherzogthums, Schleſiens und ſelbſt Pommerns. Dennoch hatte die Anſtalt, als ſie Dr. Hanow übernahm, in ſieben Klaſſen, von Sexta bis Prima (zwei Quarta), nur etwa 150 Schüler, während ſich jetzt mit veränderten Klaſſen und dem gänzlichen Eingehen der Sexta, das Verhältniß wie folgt geſtaltet hat: Prima 34, Ober⸗ Secunda 28, Unter⸗Secunda 46, Ober⸗Tertia 44, Unter⸗ Tertia 47, Quarta 54, Quinta 24, im Ganzen 277 Schüler.
Die Baulichkeiten der Anſtalt umgeben links von der Straße einen weiten Hof, an den ſich der Turnplatz anſchließt. Sämmtliche Häuſer auf dieſer Seite ſind von Fachwerk, ſelbſt das Directorialgebäude, das mit einem hölzernen Altan ver⸗ ziert iſt, an welchem ſchon in den vierziger Jahren ſehr deſtructive Tendenzen ſichtbar waren. In der Manteuffel'ſchen Aera ſcheint man ihn aber zur Raiſon und zur richtigen Würdigung ſeiner Verhältniſſe zurückgebracht zu haben. Im Winter brauchte man ziemlich viel Holz, um dieſe Fachwerke zu erwärmen, von denen im übrigen eins aller Kunſt und ſelbſt aller Argliſt ſiegreich widerſtand und den ehrenden Bei— namen„Sibirien“ davon zu tragen wußte. Nur die ſchon erwähnte Waiſenhauskirche iſt auf dieſer Seite der Straße aus Steinen errichtet, auf der andern aber ſteht ein ſtattliches maſſives Gebäude, das die Klaſſenzimmer enthält und außer⸗ dem eine geräumige, nicht ungefällige Aula, in welcher die Schulfeierlichkeiten abgehalten und des Winters allſonnabend⸗ lich von den Schülern unter Leitung des verdienſtvollen Muſikdirectors Gäbler Concerte veranſtaltet werden, zu denen das Schwiebuſſer Contingent die beſten Stimmen zu liefern pflegt. Da faſt jeder Schwiebuſſer ein geborener Tuchmacher iſt und da erfahrungsmäßig der äußerliche Gebrauch roher Wolle bei Halsleiden ſehr wohlthätig wirkt, ſo dürfte viel⸗ leicht die Inhalation dieſer fettgetränkten Atmoſphäre den Eingeborenen ihre ſchönen Stimmen und der guten Stadt Schwiebus den Ruhm des märkiſchen Bergamo verſchaffen.
Die Baufälligkeit der alten Fachwerke und die wachſende Zahl der Schüler hatte ſchon längſt die Nothwendigkeit der Aufführung eines neuen Gebäudes nahe gelegt, aber die Fonds und Güter gehören dem Waiſenhauſe, nicht dem Päda⸗ gogium. So war Hülfe von Außen nöthig und ſie wurde in reichlichem Maße von früheren Schülern der Anſtalt. Die Grundſteinlegung ſollte an deren hundertjährigem Jubelfeſte erfolgen, für welches zugleich ein Comité der in Berlin wohnenden alten Schüler eine Sammlung veranſtaltet hatte, um ſeine und aller Spendex Liebe und Dankbarkeit in einer Stiftung für die Witwen und Waiſen der an dem Pädago⸗ gium wirkenden Lehrer niederzulegen.
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Und ſo wären wir denn endlich bis zur Jubelfeier ge⸗ kommen, in die wir auf der Grüneberger Chauſſee gerade⸗ wegs hineinfuhren, nachdem wir in Grünberg mit einem Schoppen Rokhen und in Tſchicherzig mit einem Glaſe Weißen von der bewußten Sorte die Kehlen„gegerbt“ hatten, um ſie für vorausſichtlich ſchwere Prüfungen fähiger zu machen. Es war am 12. Juli d. J., alſo eigentlich ein Jahr zu ſpät, aber die Kriegsereigniſſe von 1866 hatten dieſe Verlegung nothwendig gemacht, aus der vielleicht eine etwas geringere Betheiligung hervorging, als man im vorigen Jahre nach den bereits erfolgten Anmeldungen hätte in Ausſicht nehmen können. Dennoch waren anweſend aus Stadt und Kreis Züllichau⸗Schwiebus 54 alte Schüler, aus Berlin 21, Provinz Brandenburg 20, Schleſien 11, Poſen 14, Preußen, Pommern, Hannover und Schwarzburg⸗Sondershauſen je 1, unter ihnen die älteſten Lehrer Schwarzenberg aus Limmritz(1800— 1806), Hofrath Herroſce in Frankfurt(1800— 1805), Superintendent Köhler in Züllichau(1805— 1807) und Rentier Conrad in Berlin(1798— 1802). Von anderen Schülern verdient vor allen Erwähnung der Abgeordnete, Kreisgerichts⸗Director Wachsmuth. Manch Einer, der eine hohe Stellung erworben, wie der Geſandte Graf Breſſier de St.-Simon, oder weiten Ruf und Anerkennung, wie Dr. Kullack, fehlte zwar, aber die alten Züllichauer, die anweſend waren, zeigten doch Manchen, der es weit in Amt und Würden gebracht, wie der Ober⸗Regierungsrath Troſchel in Potsdam und der Ober⸗ landesgerichtsrath Mollard in Poſen. Satis superque. Nur Vater Homer konnte ſeinen Schiffskatalog leiſten, ohne lang⸗ weilig zu werden.
Die Feierlichkeit begann mit einem Feſtzuge der alten und jüngern Herren, der von beſchärpten Marſchällen geleitet, vom Ralhauſe aus durch die reich und ſtellenweiſe ſehr ge⸗ ſchmackvoll decorirten Straßen nach dem Pädagogium und der Aula ſich bewegte, wo der Schloßprediger Lobach, zugleich ein verehrter, langjähriger Lehrer der Anſtalt, in ſeiner kernigen, echt deutſchen Art ein kurzes Morgengebet hielt, mit dem der feſtliche Schulactus eröffnet wurde. Es folgten ab⸗ wechſelnd Vorträge in deutſcher, lateiniſcher, griechiſcher und franzöſiſcher Zunge, die von der Bildungsſtufe der Anſtalt, auch wenn man eine ſorgfältige Einübung vorausſetzt, ein durchaus rühmliches Zeugniß ablegten. Muſikaliſche Piecen bildeten die Würze zu dieſem Wettſtreit der Sprachen. Die Feſtrede hielt der Director Dr. Hanow, der Verdienſte des Gründers der Anſtalt und ſeiner Nachfolger gedenkend und die mancherlei Schickſale, die während der Kriege des vorigen und gegenwärtigen Jahrhunderts über das Waiſenhaus hin⸗ fuhren, in einem lebensvollen Bilde zuſammenſtellend, dem man füglich das Virgiliſche per tot discrimina rerum zur Unterſchrift geben könnte. Den Reigen der Glückwünſche eröffneten die Deputirten des Provinzial⸗Schulcollegiums Dr. Kießling und Regierungsrath Lucanus, jener mit einer lateiniſchen, dieſer mit einer deutſchen Anſprache. Ortsprediger und Communalbehörden folgten, nächſtdem die Directoren der Gymnaſien zu Liſſa und Königsberg i. d. Neumark, Dr. Ziegler und Dr. Nauck. Die Gymnaſien zu Frankfurt a. O., Luccau und Sorau, das Jvachimsthaler und Wilhelms⸗Gym⸗ naſium in Berlin hatten gedruckte Adreſſen geſendet. Von der Realſchule zu Grünberg war eine Deputation erſchienen, namens deren der Director Dr. Brandt das Wort ergriff. Im Auftrage des Berliner Comite's hielt Dr. Paul Börner unter Ueberreichung der obenerwähnten Stiftungsurkunde eine herzliche Anſprache an den Gefeierten und endlich nahm auch der Oberſt⸗Lieutenant und Commandeur des Poſen'ſchen Ulanen⸗Regiments Nr. 10, Freiherr von Barnekow, der mit ſeinem ganzen, in Züllichau ſtehenden Offiziercorps erſchienen war, zu einer längern Rede Gelegenheit, in der er den Geiſt und die Bildung, als deren Pflanzſtätte ſolche Anſtalten zu betrachten ſeien, wie überhaupt die Intelligenz und das darauf beruhende Selbſtvertrauen, von denen das preußiſche Heer, das Volk in Waffen, erfüllt ſei, als die Haupt⸗ und Grund⸗ bedingungen bezeichnete, kraft deren man, wie es ſich im vorigen Jahre glorreich bewährt habe, auf durchſchlagende Waffen⸗
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