feindlicher Belagerung bedroht war(ſpaniſcher Erbfolgekrieg), nach Trier geflüchtet ſeien, müßten nun ſchier mehr in Angſt und Schrecken leben, als in Luxemburg. Es ſei nicht zum Aushalten mit dieſen Plackereien: auf dem„Trollhäuschen“, auf dem Markt, auf dem„infamen Prangerſtock“ habe man papierene Reifröcke aufgehängt, andere habe man vor dem Neuthor an den Galgen geſchlagen. Der Kurfürſt möge dieſen Ungebührlichkeiten ein Ende machen, die Tumultuanten mit Strafe am Leibe belegen und befehlen, daß jeder Ein⸗ wohner unter einer Strafe von zehn Goldgulden gehalten ſein ſolle, den Verfolgten zu Hülfe zu eilen. Was der Kurfürſt geantwortet, wiſſen wir nicht.
Es wird uns über den Hof Ludwig's XV. berichtet, daß die Prinzeſſinnen ſich allabendlich um 6 Uhr zu ihrem Vater begeben mußten, um ſich von ihm für die Nacht durch einen Kuß auf die Stirn verabſchieden zu laſſen. Bei dieſem Gang zum„Stiefelausziehen des Königs“(ſo hieß der bezeichnete Act) mußten die Prinzeſſinnen einen„ungeheueren Reifrock“ anlegen, über welchen ein mit Gold oder Stickerei beſetzter Frauenrock gezogen wurde; an ihre Taille befeſtigten ſie eine lange Schleppe und verbargen das Negligé ihrer übrigen Kleidung durch einen großen Mantel von ſchwarzem Taffet, der ſie bis unter das Kinn verhüllte.
Noch ehe die Königin Marie Antvinette ſich öffentlich als Verächterin und erklärte Feindin der Reifröcke zeigte, ſollten dieſe für ſie in gewiſſem Sinne verhängnißvoll werden. Es war das unmittelbar nach dem Tode Ludwig's XV. Der neue König Ludwig XVI. und ſeine Gemahlin hatten ſich zu dem Jagdſchloſſe Choiſy begeben und mußten daſelbſt die Trauer⸗ viſiten aller am Hofe vorgeſtellten Damen annehmen. So eilten denn die älteſten wie die jüngſten Damen herbei, um ſich an dieſem Tage des allgemeinen Empfanges vorſtellen zu laſſen. Die Marquiſe von Clermont⸗Tonnère, ein vrigineller witziger und geſunder Kopf, wurde, da ſie durch ihren Poſten gezwungen war, hinter der Königin in aufrechter Stellung zu verharren, von der entſetzlich langen Sitzung ſehr ermüdet. Kein Wunder, daß ſie es endlich bequemer fand, ſich auf den getäfelten Fußboden niederzuſetzen und ſich hinter der Vor⸗
mauer, welche die Reifröcke der Königin und der Palaſtdamen
bildeten, zu verſtecken. Sicher in dieſem Verſteck ſuchte ſie ſich alsbald leichten Sinns für die vorhin ausgeſtandene Langeweile zu entſchädigen: ſie zupfte zur Kurzweil an den Röcken der Damen und machte tauſend muthwillige Poſſenſtreiche. Der Contraſt dieſer Kindereien zu dem officiellen Ernſt der Vor⸗ ſtellung brachte Ihre Majeſtät einige Male aus der Faſſung: ſie hielt ſich den Fächer vors Geſicht, um ein unwillkürliches Lächeln zu verbergen. Der ſtrenge Gerichtshof der alten Damen that nun den gewichtigen Ausſpruch: die junge Königin habe ſich über alle die ehrwürdigen Perſonen luſtig gemacht, die ihr ſo eifrig ihre Ehrerbietung zu erweiſen geſucht hätten, ſie liebe nur die Jugend, ſie habe ſich über allen Wohlanſtand hinweggeſetzt und keine von ihnen werde ſich mehr an ihrem
— 677„—
Hofe vorſtellen laſſen; allgemein gab man ihr nun den Namen der Spötterin; ſchon am folgenden Tage war ein Spottlied über ſie im Umlauf mit dem Refrain:
„Petite reine de vingt ans, Vous, qui traitez si mal les gens, Vous repasserez la barriére Laire, Laire, laire lanlaire,
Laire lanla!“
Daran waren die fatalen Reifröcke Schuld, ohne welche die Marquiſe nicht in die Verſuchung, ſich niederzuſetzen, noch die Königin in die, hinter ihrem Fächer zu lachen— ge⸗ kommen wäre. Ein neuer Beleg für die Wahrheit, daß Kleines oft des Großen Wiege iſt.
Die Verſchwörung der Königin gegen die Crinolinen, ſo entſchieden die deutſche Prinzeſſin dabei zu Werke gegangen ſein mag, ſcheint jedoch ebenſo wenig reuſſirt zu haben, wie in unſern Tagen dieſelbe Reaction der Kaiſerin von Oeſterreich gegen denſelben Modus des Modecultus“²). Denn eines⸗ theils berichten die Zeitgenoſſen noch aus ſpätern Jahren, daß Marie Antvinette für den Winter zwölf Staatskleider hatte, zwölf kleine ſogenannte Phantaſiekleider und zwölf „reiche“ Kleider zu Reifröcken, die theils beim Spiel, theils beim Abendeſſen in den„kleinen Zimmern“ angezogen wurden; ebenſo viele für den Sommer. Anderntheils melden uns dieſelben Zeitgenoſſen, daß nach Ludwig's XV. Tode„das franzöſiſche Kleid mit Rückenfalten und großen Reifröcken“ an die Stelle der von Ludwig's XIV. beliebten ſogenannten „Hoftracht von Warly“ trat und bis zu Ende der Regierung Ludwig's XVI. beibehalten wurde.
All die gefährlichen Verſuche der deutſchen Prinzeſſin ſcheiterten alſo augenſcheinlich an der unerſchütterlichen Dictatur der franzöſiſchen Mode— Verſuche, welche nicht wenig dazu beitrugen, das unberechtigte Mistrauen der Franzoſen gegen Marie Antvinette zu ſchärfen und die, wie hiſtoriſch conſtatirt iſt, nicht das leichteſte Gewicht in die Wagſchale legten, in der es ſich um Revolution und Königthum handelte.
Als unter Juſtinian— dieſe Bemerkung des Procopius (Anecdota, Lugduni 1623, fol. pag. 32, cap. 7) glauben wir noch zum Schluſſe beiſetzen zu ſollen— als unter Juſtinian die Hunniſchen Kleidungen in Aufnahme kamen, da trugen die Männer weite Kleidungen und weite Aermel, damit man glauben möchte, ſie müßten ſie wegen ihrer ſtarker Körper haben; aber, fügt Procopius bei, man erkannte oft deſto eher, wie kleinlich und ſchwächlich dieſe Stutzer waren!
Paßt das vielleicht auf die in unſerer Zeit zugleich mit den Crinolinen wieder aufgekommenen Havelocks?
*) Bekanntlich meldeten die Zeitungen im Sommer 1864, die Kaiſerin von Oeſterreich habe in ihren Soircen die Crinoline abge⸗
ſchafft. Walter Weſt.
—5— Die Vorurtheile der curirenden Menſchheit
vom Standpunkte des geſunden Menſchenverſtandes beleuchtet.
Von Dr. P. Niemeher in Magdeburg.
Unter dieſer Aufſchrift gedenken wir nacheinander eine Reihe von ſogenannten Geſundheitsregeln zu beleuchten, von denen wir behaupten, daß ſie mehr auf Irrthum, als auf Wahrheit beruhen. Freilich begehen wir mit dieſem und noch mehr mit den ſpäter folgenden Ausſprüchen eine arge Ketzerei; denn dieſe Regeln gelten bei den Meiſten für ebenſo unan⸗ taſtbar als die kirchlichen Glaubensbekenntniſſe; aber, während das religiöſe Dogma in einer bis auf den Wortlaut geſtrengen Faſſung forterbt, geht die medieiniſche Ueberlieferung von Mund zu Mund ohne jede Controle und wird ſo der Gegen—
ſtand der verſchiedenartigen individuellen Deutung und der grillenfängeriſchen Speculation, nie aber der vorurtheilsfreien oder, wie man zu ſagen pflegt, objectiven Prüfung. Dazu kommt die Aengſtlichkeit, mit welcher die herkömmlichen Ge— ſundheitsregeln beobachtet werden, die Aengſtlichkeit, welche bei Vielen ſo weit geht, daß ſie ihr Leben lang keine Stunde in Harmloſigkeit oder ungetrübter Vergnüglichkeit verbringen; ganz beſonders iſt es das Damoclesſchwert der Erkältungs⸗ furcht, welches drohend über jedem geſelligen Beiſammenſein der Aengſtlichen ſchwebt und überhaupt jedes freiere Ergehen


