Jahrgang 
1867
Seite
692
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Ja, ja, murmelte er wie durch die Erinnerung in jene Zeiten zurückverſetzt.Der Wald hat wol auch ſeine Sprache, nur ſchwer zu verſtehen iſt ſie.

Das kommt, weil er in allen Zungen redet und doch wieder in keiner ergänzte Holbein.Es iſt wie mit der Muſik, und des Waldes Sprache iſt ja auch ſolche. Wem nicht in das Herz beider Verſtändniß gelegt iſt, dem iſt das Flüſtern des Waldes ein ſinnloſes Raſcheln des Laubes und Klappern der Zweige, die ſeelenvollſte Muſik eine bloße Zuſammenſetzung von Tönen ohne andern Eindruck als den des Wohlklangs. Glücklich die, deren Seele beim Klange jener Sprache in unbewußter Harmonie mitklingt und ſich öffnet, um die Rufe aus einer andern Welt in ſich aufzunehmen. die Auserleſenen, die, vom Pöbel unverſtanden, über deſſen Kopfe dahin ſchreiten und das Haupt über die Nebeldecke empor zu heben vermögen, in der die Menge zeitlebens dahin tappt. Und wem einmal nur ein Blick nach jenen lichten Höhen, die ſich dann eröffnen, gegönnt iſt, dem ſind die Herrlichkeiten, die er geſchaut, unvergeßlich, und es läßt ihn nicht unter der Nebeldecke. Er ſehnt ſich nach ihnen zurück

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Sie ſind die Geweihten dieſer Erde,

und ringt danach, bis er ſie entweder wieder erreicht oder bis ſins Seele ſich blind geweint hat.

bis ſeine Seele ſich blind geweint hat! wieder⸗ holte Theobald leiſe.

Sie werden mich einen Schwärmer nennen, Herr Doctor. Aber dieſe Schwärmerei macht mich glücklich. Ich möchte ſie nicht miſſen, denn ihr verdanke ich die wonnevollſten Stunden meines Lebens.

Jedes Wort, das aus des Pächters Munde kam, fand eine Saite in Theobald's Seele, die mitklang. Sonſt war das nicht der Fall, wenn er Aehnliches hörte oder las, oder wenn dunkle Erinnerungen an dergleichen eigene Träumereien in ihm auftauchten. Er lächelte dann nur ſpöttiſch und über⸗ legen vor ſich hin und machte ſich bald davon wieder frei, weil es einen unbehaglichen Unmuth in ihm weckte. Aber heut gelang ihm das nicht. Die lange unterdrückte Macht des Gefühls bekam einmal die Oberhand, und er machte auch gar keine Anſtrengung, ſich dieſer Herrſchaft zu entziehen. Willenlos überließ er ſich den Regungen, die der augenblick⸗ lichen Umgebung entſprangen und ſich mit dunkeln Erinnerungen miſchten, und fühlte ſich dabei wohl.(Fortſetzung folgt.)

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Das Pädagogium zu Jüllichan und ſein Inbelfeſt.

r. An der ſüd⸗öſtlichen Grenze der Mark Brandenburg, wo die Provinz Schleſien nach dem Großherzogthum Poſen zu in ſcharfem Winkel ſich einſchiebt, liegt die Stadt Züllichau, eine halbe Stunde von der Oder entfernt, über die bei dem Dorfe Tſchicherzig jetzt eine hölzerne Brücke gelegt iſt, für den wachſenden Verkehr freilich um mindeſtens funfzig Jahre zu ſpät. Tſchicherzig darf in dem märkiſch⸗ſchleſiſchen Weingau im Verhältniß zu dem Johannisberger, der in dem benach⸗ barten Grünberg gedeiht, den Ruhm von Rüdesheim bean⸗ ſpruchen; beide aber erzeugen mit den mitſchuldigen Bergen von Croſſen und Bomſt jenen grimmigen Trunk, in dem der Teufel ſeine Wette verlor, ſodaß er aus dem betreffenden Keller mit dem versus memorialis hinausdampfen mußte:

Um mehr zu trinken ſolch ſauern Wein, Da muß man ein geborener Schleſier ſein.

Seit jener Zeit mag ſich die Rebe etwas veredelt haben, aber noch heute gerbt ſie die Kehlen ſo, daß ſie als Specificum empfohlen werden kann, wo Alaunlöſungen oder Jodtincturen nicht ausreichen.

Der ſandige Boden, dem die Tſchicherziger Traube dieſe edeln Eigenſchaften verdankt, zieht ſich in mäßigen Wellen mit obligaten Fichtengarnituren bis nach Züllichau hin, einer Stadt von etwa 7000 Einwohnern, deren Urſprung ihrem Chroniſten zufolge ſich in ſagenhafte Vorzeit verliert, vielleicht bis zur Aera der Pfahlbauten, aus der ſich noch die Vor⸗ liebe herſchreiben mag, die Wohnhäuſer aus ſchnödem Fach⸗ werk aufzuführen. Das bemerkenswertheſte Gebäude iſt das Rathhaus, das jetzt, zu einem ſteinernen Viereck ausgebaut, mit ſeinem alten Thurme ſeltſam contraſtirt. Zum Ueberfluß hat man mit demſelben Geſchmack, mit dem man dem braunen Thurm der Stadtkirche eine hoffnungsgrüne Spitze aufſetzte, auch dieſen grauen Veteranen mit einem grüngeſtrichenen Zinkdache verſehen; aber unter dieſer modernen Verirrung be⸗ findet ſich ein hiſtoriſches Schallloch, aus dem vormals ein Thürmer herabſtürzte, weil er, wie der Chroniſt ſagt, Gott zu verſuchen pflegte, indem er ſich mit herabbaumelnden Beinen hineinſette. Zuletzt war er ſo ſicher geworden, daß er in dieſer angenehmen Lage auch Mittagsruhe hielt, bis er end⸗ lich das Unglück hatte, nicht nur aus dem Schallloch heraus zu fallen, ſondern auch, auf ebener Erde angelangt, überhaupt nicht mehr zu erwachen. An die ſechzig Fuß unter dieſem hiſtoriſchen Loch befindet ſich dann ein myhthiſcher Steinkopf eingemauert, natürlich nicht von dem Kunſtwerth der Schlüter⸗ ſchen Masken, aber dafür von deſto abſchreckenderen Formen. Das Original ſoll ſich zur Zeit, als es noch Rieſen gab, auf

den Schultern eines Ungethüms befunden haben, das in der Nachbarſchaft auf dem Moſauer Berge Unfug trieb, bis ſich die Bauern ein Herz faßten, und esmeuchlings erſchlugen. Zum ewigen Gedächtniß dieſer Begebenheit wurde der Stein⸗ kopf in der Höhe, wie ſich das Original trug, nämlich zwanzig Ellen hoch, in den Thurm eingemauert, deſſen Alter aller⸗ dings in die Rieſenzeit nicht hinabreichen kann.

Doch genug von dieſen profanen Ueberlieferungen. Was Züllichau an Geſchichte hat, gruppirt ſich um die Gründung und Fortführung ſeines Waiſenhauſes und des damit ver⸗ bundenen Pädagogiums, ein geiſtiger Monumentalbau, deſſen Herſtellung aus den denkbar kleinſten Mitteln vielleicht einzig in ſeiner Art daſteht. Auch das Halleſche Waiſenhaus ging aus geringen Anfängen hervor; aber ſein Stifter Auguſt Hermann Franke hatte eine Stellung im Leben und einen wiſſenſchaftlichen und pädagogiſchen Ruf, die ſein Unternehmen ungleich mehr fördern mußten, als der arme Nadlermeiſter Siegmund Steinbart von ſeiner beſcheidenen Perſönlichkeit für die Stiftung, der er ſein Leben weihte, jemals erwarten durfte.

Siegmund Steinbart wurde am 1. Januar alten Stiles 1677 zu Grünberg geboren, erlernte das Nadlerhandwerk und ließ ſich nach ſeinen Wanderjahren, in denen er das Reich, das Elſaß, die Schweiz, Oeſterreich, Böhmen, Mähren, Sachſen und Brandenburg durchwanderte, überall bekannt unter dem Namen des Grünbergers, der kein Bier trinkt, im Jahre 1701 in Züllichau als Bürger und Meiſter nieder. Dort heirathete er im folgenden Jahre eine Waiſe, Anna

Eleonora Weichart, die ihm natürlich keine irdiſchen Glücks⸗

güter zubrachte, aber dafür ſeine Ehe mit acht Kindern ſegnete, von denen drei in der Kindheit ſtarben, fünf aber ſpäter mitwirken konnten, die Idee, welche das Herz und den Geiſt des Vaters beherrſchte, ins Leben treten zu laſſen. Dieſer reiche Kinderſegen genügte dem braven Nadlermeiſter nicht. Aus dem Supplicat, das er am 1. Juli 1719 an König Friedrich Wilhelm I. richtete, iſt zu erſehen, was ihn drückte. Dort heißt es in ſeiner ſchlechten Sprache wörtlich:Es ſind in der Stadt Züllichau und in den benachbarten Orten ſehr viel arme Kinder und verlaſſene, in der Irre herumlaufende Wayſen, welche weder zur Schule, noch zum Ch iſtenthum an⸗ geführt werden, oder vielmehr wegen der Armuth nicht ange⸗

führt werden können, und meiner Wenigkeit öfters großes

Mitleiden und Erbarmen verurſacht, ſo, daß ich vor geraumer Zeit allbereits einen ſonderbaren Trieb in meinem Gemüth gefunden, mich der armen Kinder anzunehmen, und denſelben zum Beſten ihres zeitlichen und ewigen Wohlſehns ein Wayſen⸗

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