Jahrgang 
1867
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haus anzurichten. Bevor er aber das Waiſenhaus herrichten konnte, befriedigte er denſonderbaren Trieb, wie es eben ſich machen ließ. So kam es denn wohl, daß er zum Abend⸗ brot etliche arme Waiſen mitbrachte und zu ſeiner erſtaunten Ehefrau ſagte:Mutter, deine Kinder eſſen immer zu Abend, laß alſo heut dieſe hier eſſen, deine werden ſchon einmal hungern können. Liebe Frau, deine Kinder ſchlafen immer in ihren Betten, laß heute dieſe darin ſchlafen, deine werden ſchon einmal auf der Bank liegen können. Und wie geſagt, ſo gethan. Eine Armenbüchſe hatte er auch aufgeſtellt und als in dieſer ſich ungefähr zwanzig Thaler befanden, da ließ er ſich nicht länger halten, ſetzte ſich hin undconcipirte ſelbſt das oben erwähnte Supplicat, mit dem er getroſten Muths und voll Zuverſicht nach Berlin wanderte. Die großen Herren, an die er ſich zunächſt wandte, waren anfangs erſtaunt, daß ein ſchlichter Handwerksmann vhne das benöthigte Kapital ſich unterfangen wollte, ein Waiſenhaus zu gründen, unter der einzigen Bedingung des obrigkeitlichen Schutzes und der Befreiung von Laſten und Abgaben, aber er überzeugte ſie von der Macht, die einem feſten Willen innewohnt, und am 12. Juli 1719 erging die königliche Kabinets⸗Ordre, die ſein Geſuch erhörte und den betreffenden Behörden inſinuirte: Ihr erſehet aus dem copeylichen Anſchluß mit mehrern, was geſtalt Uns Siegmund Steinbart, Nadler zu Züllichau, Aller⸗ unterthänigſt zu vernehmen gegeben, daß er der armen Jugend zum Beſten ein Wayſenhaus daſelbſt aufbauen wolle, und wie er dabey bittet, daß ſolches Haus von allen bürgerlichen oneribus befreyet, und Supplikant wider alle, ſo ihn an dem Bau hinderlich ſein dürften, geſchützet werden möchte. Der König gewährte nicht nur dieſe Bitte, ſondern bewilligte 1720 auch noch a. völlige Acciſe⸗Freiheit, b. die Erlaubniß, zu brauen, ſo viel in dem Werke conſumirt wird, c. die Berechtigung zu unentgeldlicher Beerdigung und d. die Ueberweiſung eines wüſten Berges zur Anlegung eines Weinberges. Zum Bau des Hauſes ſelbſt wurden die betreffenden Hölzer aus königlichen Forſten geliefert; zum Ankauf des Bauplatzes 1 der Grünberger Vorſtadt gab der Kaufmann Thomas Bernv in Züllichau die erforderlichen Mittel her.

So war der Anfang gemacht, aber das Werk wuchs nur langſam und unter mancherlei Anfechtungen empor. Seltſam enug begegnete dem Waiſenvater im Orte ſelbſt Neid, Bos⸗ ßeit Spott und Misgunſt. Ein auswärtiger herzloſer Narr ſchickte ihm einſt per Poſtaus Verirerei einen leeren Beutel. Schlimmer freilich war, daß eine Schenkung des Freienwalder Alaun Bergwerks und Eiſenhammers, die ihm von der ver⸗ witweten Frau General⸗Lieutenant von Derfflinger gemacht worden war, zu Gunſten des Potsdamer Waiſenhauſes wieder entzogen werden mußte. Indeſſen hatte er die Genugthuung in dem Privilegium vom 9. November 1726 feſtgeſetzt zu ſehen, 1) daß das Waiſenhaus als pium corpus gehalten werden und unmittelbar unter dem Neumärkiſchen Conſiſtorium und deſſen Schutze ſtehen, 2) daß der Prediger des Waiſen⸗ hauſes unter keiner Inſpection, ſondern unmittelbar unter dem Conſiſtorium ſtehen und von dem Waiſenvater präſentirt werden ſolle, 3) daß der Steinbart die Direction des Waiſen⸗ hauſes mit dem TitelDirector führen und ſeinen Nach⸗ folger ernennen dürfe, ein Recht, was auf die jedesmaligen Nachfolger zu vererben, 4) daß er die Lehrer und Diener an⸗ ſtellen und entlaſſen könne und 5) daß er befugt ſei, eine eigene Druckerei und Buchhandlung anzulegen.

Der Verlag beſtand meiſtens aus Schriften der Stein⸗ barts ſelbſt, indeſſen verdient ein höchſt originelles Werk be⸗ ſondere Erwähnung, nämlich:Johann Jacob Schmidts, Predigers zu Peeſt und Balow(in Hinterpommern), bibliſcher Mathematikus, oder Erläuterung der heiligen Schrift aus den mathematiſchen Wiſſenſchaften der Arithmetik, Geometrie, Statik, Architektur, Aſtronomie, Horographie und Optik, mit nöthigen Kupfern und vollſtändigen Regiſtern herausgegeben. Als ein Anhang iſt beygefüget Herrn George Sarganecks Ver⸗ ſuch einer Anwendung der Mathematik in dem Articul der Sünden⸗Schulden, anno 1736. Ueber ſiebenhundert Seiten voll der Unterſuchung, ob und wie der Sand der Erde zu

befähigter Mann, ein

zählen, wie viel auf König Salomo's Hofſtaat täglich und jährlich darauf gegangen, wie ſchwer der Panzer des Rieſen Goliath und das Eiſen ſeines Spießes geweſen und der⸗ gleichen mehr.

Siegmund Steinbart ſtarb am 27. Juni 1739. Ihm folgte in der Direction des Waiſenhauſes von 1739 bis 1767 ſein Sohn Johann Chriſtian Steinbart, unter dem die oben erwähnte Frau von Derfflinger dem Waiſenhauſe die Güter Krauſe⸗Eiche und Kerkow im Soldiner Kreiſe, der Hauptmann Karl Adolph von Waldow die Güter Neudorf und Rauden im Sternberger Kreiſe vermachte. Zwei ehe⸗ malige Schüler machten kleinere Legate; von denen das des LieutenantsCordt de Sternbach folgenden eigenthümlichen Eingang hatte:Wenn es dem lieben Gott gefallen ſollte, mich als Subaltern-Offizier von der Welt zu nehmen, ſo iſt dies mein ernſtlicher Wille, daß der Lieutenant von Apenburg, als mein itziger Camerad beim Regiment, der Haupterbe von alle dem Meinigen ſein ſoll: davon ſoll er aber hundert rtlr. baar Geld in eine Armen⸗Caſſe(Züllichower Wayſenhaus) zahlen u. ſ. w. Der Erblaſſer hieß eigentlich Curt Cöleſtin von Sternbach; ſein Freund unterzeichnete franzöſiſch d'Apen⸗ bourg, der mitunterſchriebene Kapitän de Sommerfeld.

Unter Johann Chriſtian Steinbart wurde auch die maſſive Kirche des Waiſenhauſes gebaut. Sein Sohn und Nachfolger Gotthilf Samuel Steinbart, der den Vater in den letzten Lebensjahren mit großem Eifer in der Geſchäftsführung unter⸗ ſtützte, ſtiftete dann das Pädagogium, deſſen Stiftungs⸗Urkunde unter dem 20. März 1766 ausgeſtellt wurde. Auf der Schule und Erziehungsanſtalt Kloſterbergen unter dem berühmten Abt Steinmetz gebildet und nach Vollendung ſeiner Studien an der Realſchule des Oberconſiſtorialraths Hecker in Berlin zur Zeit, als deſſen pädagogiſche Grundſätze und Pläne zur voll⸗ endetſten Entwickelung gediehen waren, zwei Jahre lang als Lehrer angeſtellt, war Gotthilf Samuel Steinbart bei um⸗ faſſendem Wiſſen und lebendigem Streben ein vorzugsweiſe ſolches Pädagogium zu begründen. Sein Grundſatz war:Non scholae, sed vitae; ſein Lehrpropramm hat er ſelbſt dahin aufgezeichnet:Alles, was ein Menſch nach ſeinem Stande zeitig wiſſen und üben muß, um vernünftig und glücklich zu leben, ſollte die Schule ihm beibringen. Blos die Geſchicklichkeiten, die zu beſonderen Berufs⸗ und Amts⸗ geſchäften erfordert werden, müſſen nach den Schuljahren nach der Anweiſung geübter Artiſten erworben werden. Die Uni⸗ verſität bildet den Arzt, wir den Liebhaber der Naturkunde; jene den Rechtsgelehrten, wir den gerechten und billigen Mann, den gehorſamen Unterthanen und vorſichtigen Bürger; jene den Gottesgelehrten, wir den gewiſſenhaften Chriſten; jene den Weltweiſen von Profeſſion, wir den ſelbſtdenkenden Kopf, der mit Genauigkeit und Freiheit des Geiſtes prüfet; jene trägt Lehrgebäude vor und lehrt, was ein jeder denken ſoll, wir machen auf alle wichtige Beziehungen und Gegenſtände des Lebens aufmerkſam und lehren, wie man denken muß; wir erwecken, wir richten und ſchärfen alle Kräfte des Geiſtes zu einer harmoniſchen Geſchäftigkeit, durch welche nachher alle Arbeiten, von welcher Beſchaffenheit ſie auch ſein mögen, mit Erfolg unternommen werden können.

So war das Pädagogium von Anfang an ſeiner An⸗ lage nach ein humaniſtiſches Gymnaſium, nicht ein ſcholaſtiſches Lyceum, noch eine Gewerb⸗Realſchule. Indem es den Grund⸗ ſatzNMon scholae, sed vitae, zum Leitſtern nahm und von ihm insbeſondere auch die Behandlung der alten Sprachen durchgeiſtigt werden ließ, konnte es nicht allein die, welche den Univerſitätsſtudien zuſtrebten, humaniora lehren, ſondern auch die übrigen in den Bereich höherer geiſtiger Bildung ziehen. Und dieſer Aufgabe blieb die Anſtalt getreu, nicht nur unter ihrem Stifter, ſondern auch unter deſſen Sohn und Nachfolger, dem Director und Hofrath Friedrich Auguſt Stein⸗ bart und unter dem gegenwärtigen Director, Profeſſor Dr. Rudolph Hanow, deſſen Erfolge die ſeiner Vorgänger um das Doppelte überflügelten.

Dr. Hanow, obſchon der Familie Steinbart nur als Schwiegerſohn des letzten Directors angehörend, war von