Jahrgang 
1867
Seite
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durch des Gedankens Bläße ankränkelt. Dem entgegen ſind wir der Meinung, daß gerade das fortwährende Sichinacht⸗ nehmen und die damit verbundene Verzärtelung des Körpers weit eher geeignet iſt, den Ausbruch von Krankheiten zu be⸗ günſtigen als zu verhüten, wie wir dies am Schluſſe dieſer Be trachtungen des Weiteren auszuführen gedenken; zunächſt treten wir ſogleich in die Specialdebatte mit folgender wichtiger Frage:

1. Darf man bei erhitztem Körper kalttrinken?

Antwort: Man darf es nicht nur, ſondern man ſolles ſogar thun!

Nachdem der geneigte Leſer ſich von dem Schrecken er⸗ holt hat, den ihm dieſe wie ihm ſeine Frau Mutter ſagen wird tollhäusleriſche Behauptung eingeflößt hat, und noch ehe er kurz und gut beſchließt, eine ſolche gefährliche Lektüre abzubrechen, erſuchen wir ihn freundlichſt, uns doch noch auf folgender Betrachtung zu begleiten und ſich dazu nur mit einer kleinen Doſis geſunden Menſchenverſtandes, an welchem ja unter den Leſern desHausfreund kein Mangel ſein wird, zu wappnen.

Der liebe Gott hat uns Menſchenkindern das friſche Quellwaſſer geſpendet, damit wir, wenn wir vor Durſt und Hitze verſchmachtet zu Boden ſinken möchten, durch einen friſchen Trunk unſere Lebensgeiſter neu beleben, und eben weil wir dieſe Wohlthat dankbar zu ſchätzen wiſſen, ſo haben wir unſere Wohnung in einer brunnenreichen Gegend aufgeſchlagen und nicht in der Wüſte Sahara. Es iſt wol auch nur der Ueberfluß an dieſem Labſal, welcher hier zu Lande den unmittelbaren Genuß der Gottesgabe durch eine Muhmenregel verkümmern heißt ob aber die Kinder Iſrael an jenem Tage, wo ihnen nach langer Irre in der Wüſte ihr Führer endlich einen Brunnen erſchloß, ſich erſt lange beſonnen haben, ob das ſofortige Trinken auchgeſund ſei? oder ob es dem weiſen Moſes, der doch ſeinem Volke die genaueſten Geſund⸗ heitsregeln ertheilte, an ſolchem Tage in den Sinn gekommen iſt, durch Ukas zu befehlen, daß jeder männiglich erſt ein Stück Manna zu ſich nehme und ſich abkühle?! Gewiß nicht. Dennoch leſen wir kein Wort davon, daß nach jener plötzlichen Tränkung irgend ein Krankheits⸗ oder Todesfall vorge⸗ kommen iſt.

Ebenſo ſind noch heute der Franzoſe, der Engländer, der Amerikaner es von Kindesbeinen an nicht anders gewohnt, als ſich nach einer Erhitzung durch einen kalten Trunk ſofort zu laben, und ihr geſunder Verſtand ſtaunt, wenn ihnen das deutſche Ammenmärchen vorgehalten wird. Schreiber dieſes aber und mit ihm noch mancher andere vorurtheilsfreie Mann kennt keinen größeren Genuß, als wenn er mit naſſer Haut und trockener Kehle auf dem Plateau der Roßtrappe anlangt und nun einen Becher auf Eis gelagerten, perlen⸗ den Gerſtenſaftes mit einem Zuge leert, ſprechend mit dem Dichter:

Ich fühle neue Kraft durch Mark und Adern rinnen!

In der That gibt es bei unmittelbarer Betrachtung kaum etwas Näherliegendes, und es kommt uns eigentlich höchſt eigenthümlich vor, etwas ſo Natürliches erſt noch ausdrücklich beweiſen zu ſollen, ſo ſehr auch das Vorurtheil über dieſe Meinung Zeter ſchreien mag.

Prüfen wir aber die Bedenken, welche erhoben werden, und die Betrachtungen, welche angeblich die Schädlichkeit des kalten Trunkes beweiſen, ſo heißt es da:Der kalte Trunk in die Hitze(um der Kürze wegen einen Provinzialismus zu gebrauchen) erkältet die durch die Anſtrengung erhitzten Lungen und bewirkt ſofort den Tod durch Schlagfluß oder er führt zur Abzehrung.

Was zunächſt den erſten Punkt, die Erkältung der Lungen, betrifft, ſo iſt eine ſolche ſchier unmöglich, denn es lehrt die Anatomie, daß jeder Schluck ebenſo wie jeder Biſſen ſeinen Weg durch die Speiſeröhre nimmt, mithin von dem Athmungs⸗ organe durch eine ſtarke Wand getrennt bleibt, und Derjenige, welcher auf dieſem Umwege eine Erkältung der Lungen für möglich hält, der ſchließe doch ja die Waſſerleitung von ſeiner

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Wohnung ab, aus Furcht kalte Füße davon zu bekommen. Die kältende Wirkung kann alſo höchſtens den Magen treffen, aber eine ſolche ſcheint ſelbſt die Aengſtlichſte nicht anzu⸗ erkennen, da man ja von den zarteſten Damen bei heißeſtem Wetter mit der unbefangenſten Grazie ganze Berge von Eis ſchlürfen ſieht! Daß aber ein kalter Trunk auch einem er⸗ hitzten Athmungsorgane nicht ſchädlich werden kann, das be⸗ weiſt die Erfahrung an Solchen, welche an der Lungenent⸗ zünd ung darniederliegen, bei welchen alſo die Lunge recht eigentlicherhitzt iſt, und die man zu ihrer großen Er⸗ leichterung mit kaltem Waſſer innerlich und äußerlich behandelt! Beiläufig ſei bemerkt, daß es früher auch Grundſatz war, den Fieberkranken nur warmes Getränk zu verabreichen, und daß wol manches maſern⸗ oder ſcharlachkranke Kind lediglich an dieſer Tantalusqual zu Grunde gegangen iſt. Es iſt daher der Hydropathie nicht genug zu danken, daß ſie wenigſtens auf dieſem Gebiete das Vorurtheil der Waſſerſcheu erfolgreich bekämpft hat.

Was nun weiter im allgemeinen das Gerede vom Tode durch Schlagfluß betrifft, ſo iſt in der ganzen medieciniſchen Literatur auch nicht ein Fall verzeichnet, wo Jemand, der ſonſt ganz geſund war, unmittelbar nach einem kalten Trunke todkrank geworden wäre, und ebenſo ſchwer dürfte es den Nichtärzten werden, welche dieſes Dogma im Munde führen, einen ſolchen Fall aus eigener Anſchauung geltend zu machen; ſie haben es eben nur von einem oberflächlichen Hörenſagen. Wol kommt es vor, daß den Gewohnheitstrinker der Tod in⸗ mitten ſeiner üblichen Beſchäftigung ereilt, daß ein Schlag⸗ flüſſiger, Herzkranker oder ein ſonſt mit einem organiſchen Fehler Behafteter, bei dem der plötzliche Tod längſt vorauszu⸗ ſehen war, ſein Ende nahen fühlt und nun nach einem Trunke verlangt, wie man ihn auch ohne Aufforderung jedem der Dhnmacht Nahen zu reichen pflegt; in dieſem Falle war aber der Trunk die letzte Labung des Verſtorbenen und man kann ſich nur darüber freuen, daß ein ſolcher noch zur Hand war. Ebenſo kommt es vor, daß Menſchen und noch häufiger Thiere, welche mit Laufen u. dgl. ſich über das Maß zugemuthet haben, ſchließlich vor Erſchöpfung todt umſinken, oder, wie man zu ſagen pflegt, vom Schlage getroffen werden; erſt in dieſen Tagen wurde ein ſolches Ereigniß von einem Schnell⸗ läufer aus Naumburg gemeldet; desgleichen hat bei dem letzten Derby⸗Rennen das Siegespferd des großen Preiſes, welches zweimal hatte laufen müſſen, bald nachher verendet. In beiden Fällen war ein kalter Trunk nicht vorhergegangen.

Wenn es ferner heißt, daß infolge eines Trunkes in die Hitze ſich Abzehrung entwickelt habe, ſo hat man dabei meiſtens Fälle im Sinne, wo junge Mädchen bald nach einem Balle krank zu liegen kamen; derartige Erkrankungen haben jedoch weit tiefer liegende Urſachen, welche aber die Eigenliebe der Aeltern und der Leichtſinn der Jungen nicht gern Wort hat, weil durch Aufdeckung derſelben die Gemächlichkeit des Saiſon⸗ lebens geſtört wird. Doch wer Ohren hat zu hören, der höre! Wenn ein Schluck kalten Waſſers, der in einer ziemlichen Entfernung die Lungen paſſirt, dieſe erkälten ſoll, warum erkälten ſich denn jene jungen Damen nicht, welche in halb⸗ nackter Büſte und in papierdünner Fußbekleidung ſich der wechſelnden Temperatur des Ballſaales ausſetzen? Selbſt

der rauheſte Kriegsmann würde ſich ſchwer erkälten, wenn er

in dieſem dürftigen Anzuge die Salons beſuchte! Iſt es überhaupt erhört, daß die ſorglichen Aeltern ſelbſt ihr Töchter⸗ lein mehrmals die Woche in ein Local ſchleppen, auf deſſen engbegränztem Raume es bis Tagesanbruch walzt und galopirt! Und das in einem Coſtüme, welches ausdrücklich dazu auserſonnen zu ſein ſcheint, das Athmen zu behindern in einem Dunſtkreiſe, deſſen Staub noch den ganzen folgen⸗ den Tag das Schnupftuch verfärbt zu einer Zeit, welche bei ſo jungen Geſchöpfen dem ſtärkenden Schlafe von Rechts wegen gebührt! Die Aufregung des Gemüthes, die Reizung der äußeren Sinne durch das Gaslicht und die rauſchende Muſik u. dgl. gar nicht veranſchlagt, ſo iſt berechnet wor⸗

den, daß eine Tänzerin, welche nichtKalk ſcheuert, an einem

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