Jahrgang 
1867
Seite
679
Einzelbild herunterladen

Abende in gerade Linie nicht weniger als drei volle Meilen im Geſchwindſchritte zurücklegt! Und dieſe Parforce⸗Tour ge⸗ ſtattet man einem Weſen, welches ſonſt kaum das Weichbild der Stadt durchwandert, ohne zu ermüden! Glücklicher⸗ weiſe gibt es ſtarke Conſtitutionen genug unter der weiblichen Jugend, welche ſich dieſer Summe von Schädlichkeiten ohne Nachtheil ausſetzen es gibt aber auch ſolche, welche dieſer Anſtrengung nicht gewachſen ſind, welche ſchon von Anfang an engbrüſtig ſind und denen deshalb der Hausarzt das Tanzen von vornherein unterſagt hat. Die alltägliche Er⸗ fahrung lehrt aber, daß gerade dieſe ſchlanken, bleichen, wespentailligen Pflanzen die größte Leidenſchaft zum Tanz

6790

vergnügen hegen und ſich ſelbſt aller ärztlichen Mahnung zum Trotz recht eigentlich die Schwindſucht an den Hals tanzen. Selbſt leichtes Unwohlſein, geringer Huſten u. dgl. wird nicht geachtet das einzige Zugeſtändniß, welches man der Vorſicht machen zu dürfen glaubt, iſt, daß die Tänzerin vor Erkältung recht in Acht genommen wird, und in dieſe Phraſe hat man ſich derartig verliebt, daß man zuletzt, wenn die Prophezeiung des Arztes richtig eingetroffen iſt, ſich nach⸗ träglich zu erinnern glaubt, das Opfer des Leichtſinnes habe irgend einmal zu früh kalt getrunken! Das Märchen von der Abzehrung nach einem kalten Trunke iſt nur der Deck mantel für ein böſes Gewiſſen!

9 S

2 8

Kaiſer Marimilian von Mexico.

In der Geſchichte der franzöſiſchen Intervention in Mexico herrſcht beſonders das Unerwartete vor: von dem Rückzug Englands und Spaniens bis zu der beklagenswerthen Löſung, welche heute auf den Mördern Maximilian's laſtet, war Alles ſeltſam.

Ein einziger Menſch hat richtig geſehen, klar und auf⸗ richtig geſprochen und das Loos der Caſſandra gehabt. Nie⸗ mand hat auf ihn gehört, das iſt ganz natürlich: ich werde ihn gleich nennen.

Der Kaiſer von Mexico wird in dieſer neuen Welt, welche er dem Straßenraube zu entreißen und für die Eiviliſa⸗ tion zu erobern verſuchte, das unvergängliche Andenken zurück⸗ laſſen, welches hienieden allen großen Beſtrebungen anhaftet, deren verderblicher Ausgang dem Märthrerthume ähnlich iſt. Und doch hatte er nichts von dem, was die Helden ausmacht, weder den unbezähmbaren Willen, noch die geduldige Energie, noch auch jene männlichen Fehler, welche mit kräftigen Strichen eine Perſönlichkeit kennzeichnen und mit einem Zuge einen Charakter ſchildern.

Mit ſeinem ſanften und leutſeligen Weſen übte Maxi⸗ milian einen unwiderſtehlichen Zauber auf Alle, welche ihm nahe kamen, das erkannten ſelbſt ſeine politiſchen Gegner an, welche nichts Beſſeres zu thun fanden, als ſein gegen gewiß ſehr wenig ehrenwerthe Mexicaner oft zu weit gehendes Wohl⸗ wollen lächerlich zu machen. Er war außerordentlich gütig und ſchlug nie eine von ihm erbetene Gnade ab: zur ewigen Ehre dieſes unter juariſtiſchen Kugeln gefallenen Herrſchers muß ich ſagen, daß er nie ein Todesurtheil unterſchreiben wollte. Wozu nützt es denn, menſchlich zu ſein?

Jeder könnte das Bild dieſes blonden Germanen ent⸗ werfen, mit den blauen Augen, dem blonden Backenbarte, den blonden, durch einen Scheitel von der Mitte der Stirn bis zum Hinterkopf getheilten Haaren.

Regelmäßig um 4 Uhr morgens ſtand der Kaiſer auf, ſetzte ſich in einem einfachen grauen Anzuge ganz grau von den Gamaſchen bis zum Hute an ſeinen Arbeitstiſch und legte die Feder nur hin, um zu frühſtücken. Punkt 9 Uhr benach⸗ richtigte ihn ſein Kammerdiener; er genoß ſchnell ein mäßiges Mahl und nahm die unterbrochene Arbeit wieder auf. Leſen, Audienzen, ein Miniſterrath füllten den Reſt des Vormit⸗ tags aus.

Um 3 Uhr fand das Diner ſtatt, in der ganzen Vollſtändig⸗ keit des Palaſtdienſtes, wenn der Hof in Mexico war, mit faſt bürgerlicher Einfachheit, wenn Ihre Majeſtäten ihre Re⸗ ſidenz Chapultepec bewohnten. Im letzteren Falle waren immer drei oder vier Gäſte gebeten, und der Empfang war ein vertrauter. Der Kaiſer und die Kaiſerin ſaßen neben einander; die Gäſte nahmen Platz nach Belieben, wenn ſie nicht etwa aufgefordert wurden, den Seſſel zunächſt den fürſt⸗ lichen Perſonen einzunehmen, welche mit reizender Gutmüthig⸗ keit, Herzlichkeit und Heiterkeit an ihrem Tiſche die Wirthe machten. Drei, bisweilen nur zwei Diener warteten bei Tafel auf, nach welcher man ungenirt ausgeſuchte Eigarren rauchte,

welche in der Havanna ausdrücklich für den Kaiſer angefertigt waren, der ſie mit Vergnügen ſeinen Gäſten anbot. Eins der Lieblingsgerichte Seiner Majeſtät war Hammelkeule oder Wildpret mit Stachelbeer⸗Gelée, welche er den Miniſtern und mexicaniſchen Würdenträgern angelegentlich empfahl. Einige unter dieſen haben, wie ich weiß, ihm dieſe aus Deutſchland importirte Schwäche nicht verziehen. Seine Umgebung war übrigens ſo verächtlich, wie möglich, und ich könnte gar viel davon erzählen; ich begnüge mich, zwei oder drei Anekdoten zu erwähnen.

Dieberei iſt der gewöhnliche Stand eines jeden ehrbaren Mexicaners; vom Miniſter bis zum Thürhüter beſteht ein Unterſchied nur in der Summe, zum Beiſpiel: der Kaiſer hatte auf ſeinem Tiſche einen in Gold damascirten Revolver mit elfenbeinernem Kolben; derſelbe verſchwand infolge einer Reihe von Audienzen, bei welchen die geringſte Perſon ein mexicaniſcher General war! Die Kaiſerin ließ ſich von ihren Ehrendamen zwei Taſchenuhren ſtehlen, und der Oberſt Lopez, der ſich eben in Queretaro unſterblich gemacht hat, indem er ſeinen Herrn gegen 3000 Livres Rente ausgewechſelt hat, bot dem Kaiſer eines Tages an,ihm in weniger als zwei Stunden von ſeinem Schreibtiſche einen Gegenſtand wegzuſtehlen, den man ihm bezeichnen würde, und das ohne bemerkt zu werden. Den Schreibtiſch ſelbſt wettete Lopezwährend der Kaiſer ſpazieren ginge, wegbringen und in ein ihm bezeichnetes Zimmer ſchaffen zu laſſen. Lopez war damals Commandant des kaiſerlichen Schloſſes in Chapultepec, und Maximilian lachte ſehr über dieſe Scherze. Es iſt bekannt, wie weit Lopez ſeit⸗ dem dieſelben getrieben hat.

Zum Schluß dieſer Diebesgeſchichten, welche, wie mir die Erinnerungen des franzöſiſchen Heeres bezeugen können, eine tägliche Rolle in der mexicaniſchen Chronik ſpielen, will ich einen Umſtand erzählen, welcher beweiſt, wie viel Zutrauen man am Hofe in das eingeborene Bedientenpack ſetzte. Nach jeder Mahlzeit nahm ein deutſcher Bedienter das Silberzeug weg, legte es in eine Serviette und ſchloß es unter dreifachem Verſchluſſe weg. Man überließ den andern Schloßdienern nur das überſilberte Geſchirr und die Meſſer. Ich kenne ein Mitglied des diplomatiſchen Corps, welches bei ſeiner An⸗ kunft in Mexico einen redlichen, unbeſcholtenen Hauswart aus⸗ wählte; er verſprach ihm einen herrlichen Lohn, und der Cerberus richtete ſich in ſeiner Loge ein. Aber die Verſuchung war zu ſtark, und am nächſten Morgen fand der Diplomat ſeine Thür offen: der Pipelet von aztekiſcher Abkunft war entflohen mit der Hauslaterne und der kryſtallenen Kugel der Treppenlampe.

In Mexico war das kaiſerliche Haus auf großem Fuße eingerichtet: dort war faſt nur ein ehrlicher Mann, der Ober⸗ hofmarſchall, ein in Paris bekannter und geſchätzter Indier, Herr Almonte, welcher noch geſtern der Vertreter ſeines un glücklichen Herrn war. Es freut mich, hier dieſer hervorragen⸗ den Perſönlichkeit meine Huldigung bezeugen zu können, die im Anfange der Expedition von der Verleumdung zu leiden hatte, und deren weiſes, feſtes, muthiges Betragen, deren vor⸗