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ſtiefeln, mit einem friſchen, kräftigen, ſonnverbrannten Ge⸗ ſicht ſtand da und ſchaute ihn mit den klaren, grauen Augen prüfend an.
„Sie wünſchen mich zu ſprechen, mein Herr?“ nahm er das Wort, noch ehe Theobald ſeine Verbeugung beendigt hatte.„Und was führt Sie zu mir, wenn ich fragen darf?“
Theobald warf einen Blick um ſich, als wolle er ſagen, daß dies doch nicht der Ort ſei zu einer Beſprechung, wie er ſie beabſichtigte.
„Verſtehe!“ beantwortete der Pächter dieſe Pantomine. „Aber Sie müſſen entſchuldigen; in dieſer Jahreszeit iſt jede Stunde koſtbar: Was geht, wird ſo en passant ab⸗ gemacht.“
„Ich bin der Privatdocent Dr. Theobald Berner aus H.“, entgegnete Theobald mit Würde.„Mein Anliegen iſt kurz. Doch werde ich, da ich zu ſtören ſcheine, zu gelegenerer Zeit wiederkommen.“
Dieſes Auftreten, der Privatdocent und vielleicht auch der Name wirkten.
„O bitte! Ein halb Stündchen läßt ſich wohl noch erübrigen. Haben Sie die Güte, mir auf mein Zimmer zu folgen.— Wenn's gefällig iſt— hier!“
Er deutete auf eine zweite Thür in der Halle. Theobald grüßte die Leute flüchtig, wobei er noch einen Blick auf den Lockenkopf warf, der ihn jetzt mit faſt ehrerbietiger Scher anſah und ſchritt voran. Der Pächter folgte. Er ging durch ein paar Gänge, eine Treppe hinan, dann wieder durch Gänge, bis ſie in ein Zimmer traten, von dem ſich rechts und links Blicke in ähnliche Räume öffneten, die alle dem neueren Theile des Schloſſes angehörten.
Die beiden Herren nahmen Platz. der Taſche ſeine Vollmacht.
„Dieſer Brief“, ſagte er,„wird Ihnen die Richtigkeit meiner Angaben bezeugen und auch kurz den Zweck meines Kommens enthalten.— Ich bitte.“
Der Pächter nahm den Brief, und während er ihn öffnete und las, begann Theobald in einer ſehr gelehrten Rede auseinanderzuſetzen, durch was für Combinationen und Andeutungen er dazu gekommen ſei, hier im Schloſſe gewiſſe Handſchriften vermuthen zu dürfen, und wie es ſeine Abſicht ſei, danach zu ſuchen, zu welchem Zwecke er den Pächter im Namen der Wiſſenſchaft bitte, ihm durch freundliches Ent— gegenkommen ſeine Mühe zu erleichtern.
Der Pächter hatte aufmerkſam zugehört.
„Alſo auf die Bibliothek haben Sie es abgeſehen. Nun, das iſt ſchön. Ich bin kein Gelehrter, nichts weniger als das, aber des Werthes ſolcher alter Bibliotheken bin ich mir voll— kommen bewußt. Ich habe ſelbſt manchmal in den Schränken drüben gekramt, verſtehe jedoch zu wenig davon, um das Werthvolle von dem Plunder unterſcheiden zu können. Doch daß nichts verloren ging, dafür habe ich geſorgt und, was ſo herumlag, ſorgfältig geſammelt und mit eingeſchloſſen. Es wunderte mich oft, daß nicht ſchon längſt einer Ihrer Herren Collegen ſich einmal hierher in dieſe Einöde wagte, um die alten Geſellen aus ihrem hundertjährigen Schlafe aufzuſtören. Arbeit werden Sie jedoch genug finden, denn die Bibliothek iſt nicht klein, vielleicht größer als ſie vermuthen, und als es Ihnen Ihrer Zeit wegen lieb ſein wird.“
Theobald's Züge hatten ſich bei dieſer freundlichen Rede des Pächters ſichtbar verklärt.
„O, ich habe Muße“, entgegnete er raſch,„ſehr viel. Aber Sie haben ſchon Nachforſchungen in der Bibliothek an⸗ geſtellt, ſagen Sie. Es ſind Ihnen da vielleicht die bewußten Handſchriften mit unter die Hände gekommen, nur daß Sie
Theobald holte aus
über ihre Bedeutung in Unkenntniß, ſie nicht beachteten, wie
ſie es verdienten, und—“
„Da muß ich Sie auf das verweiſen, was Sie ſelber finden werden“, unterbrach ihn Holbein lachend.„Ich ver⸗ ſtehe, wie geſagt, nichts davon.— Doch nun laſſen Sie mich Sie willkommen heißen. Seien Sie mein Gaſt, ſo lange es Ihnen gefällt. Freuen ſoll es mich, wenn Ihre Arbeit von Erfolg gekrönt wird; und ich werde es mir zu nicht geringer
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ſetzte ſie in Brand.
Ehre anrechnen, während Sie nach geiſtigen Schätzen ſuchten, für das Wohlbefinden Ihres Körpers Sorge getragen zu haben.— Wenn Sie es wünſchen, können Sie ein Zimmer gleich neben der Bibliothek beziehen. Ungeſtört ſind Sie überall.“
Theobald' war entzückt von dieſer Gaſtfreundlichkeit des Pächters. Er dankte ihm in beredten Worten.
„Doch nun müſſen Sie mich entſchuldigen. Meine Ge⸗ ſchäfte rufen mich ab. Ich will einen Burſchen in die Stadt ſchicken, der Ihre Sachen herauf holen kann. Sie brauchen dann nicht ſelbſt noch einmal hinab zu gehen.“
Das ging jedoch nicht an. Theobald hatte noch einiges unten zu beſorgen. Er verabſchiedete ſich daher von dam Pächter, der wieder ſeiner Scheuer zuſchritt, und trat, von dem Burſchen begleitet, den Rückweg an.
Nach ein paar Stunden war Theobald oben einquartirt. Man hatte ihm ein großes, alterthümliches Eckzimmer mit hohen Fenſtern, dicken ſteinernen Wänden, einem koloſſalen Ofen, der einen Kamin verdeckte, hergerichtet. Die Ausſicht war doppelt; die eine ging auf den Hof, den er bei ſeinem erſten Betreten des Schloſſes überſchritten hatte, die andere nach der Richtung der Stadt zu ins Freie und war, wenn auch nicht ſehr mannichfach, doch ſehr lieblich. Der Bibliothek⸗ ſaal ſchloß ſich in rechtem Winkel an das Zimmer an. Der Pächter hatte ihn in ſeine Wohnung eingeführt, ihm die nöthigen Schlüſſel übergeben und ihn dann verlaſſen mit dem Bemerken, daß er ihn zum Mittageſſen rufen laſſen würde.
Theobald machte ſich's bequem und ſuchte ſich einzurichten. Er öffnete ſeine Reiſeeffecten und holte vor allem trockene Kleider daraus hervor. Dann ordnete er auf einem Tiſch ſeine Bücher und Schriften und ſah ſich nach einem Platz im Zimmer um, wo dieſer Tiſch, an dem er arbeiten würde, am behaglichſten für ihn ſtehen könnte. Er entſchloß ſich für eins der Fenſter, welche die Ausſicht ins Freie hatten, da er hier jedenfalls ungeſtörter ſein würde, und ſchob mit großer An⸗ ſtrengung den ſchweren Eichentiſch an den ihm beſtimmten Platz. Seine ſonſtigen Einrichtungen waren bald getroffen.
Mit Behagen ſchaute er ſich ſodann in ſeiner Klauſe um. Es
gefiel ihm hier.
„Es iſt ganz hübſch“, monologiſirte er, im Zimmer auf⸗ und abgehend.„Der Aufenthalt wird ein ruhiger und un⸗ geſtörter ſein, und ich werde mich mit völliger Muße meinen Nachſuchungen und Arbeiten hingeben können. Mein Hospes ſcheint, wenn auch kein hochgebildeter, ſo doch ein ſehr verſtän⸗ diger und humaner Mann zu ſein. Seine Sorgfalt für die Bibliothek, ſeine ausgeſprochene Achtung für die Wiſſenſchaft, ſowie die Zuvorkommenheit, mit der er mir ſeine Gaſtfreund⸗ ſchaft anbot, haben mich ſehr angenehm berührt. Doch ich werde mich erkenntlich zeigen, ja, das will ich: in der Vorrede werde ich ſeiner rühmend gedenken und ihm öffentlich meinen Dank ausſprechen.— Ich bin froh, daß ich von dem Getöſe der Eiſenbahn und der Unruhe der Reiſe vorder⸗ hand befreit bin. Es war unausſtehlich. Und das nennt Brandt ein Vergnügen!— Es iſt zu widerſinnig.— Hm, wie würde er wettern, wenn er von meiner Anweſenheit hier und dem Zwecke meines Aufenthaltes wüßte!“ Er lächelte vergnügt über das Schnippchen, das er dem Freunde ge⸗ ſchlagen.„Es wird wol noch einige Zeit vergehen, ehe man mich zu Tiſche ruft, und ich werde mich daher noch an einigen Zügen meiner Pfeife, die ich vorſorglich mitgenommen, erquicken können.“
Er holte die ſtille Arbeitsgenoſſin hervor, ſtopfte ſie und Gewaltige Wolken vor ſich hinpaffend ging er wieder auf und ab. Sein Wohlbehagen war ein vollſtändiges. Da blieb er wieder ſtehen.
„Eigentlich könnte ich auch noch vor Tiſche einen Blick in die Bibliothek werfen, denn wer weiß, ob die Arbeit nicht eine ſehr große ſein wird, und mehr Zeit, wie unumgänglich nöthig, will ich der Reiſefriſt denn doch nicht entziehen.“
Er ergriff die Schlüſſel und trat mit einer gewiſſen Feierlichkeit in das Nebengemach, das ebenfalls dem älteren
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fril 69) kam Ge ſehl
kin lag die
gnü nich ein


