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geordnete Heffentlichkeit der Entwürdigung ſeines geiſtlichen Standes, dennoch aß er mit dem ſpaniſchen General zu Mittag, dankte ihm für ſeine gehabten Rückſichten, umarmte ihn, beichtete hierauf und ging gefaßt dem Platze entgegen, wo die Executionsmannſchaften aufgeſtellt waren.
Hier angekommen, kniete Mordos nieder und betete:„Herr! ich wollte das Gute, du weißt es, und wenn ich mich geirrt, ſo em⸗ pfehle ich meine Seele deiner Barmherzigkeit“, alsdann verband er ſich mit einem Tuche die Augen, gab ſelbſt das Zeichen zum Feuern und fiel todt nieder, mit dem Gebete für ſein Vaterland auf den ſterbenden Lippen.
So berichtet Domenech in ſeinem Werke über das Kaiſerreich in Mexico, welches erſtere, wenn ich nicht irre, 1862 nach Beginn der Mexicaniſchen Erpedition mit Beſchlag belegt wurde.
Ein gleiches Schickſal, wie Maximilian, erlitt Kaiſer Iturbide, deſſen Enkel von erſterem adoptirt worden— welch ein eigenthüm⸗ liches Verhängniß!
Iturbide glaubte aus ſeiner Verbannung in Europa nach Mexi⸗ co zurückkehren zu dürfen; er wurde feſtgenommen und zum Tode verurtheilt.
Um ſechs Uhr des Morgens gab der unglückliche Kaiſer ſelbſt den Soldaten Befehl, ihn zur Richtſtätte zu führen.—„Zum Wieder⸗ ſehen, Kameraden“, ſprach er zu ſeiner Begleitung„ich gehe, einen letzten Blick auf die Welt zu werfen.“ Hierauf übergab er dem Beichtvater ſeinen Roſenkranz und ſeine Uhr, und ſprach mit er⸗ hobener Stimme folgende Worte, indem er ſich der verſammelteu Menge zuwandte:„Mexicaner!— im letzten Augenblicke meines Lebens, empfehle ich euch die Liebe zum Vaterlande— ich ſterbe, weil ich euch beiſtehen wollte.“
Alsdann gab er den Adjutanten Caſtillo das Zeichen zum Feuern und ſank von Kugeln durchbohrt, zur Erde.
Dreiundvierzig Jahre ſpäter ereilte ein gleiches Schickſal den zweiten Kaiſer von Mexico. D. G. d'»Auvergne.
Ein Sonntag⸗Nachmittag in der Haſenhaide bei Berlin.
Es iſt eine altbekannte hiſtoriſche Erfahrung, daß ein geheimniß⸗ voller, unzähmbarer Trieb die Nordlandsſöhne immer dem Süden entgegenführt. Dieſer namenloſen Sehnſucht folgten ſchon jene Noma⸗ den von den Hochebenen Aſiens und wurden zu Touriſten, die anfangs, gleich dem Amerika ſuchenden Columbus, den Marſch nach Weſten antraten und dann, als ſie den Ural überklettert hatten, als hiſtoriſch bekannte„Völkerwanderung“ ſich gen Süden ergoſſen.„Und wie die Alten ſungen, ſo zwitſchern die Jungen,“ eine freie Sprichworts⸗ anwendung auf unſere Berliner„Genſerich's, Alarich's, Theodorich's, Attila's,“ die gleich jenen aſiatiſchen Auswanderungs⸗Agnaten auch demſelben räthſelhaften Triebe folgen und, falls die abgeſchnittenen Coupon's der Pfandbriefe ausreichen, den„Drang nach Süden“ wenigſtens bis in die ſteherſchen Alpen, allenfalls aber auch bis in das„Land, wo die Eitronen blühn“, hinein zu befriedigen pflegen.
Aber auch der Berliner, deſſen Portemonnaie eben keinen koloſſal⸗ ladewigſchen Umfang und dem entſprechende Papier- und Silber— füllung hat, befriedigt dieſen Süd⸗Drang, wenn nicht in obiger Aus⸗ dehnung, ſo doch en miniature. Er nimmt mit dem Beginn der Südlandsfahrt vorlieb, tritt dieſe an ſchönen— ſelbſt in den un⸗ ſchönen Sommertagen gegenwärtigen 1867 ſten Jahres nach Chr. Geb., wenn nicht im Innern, ſo doch auf dem Verdeck eines Omnibus an, raſſelt die endloſe, in der Mittagsſonnenzeit gleich der Wüſte Sahara ſchattenloſe Friedrichſtraße hinab, läßt, indem er über die Brücke des zum„Kanal“ avancirten altgemüthlichen„Schaafgrabens“ rollt, rechts einen ſtolzen Blick nach dem heimatlichen Chimboraſſo⸗ Kreuzberg ſchweifen, links auf den einen triſten Anblick gewährenden, weil ungedeckten„Johannstiſch“, wirft hier die Erinnerung an die Leiden und Freuden der engern Berliner Heimat als überflüſſiges Reiſegepäck von ſich, und athmet nun Freiheit auf der erſten— für ihn ſpeciell auch die letzte— nach Süden führenden Reiſeſtation— in der„Haſenhaide.“
Was iſt's— ſo fragt der Nicht⸗Berliner— das ſich unter dieſem romantiſchen Namen birgt?— Antwort: Ein Stück Paradies des „richtigen“ Berlins.— Brauereien und Wirthshäuſer, aus knie tiefem Sand emporgeſchoſſenes Fichtengehölz,— alſo eine nach Berliner Begriffen„ſchöne Jejend“, was das Paradies, nach den Verſicherungen des alten Teſtaments, auch geweſen ſein ſoll. Im Ganzen eine Genuß- und Vergnügungsſtätte für genügſame Sybariten der untern, nur leiſe den wohlhabenden Bürgerſtand berührenden Volksſchicht, die hier, namentlich ſonntäglich, das Volks⸗ und Local— ſtück:„Es amuſirt ſich!“ aufzuführen pflegt.
Weil man eine ſolche Komödie aber lieber ſ erzählen läßt, ſo legen wir ſie„bildlich“ dem geneigten Leſer vor,
ieht, als ſie ſich
Weißbier und Schnaps.
und helfen nur mit einigen Wort⸗Skizzen aus, ſo flüchtig, wie etwa ein„Tertbuch“, das man im Theater bei Opernaufführungen zu ver⸗ kaufen pflegt.
Erſt dann iſt der Berliner der Sorte, die eben nicht Zutritt in den Bismarck'ſchen oder ähnlichen Salons hat, in ſeinem Element, wenn ihm ſeine vier Elemente nicht fehlen: Bratwurſt, ſauere Gurken, Es ſind dies die Lebensbedingungen für Alt und Jung. An dem Hundewagen der ambulanten Reſtauration, über welche eine Matrone, die ſchon„ſo manchen Sturm erlebt“, ihre hütende Hand ſtreckt, offenbart ſich dieſe Berliner Appetiteigenthüm⸗ lichkeit zum größeren Theil. Das forſchende Auge eines erfahrenen Gourmands durchbohrt, wie die Gabel in ſeiner Hand, das auf dem Laurentiusroſt ſchmorende Fleiſchopfer, während eine koloſſale Gurke im Begriff ſteht, in dem lüſternen Munde der Gattin eines kräftigen Fabrikarbeiters zu verſchwinden, ſich an dem Sprößling auf dem Arm der Mutter ſchon gleiche Gurkenſehnſucht regt, und der Vater, der aus der Hoſentaſche die baare Zahlung für dieſen ſauern Familien⸗ genuß hervorſucht, ſeinerſeits die Schnapsflaſche aufs Korn genommen zu haben ſcheint, deren Inhalt ihn freundlich⸗verführeriſch anlächelt. Er ſcheint übrigens kurz vorher die ihm wahrſcheinlich befreundete Gruppe rechts verlaſſen und dort mit der„kühlen Blonden“ Bekannt⸗ ſchaft gemacht zu haben, in deren durchſichtig⸗gläſerne Hülle ſich das Philiſterhaupt eines Klauſingianers— eines Weißbier⸗Amateurs— mit unverkennbar ſeliger Empfindung zu verſenken bemüht iſt— ein Genuß, der nach den phäakiſchen Regeln der Berliner ſtets mit einem Gilka⸗Kümmel beendigt werden muß. Die volksthümlichen Zimmt⸗ brezeln, die die vagirende Händlerin verlockend darbietet, könnten vielleicht das armverſchlungene Paar auf dem ſpärlichen Raſenteppich verführen, wenn dieſes überhaupt noch für etwas anderes Augen hätte als gegenſeitig für ſich.
Während ſo gruppenweiſe dem Magen gegeben wird, was des Magens iſt, und dieſe compacten Opfer ſelbſt nicht des weihenden Dampfes entbehren, den ein„forſcher Schwerenöther“ einem Glimm⸗ ſtengel aus dem verrufenen Geſchlecht der„Stinkadores“ entlockt, zaubert uns der Mittelgrund des Bildes jene, nach der bei allen Berliner Landpartien unentbehrlichen Zieh⸗Harmonika geregelten Schwingungen und Verſchlingungen beid⸗geſchlechtlicher Körper vor, die man„Tanz“ zu nennen pflegt, ein ſinnlicher Genuß, der mit weniger Grazie als von den Wienern, aber mit ausdrucksvollerer Vehemenz von den Berlinern geübt wird.
Wir können dem Zeichner unſers Bildes unſere Anerkennung nicht verſagen, wie er ſinnig die Abſtufungen des haſenhaidniſchen Amuſements dargeſtellt, die rohen Genüſſe aus der unterſten Schicht des Vordergrundes ſich allmählich zu den geiſtigeren des Hinter⸗ grundes amphitheatraliſch erheben läßt.
Unverkennbar gehören jene Sylphengeſtalten, die Hand in Hand mit den männlichen Civil- und Militär⸗Elfen auf dem bis zur ſchwindelnden Höhe von zehn bis zwölf Fuß emporſteigenden Wald⸗ plateau ſich im zierlichen Reigen eines Pfänderſpiels bewegen, nicht mehr jener achtbaren Klaſſe an, die am Heerd die Woche hindurch ſorglich waltet, ſondern wohl den zarten Weſen, die Scheere und Nadel mit ſchwungvoller Hand führen, oder hinter den Schaufenſtern irgend eines coulanten Geſchäfts die ſonſt unliebſame Benennung„Laden⸗ hüter“ zu Ehren bringen, und leichter Abnahme finden dürften als die lebloſen Gegenſtände mit gleichem Titel. Es gibt unter dieſen lebenden Blumen ſehr hübſche Exemplare, zu welchen wir unſtreitig die zählen, die der Bilderzeichner mit verbundenen Augen dahineilen läßt, um über kurz oder lang von dem ſie verfolgenden liebeglühen⸗ den Ladendiener doch gefangen zu werden. Der Endzweck des auf dem Bilde verſinnlichten„Geſellſchaftsſpiels“ ſcheint überhaupt der zu ſein:„ſich zu ſuchen und ſich zu finden“, ein ſehr achtungswerthes Unternehmen, da dies allein das Menſchengeſchlecht vor dem Aus⸗ ſterben bewahrt.
Wir ſind eben durch dieſe Wahrnehmung veranlaßt worden, die Berliner Haſenhaide ein Stück Paradies zu nennen, und geben Denen, die dieſe paradieſiſchen Zuſtände einer tiefern Prüfung unterwerfen wollen, den Rath, ſich als perſönlicher Adam dort nach einer Eva umzu⸗ ſchauen. Es iſt dies ganz ungefährlich, da in dieſer ſchönen Gegend weder Apfelbäume wachſen, noch verführeriſche Schlangen ihr Weſen treiben. Fr. T.
Kleine Poſt der Redaction.
Herrn Schauſpieler H. in Leipzig.— Der Name des Verfaſſers ſteht unter dem Artikel.
Frau Regierungsräthin Ph. in F.— Wir freuen uns herzlich, ihren Geſchmack getroffen zu haben..
Herrn Aſſeſſor H. in L.— Beſten Dank, aber Bildung macht frei, ſelbſt Briefe.
Der Hausfreund erſcheint in Bänden von je 16 Heften à 6 großen Bogen mit ſchönen Original-Illuſtrationen, mit einem
mit humoriſtiſchen Bildern illuſtrirten Umſchlag elegant geheftet.
Preis pro Heft 5 Sgr.
Verlag der Hausfreund⸗Expedition(Lemke und Comp.) in Berlin, Kronenſtraße Nr. 21. Verantwortlicher Herausgeber: Hans Wachenhuſen.
Haupt⸗Erpedition und Druck bei F. A. Brockhaus in Leipzig.
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