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man dieſe Sinnſprüche betrachtet. Als vor einigen Jahren die Reifröcke mit der unaufhaltſamen Gewalt und Schnellig⸗ keit der Mode die ganze civiliſirte Damenwelt Europas in ihre(Stahl⸗Kreiſe zogen, konnten die verſchiedenen Kleinhänd⸗ ler nicht genug Bombaſt finden, um dieſe„neue Erfindung“ gebührlich anzupreiſen. Das war ſo gut eine Lüge, wie die meiſten Anpreiſungen der Art; geſchichtliche Beweiſe werden für dieſe Behauptung, wie für jede, welche ſich um That— ſachen dreht, die beſten ſein.
Schon zur Zeit Franz II., des Gemahls der unglück⸗ lichen Maria Stuart von Schottland, welcher von 1559 bis 1560 regierte, wird über die Kleidung der Weiber und Männer in Frankreich bemerkt, daß ſie„gros ventres postiches“ und„gros culs postiches“ trugen(ſ. Essais historiques sur Paris par Saintfoix, IV. p. 22.) Darunter ſind offenbar ähnliche Vergrößerungen des natürlichen Umfanges zu denken, wie die durch Reife unter den Röcken erzielten.
Die Frage nach dem eigentlichen Endzweck der Crinolinen hat nicht blos die philoſophiſchen Köpfe der Söhne und Ehe⸗ männer des neunzehnten Jahrhunderts beſchäftigt, ſondern wurde ebenfalls ſchon früher ventilirt. Es würde uns an dieſer Stelle zu weit vom Thema abführen, ließe ſich aber haarſcharf nachweiſen, daß manche weiblichen Kleidungsſtücke nur erfunden ſind, um körperliche Mängel zu ergänzen(wir erinnern en passant an die Corſets). Darin liegt nichts Tadelnswerthes, zumal nicht in unſern Tagen; denn da die neueſten Statiſtiker eruirt haben, daß das Verhältniß heiraths⸗ fähiger junger Damen zu Männern dieſes Schlages dasjenige von 7 zu 1 iſt, ſo kann man es vernünftiger Weiſe keinem Individuum des Geſchlechts,„das man mit Unrecht nicht das ſchöne nennt“, verargen, wenn es bemüht iſt, durch Verdeckung etwaiger Mängel dahin zu wirken, daß es die dritte Zahl der obigen Proportion nicht noch vermehre. Daß der Reifrock in kunſtſinniger Hand ein Mittel der Verſchönerung werden kann, werden uns auch die ärgſten Gegner deſſelben einräumen müſſen; ebenſo leicht kann er aber auch in ungeſchickter Hand ein Mittel der Verunſtaltung werden. Verſchönerung iſt alſo unſtreitig ein Hauptleitpunkt bei der Anlage der Crinoline. Der Württemberg'ſche Hofprediger Lukas Oſiander bemerkt in ſeiner Predigt im Jahre 1594:„Von hoffärtiger Kleidung der Weibs⸗Perſonen“— Folgendes:„Ferner haben wir noch eine Hoffart aus fremden Landen gebracht, nämlich die Reife unter den Weibskleidern. Die haben dieſen Nutz und Zier⸗ lichkeit. Wenn ein Weibsbild nahe zu einem Tiſch ſtehet, oder aber niederſitzen will, ſo ſtehen die oberſten Kleider von wegen des Reifs über ſich eines Schuhes hoch, alſo, daß man daranter die andern geringen und nachgiltigen Kleider ſehen kan. Wann ſonſt ein Schalks⸗Narr zu einer ehrlichen Frauen oder Jungfrauen hinzu ging und hiebe ihr forne die Kleider ſo hoch auf, ſo gäbe man ihm eine Maulſchellen, daß ihm Mund und Naſe blutet, und man thut ihm Recht. Nun aber wir die Kleider alſo machen, daß ſie ſich daforne auf⸗ thun, ſoll es eine hübſche herliche Zierde ſein, das doch eine unflätige heßliche Hoffarth iſt.“ Oſiander ſcheint andeuten zu wollen, daß nach ſeiner Anſicht die Reifröcke blos zu dem Ende erfunden ſind, um die koſtbaren und ſchönen Unter⸗ kleider ſehen zu laſſen. Und in der That hat es auch jetzt noch oft dieſen Anſchein.
Uebrigens erhellt aus den letzten Daten, daß ſchon im ſechzehnten Jahrhundert die närriſchen Deutſchen von ihrem geſchichtlich als ſolchen nachgewieſenen Erbfeind Frankreich ſich Modegeſetze dictiren ließen, in deren gewiſſenhafteſter Beob⸗ achtung ſie den Maßſtab der Bildung und Cultur fanden— nichts Neues unter der Sonne!
Deſto genugthuender iſt aber auch die Wahrnehmung, daß einige hundert Jahre ſpäter gerade eine deutſche Prin⸗ zeſſin es war, welche in Paris ſelbſt es wagte, der wälſchen Modetyrannin frei und frank den Fehdehandſchuh hinzuwerfen. Maria Antvinette, die Gemahlin Ludwig's XVI., die öſter⸗ reichiſche Prinzeſſin wagte es, die lächerliche Mode der Reif⸗ röcke abzuſchaffen; denn gerade dieſe Geringſchätzung diente den erſten Vorwürfen zum Anlaß, welche die ihr feindliche
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Hofpartei ihr aufbürdete. Weſſen war auch wohl eine Prin⸗ zeſſin fähig, ruft ein Zeitgenoſſe aus, die ſich entſchließen konnte, ohne Reifrock auszugehen! Die ehrwürdigen Witwen von Stande, welche ihre unſchuldige Jugend am Hofe und ſelbſt unter der Regierung Ludwig's XV. verlebt hatten, ſahen in der Abſchaffung der Reifröcke eine Verletzung der guten Sitten. Eine Memoirenſchriftſtellerin jener Zeit bemerkt, daß die großen Halskrauſen in Wulſte, die am Hofe der letzten Valois Mode waren, nicht ohne guten Grund aufgekommen ſeien, daß dieſe dem Anſcheine nach gleichgültige Tracht in der That jeden Verſuch von Galanterie entfernt habe. La Place hat uns über dieſe Wirkung der Rockwulſte eine inter⸗ eſſante Anekdote aufbewahrt, welche wir hier aus dem Grunde mittheilen wollen, weil ſie vielleicht auch auf den urſprüng⸗ lichen Endzweck der Reifröcke ein amuſantes Streiflicht werfen könnte.
Herr von Fresne Forget ſagte einſt, als er bei der Königin Margarethe war, zu ihr: er wundere ſich, wie die Männer und Frauen mit ſo großen Halskrauſen Suppe eſſen könnten, ohne ſich dieſelben zu verderben und überhaupt, wie die Damen mit ihren großen Leibwulſten ſich ſchön finden könnten. Die Königin antwortete nichts auf dieſe Bemerkung; aber einige Tage darauf erſchien ſie in einer ſehr großen Halskrauſe bei Tiſche; es wurde Suppe gegeſſen; die Königin ließ ſich einen ſehr langen Löffel bringen und verſpeiſte mittels deſſelben ihre Suppe, ohne die Krauſe nur im mindeſten zu beſpritzen. Dann wandte ſie ſich an Herrn von Fresne:„Sehen Sie jetzt, wie man mit etwas Umſicht allen Uebelſtänden abhel⸗ fen kann?“
„Ei nun ja, Ew. Majeſtät!“ erwiderte der treuherzige Mann,„was gerade die Suppe betrifft, darin bin ich voll⸗ kommen einverſtanden!“
Um den Faden wieder aufzunehmen, ſo haben wir jetzt zunächſt der Prachtröcke aus der Zeit Ludwig's XIV. zu ge⸗ denken. Man nannte ſie damals in Deutſchland auch Cirkel⸗ röcke, Fiſchbeinröcke, ſteife Röcke; ſie beſtanden gewöhnlich aus Seide mit Blumenwerk durchwirkt. Wenn die Chroniſten rich⸗ tig abtaxirt haben, ſo maß der Fiſchbeinrock— ſo genannt von den Reifen aus Fiſchbein— einer ſehr vornehmen Dame an ſeinem untern Ende damals 12— 14 Fuß im Umfange. Mit Hülfe einer geometriſchen Formel aus der Kreislehre (wir haben gerade keine Planimetrie zur Hand) wird man hiernach leicht den Diameter berechnen können. Auch in dieſer Zeit wird die Kleidung als„unzüchtig“ und wälſch verfolgt. Aus Trier wird uns z. B. folgendes anſchauliche Bild in einem alten Actenſtück aus der Zeit Ludwig's XV. gezeichnet. Während der Abendandacht in der Jeſuitenkirche drängte ſich einſt eine Dame durch die Studenten hindurch und ſtieß da⸗ bei rechts und links und überall mit ihren Reifen an. Einer von den loſen Burſchen konnte ſich den Spaß nicht verſagen, die Dame hinterrücks feſtzuhalten. Sie aber verſtand keinen Spaß, ſondern applicirte dem übermüthigen Muſenſohn mit ihrem, reich mit Silber beſchlagenen Gebetbuche eine heftige Ohrfeige. Ein Racheſchrei lief durch die Reihen der Commilitonen des Beleidigten, und als die Andacht zu Ende war, begann die Fehde auf offener Straße gegen alle Reifröcke in genere. Und das nicht blos an dieſem Abend und an den nächſt⸗ folgenden Tagen, ſondern der Kampf wurde mit Beharrlich⸗ keit fortgeſetzt und nahm endlich ſo bedrohliche Dimenſionen an, daß der Stadtmagiſtrat unterm 4. September 1733 eine Beſchwerde beim Kurfürſten einreichte. Wir erſehen aus der⸗ ſelben, daß man namentlich auch von der Kanzel herab à la Oſiander gegen die Unſitte polemiſirte. Die Sonntags⸗ und Feiertags⸗Prediger in der Domkirche, heißt es in dem Document, hätten in ungeziemender Weiſe alle Weibsperſonen beſchimpft, die Reifröcke trügen. Neuerdings ſei dies auch in der Kapuziner⸗ kirche geſchehen.„Studenten und Handwerksburſchen“ hätten infolge deſſen die Frauenzimmer, welche„mit dieſer nicht allein in Trier, ſondern in faſt ganz Europa hergebrachten Tracht“ angethan geweſen ſeien, auf öffentlicher Straße in⸗ ſultirt, ſie„tumultuös angeſtrengt“, die Reifen abzulegen. Die Damen, welche aus der Feſtung Luxemburg, die mit
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