Jahrgang 
1867
Seite
675
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Theil des Schloſſes angehörte. Eine Reihe Schränke ſtan⸗ den an den Wänden; darüber und dazwiſchen hingen Porträts, die wie das Schloß die Stilarten, ſo die Moden der letzten Jahrhunderte repräſentirten. Auch alte Waffen ſtanden um⸗ her, ebenſo auf den Geſimſen Gläſer und Pokale früherer Zeiten mit ſonderbaren Bildern und Inſchriften und ſonſt noch allerlei Geräth. Weil alle dieſe Gegenſtände meiſt einem ſehr frühen Zeitraum angehörten, nannte man dieſen Raum im Schloß den Antiquitätenſaal; ſonſt würde der NameRumpel⸗ kammer paſſender geweſen ſein. An Spinnen und anderm Gewürm als Bewohner und deren Gewebe als Verzierungen fehlte es natürlich auch nicht.

Theobald ging ſehr vorſichtig mit den Sachen um, die er beiſeite ſetzte, um zu dem erſten Schranke zu gelangen. Eine Maſſe Bücher jeden Formates und jeder Art Einband lag darin aufgeſchichtet und aufgeſtellt in einer Unordnung, die ſeinem philologiſchen Herzen wehe that.

Hätte ich Zeit, ſeufzte er,ſo würde es mir ein Ver⸗ gnügen gewähren, die Bibliothek zu ordnen. Doch das iſt nicht meine Aufgabe. Wer weiß auch, ob das Vorhandene einer ſolchen Mühe werth iſt?

Er baute ſich ein Gerüſt und kletterte auf daſſelbe, um die oberſten Fächer des Schrankes ihres Inhalts zu entleeren und thürmte die Bücher auf dem Boden neben dem Schranke auf. Er mußte jeden genau durchſuchen, um ja kein Buch, kein Blatt zu überſehen. Der Aufenthalt in dem Zimmer war durch dieſen kecken Einbruch in deſſen geweihte Stille nicht angenehmer geworden. Modergeruch und Staubwolken füllten den Raum; doch achtete Theobald deſſen nicht, merkte es auch wol kaum. Er ſchob ſich einen Stuhl an den Bücher⸗

haufen und begann die einzelnen Bücher aufzuſchlagen und

die Titel zu muſtern. Ein Band nach dem andern wanderte durch ſeine Hände auf die andere Seite des Stuhls, um ſich da wieder aufzuthürmen. Es war meiſt werthloſes Zeug oder doch Sachen, die in zahlreichen Exemplaren exiſtirten. Nur hier und da fand er eine ſeltenere Ausgabe eines Buches, und er notirte ſich das jedesmal ſorgfältig. Doch intereſſirte ihn dieſe Arbeit in ſo weit, daß er darüber vergaß, die Pfeife in Brand zu halten.

Nach einer Stunde etwa klopfte es, und ein Diener er⸗ ſchien, um ihm zu melden, daß man die Suppe aufgetragen habe.

Gleich! erwiderte Theobald.Ich folge Ihnen augen⸗ blicklich, gehen Sie nur voran.

Der Diener entfernte ſich.

Theobald erhob ſich und warf noch einen Blick auf den Bücherhaufen, der der Durchſicht noch harrte. Da fiel ſein Blick auf einen dicken Schweinslederfolianten, den einzigen der Art, der ſich im Schranke befunden hatte. Neugierig griff er danach und ſchlug das Buch auf. Freudig zuckte er zu⸗ ſammen: es war eine Handſchrift. Ein zweiter Blick ſchon nannte ihm das Jahrhundert, dem dieſelbe angehörte; es war ein ſehr frühes. Er las einige der ſehr ſauber geſchriebenen Zeilen, und ein Lächeln des wonnevollſten Erſtaunens ver⸗ klärte ſeine Züge. Dann ſchlug er mit ängſtlicher Haſt das

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Titelblatt auf, prüfte es, las hier und da wieder einige Zeilen, und ſeine Vermuthung emfing die gewiſſeſte Beſtätigung.

Vor einiger Zeit hatte er nach einer ſehr ſchlechten, lückenhaften Handſchrift die Herausgabe eines mittelalterlichen Hiſtorikers beſorgt und darin, ſo viel es ging, durch Conjec⸗ turen die richtigen Lesarten herzuſtellen verſucht. Jetzt hatte er eine zweite Handſchrift dieſes Hiſtorikers in Händen und zwar eine ſehr deutlich geſchriebene und vollſtändig erhaltene. Eine Vergleichung mit ſeiner Ausgabe mußte nun zeigen, in wie weit ſein Scharfſinn ſtets das richtige getroffen, und in welchem Grade er das reichlich geſpendete Lob wegen jener Arbeit verdiente, abgeſehen davon, daß die Auffindung eines richtigen Tertes für die Wiſſenſchaft von nicht unerheblicher Wichtigkeit war.

Ein neuer Gedanke durchzuckte ihn da; er warf den Folianten beiſeite und eilte in das Wohnzimmer. Haſtig riß er ſeinen Koffer auf, wühlte darin herum und warf Wäſche und Kleider in bunter Unordnung beiſeite. Trium⸗ phirend zog er aus dem Durcheinander ein Buch hervor. Er hatte, was er ſuchte, ein Exemplar ſeiner Ausgabe jenes Schriftſtellers. Sein guter Genius mußte es ihm eingegeben haben, daß er vor der Abreiſe wie aus Laune das Buch mit in den Koffer warf. Er eilte in das Bibliothekzimmer zurück und fing ſofort an zu vergleichen; erſt nur einige Stellen, die ihm beſondere Schwierigkeit verurſacht hatten, aber dann Wort für Wort und Zeile für Zeile. Zum zweiten male, nach einer halben Stunde wol, erſchien der Diener und meldete, daß die Suppe kalt würde.

Gleich, gleich! rief Theobald, aber halb unbewußt, denn er ſchaute nicht einmal auf und arbeitete weiter. Zeit und Raum ſchwanden ihm bei der ihn aufs höchſte intereſſi⸗ renden Arbeit. Alle ſeine Sinne wurden von der Thätigkeit, die ſeinen Geiſt eben beſchäftigte, außer Function geſetzt für alles, was ſich nicht auf ſie bezog. Bald lächelte er ſieges⸗ bewußt, wie ein Held nach einer gewonnenen Schlacht, wenn er das Richtige getroffen hatte, bald zog ſich ſein Geſicht in die Länge und Ausrufe wie:Darauf nicht gekommen zu ſein! oder:Wie dumm! oder:Gott, wie einfach! und ähnliche entſchlüpften ſeinen Lippen. Zum dritten male erſchien der Diener und meldete, man habe die Suppe einſtweilen warm geſetzt. Aber diesmal hörte Theobald gar nicht, und der Diener zog ſich, verwundert den Kopf ſchüttelnd, zurück.

Theobald arbeitete weiter und zwar buchſtäblich im Schweiße ſeines Angeſichts. Er fühlte nicht, wie ihm die Glieder bei der Unbeweglichkeit ſeiner Stellung faſt gelähmt wurden, wie ſein Magen gar bedenklich knurrte und wie die Augen vor Schmerz thränten. Nur die Züge des Geſichts waren in beſtändigem Wechſel begriffen je nach dem Reſultat, das ſeine Vergleichung ergab. Stunde auf Stunde verrann ihm bei ſeiner Arbeit, die kein Geräuſch von außen ſtörte, die nichts unterbrach. Die Strahlen der Sonne, die das regne⸗ riſche Gewölk durchbrochen und verſcheucht hatten, machten die Runde durch das Zimmer, entſchwanden dann wieder und wichen den Schatten des allmählich aufdämmernden Abends.(Fortſetung folgt.)

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Zur Geſchichte der Crinolinen.

Vor hundert Jahren ſtellte der däniſche Conſul in Marokko ſeine Frau in europäiſcher Galakleidung, wozu auch damals der Reifrock gehörte, bei Hofe vor. Da die Gemahlin des marokkaniſchen Regenten den Erbfehler ihres Geſchlechts, die Neugierde, nicht bemeiſtern konnte, betaſtete ſie ungenirt die Crinoline der Vorgeſtellten und fragte voll Verwunderung: Biſt du denn das alles ſelbſt?

Hofrath Beckmann, weiland Profeſſor der ökonomiſchen Wiſſenſchaften in Göttingen, erzählt dieſe Aneldote in ſeinem

Vorrath kleiner Anmerkungen(1797):Si non e vero, e ben trovat, ſagen die Italiener zu derartigen Sachen.

Es klingt paradox, iſt aber gleichwohl vollkommen wahr, daß das Sprichwort:Nichts Neues unter der Sonne ſeine volle Berechtigung hat neben dem nicht minder berechtigten Verſe des alten römiſchen Poeten Publius Ovidius Naſo:

Ewig verändert die Zeit ſich und wir verändern uns mit ihr;

es kommt blos auf den Geſichtspunkt an, von welchem aus 85*