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Zlluſtrirtes Volksblatt.— Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
X. Jahrgang. 1867. ℳ 43.
Der privatdorent. Erzählung von Ad. Lichtenfeld. (Fortſetung.)
or ſich hatte er einen weiten Raum, eine Art Halle, mit
weiß getünchten Wänden, die mannichfach mit land⸗
wirthſchaftlichen Geräthen behangen waren. In der Mitte dieſer Halle ſaßen in weitem Kreiſe an zwanzig Perſonen, Frauen, Mädchen und Kinder, halb verdeckt unter ungeheuern Bündeln Hopfenlaubes, das ſie emſig und unter munterem Geplauder und Gelächter blatteten, und deſſen angenehm ſcharfer Geruch die Halle erfüllte. In der Mitte dieſes Kreiſes auf einem erhöhten Sitze und Theobald gerade gegenüber ſaß ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren, deſſen liebliche Formen ſich ſcharf gegen ein in der entgegengeſetzten Wand befindliches Fenſter abgrenzten. Das jugendlich reizende Ge⸗ ſichtchen umgab eine Fülle brauner Locken, durch welche ſich ein Kranz von Hopfenlaub wand, das die Stirne halb ver⸗ deckte. Auch ſie nahm wie die andern an dem Blatten theil; doch zeigte ihr Anzug, ſowie ihr Sitz, daß ſie mehr eine beaufſichtigende Rolle ſpielte.
Theobald war, wie geſagt, verwundert ſtehen geblieben, und auch das Gelärm der Blattenden verſtummte bei ſeinem Anblick plötzlich, doch ſchauten ſie ihn an von oben bis unten; dann fingen ſie, die Mädchen beſonders, an zu kichern, aber ein Wink der Herrin ſtellte die Ruhe wieder her.
Doch ſolche ſchwatzhafte Weibergeſellſchaft konnte den Gelehrten nicht außer Faſſung bringen. Steif und förm⸗ lich, wenn auch linkiſch genug, verbeugte er ſich wie vor einer Geſellſchaft der feinſten Damen und ſagte:
„Sie werden entſchuldigen, daß ich es wage, Sie zu ſtören. Ich ſuche den Herrn Pächter Holbein; und da ſich Niemand im Hofe ſehen ließ, ſo wandte ich mich hierher, wo Stimmen von Menſchen mir verkündeten, daß ich ſolche finden würde.“
Das Mädchen mit dem Hopfenkranze hatte ihm ſchweigend zugehört und ihn unterdeſſen neugierig betrachtet, wobei es auch ihr wie ein unterdrücktes Lächeln um die Mundwinkel zuckte. Theobald ſah das und fühlte ſich über und über erröthen. Er wußte nicht, was dieſes Lächeln hervorgerufen hatte, doch daß es ihm galt, mußte er wohl annehmen, und das war leider nur zu wahr.
Von Natur ſchlank und hübſch gebaut, trug Theobald über dem Rock einen mächtigen grauen Ueberzieher, an welchen ſich unten ein Paar gleichfarbige, ſchlotterige Beinkleider an⸗
Wachenhuſen's Hausfreund. X. 15.
ſchloſſen, die er des Regens wegen aufgekrämpt hatte, ſodaß die unſchönen, doppelſohligen Reiſeſtiefeln bedeutend ſichtbar wurden. Das Haar ließ er gewöhnlich lang wachſen, doch es bildete, weil es lockig war, keinen unſchönen Schmuck des Kopfes trotz der Vernachläſſigung; jetzt eben hing es infolge der Näſſe in geraden Streifen über den Rücken herab, bedeckt von dem weit im Nacken ſitzenden Hute, den er beim Gehen, um die Stirne frei zu haben, gewöhnlich zurückſchob. Auf dem Naſenbein, etwas nach vorn, ruhte eine gewaltige goldene Brille, die zu dem feinen Geſicht nichts weniger als paßte. Nur die ihn kannten oder wußten, was dieſer Kopf ſchon producirt, konnten bei ſeinem Anblick ernſt bleiben. Kein Wunder alſo, daß ein luſtiges junges Landmädchen das nicht vermochte! Doch beſaß ſie Tact genug, um der Laune des Uebermuthes nicht die Zügel ſchießen zu laſſen.
„Der Vater iſt drüben in der Scheune“, entgegnete ſie mit heller, ungemein wohllautender Stimme.„Wenn Sie hier einen Augenblick warten wollen— ich will ihn rufen laſſen. Lenchen, geh doch und hole den Herrn!“
Eins der Mädchen erhob ſich und verſchwand.
Es trat eine Pauſe ein und, ſonderbarer Weiſe, während derſelben eine Vertauſchung der Rollen. Theobald hatte ſich raſch wieder gefaßt. Er nahm den Hut ab, wodurch das Anſehen des Kopfes bedeutend gewann, und ließ prüfend die ſchönen, ruhigen Augen über den maleriſchen Kranz vor ihnen gleiten, bis ſie an dem Mädchen mit dem Kranze haften blieben. Und dieſer Blick wirkte merkwürdig. Er war ſo ernſt und ſinnig, daß alle fühlten, über einen Menſchen mit einer ſolchen Art von Blick und Geſicht dürfte man nicht lachen. Das Komiſche des Aeußern entſchwand ihnen über der gleich⸗ gültigen, erhabenen Ruhe, mit der der Fremde auf ſie herab⸗ ſchaute. Der Lockenkopf empfand zuerſt das Ueberlegene, das durch irgend etwas, wol den Geiſt, ihm über ſie gegeben war. Jetzt erröthete ſie und ſenkte die Augen. Die andern, die ihrer Herrin Muthwillen plötzlich geſchlagen ſahen, wurden verdutzt und ſchwiegen wie halb aus Verwunderung.
Theobald merkte nichts von dieſem ſeinem Siege; er labte ſein Auge an dem Reizvollen, das in der Gruppe vor ihm lag.
Da wurden draußen Schritte hörbar, und gleich darauf verdunkelte ein Schatten die Thür, von welcher Theobald etwas weggetreten war, und er ſchaute ſich um. Ein hoher, kräftiger Mann in knapper Kleidung und langen Stulpen⸗
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